Tod einer Toten – Polizeiruf 110 Episode 387 #Crimetime 807 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Magdeburg #Brasch #MDR #Tod #Tote

Crimetime 807 - Titelfoto © MDR / Filmpool Fiction, Stefan Erhard

Man stirbt nur zweimal und trinkt nur einmal einen zu viel

Zum zweiten Mal ermittelt KHK Doreen Brasch nun alleine, nachdem die männlichen Ermittlungspartener weg sind. Aber es gibt ja noch einen Vorgesetzten, der bisher immer zu ihr gestanden hat und den man ins Visier nehmen und demontieren könnte. Ist es möglich? Und sind Menschen im Zeugenschutzprogramm wirklich so, wie sie hier gezeigt werden? Dies und mehr wird besprochen in der -> Rezension.

Handlung

Am Waldrand außerhalb von Magdeburg wird eine junge Frau, Jessica Mannfeld, tot aufgefunden. Der Schuss in den Hinterkopf deutet auf eine Hinrichtung. In einem Auto in der Nähe des Fundorts findet Hauptkommissarin Doreen Brasch ein kleines Mädchen. Es spricht kein Wort. Brasch vermutet, dass es die Tochter des Opfers ist.

Der Vater der Toten wird als Angehöriger ausfindig gemacht. Werner Mannfeld ist irritiert über die Nachricht. Seine Tochter wurde bereits vor Jahren nach einem Autounfall für tot erklärt, zusammen mit ihrem Freund Alex Zapf. Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter war zerrüttet, denn Jessica war drogenabhängig. Werner Mannfeld wusste nicht mal von seiner Enkeltochter. Brasch steht vor einem Rätsel: Warum hat Jessica damals ihren Tod vorgetäuscht? Musste sie untertauchen, weil sie schon damals in Gefahr war? Wo ist Alex Zapf, der Vater des Kindes?

Die Kollegen des Rauschgiftdezernats können bei der Suche weiterhelfen. Und Kriminalrat Lemp rückt mit einem entscheidenden Hinweis heraus, der ihn den Führerschein kostet: Er war in der Nacht in der Nähe des Tatorts. Auf seinem Heimweg von einer Feier hat er einen Mann angefahren. Als er Hilfe holen wollte, lief der Mann davon. Lemp ließ es auf sich beruhen: Er hatte getrunken. Der Mann war Alex Zapf. Hat Lemp den Mörder von Jessica angefahren oder war Alex Zapf selbst in Todesangst auf der Flucht?

Rezension

Wenn der MDR der NDR wäre und Claudia Michelsen Maria Furtwängler hieße, würde ich vermuten, dass die Ermittlerin-Darstellerin das alles selber macht. Drehbücher „vorschlägt“, in denen der eigene Exzeptionalismus so richtig zum Hype werden darf. Aber hat eine Schauspielerin beim MDR so viel Einfluss und kriegt außerdem für ihre Solonummern die doppelte Gage wie andere, teilweise hochrangige Schauspielerinnen, die sich am Tatort oder im Polizeiruf verdingen? Wäre gar nicht unlogisch, denn eine männliche Hauptrolle fällt ja nun in Magdeburg erst einmal weg. Vielleicht wurde Felix Vörtler höhergestuft, denn sein Kriminalrat Lemp ersetzt doch bis zu einem gewissen Grad die Co-Ermittler. Allerdings vor allem die Spielzeit für ihn betreffend, die nun deutlich ausgedehnt wurde.

Zuvor hatten Brasch und Lemp Deals miteinander: Sie hört auf, nach den Hintermännern von Verbrechen zu gruddeln und er behält für sich, dass die Mutter eines im rechtsextremen Milieu herumstolpernden Sohnes eine Bullin ist. Nun ja. Überzeugend muss das nicht sein, aber die Abhängigkeiten und Verstrickungen. Außerdem deckte er letztlich immer ihre vorschriftswidrigen Extratouren. Nun wird auch dieses Verhältnis im 387. Polizeiruf so gedreht, dass wieder ein Mann in eine defensive Position gerät: Der Herr Kriminalrat fährt mit 1,8 Promille auf einer einsamen Landstraße einen Mann um! Würde man den nicht erst einmal von der Straße ziehen, bevor man ihn sich näher anschaut, zumal, wenn man selbst nicht entdeckt werden möchte? Und kein Handyempfang, das führt erst zu dieser Situation. Der Kriminalrat kann sich wohl auch keinen besseren Mobilfunkanbieter leisten als ich.

Quatsch! Selbst, wenn er tatsächlich angetrunken ist und keinen Empfang hat, kein Taxi rufen kann, muss er in seiner Position, auch wenn’s doof ist, die Blonde mit einem anderen tanzen zu sehen, nochmal nach drinnen und sich dort ein Telefon borgen oder ein Taxi rufen lassen. Der Mann wirkte bisher besonnener als alle anderen bei der Magdeburger Mordkommission zusammen – und dann das. Offenbar ist das Programm in der sachsen-anhaltinischen Hauptstadt, alle alten weißen Männer so lange anzuschießen, bis sie aufgeben, weil sie gegenüber Brasch die Arschkarte haben. Ganz sicher wird auf diese Angelegenheit in einem der kommenden Polizeirufe noch Bezug genommen werden. So kann man eine horizontale Erzählweise natürlich auch aufbauen, aber wohin soll das führen? Das wissen sie beim MDR vermutlich ebensowenig, wie sich die meisten Zuschauer darauf einen Reim machen können, was sich im Osten  zuträgt, der dunkeldeutschlandmäßiger wirkt als irgendwo sonst.

Lemp stellt sich aber selbst, obwohl niemand mehr seinen Alkoholpegel der Nacht feststellen kann oder aufgrund des Restalkoholwerts zu bestimmen versucht, darf sich aussuchen, wann er für einen Monat den Führerschein abgeben muss und so können wir uns dem Fall widmen. Nebenbei: Damit hat Brasch ihm gegenüber nichts mehr in der Hand, es muss also doch im nächsten Polizeiruf wieder etwas Neues gefunden werden können, womit die Harte sich gegenüber Dienststellenkollegen profilieren kann.

Der Fall selbst ist gar nicht so schlecht und weil dieses Mal ein kleines Mädchen gefunden wird, das zwischenzeitlich nicht anderweitig unterzubringen ist, darf Brasch sogar in homöpatischer Dosis Empathie zeigen und ihr eine Schokocreme anbieten, die überhaupt nicht als Nutella zu erkennen ist, weil man des Etikett entfernt hat. Die Form des Glases gibt es jedoch bei sonst keinem Schoko-Nuss-Brotaufstrich und wohl bei überhaupt sonst nichts. In „Tod einer Toten“ kommt es aber zu einem weiteren Moment, in dem sie beinahe aufgetaut wäre: Die junge Kollegin! Damit klar ist, dass die auch keine Göttin neben Brasch werden kann, verliert sie allerdings bald darauf ihr kurzes Leben – aufgrund eines Fehlers, der Brasch nie passieren könnte. Zu viel Vertrauen einem Kollegen gegenüber. Die Naiven sterben jung, die Guten müssen einsam bleiben, sonst sind sie nicht mehr gut. Welch eine Welt.

Aber ist der Mann, der das Drogenmilieu im Alleingang bekämpfen möchte, weil sein Sohn dessen Opfer wurde, nun einer der Guten? Als er sich mit Brasch unterhält, denkt man: Ja, der Nachwuchs. Da finden selbst ganz und gar verschiedene Typen Gemeinsamkeiten, die beinahe die weibliche Intuition lahmlegen. Dabei hätte man nur auf die Helmut-Kohl-Brille schauen müssen, um zu wissen, was Sache ist: Der Mann ist in den 1980ern stehen geblieben, als Drogendealer in Berlin noch keine offiziellen Standplätze im Görlitzer Park mit rotem Kreis drumherum und Nummerierung hatten. Das sind vorbereietende Arbeiten, denn in Kürze sollen auch Konzessionen mit Standplatzmiete vergeben werden, munkelt es dunkel in Kreuzberg. So hat jeder was von der OK und einst als gefährlich eingestufte Tätigkeiten und Typen mutieren immer mehr zu Bestandteilen der Flohmarktfolklore.

Deswegen wirken solche Rächer wie der hier zu sehende Täter auch so archaisch. Welches Deutschland sehen wir also wieder? Genau. Es hellt sich einfach nicht auf, weil immer noch irgendwelche Menschen glauben, Gerechtigkeit wäre Privatsache oder Gerechtigkeit sei überhaupt wichtig und es gebe vielleicht sogar eine objektive Komponente oder doch eine überwiegend auf gesellschaftlichem Comment beruhende, die sich in strafrechtlichen Sanktionen niederschlägt. Wenn überhaupt noch, in unserer Zeit, dann so wie im Polizeiruf Rostock: Der Antrieb einer Einzelperson, die Beweise fälscht, um ihre eigenen Ansichten von Gerechtigkeit durchzusetzen, gibt den Ausschlag dafür, wer tatsächlich einfährt. Kurz geschrieben: Das Motiv des Drogenfahnders, der tragischerweise seinen Sohn durch Drogentod verliert, ist nachvollziehbar und doch wirkt das alles ziemlich herbeizitiert, weil heute Eltern, deren Kinder an ihrem Drogenkonsum sterben, höchstens noch denken: „Shit happens!“. Und sie haben es uns doch nur nachgemacht und dabei etwas übertrieben.

Finale

Trotz der teils launigen Anmerkungen und schon einmal angedeutet: So schlecht ist „Tod einer Toten“ nicht. Die Aufklärung ergibt sich fast von selbst, so viel Intuition muss Brasch gar nicht mal zeigen, es bleibt eben alles mehr oder weniger in der Familie und wenn nicht, dann im Drogensumpf. Ich konnte zwischenzeitlich die vielen Männer mit Bart und zurückgekämmtem Haar kaum noch auseinanderhalten, obwohl mir einer davon, der Polizeirat Lemp, ja doch aus vorherigen Magdeburg-Polizeirufen vertraut ist. Und dass Brasch sich nicht selbst beim Ermittleln stört, weil sie immer wieder durch anwesende Kollegen genervt wird, hat durchaus Vorteile für den Rhythmus, für die Dramaturgie. Ob Brasch nicht nur alles allein ermittelt, sondern auch selbst bügelt? Kürzlich hat Mensch mir erklärt, dass Göttinnen nicht bügeln. Also alles wie gehabt.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: 13 und allein

Doreen Brasch ermittelt in ihrem 13. Fall und nachdem sie endlich alle Ermittlungspartner weggebissen hat, darf sie allein voranschreiten. Die Redaktion von Tatort-Fans ist gespalten: Sie kommt allein besser oder es fehlen die Sichtweisen anderer und es läuft zu glatt – und es wird über die Zukunft des Magdeburg-Polizeirufs nachgedacht.

Diese Gedanken mache ich mir ebenfalls nicht erst seit heute und finde, bei der Magdeburg-Schiene hat man es nach dem gewollten Stilwechsel von den knuffigen Schmücke und Schneider (und der hübschen Nora Lindner, zum Ende hin, die gut geeignet zum Aufbau eines neuen Teams gewesen wäre) zu sehr übertrieben. Brasch = harsch, habe ich jetzt durch die Redaktion der Tatort-Fans gelernt.

Und mit ihr haben wir uns als Zuschauer nun durch diese Fälle zu kämpfen. Als man 2013 den Teamwechsel arrangierte, waren die Zeiten zwar auch schon hart, der Krisenmodus, wirtschaftlich Wissende wissen es, ist bis heute nie beendet worden, aber gerade im Moment, wo die Menschen so gereizt und angespannt und von der Pandemie geschlaucht sind, ist Brasch eher etwas für Beamt*innen, deren persönliche Existenz nie gefährdet ist. Diese sind mental auch am besten in der Lage, sich schwieriges Kunstkino reinzuziehen.

Auf viele andere lauert die Gefahr, dass Brasch zur Projektionsfläche für ihre Ängste und Sorgen wird und ihre weniger netten Eigenschaften spiegelt. Sie fordert zwar Distanz von ihrer Person, weil sie so herb wirkt, aber unterschwellig oder, wenn man länger darüber nachdenkt, auch recht offensichtlich, spricht sie unsere Tendenzen zum Tunneldenken und zur sozialen Abgeschiedenheit an. Kein Wunder, dass viele Menschen bei den Magdeburg-Krimis ein unangenehmes Gefühl haben, das sie bei viel brutaleren US-Filmen oder bei schwermütigen Nordkrimis nicht in dem Maße ereilt. Der Trick dieser Filme ist, dass diejenigen, die in ihnen als Ermittler tätig sind, ernst, aber auch sympathisch und jederzeit mit dem richtigen Maß messend wirken. So etwas kann uns Brasch nicht bieten, die in jedem ihrer Fälle Menschen vor den Kopf stößt. Klar wird damit auch, dass sie eine Kunstfigur ist, die im wahren Leben unmöglich eine „Leitende“ sein könnte, die ein Team führen muss – aber es wird keine launige und immer mal bewusst übertreibende Verfremdung inszeniert, wie sie in München und in Rostock gelingt, ebenso in Tatortschienen wie Dortmund oder Münster, dort jedoch, ohne dass wir die Möglichkeit verlieren, uns auf die schrägen Typen und / oder Situationen einzulassen.

Christian Buß erläuterte im Spiegel zum Brasch-Vorgänger „Totes Rennen“: Die Schauspieler Sylvester Groth, Matthias Matschke und Steven Scharf kamen und gingen, Brasch-Darstellerin Claudia Michelsen blieb. Hinter den Kulissen soll es oft Ärger gegeben haben, vor der Kamera suchte man Harmonie ebenfalls vergeblich. In der Rolle von Brasch trat Michelsen zunehmend verhaltensauffällig, absturzgefährdet und misanthrop auf.

Den Polizeipsychologen, an den sich Brasch ja immerhin etwas mehr annäherte, habe ich vergessen zu erwähnen. Aber schon interessant, dass das, was man vor der Kamera sieht, dem entsprechen soll, was dahinter los war. Verwunderlich ist es jedoch nicht, denn auch gute Darsteller schmeißen Premium-Aufträge wie die Hauptrollen in den Tatorten und Polizeirufen nicht einfach so hin. Dafür gibt es meist Gründe, die mit der Auslegung der Rollen zu tun haben.

Sollte allerdings die Kälte, die man in diesen Filmen spürt, tatsächlich auch durch eine schlechte Teamstimmung erzeugt und glaubhaft gemacht worden sein, ist es tatsächlich besser, wenn Brasch solo ermittelt. Die Zuschauer dürfen dann beurteilen, wie sie dieses Ergebnis jahrelangen Mobbings gegen Kollegen wahrnehmen. Immerhin ist Kriminalrat Lemp noch da, der bzw. dessen Darsteller Felix Vörtler offenbar eine gewisse Unverwüstlichkeit mitbringt. Hingegen: Physiognomien täuschen selten komplett und die oft verkniffen wirkende Mimik von Brasch wäre nicht möglich, wenn ihre Darstellerin nicht die Voraussetzungen dazu mitbrächte.

Die Suche nach Vorab-Kritiken nach dem üblichen Muster brachte dieses Mal erstaunlicherweise so gut wie keine Ergebnisse, allerdings sind wir heute mit dieser Vorschau auch relativ früh dran. Eine nicht sehr gewagte Prognose: In Magdeburg wird es wieder düster werden, am Sonntagabend. Zwei Tage später beginnt der Herbst.

Hauptkommissarin Doreen Brasch – Claudia Michelsen
Kriminalrat Uwe Lemp – Felix Vörtler
Kriminalobermeister Günther Márquez – Pablo Grant
Rechtsmediziner Manfred Muser – Henning Peker
Hauptkommissar Anton Lobrecht – Steffen C. Jürgens
Kommissarin Pia Sommer – Luisa-Céline Gaffron
Kriminaloberkommissar Kollitsch – Simon Werner
Jessica Mannfeld – Johanna Polley
Alex Zapf – Ben Münchow
seine Tochter Marie – Madeleine Tanfal
Werner Mannfeld, Maries Opa – Christian Kuchenbuch
Drogenboss Marko Gerster – Beat Marti
seine Ehefrau Kamilla Gerster – Deborah Kaufmann
Drogendealer Edgar Schmelzer – Christian Ehrich
Keitsch – Orce Feldschau
Jugendamtmitarbeiterin Heide Zaree – Miriam Abbas
Kriminalbeamtin Rauchgiftdezernat – Luise Lähnemann
Kollege von der Polizeiwache – Matthias Hörnke
u.a.

Drehbuch – Michael Gantenberg, David Nawrath, Paul Salisbury
Regie – David Nawrath
Kamera – Tobias von dem Borne
Schnitt – Dagmar Lichius
Szenenbild – Uwe Berthold
Ton – Marcus Vetter
Musik – Matthias Weber

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