Die Anwältin – Tatort 661 #Crimetime 809 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #MDR #Anwältin #Anwalt

Crimetime 809 - Titelfoto ©  MDR, Hardy Spitz

Bitte die andere Seite auch schwarz backen!

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Ein Bauinvestor wird umgebracht und das bedeutet einerseits, dass es den richtigen getroffen hat, andererseits, dass alle ein Motiv haben, die jemals mit dem Mann in Berührung gekommen sind und dass man daraus einen Whodunnit machen kann, in dem Ehrlicher und Kain ihre traditionelle Ermittlungsarbeit in aller Ruhe durchführen können, weil es keine thrilligen Fristen oder Ultimaten gibt, am Ende ist es aber trotzdem ein Knalleffekt, verbunden mit einem Zufall, der für die richtige Festnahme sorgt. Wie der Film bis zum Abspann war, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Auf einer Leipziger Großbaustelle haben die Subunternehmer die Arbeiten eingestellt und den Bauunternehmer Peter Ludwig wegen Finanzbetrug angezeigt. Ein überraschender Freispruch empört die Zuschauer im Gerichtssaal. Am nächsten Tag werden die Hauptkommissare Ehrlicher und Kain zu Ludwigs Villa gerufen. Der Immobilieninvestor wurde in seinem Haus erschossen, mehrere wertvolle Kunstobjekte sind gestohlen worden. Der erste Verdacht fällt auf die Putzfrau Marion Höfner, die den Toten gefunden hat.

Die Kommissare finden heraus, dass sie ihrem Mann Jürgen vor Kurzem Zutritt zum Haus verschafft hat. Der arbeitslose Handwerker hat für die Tatzeit jedoch ein Alibi. Daraufhin befragen Ehrlicher und Kain Ludwigs junge, ehrgeizige Anwältin Corinna Becker. Sie berichtet ihnen, dass ihr Mandant noch im Gerichtsgebäude von Werner Mühl, dem Geschäftsführer einer von Ludwig in die Insolvenz getriebenen Glasbaufirma, mit einem Farbbeutel angegriffen wurde.

Als die Kommissare daraufhin einen Teil der gestohlenen Kunstgegenstände bei Mühl zu Hause finden, scheinen sie am Ziel ihrer Ermittlungen zu sein. Mühl gesteht den Einbruch, streitet den Mord an Ludwig aber ab. Schuld für seine finanzielle Not gibt er auch den Kreditinstituten, die mit Betrügern wie Ludwig zusammenarbeiten. Dr. Stefan Bischof aber beteuert gegenüber den Kommissaren, dass seine Bank den Ludwig gewährten Kredit seriös abgewickelt und mit den Vorwürfen der Veruntreuung nichts zu tun habe. Doch bei der Überprüfung von Ludwigs Geschäftskonten finden die Kommissare heraus, dass über mehrere Millionen Euro verschwunden sind. Ehrlicher und Kain lösen einen Fall, in dem sich die Interessen von Gläubigern, Kreditgebern und Justiz kreuzen.

Rezension

  • Doreen Jacobi in der Titelrolle der Junganwältin. Die Potsdamerin, ehemaliges Model und jetzige Mitinhaberin einer IT-Firma macht eine gute Figur und spielt ihre Rolle überzeugend. Wir haben erst nach dem Anschauen gelesen, warum sie diesen Laufsteggang drauf hat. Für ein Laufstegmodel hätten wir sie trotzdem nicht gehalten . Im selben Jahr, in dem der Film herauskam, gab es von Doreen Jacobi Nacktfotos im Playboy. Erwähnenswert, weil bei Tatort-Schauspielerinnen eher selten.
  • Dass ausgerechnet in einem Film mit einer Juristin im Mittelpunkt so viele juristische Begriffe falsch verwendet werden, ist eine ziemliche Schlamperei, vor allem nach mehr als 15 Jahren auch rechtlicher Einheit in Deutschland. Den Begriff „vorsätzlicher Mord“ gibt es hierzulande nicht, weil Mord immer Vorsatz erfordert; es heißt, zum 100. Mal, Durchsuchungsbeschluss oder auch Durchsuchungsanordnung, nicht –befehl. Zeitweise wird Zivilrechts- mit Strafrechsterminologie vermischt bzw. vewechselt, die Gefahr im Verzug hätte Ehrlicher nie ernsthaft belegen können, als es um den Aktenherausgabewunsch an die Anwältin ohne entsprechenden Ukas seitens der StA ging, das hätte sie als Juristin auch nicht hinnehmen dürfen – und ist sie jetzt Strafverteidigerin oder arbeitet sie in Zivilsachen oder macht sie einfach alles, wie – nein, nicht eine Anwaltsnutte, wie der Baufuzzi beleidigend meint, sondern eine Staubsauger-Anwältin und Alleinkämpferin?
  • Das Thema Wirtschaftskriminalität im klassischen Viereck Bau-Bank-Anwälte-Handwerker ist immer interessant, wird hier allerdings nicht mit sehr viel Verve dargestellt. Der in solchen Fällen übliche Spruch lautet: Man hätte mehr daraus machen können. Besser dargestellt ist die Situation der Jungjuristin in den Zeiten der Jungjuristenschwemme – allerdings kommen gerade deshalb, weil ihre Situation so genau beleuchtet wird, Fragen auf.

Wenn irgendwo Peter Ludwig mitspielt, dann ist er entweder das Opfer, das es verdient hat, oder der Böse. Deshalb ist es schwer, ihn als Täter zu besetzen, dann schon besser als Opfer, das bald von der Bildfläche verschwindet. Dass er im Film heißt wie ein bekannter Kölner Mäzen, der mit der Bauwirtschaft eher wenig zu tun hatte, ist hoffentlich Zufall, weil man diesen in unserem System doch positiv behafteten Namen nicht mit einem mittelmäßigen Glücksritter-Investor im Seidenbademantel diskreditieren sollte. Fingierte Mietverträge, Schwarzgeld, Handwerkerprellung – vieles, was es am Bau gibt, wir hier routiniert, aber auch recht emotionslos abgehandelt. Die dort ebenfalls häufige Schwarzarbeit hingegen wird Bruno Ehrlichers großer Liebe zugeordnet, die in ihrer Gaststätte das Herren-WC an der Steuer vorbei renovieren lässt. Da kann es nicht ausbleiben, dass auch der Toast mal eine schwarze Seite bekommt. Witze wie diesen gibt es in „Die Anwältin“ allerdings selten.

Der Anwältin selbst und ihrem beruflichen Kampf fühlen wir uns auf eine Weise schon nah, wir können einiges nachvollziehen und machen ein wenig in Typologie von Juristen und Juristinnen. Die Notenbesten sind meist nicht diese sehr hübschen Frauen wie Corinna Becker, die leben nämlich auch noch und wissen, dass sie als Fast-Beste in Kombination  mit ihrer Attraktivität immer ein Auskommen finden werden. Das ist keine Aussage zur Intelligenz, sondern zur Work-Life-Balance schon während des Studiums: Während die Typen, die immer schon nur gepaukt haben, auch in der Schule, jetzt erst richtig loslegen und um 22 Uhr noch in der Seminarbibliothek sitzen, geht eine Frau Becker auch mal aus und das ist richtig so. Dass dadurch häufig lebensfremde Typen, die niemals den Campus verlassen haben, zu Richtern und Richterinnen werden und lebensfremde Urteile fällen, liegt auf der Hand.

Becker wäre sicher eine gute Richterin geworden, aber ein paar Punkte (realistischer: ein paar Zehntel) haben bei der Examensnote gefehlt, obwohl’s ja ein Prädikat gewesen sein muss oder zwei, denn sonst hätte der Prof (siehe unten) sie wohl kaum als seine beste Studentin bezeichnet.

Wie sie sich als Selbstständige abmüht, das kam uns nicht ganz realistisch vor  – zunächst. Und dann doch wieder. Offenbar will sie gerne unabhängig sein und natürlich glaubt sie, auf  dem Baulöwen und Banker-Ticket schnell an weitere Aufträge zu kommen. Alles soweit denkbar, denn eine Connection kann die nächste schaffen, vor allem bei einer so hübschen Frau, mit der sich die Auftraggeber ja auch schmücken wollen. Dass diese dann gerne übergriffig werden – nein, es ist nicht dadurch gerechtfertigt, dass sie ihre Reize einsetzt.. Man muss ein Spiel auch als solches begreifen können und wissen, wann Schluss ist, wenn jemand nicht in die Kiste will. Insofern ist das Wort Anwaltsnutte, ausgesprochen von Ludwig, wirklich eine Beleidigung und unsere Sympathien sind auf ihrer Seite.

Sie hätte natürlich in ihrer dummen Lage das Angebot ihres alten Profs annehmen können, den sie bei Gericht trifft, was immer es auch war – im entscheidenden Moment kommt aber leider ein Anruf rein und sie verliert ihn buchstäblich aus den Augen. Sie hätte, logisch gedacht, aber später darauf zurückkommen können, ohne Gesichtsverlust. Aber sie ist auch stolz und lügt ihm Erfolg vor, so sind diese Leute manchmal. Einerseits bereit, sich beinahe ganz zu verkaufen, andererseits sehr um die Fassade bemüht. Zu sehr auf bestimmte Formen von Erfolg gepolt, um wirklich rational an die Dinge heranzugehen. Außerdem wusste sie vielleicht instinktiv, dass sie schon zu sehr in illegale Machenschaften verstrickt war, um einfach Tschüss sagen und in die Lehre und Forschung gehen zu können.

Der nachfolgende Text enthält Angaben zur Auflösung!

Dass ihr Mann für sie das Studium aufgibt, ist auch nicht eine so häufige Konstellation, normalerweise kommen beide Partner durch, wenn sie etwas erreichen wollen, auch wenn beide dafür möglicherweise Einschränkungen und Zeitverlust durch Nebenjobs in Kauf nehmen müssen. Man hat eher den Eindruck, dem Typ war es ganz recht, dass er sich als „Nur-Kellner“ bezeichnen darf. Dass die beiden am Ende versuchen, eine knallige Flucht zu inszenieren, war dann wieder reizend. Ruchlos und naiv zugleich und bei Ehrlicher muss man mit allem rechnen, auch dass er zufällig genau im richtigen Moment an den am Straßenrand geparkten, nicht sinnvollerweise im Gebüsch versteckten und natürlich sofort identifizierbaren Fahrrädern vorbeikommt und sieht, wie die beiden Delinquenten, die sich nicht gemeinsam, sondern nacheinander an Investor Ludwig vergangen haben, aus dem brennenden Wohnwagen entkommenen Menschen seelenruhig in einem gelben Schlauchboot über einen kleine Fluss paddeln. Einer der romantischsten Fluchtversuche, die wir bisher in einem Tatort gesehen haben, wenn auch sachlich vollkommen daneben.

Wie war das nun mit der Tötung Ludwigs? Auch da wird wieder juristischer Schmu gemacht, so unser Eindruck. Klar hat Corinna Becker eine Körperverletzung an ihm begangen, als sie auf ihn schoss, aber sie hat in Notwehr gehandelt. Man könnte allenfalls einen Notwehrexzess annehmen, um sie doch noch verurteilen zu können. Außerdem werden wir nicht darüber aufgeklärt, ob ihre Tat in Kombination mit der Entwendung des Telefons und damit der Möglichkeit für Ludwig, die Polizei zu rufen, nun tödlich gewesen wäre oder ob Ludwig sich doch hätte unter normalen Umständen noch Hilfe holen können. Dadurch wiederum kann die Kausalität bei der nachfolgenden Handlung von Andreas Becker nicht zweifelsfrei geklärt werden, und damit nicht seine Strafbarkeit. All das müsste Frau Becker als Juristin wissen – aber was sie natürlich nicht weiß, ist, was der Pathologe festgestellt hat, und was Ehrlicher für ein geniales Gespür hat für Situationen und Momente, wenn schon die Ermittlungen an sich beinahe zu nichts geführt hätten. Man hätte im Wohnwagen übrigens bei aller Explosivität des Geschehens feststellen können, ob es Leichen gab oder nicht. Dann wären die Beckers natürlich schon über alle Berge gewesen, sogar per Fahrrad. Im Zuge der letzten Sequenz gibt es weitere Fragwürdigkeiten, aber Schwamm drüber.

Manchmal ist es geradezu angenehm, wie routiniert im unaufgeregten Sinn in Leipzig ermittelt wurde, bevor das eine seltsame Paar namens Bruno und Kain vom nächsten namens Eva und Keppler abgelöst wurde. Damals war das konservative Filmen sinnvoll, denn die Figuren sind dementsprechend, das Land, die Leute, alles passt. Wir sollen nicht vom  Hocker gerissen, sondern wohltemperiert durch den Abend geführt werden. Das war die Mission von Ehrlicher und Kain, nicht, in immer neue Höhen des Anspruchs, der visuellen Umsetzung und der Dramatik vorzustoßen. Deshalb fallen Lücken und Fehler allerdings auch  mehr auf als bei vielen heutigen Tatorten, die bewusst so gestaltet sind, dass man gar nicht erst dazu kommt, über Sinn, Unsinn, Realität und Wahnsinn groß nachzudenken.

Finale

„Die Anwältin“ war der drittletzte von 44 Ehrlicher-Kain-Fällen und der Abschied der ersten ostdeutschen Tatort-Ermittler bei seiner ersten Ausstrahlung bereits klar. Da darf Ehrlicher auch mal sagen „Ich hab’s so satt!“, als der Wohnwagen in die Luft fliegt, in dem die Eheleute Becker zu vermuten sind.

Ohne die Anwältin wär’s richtig langweilig geworden, so konnten wir folgen, weil wir ihren Wegen, Windungen, Hoffnungen und Enttäuschungen folgen wollten. Das reicht in einem ansonsten sehr konventionellen und von Ermittlerseite nicht sehr prägnant gestalteten Film, der als Wirtchaftskrimi einige Wünsche offen lässt, leider nicht für eine Top-Bewertung: 6,5/10 lautet unser Urteil, und es gibt keine Berufung.

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Kriminaltechniker Walter – Walter Nickel
Frederike – Annekathrin Bürger
Staatsanwältin Mitterer – Simone von Zglinicki
Corinna Becker – Doreen Jacobi
Andreas Becker – Johann von Bülow
Peter Ludwig – Udo Schenk
Dr. Stefan Bischof – Bernhard Bettermann
Ines Bischof – Nina Reschke
u. a.

Musik: Julian Boyd
Kamera: Charles Finkbeiner
Buch: Raimund Weber, Fred Breinersdorfer
Regie: Dieter Berner

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