Der Richter in Weiss – Tatort 11 #Crimetime 812 – #Tatort #Hamburg #Trimmel #NDR #Richter

Crimetime 812 - Titelfoto NDR

Wie man sich gutachtlich irren kann

„Damals nahm man sich noch Zeit, heute hetzen wir nur (vielleicht ist die eine Wortbedeutung ja eine Folge der anderen)“, schreibt ein Nutzer des Tatort-Fundus, der gemäß seinen Bewertungen ein ausgewiesener Fan von Felix Murot ist, und weiter: „Und den jungen Leuten, die sich hier über Alkohol- u. Nikotinkonsum, Frauenbild usw. aufregen sage ich: in 40 Jahren wird dieser TO wieder auf der Höhe der Zeit sein.“ Ob Letzteres der Fall sein wird? Es wiederholt sich die Geschichte der Alltagskultur niemals, aber dass die auf Spaltung, ethische Intoleranz und Druck in jeder Hinsicht ausgerichtete derzeitige Verfassung der Gesellschaft sich irgendwann wieder drehen muss, dem stimmen wir zu. Vermutlich wird ein heftiger Crash des Wirtschaftssystems, das diese fortwährende Beschleunigung ins Nichts hinein verantwortet, eine Wende auslösen. Ob dann auch die Filme wieder so werden wie 1971? Wir schreiben noch etwas zur Darstellungsweise. Auch sie gilt heute als veraltet, weil Szenen sehr lang ausgespielt werden. Aber damals war das ganz neu, sonst hätte man ja auch den Stahlnetz- und Edgar-Wallace-Stil fortführen können, der wenige Jahre zuvor gängig und im letzeren Fall nicht langweilig, dafür aber reißerisch war. Es gibt einiges über „Der Richter in Weiss“ zu schreiben. Wir packen’s an in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Dr. Peter Beerenberg, angesehener Chefarzt eines Hamburger Krankenhauses, wird in seiner Villa erschossen aufgefunden. Seine Frau gesteht, ihn in Notwehr erschossen zu haben. Emotional angeschlagen, gibt sie an, dass er betrunken gewesen sei und mit ihr Streit gesucht habe. Zudem habe er zahlreiche Liebschaften gehabt, die er nicht einmal versucht habe, vor ihr zu verheimlichen. Die Art und Weise des Verhaltens von Brigitta Beerenberg veranlasst Kriminalhauptkommissar Trimmel, den Amtsarzt hinzuzuziehen. Dieser diagnostiziert Eifersuchtswahn und weist die Frau in eine psychiatrische Klinik ein. Für Trimmel sehen ihre Handlungen jedoch sehr überlegt aus und er zweifelt an einer Notwehrsituation. Zudem kann die Haushälterin der Beerenbergs keinerlei Liebschaften bestätigen, was auf die reine Einbildungskraft von Brigitta Beerenberg schließen lässt. Allerdings war der Tote auch als jähzornig bekannt.

In der Klinik angekommen wird Brigitta Beerenberg von Professor Robert Kemm untersucht, der zahlreiche Hämatome feststellen kann. In psychologischen Gesprächen bestätigt sie wiederum die Untreue ihres Mannes. Allerdings gibt sie zu, ebenfalls zahlreiche Männerbekanntschaften gehabt zu haben. Diese Tatsache lässt Trimmel weiterhin an der Notwehrtheorie zweifeln, zumal es nicht nur Ungereimtheiten am Tathergang gibt, sondern auch eindeutige Hinweise auf einen aktuellen Liebhaber von Brigitta Beerenberg, Max Conradi aus Bremen. Trimmel sucht Conradi auf und muss feststellen, dass dieser eine stattliche Waffensammlung besitzt. Ein intensives Verhältnis zu Brigitta Beerenberg bestreitet er allerdings, sie haben sich lediglich ab und zu getroffen.

Während Trimmel den Fall Beerenberg zu lösen hat, ermittelt er parallel in einem Mord an einer Prostituierten, die niedergestochen wurde. Ihr Freund Bodo Kolanowski steht unter Mordverdacht, da er mit ihrem Gewerbe nicht einverstanden war. Trimmel kann ihn überführen und die Tatsache, dass in diesem Fall zwei Messer gleicher Bauart benutzt wurden, bringt ihn im Fall Beerenberg auf die Idee, dass auch hier zwei Waffen im Spiel sein könnten. Er beginnt verbissen nach einer zweiten Pistole zu suchen und hat Erfolg. Somit ist es durchaus möglich, dass Brigitta Beerenberg zuerst auf ihren Mann geschossen hat. Auf Nachfrage gibt Max Conradi zu, ihr auf ihren Wunsch Schießunterricht gegeben zu haben.

Obwohl Professor Kemm aus medizinischer Sicht davon überzeugt ist, dass die vorläufige Diagnose von krankhaftem Eifersuchtswahn nicht aufrechterhalten werden kann und er Brigitta Beerenberg für voll zurechnungs- und schuldfähig hält, zögert er seinen Abschlussbericht entsprechend zu verfassen. Stattdessen lässt er sich auf die Avancen seiner attraktiven Patientin ein. Als sie dann einen Selbstmordversuch unternimmt, bewahrt sie das dennoch nicht vor einer Gerichtsverhandlung. Trimmel kann vor dem Schwurgericht die Notwehrbehauptung der Verteidigung widerlegen, was Professor Kemm dazu veranlasst, seine vorherigen Aussagen zum psychischen Zustand seiner Patientin zu revidieren. Als Brigitta daraufhin ausfällig wird und ihn vor versammeltem Publikum als Lügner bezichtigt, der mit ihr geschlafen habe, bestätigt er ihr nicht nur, vermindert schuldfähig zu sein, sondern vollständig schuldunfähig: Auf diese Weise kann er ihre Anschuldigung als Hirngespinst hinstellen und seine Karriere retten.

Somit wird sie zwar vom Richter für schuldig am Mord ihres Gatten befunden, jedoch aufgrund ihrer angeblichen geistigen Unzurechnungsfähigkeit nicht mit Zuchthaus bestraft, sondern mit einer Unterbringung auf unbestimmte Zeit in einer psychiatrischen Anstalt.

Rezension

Sehr interessant finden wir die Schlussinterpretation in der Inhaltsangabe. Für uns war das Motiv des Gutachters, der sich revidierte, nicht so klar. Es hätte ja auch so sein können: Sie will ihn einfach anschwärzen, weil er sie für zurechnungsfähig erklärt und damit ihre Verbringung in eine JVA ermöglicht. Was für uns ebenfalls nicht so deutlich herauskam: Ob sie nun tatsächlich eine Persönlichkeitsstörung hat oder das alles nur spielt. Es wird ja ausführlich dargestellt, dass auch jemand mit psychischer Erkrankung sehr wohl in der Lage sein kann, einen überlegten Mordplan auszuhecken. Es gibt eine ganze Reihe von Persönlichkeitsstörungen, die ganz und gar nichts mit „Schwachsinn“ zu tun haben und wenn jemand nicht gewalttätig wird oder sonst auf eine offensichtliche Art kriminell, befördern gerade solche Störungen nicht selten das Erreichen hoher Positionen. Vergessen wir außerdem nicht, dass die Wissenschaftler, die mit Dr. Kemm zusammenarbeiten, jeder von ihnen, wissenschaftlich begründete Anzeichen für eine Unzurechnungsfähigkeit von Frau Beerenberg entdeckt zu haben glaubt. Zum dem Zeitpunkt ist ermittlungsseitig aber die Notwehrlage noch nicht widerlegt. Wäre Frau Beerenberg schon auf der Rechtfertigungsebene von der Strafbarkeit entbunden gewesen, wäre der Schuldausschließungsfrund „Unzurechnungsfähigkeit“ gar nicht notwendig gewesen, um sie zu exkulpieren – und da Dr. Klemm seine eigenen Absichten hat, ändert er seine Meinung erst, als Trimmel vor Gericht – beinahe – nachweist, dass sie nicht in Notwehr gehandelt, sondern zuerst geschossen hat. Daraufhin ändert der Gutachter flugs seine Meinung: Für uns geht es um Macht und Willen und wir waren im Verlauf des Films immer mehr auf der Seite von Frau Beerenberg, obgleich sie nie nur Opfer zu sein scheint.

Wenn wir Filme wie diesen oder zuletzt „Exklusiv!“ anschauen, die Werke, die den Tatort geprägt hatten und auf eine Weise heute nicht mehr erreicht werden, kann man nur sagen: Es muss die ganz große Freiheit gewesen sein. Man konnte fast alles zeigen, was man wollte, es gab kaum Tabus, in der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung jender Zeit. Sex, Sexismus, der durchaus auch schon als solcher zu erkennen ist und hintergründig hinterfragt wird? Kein Problem. Exploitation der Psychologie bis  zum Exzess – man kann das so spannend inszenieren, zumindest für ein Publikum, das noch nicht überwiegend von ADHS geplagt ist. Man kann den Film geradezu schmecken und riechen, das ist bei den heutigen, oft aseptisch wirkenden Produktionen weit, weit weg. Dafür gibt es mehr Keime in den Kliniken als damals und so viel mehr Müll verschiedenster Art.

Man darf sich nicht täuschen lassen, der Film ist auch ein Plädoyer gegen das patriarchalische Verhalten z. B. des Gutachters, der eine Frau auf seine hoch elaborierte Weise in seiner Gewalt halten möchte. Dass Starregisseur Helmut Käutner, der den Kemm spielt, auch ein so guter Schauspieler war, ist uns neu und es ist hochinteressant, zu sehen, wie er sein großes Können als Filmgestalter in die Gestaltung seiner Rolle als Psychiater und Psychotherapeut einbrachte. Wer andere Schauspieler als Regisseur so führen kann, dass sie glaubwürdig wirken, kann eben auch selbst glaubwürdig spielen. So einfach ist es in der Regel natürlich nicht, heute sind Filmschaffende, die sowohl vor als auch hinter der Kamera tätig sind, eine große Ausnahme. Zumindest, wenn es um Hauptrollen, um tragende Figuren geht, wie hier die des Psychiaters, der auf seine Weise auch sein Star ist – ein Star seiner Zunft, der selbst seinen designierten Nachfogler, der zu Frau Beerenberg eine abweichende Meinung äußert, gut im Griff hat. „Der Richter in Weiss“, gemeint ist natürlich Kemm, ist ein extravaganter, breit aufgestellter Film, ist das Psychogramm derer, die mit der Psychiatrie in Kontakt kommen ebenso wie derer, die dort arbeiten. Und das alles dargestellt nur anhand einer einzigen Patientin, die von Erika Pluhar großartig verkörpert wird. Es geht nichts über die Wiener Schule, das gilt sogar noch heute.

Was vielen, die solche Filme nicht mehr richtig auffassen können, wohl entgangen ist, unsere These aber bestätigt, dass dieses Werk in Wirklichkeit durchaus frauenfreundlich ist: Es ist ganz offensichtlich, dass Frau Beerenberg misshandelt wurde. Es gibt im Film nicht die geringste Andeutung dahingehend, dass sie sich diese Verletzungen selbst selbst zugefügt hat und mag sie nun psychisch erkrankt sein, vielleicht auch aufgrund der Übergriffe in ihrer Ehe, oder nicht: Sie hat sich ihres Peinigers entledigt. Man muss sich, um diese ultima ratio zu erfassen, vergegenwärtigen: Ihr Mann war Arzt, nach dem, was der Film erzählt, in einer hoch angesehenen Stellung. Sie hätte sich in der damaligen Zeit kaum Gehör verschaffen können, sondern wäre möglicherweise als Rufmöderin gebrandmarkt worden, hätte sie die Polizei um Hilfe gebeten. Wir wissen, wie viele Fälle häuslicher Gewalt noch immer verschwiegen werden und dass selbst von den zur Anzeige gebrachten Delikten die ganz überwiegende Mehrzahl nicht sanktioniert wird – und wenn doch, dann nicht mit Freiheitsstrafe, sodass die Gefahr für die bedrohte, fast immer weibliche Person fortbesteht.

Aber welch eine coole Idee, Rolf Bossi in Person als ihren Anwalt einzusetzen. Das war natürlich die beste Werbung für ihn, die man sich vorstellen kann, aber es passt auch: Er wurde ja dadurch berühmt, dass er die Schauspielerin Ingrid van Bergen vertreten hat, die ihren Freund erschoss, verteidigte immer wieder in schwierigsten Fällen, sogar Serienmörder. Diese Legende aus einer Zeit, in der eine neue Auffassung vom Strafrecht auch durch ihn befördert wurde, passt sich in diesen außergewöhnlich gut geschriebenen Plot perfekt ein. Eine Frau wie Brigitta Beerenberg kundig zu verteidigen, verlangt geradezu einen Anwalt wie Rolf Bossi, der keine Scheu vor irgendeinem menschlichen Abgrund hatte – und nicht nur das, er eben zu einer moderneren Sicht auf diese Abgründe beigetragen, unabhängig davon, ob er seine Mandant*innen „freibekommen“ konnte, was oftmals nicht der Fall war.

Ein Hurra auch für Hauptkommissar Trimmel, das Fossil unter den Ermittlern schon damals – man vergleiche ihn zum Beispiel mit dem NDR-Kommissar, der kurz nach ihm auf den Plan trat, Finke aus Kiel, dessen Fälle ebenfalls zu den großen Klassikern der Reihe rechnen. Trimmel wirkt in „Der Richter in Weiss“ nicht so ruppig wie in „Exklusiv“ oder in „AE 612 ohne Landeerlaubnis“, wo wir ihn zuletzt gesehen haben. Er hat auch mehr Zeit zum Ermitteln – und mit welchem einem Spürsinn er die „zweite Waffe“ auftreibt, ist eine Show. Sicher etwas übertrieben und sachlogisch nicht der stärkste Part dieses elften Tatorts von mittlerweile elfhundertelf Fällen – die 1111 bekam sinnigerweise wieder der NDR zugesprochen, wir haben das Werk gestern rezensiert und obwohl es ein anständiger Film war – die Verflachung gegenüber Großtaten wie „Der Richter in Weiß“ ist deutlich spürbar. Allerdings: So ambitioniert wie der NDR in seinen frühen Produktionen sind nicht alle Sender an die Sache herangegangen. Dafür dürfte es mehrere Gründe geben. Einer war sicher, dass der NDR mit der Vorgängerreihe „Stahlnetz“ schon ganz vorne dabei war und diese deutlich zu toppen gedachte. Diesen Ehrgeiz hatten die anderen wohl nicht in dem Maße, sondern blieben etwas bescheidener. Filme wie „AE 612“, „Exklusiv!“ und schon der allererste Tatort „Taxi nach Leipzig“ waren auch am Rande des Größenwahns, aufs Fernsehformat bezogen. Selbst deutsche Spielfilme sind in der Regel kürzer. Umso mehr gilt das für „Der Richter in Weiss“, der mit über 119 Minuten den Längenrekord hielt, bis er kürzlich durch „Tschiller – off Duty“ abgelöst wurde, den man nach unserer Ansicht besser nie in die Tatort-Reihe eingegliedert hätte. Schon deshalb nicht, weil der Vergleich einen krassen Qualitätsabstieg im Bereich der vom NDR betreuten Schienen allzu augenfällig macht. Es sieht nicht überall im großen Sendegebiet des Norddeutschen Rundfunks so schlimm aus, Gottlob.

Finale

Auch wenn Trimmel eisern vor sich hin ermittelt, „Der Richter in Weiss“ ist mehr ein psychologisches Kammerspiel als ein mitreißender Krimi. Man muss also mit den Figuren mitgehen können, um in klasse zu finden, aus der Distanz zeigen sie wenig Glanz. Dann entdeckt man immer mehr Details. Wie etwa das aus Wien mitgebrachte Hausmädchen, den Bremer Kaufmann-Lebemann, der wohl der nächste Fail von Frau Beerenberg geworden wäre oder auch nicht, jedenfalls derselben Klasse angehört wie ihr Mann und Frauen ebenso auf seine eigene Weise nicht verstehen dürfte, auch wenn sie so geprägt sind, dass sie die falschen Bindungen und die falschen Ausbrüche aus diesen Bindungen suchen. Und wer kann so eifersüchtig sein auf einen Mann, der nicht gut  zu einer Frau ist, aber ausgerechnet das Fremdgehen wohl nicht im Repertoire hat? Eine Frau, die so geprägt worden ist, dass sie noch ganz auf den Partner fixiert ist, keine eigenständige Welt entwickeln kann. Dass sie seine wirklichen Fehler verdrängt, weil sie mit deren öffentlicher Benennung nur sich selbst schaden würde – und dafür andere erfindet, die allgemein als typisch und damals auch bei Männer noch mehr akzeptiert und als typische „Kavaliersdelikte“ angesehen wurden, finden wir gar nicht abwegig. Wir müssten mal das Buch von Friedhelm Werremeier lesen, auf dem der Film beruht.

9/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Schulze-Rohr
Drehbuch Friedhelm Werremeier
Produktion Dieter Meichsner
Kamera Frank A. Banuscher
Schnitt Inge P. Drestler
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s