Walt Disney – Der Zauberer (Walt Disney, USA 2015) | 2 Teile | #Filmfest 238

Filmfest 238 D

2020-04-18-filmfest-d-documentary-2020Im Rahmen der ARTE-Reihe „Summer of Dreams“ hat der französisch-deutsche Kultursender diese insgesamt fast vierstündige Dokumentation über den Macher von Micky Maus ausgestrahlt – in zwei Teilen. Da ich vor wenigen Jahren die meisten der sogenannten Disney-Meisterwerke rezensiert habe, darunter auch die unten genannten Auftakt-Klassiker dieser Trickfilmreihe, „Schneewittchen“, „Pinocchio“ und „Bambi“, bietet es sich an, vor der Publikation dieser Artikel die Betrachtung der Filme durch eine Betrachtung ihres Schöpfers abzurunden. Zumindest des Schöpfers der ersten dieser Werke, danach überließ er die Gestaltung mehr und mehr seinen Mitarbeitern und wendete sich anderen Visionen zu: Wie der von Disneyland, die im zweiten Teil der Dokumentation die Hauptrolle spielt. Seine Zukunftsstadt EPCOT wurde nicht wie geplant gebaut, weil Walt Disney zwischenzeitlich verstarb. Auf dem Gelände in Florida entstand mit Disneyworld der noch größere amerikanische Vergnügungspark.

Inhalt in Kurzform

Wer war Walt Disney? Hinter dem Erfinder der charmanten Micky Maus und unzähligen weiteren Cartoon-Klassikern verbirgt sich ein Mensch mit vielen Gesichtern: ein Visionär und Intrigant, Gutmensch und Ausbeuter zugleich. Der erste Teil dieses Dokumentarfilms beleuchtet die Jahre 1901 bis 1941 des facettenreichen Lebens und nachhaltigen Vermächtnisses Disneys. Anhand von seltenem Material aus dem Disney-Archiv untersucht der Film den Werdegang eines beispiellosen Unternehmers, von den Anfängen mit Micky Maus bis zum Triumph von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, dem ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm überhaupt.

Ausführlichere Inhaltsbeschreibung

Er baute einen Medien- und Unterhaltungskonzern auf, der zu den mächtigsten des Planeten gehört, bekam mehr Oscars verliehen als jeder andere in der Branche, schuf eine neue Form der Kinokunst und erfand zudem fast beiläufig ein neues amerikanisches Ferienziel: Walt Disney.

Doch der Erfinder der charmanten Micky Maus war ein zweischneidiger Mensch: mal scherzhaft kreativ, mal gnadenloser Unternehmer. Sein Name ist weltweit so geläufig wie etwa „Coca Cola“, und ebenso assoziiert jeder den Begriff „Walt Disney“ mit der Wohlfühlversion des amerikanischen Traums.

Doch hinter den Kulissen der Walt Disney Company zeigte er oft auch ein anderes Gesicht. In „Bambi“ gibt es eine Zeile, „Mensch im Wald!“, wenn Gefahr im Verzug ist. Dann muss man sich Sorgen machen. Seinen Angestellten ging es ähnlich, wenn Walt Disney im Flur gehustet hat. Irgendwer hat dann immer gesagt: „Mensch im Wald!“. Und dann haben sie sich auf Walt gefasst gemacht.

1901 in Chicago geboren, wuchs Disney ab seinem vierten Lebensjahr behütet im beschaulichen Marceline in Missouri auf. Nach seiner Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg wollte der 17-jährige Walt dem Schatten seines herrischen Vaters entfliehen und ging nach Kansas, um als Grafiker zu arbeiten. Er erkämpft sich fortan selbst den Weg an die Spitze.

Bald zieht er, zunächst mit seinem Bruder Roy, weiter nach Los Angeles, wo die Filmindustrie bereits boomte. 1928 dann der große Durchbruch: Mit „Steamboat Willie“ avanciert Disneys Micky Maus zum Hollywoodstar – und er mit ihr. Es folgten „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Pinocchio“ und „Bambi“ – jeder Film ein großer Erfolg.

Rezension

Der erste Teil ist das typische amerikanische Biopic über einen Visionär, besonders einen der Filmbranche, der auf seinem Gebiet Bahnbrechendes leistete. Der zweite zeigt ihn vor allem als Baumeister seines ersten Vergnügungsparks. Eine Kritik vorab an der Doku muss sein: Sie ist zwar Walt Disney gewidmet, aber die weitere Entwicklung seins Konzerns bis in die 2010er Jahre, die weitaus größere Expansion, hätte man ruhig noch kurz anreißen dürfen, denn sie in erster Linie ist sein Vermächtnis, nicht die gescheiterte Vision EPCOT, die wohl doch etwas zu groß gedacht war und wohl auch dann nicht in seinem Sinne entstanden wäre, wenn er nicht bereits mit 65 Jahren gestorben wäre.

Die ersten Jahre, die kleinen Anfänge, sind sie nicht immer am spannendsten? Man weiß noch nicht, ob jemand nur getrieben ist, was man von Disney ohne Weiteres behaupten kann, oder ob er auch in der Lage ist, etwas Besonderes zu schaffen. Was Disney dann gemacht hat, war nicht weniger als die Neudefinition oder doch die wesentliche Erweiterung der Trickfilmkunst, obwohl Schneewittchen eben nicht der erste Langspiel-Trickfilm ist, sondern dieses Attribut „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ von Lotte Reiniger für sich in Anspruch nehmen kann, der zehn Jahre zuvor (stumm und unter ganz anderen Umständen) entstanden war. Die beiden Werke sind aber nicht direkt vergleichbar, denn Disneys Version von allem war eben immer schon Disneys Version.

Ob er wirklich, wie in der Dokumentation berichtet wird, vor der Premiere von „Schneewittchen“ Angst hatte, ob das Publikum über Trickfilme nicht nur lachen, sondern weinen können würde? Das war vorher nach meiner Ansicht schon bewiesen, nicht alle zuvor entstandenen Werke, auch nicht die Silly Symphonies aus dem eigenen Studio, waren reine Slapstick-Filme mit etwas rohem Ton, gemäß den Realfilmen der Komiker jener Zeit – auch wenn diese Variante dominierte. Ich glaube eher, er war sich nicht sicher, ob er mit dieser Mischung aus Humor, Romantik, Dämonik und Rührseligkeit den Ton exakt getroffen hatte und ob das Publikum diese Stimmungswechsel immer mitgehen würde. Schneewittchen ist ein ziemlich variantenreicher Film mit einer großen Palette an Tönen und mit raschen Übergängen. Aber so, wie Multimillionär Charles Chaplin das Publikum auch zum Weinen bringen konnte mit seiner Kunstfigur, dem bettelarmen Tramp, war die Übertragung auf Trickfilmfiguren eben auch möglich. Wir sind so leicht manipulierbar, das wusste Disney, der damals schon fast zwanzig Jahre im Geschäft war, sicherlich auch.

Das Risiko war wohl eher in der Größe des Projekts angesiedelt, das teurer wurde als die meisten Realfilme, weil Disney fast drei Jahre daran arbeiten und immer wieder nachdrehen ließ, weil er die rasanten technischen Neuerungen jener Zeit unbedingt noch in seinem ersten Langfilm unterbringen wollte – und natürlich, ob das Publikum bei einem Trick-Langfilm, der eine höhere Aktionsdichte hat als ein Realfilm und dessen Optik viel enervierender ist, würde kognitiv mitgehen können, die Aufmerksamkeitsspanne bei Kindern ausreichen würde, denn von Beginn an ist die Zahl der Handlungselemente und die Geschwindigkeit, ist nicht zuletzt die visuelle Pracht der Disney-Meisterwerke atemberaubend gewesen – auch wenn sie einen Rhythmus hatten, also lyrische, dramatische und actionreiche Szenen wechselten.

Anders als in der Inhaltsangabe vermerkt, konnten „Pinocchio“ und „Bambi“ den kommerziellen Erfolg von „Schneewittchen“ zunächst nicht wiederholen, erst „Alice im Wunderland“ erreichte 14 Jahre später wieder einen ähnlichen Kassenerfolg – ist künstlerisch aber nicht mit den drei genannten ersten Filmen zu vergleichen, sondern viel schlichter. Auch den finanziellen Flop namens „Fantasia“ muss man erwähnen, obwohl auch er heute nicht nur als besonders ambitioniert gilt, das war 1941 schon der Fall, als er entstand, sondern auch als überwiegend gelungen. Kaum ein weiterer Film von Disney war so visuell aufregend und extravagant gestaltet, mithin war dieses Werk trotz Micky als Zauberlehrling und damit als allen Kinogänger*innen bekannter Identifikationsfigur auch kein Familienfilm mehr.

Ich persönlich finde „Pinocchio“, aus dem die bis heute gültige Disney-Erkennungsmelodie „Wish I Were Upon a Dream“ stammt und „Bambi“ herausragend. Mit Letzterem verbindet mich auch eine besondere Geschichte, weil ich das Buch dazu als Kind im Großformat mit Pappdeckeleinband geschenkt bekam und von den Bildern, aber auch von der gar nicht kitschigen, sondern ziemlich tiefgründig wechselhaften Stimmung darin fasziniert war. Den Verlust der Mutter durch „Mensch im Wald“, der sie erlegt und der bis heute dafür sorgt, dass der Film umstritten ist, reflektiert ein traumatisches Erlebnis, das alle Verluste der Welt umschließt und einige Erschütterung auslösen kann. Trotzdem ist er in seiner künstlerischen Gestaltung und seiner Tiefgängigkeit niemals wieder erreicht worden, auch nicht während der „Disney-Renaissance“ ab den späten 1980ern, als wieder äußerst erfolgreiche „Meisterwerke“ aus dem größten Trickfilmstudio der Welt kamen. Zwar hat auch „Bambi“ ein Happy End, aber bis dahin geht es nicht selten existenziell und angsteinflößend zu.

Ich hatte aber schon im Wege des Schreibens meiner Kritiken für die „Meisterwerke“ festgehalten, dass Disneys Filme, auf die er selbst noch Einfluss hatte, keineswegs eine verkitschte Version der Welt waren, sondern grundlegende Fragen des Lebens angehen. Dass die Antwort meist optimistisch ausfällt, darf man Werken, die schließlich doch für Familien gemacht werden, nicht verdenken. Schon eher kritisch sehe ich die Vergnügungsparks, die einer fortwährenden Tendenz zur Verkünstlichung von wirklich allem entsprechend und wesentlich zu deren Beschleunigung beigetragen haben. Die Cleanliness der heutigen Popkultur, das Artifizielle, aber nicht Künstlerische unserer Zeit ist auch durch Disney und in der Folge durch Filmemacher wie Steven Spielberg verursacht worden. Abgesehen davon, dass Disney-Filme, wie auch die anderer Studios und wie einige Cartoons anderer Studios, die vor längerer Zeit entstanden, heute wegen eines nicht geringen Anteils von rassistischen Darstellungen ins Gerede gekommen sind. Selbst „Aladdin“ aus den frühen 1990ern  hat dieses Problem.

Für den eigentlich sehr hübsch gemachten „Song of the South“, der als erster Langspielfilm eine Mischung aus Real- und Trickelementen war, folgend Disneys allererster Idee „Alice im Traumland“, galt das schon, als er herauskam. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung war gerade erst im Entstehen, aber die bedenkenlose Verbreitung von Stereotypen und Klischees in der Verfilmung von Onkel Remus‘ Erzählungen war schon nicht mehr zeitgemäß. Anhand dieses Films illustriert die Dokumentation auch eine dunkle Seite von Disney. Er war taub für den Rat anderer genau dann, wenn er am nötigsten war: In diesem Fall, um seinen sehr geringen Horizont bezüglich der sozialen Wirklichkeit zu erweitern. Er war ein großer Kinderpsychologe, der in sich immer das Kind bewahrt hat, aber sein Zielpublikum bestand aus Kindern der weißen Mittelschicht und deren ab den 1950ern sehr kaufstarken Eltern – für sie waren alle seine Produktionen und Produkte gefertigt.

Die Dokumentation hat auch das Verdienst, nicht mit Hintergründen zu sparen und sowohl den großen Streik in den neuen Disney-Studios von Burbank zu beschreiben wie auch die Rolle von Disney in der McCarthy-Ära, wo er nicht nur eine äußerst konservative Position einnahm, sondern auch persönlich gegen diejenigen nachtrat, die ihm beim Streik von 1941 zu schaffen gemacht hatten und sie als Kommunisten denunzierte. Geschäftlich hingegen hatte er großes Glück, dass er seinen mehr geerdeten Bruder Roy in die Firma integrieren konnte, der kompromissfähiger war als der Künstlertyp und Maniac unter den Disneys – bremsen ließ sich Walt bei seinen Großprojekten allerdings selten und Roy hatte alle Hände voll zu tun, um Geld aufzutreiben oder nervöse Banker zu beruhigen. Man sieht Walt im Film aber als liebevollen Vater und, sozusagen in Extension dieser Rolle, als Moderator in eigenen Sendungen, die enorme Einschaltquoten erreichten.

Hin und wieder klingt an, dass ein Mann, der etwas wie das heute prosperierendste Filmbusiness der Welt aufbaut, kein einfacher, glatter Typ sein kann. Dem würde ich zustimmen, aber auch darauf hinweisen, dass unsere Zeit andere Eigenschaften bevorzugen sollte, jenseits künstlerischer Fähigkeiten. Mit Elon Musk wird nun aber nicht nur in den USA wieder einen Typ Unternehmer gehypt, der ähnlich unausgeglichen und von gigantischen Plänen getrieben wirkt. Aber: Hinter allem steht das Kapital anderer und mittlerweile auch der Mangel an alternativen Storys im High-Tech-Bereich.

Einen versöhnlichen Abschluss hat die Doku aber, sie handelt schließlich von Walt Disney: Sie endet mit einem späten kinematografischen Triumph, an dem Disney noch selbst mitgewirkt hat. Dem Musical „Mary Poppins“. Disney hatte inzwischen mehr Oscars abgeräumt als jeder andere Produzent, aber es waren eben Spezial-Oscars für den Bereich Animationsfilm, im Wesentlichen. „Mary Poppins“ konnte zwar nicht den Krönungs-Oscar für den besten Film des Jahres gewinnen, der ging an die Musical-Konkurrenz von Warner Brothers, die „My Fair Lady“ herausbrachten – räumte aber fünf Statuen in Hauptkategorien ab, unter anderem wurde Julie Andrews mit dem Preis für die beste Darstellung in einer Hauptrolle ausgezeichnet.

Die Filme der Walt-Disney-Meisterwerke-Reihe stellen wir in einem Special vor, sofern sie nicht dem „Concept IMDb Top 250 of All Time“ zufallen, dann erfolgt die Veröffentlichung der bereits geschriebenen Rezensionen im Rahmen der Chronologie dieser Liste. Da wir aber mit „Schneewittchen“ bald zum ersten seiner Filme kommen werden, der auch in der IMDb Top 250 gelistet war, bietet sich die Veröffentlichung der Dokumentation zum jetzigen Zeitpunkt an – als Vorbereitung, wenn man so will. Die eigentliche Vorbereitung ist natürlich die Dokumentation, die wirklich sehr instruktiv und insgesamt gelungen ist.

82/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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