Ministerium der Angst (Ministry of Fear, USA 1944) #Filmfest 240

Filmfest 240 A

2020-08-14 Filmfest AAngst vor dem falschen Schluss

Wir nehmen gerade Anlauf, um den am höchsten gepriesenen Film von Fritz Lang zu rezensieren, der gleichermaßen als einer der besten deutschen Filme bis heute gilt. „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931.

Was eignet sich auf dem Weg zu diesen Höhen besser, als wieder einmal einen amerikanisches Fritz Lang-Werk zu besprechen. Auch wenn seine Werke in den USA nicht als seine besten gelten, überdurchschnittlich waren bisher alle, die wir gesehen haben. Und „Ministerium der Angst“? Wir werden es in der -> Rezension auflösen.

Handlung

Großbritannien 1944, vor dem Hintergrund des Bombenkrieges zwischen Nazideutschland und den Alliierten: Stephen Neale wird aus der Nervenheilanstalt Lembridge entlassen, in der er einsaß, da er seiner Frau Sterbehilfe leistete. Auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung der „Mothers of the Free Nations“, die er zum Zeitvertreib besucht, bekommt er mit Hilfe einer Wahrsagerin names Mrs. Bellane einen Kuchen als „Gewinn“ zugeschanzt. Im Zug wird ihm der Kuchen von einem vorgeblich blinden Mann gestohlen, der danach – während eines Angriffs durch deutsche Bomber – getötet wird, als er sich vor Neale verstecken will.

Neale fährt weiter nach London und engagiert zur Aufklärung der Vorkommnisse den Privatdetektiv George Rennit. Bei den Nachforschungen trifft er bei den „Mothers of the Free Nations“ die Geschwister Carla und Willi Hilfe (in der deutschen Synchronisation: Hofer). Willi führt Neale zu Mrs. Bellane, die komplett anders ausschaut als die vorherige Mrs. Bellane, aber behauptet als Wahrsagerin auf der Veranstaltung in Lembridge gewesen zu sein. Bei Mrs. Bellane wird gerade eine Séance abgehalten und dabei beschuldigt eine weibliche Stimme Neale, seine Frau ermordet zu haben. Ein Schuss fällt und einer der anderen Gäste, Mr. Cost, ist tot. Neale wird beschuldigt, ihn getötet zu haben.

Neale flieht, zuerst zu Rennit, der nicht in seinem durchsuchten Büro zu finden ist, und bittet dann Carla um Hilfe. Sie führt ihn zu einer Buchhandlung, wo er sich angeblich verstecken kann. Zwischenzeitlich findet Carla heraus, dass die „Mothers” als verdecktes Netzwerk von Nazis missbraucht wird, die alle von Dr. Forrester empfohlen wurden, der Mitarbeiter des Sicherheitsministeriums ist und auch auf der Séance war. Der Buchhändler Mr. Newland bittet Neale und Carla einen Lederkoffer mit Büchern zu Dr. Forrester zu bringen. Unter der Adresse residiert aber angeblich ein Mr. Travers und beim Auspacken des Koffers entpuppt sich der Inhalt als Sprengladung. Neale erwacht in der Krankenstation von Scotland Yard, in der ihm Inspektor Prentice mitteilt, dass er wegen Mordes an dem von ihm beauftragten Privatdetektiv Rennit gesucht wird. Neale erzählt von dem Kuchen. Die beiden finden an der Stelle, an der der blinde Mann starb Überreste des Kuchens und darin ein Stück Mikrofilm, der Aufnahmen von freien Schifffahrtswegen zwischen Minenfeldern enthält. Nun ist klar, dass es um einen Spionagering geht.

(Weiter zur Handlung: Wikipedia)

Rezension 

„Ministery of Fear“, wie das heute zu besprechende Werk aus dem Jahr 1944 heißt, wurde erst spät nach Deutschland gebracht. Wegen der Nazi-Thematik selbstverständlich. Die Synchronisation ist daher vergleichsweise neu und vermutlich entspricht sie weitgehend dem Sinn der Worte im Original. Eine besondere Literarizität konnten wir im Deutschen nicht feststellen, obwohl der Film nach einem Roman von Graham Greene gedreht wurde – allerdings war Greene einer der seltenen Schriftsteller, der seine anspruchsvollen Werke und seine Gebrauchsthriller unter dem selben Namen veröffentlichte, nämlich seinem eigenen. Und „Ministry of Fear“ zählt nach seiner eigenen Definition zu den eher „leichteren“ Stoffen, die er verfasst hat.

Allerdings enthebt diese Zuschreibung nicht davon, einen Krimi mit einem Plot zu versehen, der etwas weniger abstrus ist als jener von „Ministerium der Angst“. Die gesamte Schlacht, die sich um eine einzige Torte entspinnt, ist eher zum Schmunzeln als zum Spannung erzeugen geeignet, denn man weiß lange, bevor man es gezeigt bekommt, was Sache ist, mit jenem Objekt der Begehrlichkeit. Es sind nicht die echten Eier, mit denen sie gefertigt wurde und die im Krieg, wie alles, rationiert waren, sondern es müssen Dokumente drin verborgen sein. Es ist dann ein Mikrofilm. Und den hätte an wirklich ohne dieses ganze Brimborium mit dem Charity-Event und der verrückten Sache mit der Gewichtsschätzung und der Wahrsagerin von Spion zu Spion transportieren können. Außerdem ist es unfair, dass Steven Neale mehrfach schätzen durfte, wo bleibt da der britische Sportsgeist mit seinem Sinn für Gerechtigkeit?

Es wird behauptet, dass Fritz Lang den Dreh an einen anderen Regisseur abgeben wollte, als er das Drehbuch gelesen hatte, wir halten das gut für möglich, denn normalerweise sind Fitz Langs Filme nicht so seltsam konstruiert wie dieser. Aber auch er war in Hollywood nur einer von vielen Emigranten und zählte nicht zu den wenigen Regisseuren, die sich ihre Stoffe frei auswählen konnten,  wie Alfred Hitchcock, von dem einige Suspense-Elemente in „Ministerium der Angst“ übernommen wurden. Das Kuriose an dem Plot mindert aber den Suspense ein wenig, den der noir-gemäße Filmstil und die spannenden Personenkonstellationen durchaus hervorbringen. Ob es in Greenes Buch auch die Wahrsagerin(nen) gab und die Séance, wissen wir nicht, aber sie sind wiederum typische Lang-Elemente, wie wir sie z. B. aus dem letzten Mabuse-Film kennen, den er selbst inszeniert hat („Die tausend Augen des Dr. Mabuse“). Das Spielen mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schafft einen eigenen Touch, der sich immerhin auch in diesem Film rechtfertigen lässt: Weil Steven Neale eine „Vergangenheit“ hat, ist es ein besonderer Twist, dass er in ein Agenten-Komplott verstrickt wird, in dem er einen Mörder darstellen soll. Die Agenten haben sich, wenn er schon mal in ihre Quere kommt, seine Biografie verwendet, um ihn in eine ausweglose Situation zu bringen. Warum? So genau weiß man’s nicht, denn hätten sie den Film bei ihm vermutet, hätten sie ihn gar nicht erst von der Séance weglassen dürfen.

Ein weiterer Stolperstein ist die Liebesbeziehung von Steven mit der Emigrantin Carla Hilfe (in der deutschen Synchronisation: Hofer). Es stellt sich heraus, dass ihr Bruder Teil des Nazi-Spionagerings ist, aber sie nicht, und sie wusste natürlich auch nichts von seiner Tätigkeit und von den Karteikarten, die auf eine erneut mächtig überdehnte Weise bei der Hilfsorganisation „Mütter der Nation“ eingeschmuggelt werden.

Beim Anschauen dachten wir schon, wer das wohl glauben soll, dass die Geschwister so unterschiedlich ticken, nachdem auch der Mann zunächst nett und hilfsbereit wirkt. Der Grund für dieses Geschwister-Splitting ist einzig der, dass man bei der produzierenden Paramount ein Happy End wollte, und das sollte möglichst perfekt sein. Lang fand es wohl nicht perfekt. Deswegen wirkt auch das Entstehen der Gefühle sehr plötzlich und ist verbal alles andere als geschickt aufgebaut, und vor allem die Schlussszene macht deutlich, dass irgendwer keine Lust auf diesen Schluss hatte.

Erst wird die Szene abgeblendet, da ist überhaupt noch nicht klar, wie es mit Steven und Carla weitergeht. Und dann sitzen sie plötzlich in einem offenen Wagen und reden vom Heiraten und von der Hochzeitstorte. Diese letzte Szene wirkt dermaßen angehängt, wie eine Szene nur angehängt wirken kann, als hätte man sich das Ende bis zum Schluss offen gelassen und keinen anständigen Übergang und keine stilistische Einheit mit dem Rest des Films mehr hinbekommen. Und nicht umsonst erinnert die Szene stark an die Autofahrten aus Hitchcocks „Verdacht“. Fritz Lang wollte damit wohl ausdrücken, „da habt ihr, was ihr wolltet, den positiven Schluss und den Hitchcock-Touch, aber auf meinem Mist ist das nicht gewachsen.“

In gewisser Weise war der Film zudem veraltet, als er 1944 herauskam – es gab damals keine nennenswerten Bombenangriffe auf London mehr, wenn man von einigen V2-Raketen absieht, die tatsächlich ihr Ziel erreichten, die Situation entspricht eher der Zeit um 1940-41, und auch das war 1944 wohl schon relativ klar: Die Nazis hatten es nicht geschafft, die Institutionen in Großbritannien so zu unterwandern, wie es im Film dargestellt wird. Ein „Ministerium der Angst“ im wörtlichen Sinn gibt es allerdings auch in diesem Werk nicht, lediglich wir das Sicherheitsministerium infiltriert und werden militärische Präsentationen abfotografiert.

Finale

Ray Milland spielt die Hauptrolle des Stevan Neale mit angenehmem Understatement und Dan Duryea sieht man in einer der zahlreichen überzeugenden Bösewicht-Darstellungen, die er in den 1940ern in Films noirs ablieferte. Marjorie Reynolds wirkt als Love Interest von Steven zwar handlungsseitig nicht optimal platziert, aber ihre Ausstrahlung als vorgebliche Exil-Österreicherin ist charmant, ebenso wirkt Carl Esmond (Willi Eichberger) als zunächst netter Hilfsorganisations-Leiter, dann Geheimdienstler, für diese Rolle gut gewählt.

Im Ganzen aber ist „Ministry of Fear“ etwas schräg ausgefallen und zeigt nicht nur, dass Fritz Lang sehr vielseitig war, sondern auch, was er nicht konnte: Jede Idee problemlos und mit routinierter Begeisterung umsetzen, wie es die Regisseure gelernt hatten, die in den USA während der Stummfilmzeit viel, viel üben und eigene Wege finden konnten, um sich einen künstlerischen Anspruch zunächst zu erarbeiten und dann im Hollywood-Studiosystem – in Maßen – zu bewahren. Darin hatten die Regisseure aber nicht die überragende Stellung wie in Europa respektive Deutschland.

Hierzulande galt Lang seit den 1920ern als Ausnahmefilmer und durfte mit seinem „Metropolis“ (1927) den Versuch starten, die mächtige Ufa finanziell zu ruinieren, was ihm beinahe geglückt wäre. Aber er hat auch in den USA Filme gemacht, die unbedingt sehenswert sind, wie „Fury“ oder einen unserer  Lieblings-Noirs, „Woman in the Window“, den wir demnächst hier besprechen werden, weil er ebenfalls 1944 entstanden ist.

64/100

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Fritz Lang
Drehbuch Seton I. Miller
Produktion Seton I. Miller für Paramount Pictures
Musik Victor Young
Kamera Henry Sharp
Schnitt Archie Marshek
Besetzung

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