Midareru – Sehnsucht (JP 1964) #Filmfest 242

Filmfest 242 A

Zwischen gestern und morgen in Japan

Wenn man einen Film rezensiert, den man einige Tage zuvor angeschaut hat, verändert sich die Rezeption. Einige Details hat man bereits vergessen, dafür verdichtet sich die Stimmung, was in diesem Fall nicht so schwer ist, denn es handelt sich nicht bloß um ein Liebesdrama, sondern um eine Liebestragödie. Dies bedeutet allerdings auch, das letzte Drittel des Films prägt sich stark kein. Aber zunächst die üblichen Angaben zum Film, im Anschluss geht es weiter mit der -> Rezension.

Handlung

Reiko, eine Kriegswitwe, kümmert sich aufopfernd um das kleine Lebensmittelgeschäft ihrer Schwiegereltern. Seit ein Supermarkt im Viertel eröffnet worden ist, sieht sie ihre Existenz bedroht. Dann kehrt Koji, der jüngste Bruder ihres verstorbenen Mannes, nach Hause zurück. Er hat seinen Arbeitsplatz in Tokio aufgegeben und gesteht ihr seine Liebe.

***

Die Witwe Reiko Morita hat im Krieg ihren Mann verloren. Sie lebt bei ihren Schwiegereltern in der japanischen Provinz und führt dort aus Liebe zu ihrem verstorbenen Mann den Lebensmittelladen, der ihrer Schwiegerfamilie gehört. Doch nachdem sie und ihre Schwägerinnen Hisako und Takato den Laden nach dem Krieg wiederaufgebaut hatten, scheint nun erneut ihre Existenz bedroht: Im Viertel soll ein neuer Supermarkt eröffnen.

Als dann Koji, der jüngere Bruder ihres verstorbenen Mannes, aus Tokio kommt, und ihr seine Liebe gesteht, fällt Reiko aus allen Wolken. Schon seit Jahren würde er sie lieben, wegen ihr habe er sogar seinen Arbeitsplatz in der Stadt aufgegeben. Reiko hatte mit ihm immer ein gutes Verhältnis, hatte stets für sein Wohl gesorgt und ihn geliebt; aber eher wie das eine ältere Schwester tut. Nach dem Geständnis weiß Reiko nicht, was sie machen soll – beide sehen sich aufgrund der häuslichen Lage jeden Tag und es gibt kaum Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Es ist der Anfang einer herzzerreißenden Liebesgeschichte …

Mikio Naruse zeichnet eine Welt ganz aus dem Blick der Frau: eine scheinbar geglättete Fassade des Lebens, hinter der sich Risse, bedrohliche Enge und Abgründe der Erniedrigung zeigen.

Einleitung

Es hat 242 Beiträge lang gedauert, bis wir auf dem Filmfest die Kritik zu einem japanischen Film vorstellen – und es wird auch in der Folge nicht zu großangelegten Specials kommen können, denn dazu wird hierzulande zu wenig angeboten, was eine „Sammlung auf Vorrat“ ermöglichen würde. Es sei denn, spezialisierte Kinos wie das „Babylon“ in Berlin (nicht zu verwechseln mit der Krimiserie „Babylon Berlin“) eröffnen eine Werkschau. Trotzdem möchte ich der Hoffnung Ausdruck geben, dass es bis um nächsten japanischen Film nicht wieder so lange dauern wird. Der erste Name, der hierzulande einfällt, wenn es um das Kino aus dem Reich der aufgehenden Sonne geht, ist Akira Kurosawa und von ihm gelangt man zwangsläufig zu Tohshiro Mifune, dem Superstar, der auch im Westen gedreht hat. Wir werden von Kurosawa auch den einen oder anderen Film vorstellen, aber er gilt nicht als der „typischste“ unter den japanischen Filmemachern – anders als Mikio Naruse, der das japanische Alltagsleben über Jahrzehnte hinweg genau nachgezeichnet hat.

Zu den Beteiligten

Regisseur Mikio Naruse begann in den 1930ern, seine ersten Filme waren noch kurz und stumm, denn Japan vollzog den Schritt zum Tonfilm etwas später als die USA und Europa, aber er zählt zu den wichtigsten Filmemachern der Vor-Kurosawa-Ära und porträtierte das Japan der jeweiligen Zeit in Studien wie „Midareru“ und der Umbruch der Nachkriegszeit findet sich darin wieder. Leider verstarb Naruse bereits mit 64 Jahren im Jahr 1969, trotzdem stehen in der IMDb 92 Regie-Arbeiten in seiner Filmografie. „Midarereu“ war also bereits ein Spätwerk von Naruse, danach folgten lediglich drei weitere Filme.

Mikio Naruse (1905-1969) liefert mit „Midareru – Sehnsucht“ einen Höhepunkt des japanischen Kinos der 60er Jahre. Das in brillantem Schwarz-Weiß fotografierte Melodram konzentriert sich ganz auf die inneren Konflikte seiner Figuren, deren unterdrückte und doch so spürbare Emotionen. Mikio Naruse („Midaregumo – Zerrissene Wolken“) ist ein Vertreter der japanischen Nouvelle Vague. „Midareru“ ist sein 16. gemeinsamer Film mit seiner Lieblingsschauspielerin Hideko Takamine – und gilt als der schönste. (1)

Bekannt ist in Japan vor allem die Hauptdarstellerin von „Midareru“, Hideko Takamine

Neben Hara Setsuko und Tanaka Kinuyo bleibt Takamine Hideko eine der am meisten bewunderten und produktivsten Schauspielerinnen Japans. 1924 als Hirayama Hideko in Hakodate, Hokkaido im Norden Japans, geboren, wurde sie im Alter von fünf Jahren Kinderschauspielerin für das Shochiku Studio und trat im Film Haha auf. Sie würde weiterhin mit Regisseuren wie Kinoshita, Ozu und wohl vor allem Naruse Mikio zusammenarbeiten. In der Mitte ihrer Karriere war sie zu PCL (später Toho) gewechselt und dann unabhängig geworden, würde aber dennoch für namhafte Regisseure arbeiten. Als sie 1955 den Regisseur Matsuyama Zenzo heiratete, hatte sie den Ruf erlangt, feministische Rollen darzustellen, in denen Frauen ihre Unabhängigkeit suchen oder unterdrückt werden. Sie starb 2010, hatte aber vor ihrem Tod Lieder aufgenommen und Biografien geschrieben.

Für Mikio Naruse stand sie in siebzehn Filmen vor der Kamera und verkörperte dabei zumeist den Typus der willensstarken, hart arbeitenden Frau, die sich am Boden der Gesellschaft befindet oder vom Familiensystem unterjocht wird. Ihr Verhältnis zu Naruse wird oft mit dem einer Muse verglichen, ähnlich wie Setsuko Hara sie für Yasujiro Ozu und Kinuyo Tanaka sie für Kenji Mizoguchi darstellte.

Rezension

Die Hauptdarstellerin, die ein recht traditionelles japanisches Gepräge hat, und sehr sanft und sehr gefühlvoll wirkt, war in ihrer Zeit eine der am meisten Beschäftigten Filmdarstellerinnen im Reich der aufgehenden Sonne. In ihrer IMDb Filmographie stehen nicht weniger als 182 Einträge. Gleichzeitig gilt Sehnsucht gemäß IMDb als der beste Film des Regisseurs Mikio Naruse.

Die Bewertung von 8,1/10 würde bei mehr abgegebenen Stimmen eventuell ausreichen, um in die Top 250 der besten Filme aller Zeiten einzutreten. Anzumerken ist, dass japanische Filme generell sehr hoch bewertet werden, weil in der IMDb offensichtlich viele japanische Filmfans abstimmen, und diese recht nationalistisch werten. Gleichzeitig sind Filme aus Japan, die in jener Nachkriegs-Epoche entstanden sind, außerhalb des Landes nicht überragend bekannt, wenn man von den epochalen Werken Akira Kurosawas absieht, die demgemäß von Nutzern aus aller Welt rezipiert werden.

Der Film „Sehnsucht“ ist auf eine zurückhaltende asiatische Art sehr gefühlvoll, wunderbar gespielt vor allem von der Hauptdarstellerin. Sie ist eine Frau vom Land, die in jungen Jahren in die Stadt kam, um zu arbeiten, dort in einem kleinen Kaufladen ansässig wurde, den Chef heiratete, aber nach kurzer Zeit wurde sie schon Kriegerwitwe.

Den Laden führt sie mit ihrer zuvorkommenden und gleichermaßen kaufmännisch versierten Art weiter bis in die 1960er Jahre. Die Familie der Eigentümer profitiert davon sehr, sie ist die einzige Frau in der Familie und im Umfeld, die den Anschein erweckt, als sei sie berufstätig.

Der Sohn der Eigentümerfamilie, der von einem Job aus Tokio zurückgekehrt ist, arbeitet mit, aber nicht sehr konsequent, sondern ist mehr dem Spiel und dem Alkohol zugetan. Doch über eine lange Zeit hinweg hat sich zwischen ihm und der Frau, die 11 Jahre älter ist als er, eine tiefe Beziehung entwickelt, über die zumindest sie sich lange Zeit nicht klar ist bzw. sie wagt es nicht, ihre Gefühle auszusprechen wegen der Alters- und Sozialbarriere, denn als Witwe eines Familienmitglieds ist sie noch lange kein integraler und gleichberechtigter Bestandteil dieses Systems.

Doch dann bricht eine Veränderung über das festgefahren wirkende Szenario herein. Das Japan der 1960er ist ein Land der sehr stürmischen Entwicklung, und in der Stadt werden die Tante-Emma-Läden rasant von Supermärkten verdrängt, die, kann man ergänzend erwähnen, einige Zeit später dann wieder von den Einkaufszentren, den Malls, den großen Märkten auf der Wiese und den Discountern in die Zange genommen werden – ob es in Japan den Aldis und Lidls vergleichbare Läden gibt, die es bisher nicht geschafft haben, die Märkte der EDEKA- und REWE-Klasse und ähnliche kleinere und mittelgroße Supermärkte zu verdrängen, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

In diesem Konflikt einer sich verändernden Wirtschaftsstruktur gerät der servicestarke Kaufladen der Familie, die Regisseur Marube hier betrachtet. Mit den günstigeren Preisen der Supermärkte können sie nicht mithalten, da nützt Ihnen auch der Bringservice, den immerhin bereits ausführen und der heute sehr vertraut wirkt, relativ wenig. Natürlich haben sie Stammkunden, die sich den besseren Service leisten können, aber zunehmend kommen Menschen in den Laden, und erzählen, was dieselben Waren im Supermarkt kosten, und die Frau gibt nach, der Verkauf findet teilweise unter Einkaufspreis statt.

Schließlich kommt es zu Verhandlungen zwischen der Eigentümerfamilie und Geschäftsleuten in der Stadt, die mit der die Familie auch verwandt ist (die ehemalige Schwägerin unserer Heldin, die den Vornamen Reiko trägt). Ergebnis der Verhandlungen: Das bisherige Haus auf einem günstig in Innenstadtlage angesiedelten Grundstück soll abgerissen werden und auch hier soll ein Supermarkt errichtet werden. Für Reiko, das zeichnet sich ab, wird in dem neuen Supermarkt, der anstelle des bisherigen Ladens entstehen soll, kein Platz in leitender Stellung möglich sein, obwohl der Sohn der Familie sich dafür einsetzt.

Es lässt sich denken, und das bekommt man auch mit, weil von weiteren Supermärkten die Rede ist, dass dort auch in absehbarer Zeit eine Kannibalisierung stattfinden wird. Es geht also um den Sprung ins moderne Japan und es geht um traditionelle soziale Strukturen, die sich mit dieser Modernisierung nicht ohne Weiteres vertragen. Ohne diesen Hintergrund und die Betrachtung der sozialen Stellung einer Frau, die den Laden im wörtlichen Sinne geschmissen hat, aber trotzdem quasi rechtlos ist, wäre der Film ein recht banales Liebesdrama, in dem es vor allem darum geht, ob ein jüngerer Mann mit einer älteren Frau zusammen sein darf.

Eine Zeit lang wirkt das Ganze sehr realistisch und es wird offen gezeigt, wie diskriminierend die Familie mit Reiko umgeht. Die Frau erschießt sich dann, die Stadt zu verlassen und in ihr Heimatdorf zurückzukehren. Doch der junge Mann will sie nicht alleine fahren lassen, und setzt sich ungefragt zu ihr in den Zug. Auf der langen Fahrt, in der offenbar auch der Zug mehrfach gewechselt wird, nähern sich die beiden einander an, und an einer Station, die noch nicht im Heimatdorf der Frau ist, steigen Sie beide aus, gehen in ein Hotel, und es kommt zu einer Liebesnacht. Und zu einer symbolischen Bindung in Form einer Schnur, die sie dem Mann anstelle eines noch nicht vorhandenen Rings um den Finger wickelt.

Doch der Mann verunglückt draußen im Dorf, indem er von einer Böschung abgeleitet, und sich dabei offensichtlich tödlich verletzt. Reiko sieht nur noch, wie auf einer Trage jemand zugedeckt ins Dorf getragen wird, und erkennt ihn nur an der unter der Decke hervor kommenden Hand, um die dieses Band gewickelt ist. Wenn man dieser langen Fahrt durch eine ganze Nacht hindurch und einen Tag eine Symbolik unterlegen mag dann vielleicht, dass er in ihrer Welt nicht existieren kann, sein Reich ist die flache Stadt, der Asphalt, und dort draußen, in der Wildnis mehr oder weniger oder in einer anderen Landschaft, kann er sich nicht behaupten. So, wie sie sich in der Stadt nicht durchsetzen konnte, trotz ihrer unbestreitbaren Begabung fürs Geschäftliche.

Das kommt am Ende recht überraschend, aber letztlich folgerichtig. Selbstverständlich wäre es mir lieber gewesen, wenn dieses lange Mitfahren in einer Art Symbiose geendet hätte, oder vielleicht auch in einer Feststellung, dass es dort draußen nicht geht für ihn. Aber das traumatische Ende ist natürlich sehr emotional, und sehr berührend.

Mit dem Tod des jungen Mannes endet auch der Film, was aus Reiko wird erfährt man nicht. Einige Details sind mir nicht nur aufgrund der relativ langen Zeit zwischen anschauen und Rezensionen sondern wahrscheinlich auch dadurch entgangen, dass ich nicht sehr tief in der japanischen Kultur verankert bin und und daher vielleicht die eine oder andere Chiffre nicht lesen kann.

Aber auf jeden Fall verkörpert diese Frau, diese Person, als Identifikationsfigur, etwas sehr Japanisches, sie ist dezent, hilfreich, konformistisch, bereit zu verzichten, viele Jahre lang. Die Diskussion darüber, ob sie Opfer gebracht hat, mag sie gar nicht erst aufkommen lassen, weil sie ein Auskommen und eine Arbeit hatte, die ihr Spaß machte und vielleicht auch, weil sie das Heranwachsen des Jungen begleiten konnte, der sich in sie verliebt. Sie beschließt, kein Opfer gebracht zu haben, das mag auch daran liegen, dass sie seit seiner Jugend schon eine stille Liebe für diesen jungen Mann empfindet, für den sie auch Verantwortung übernimmt, indem sie aufpasst, zu verhindern sucht, dass er vollkommen abgeleitet. Dafür geht sie sogar in eine Kaschemme, in welcherer spielt und befreit ihn aus einer Prügelei.

Auch über den Kulturkreis hinaus verkörpert sie natürlich das weibliche, fürsorgende Prinzip und eine gleichzeitig traditionell denkende, und moderne handelnde Frau, die ein Geschäft führt, aber daraus aufgrund ihrer Erziehung keine Ansprüche ableitet, sondern damit zufrieden ist eine erfüllende Arbeit zu haben und einen Platz zum Bleiben.

Vieles von dem, was wir sehen, wiederholt sich in den letzten Jahrzehnten auch in China; diese Landflucht, der Drang in die großen Städte, die kulturellen Spannungen die daraus entstehen, die aber in diesem Film nicht zwischen der Frau und ihrer eigenen Familie thematisiert werden, weil die Familie gar nicht zu sehen ist. Es geht nur um das Setting des Kaufladen und der Menschen, die von ihm leben.

Finale

Der Film hat eine sehr interessante Dramaturgie, die sich sozusagen in Akten oder Sprüngen entwickelt, der dritte Akt ist natürlich die Zufahrt die Zugfahrt. Der zweite Akt wohl beginnt wohl mit dem Zeitpunkt, in dem es darum geht, aus dem Kaufladen einen Supermarkt zu machen. Auch die Plotpoint-Theorie ist mit dieser erzählt technischen Anlage einigermaßen gewahrt Punkt. Dass die Zugfahrt eine deutlich andere, melodramatische Färbung annimmt, vor allem natürlich die Schlussequenz, ist durchaus ein kleiner Stilbruch, weil sich der Fokus plötzlich ganz auf die beiden Liebenden verengt, aber warum alles geschieht, wie es geschieht, das bleibt präsent.

82/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) ARD-Inhaltsangabe

ReikoHideko Takamine
KojiYuzo Kayama
HisakoMitsuko Kusabue
TakatoYumi Shirakawa
ShizuAiko Mimasu
RurikoMie Hama
RegieMikio Naruse
DrehbuchZenzo Matsuyama
KameraJun Yasumoto
MusikIchiro Saito

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