In der selben Nacht – Polizeiruf 110 Episode 12 #Crimetime 814 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Arndt #Subras #Nacht #derselbe

Crimetime 814 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Ein Hauch von „Der Kommissar“ im Osten

Der Polizeiruf, der das erste Dutzend abschloss, war der zweite, den Regisseur Hans-Joachim Hildebrandt inszenierte, viele weitere sollten folgen. Außerdem ist er mit 85 Minuten die Produktion mit der bis dahin bei weitem längsten Spieldauer (85 Minuten, 15 mehr als der nächst kürzere bis dahin gedrehte Film der Reihe). Es bestand also Zeit, sich um die Figuren zu kümmern, denn den Ehrgeiz, die Handlungen maximal kompliziert zu gestalten, war in den frühen Polizeirufen eher selten zu beobachten und wenn der Plot für die meist üblichen etwas mehr als 60 Minuten doch zu üppig geriet, löste man das mit Talking Heads – die Ermittler zeichneten nicht selten ein Ablaufschema der Tat an der Tafel auf. Dies und einiges andere hat „In derselben Nacht“ nicht nötig. Warum nicht und über andere Aspekte steht mehr in der -> Rezension. Wir verwenden hier die Originalschreibweise von „derselben“, das heute als ein Wort geschrieben wird.

Handlung

Oberkellner Klaus Bander wird von seiner früheren Verlobten, dem Mannequin Gina, aufgefordert, in der nächsten Woche seine Schulden von 12.000 Mark zu begleichen. Er hatte sich einst das Geld von ihr geliehen, um sein Haus zu renovieren. Die Verlobung jedoch wurde aufgelöst und Klaus lebt inzwischen mit der jungen Serviererin Marion zusammen. Als Marion eines Nachts eine Abkürzung vom S-Bahnhof durch einen Forst nimmt, lauert ihr der Kleinkriminelle Fritz Tatzer auf und fordert sie auf, sich auszuziehen. Er bietet ihr Geld. Als Marion sich weigert, wird Tatzer handgreiflich. Marion gelingt die Flucht. Sie zeigt den ihr Unbekannten bei der Polizei an, die bald auf vier weitere Fälle stößt. Immer war der Tathergang gleich. Tatzeit und -ort weisen darauf hin, dass der Täter nicht aus der Gegend stammt, sondern nachts einen längeren Aufenthalt hat, um einen Anschlusszug in Richtung Wessendorf zu nehmen. Bei ihren Ermittlungen stößt die Polizei auf Fritz Tatzer, der wegen kleinerer Einbruchsdelikte vorbestraft ist. In seiner Wohnung treffen die Beamten jedoch nur seine Ehefrau an, die sich inzwischen von Fritz unter anderem wegen seiner Alkoholsucht getrennt hat. Sie berichtet den Beamten, dass Fritz inzwischen bei seiner Mutter in Wessendorf lebt.

Klaus Bander hat Marion von den fehlenden 12.000 Mark erzählt. Marion reist nach Rostock, um sich das Geld von ihrem Onkel zu leihen, der sie eigentlich für ihr Studium finanziell unterstützen wollte. Sie erhält das Geld und fährt mit einem Bekannten ihres Onkels einen Tag früher als geplant zurück. Am Bahnsteig sieht Tatzer sie, der kurz zuvor einen Kiosk überfallen hat, und folgt ihr. Die Polizei wurde wegen des Einbruchs alarmiert und erhält zudem den Hinweis, dass der gesuchte Triebtäter in der Nähe des Bahnhofs gesichtet worden ist. Oberleutnant Peter Fuchs, Leutnant Vera Arndt und Kriminalmeister Lutz Subras machen sich auf den Weg.

Bei Klaus ist unterdessen Gina angekommen, die ihren Ex-Verlobten an das ausstehende Geld erinnern will. Sie ist vom ausgebauten Haus samt Swimmingpool angetan und beginnt mit Klaus zu flirten. Beide landen erst gemeinsam im Pool und später zusammen im Bett. Plötzlich steht Marion in der Tür und flieht entsetzt, als sie Gina und Klaus sieht. Auf der Flucht verliert sie ihre Handtasche. Klaus folgt Marion und auch Gina begibt sich aus dem Haus. Wenig später kehren Klaus und Gina in das Haus zurück. Die Polizei findet unterdessen die tote Marion. Die Spuren am Tatort und die Verletzungen weisen auf Tatzer als Täter hin. Bei ihm finden sich zudem 1.000 Mark. Lutz Subras ist von Tatzers Schuld überzeugt, zumal der im Protokoll die Tat zugibt. Peter Fuchs jedoch ist skeptisch, da Alkoholiker Tatzer auf Entzug war und möglicherweise nur seine Ruhe haben wollte. Auch Vera Arndt hat Zweifel, da sie Klaus die Todesnachricht überbracht hat und der vorgab, allein zu sein, während in der Küche Geschirr für zwei vom Vorabend stand.

Klaus berichtet Gina vom Tod Marions und dem verschwundenen Geld, das Gina in dem Moment jedoch nicht wichtig ist. Diese Reaktion macht Klaus wütend. Er macht ihr Vorwürfe, dass sie indirekt am Tod Marions schuld sei.

Lutz Subras begibt sich in das Restaurant, in dem Klaus arbeitet. Auch Gina kommt dazu und wirft Klaus vor, ihr hinterherzuspionieren. Vera Arndt sucht Marions Onkel in Rostock auf, der ihr berichtet, Marion 12.000 Mark in einer Kassette gegeben zu haben sowie weitere 1.000 Mark zu ihrer eigenen Verfügung. Marion trug das Geld in ihrer Handtasche, die sie im Wald verloren hatte. Tatzer fand die Tasche, sodass er bei seiner Festnahme 1.000 Mark bei sich trug. Er hat in der Zwischenzeit auch sein Geständnis widerrufen. Lutz Subras lenkt das Interesse der Ermittler auf Gina, die er beschattet und unter anderem bei einem Fototermin angesprochen hat. Gina folgt Klaus eines Abends in sein Haus. Hier übergibt Klaus ihr die 12.000 Mark in einem Umschlag. Nach weiteren Fragen gesteht er, Marion unabsichtlich getötet zu haben, nachdem sie Gina als Flittchen beschimpft hatte. Die Ermittler sind Gina gefolgt. Als sie an der Tür klingeln, versteckt Klaus das Geld in Ginas Tasche. Auf Nachfrage gibt Gina zu, in der Nacht bei Klaus gewesen zu sein. Nach Marions Flucht sei er jedoch nur kurze Zeit weg gewesen. Klaus wiederum deutet an, dass der Besitzer des Geldes auch der Mörder sein müsse. Als die Ermittler gegangen sind, wirft Gina Klaus das Geld vor die Füße und geht. Auf dem Weg zum Bahnhof sieht sie einen Polizeiwagen und macht spontan eine Aussage, in der sie Klaus des Mordes an Marion belastet. Wenig später versucht Klaus über einen an das Grundstück grenzenden See zu fliehen. Die Geldkassette versenkt er im See und schwimmt los, wird jedoch von Lutz Subras eingeholt und zurück zum Ufer getrieben. Hier wartet bereits Peter Fuchs mit weiteren Beamten. Klaus wird festgenommen und Lutz findet wenig später die Kassette in Ufernähe – das letzte Beweisstück.

Rezension

Bei Hans-Joachim Hildebrandt erstaunt immer wieder der variable Stil. Man kann daher seine Filme nicht sofort als von ihm verantwortet erkennen, aber für „In derselben Nacht“ hat er auch das Drehbuch geschrieben und konnte daher viel von dem zeigen, wie er sich einen Polizeiruf vorstellte. Dafür bekam er drei Ermittler*innen und 85 MInuten Spielzeit zur Verfügung gestellt, wir lesen aus dieser Großzügigkeit ein gewisses Vertrauen der Abnahmekommission heraus – oder der Planer beim DDR-Fernsehen. Die Filme von Hildebrandt rufen bei uns nicht Rührungswellen oder emotionale Schwingungen hervor, wie wir das bei Werken von Manfred Mosblech oder Peter Vogel schon erlebt haben, aber der sehr autorenfilmhafte „In derselben Nacht“ profitiert von der Einheit von BIld- und Dialogstil und von der präzisen Zeichnung der Figuren. Niemand begeht eine Handlung, die bei uns Fragezeichen ausgelöst hätte, weil sie nicht zu einer vorherigen passt. Und doch sind die Personen sehr differenziert gezeichnet. Das ist auch in den folgenden Filmen oft schon recht gut gelungen, aber eine längere Spieldauer ist bei der Charakterentwicklung durch fast nichts zu ersetzen, es sei denn, ein Filmschaffender versteht es, in aller Kürze äußerst pointierte Charaktere zu erschaffen – die dann aber nicht allzu facettenreich sein können, wenn es nicht ins Comichafte abdriften soll.

Beim zwölften Polizeiruf hingegen lässt man sich Zeit, ohne langweilig zu werden und den Figuren etwas Auslauf, wenn man den Darstellern vertrauen kann. Das merkt man besonders den Polizist*innen an. Das Spiel von Fuchs, Arndt und Subras ist ausgezeichnet, modern, frei und assoziativ wirkend, ohne in für Tatorte ab den 1980ern übliche Blödeleien abzugleiten. Die Ausgewogenheit, die wir schon für die Poliizeirufe 13 und 14 („Gesichter im Zwielicht“, „Siegquote 180“) festgestellt hatten, trifft auch auf „In derselben Nacht“ zu, sodass wir langsam unsere Ansicht revidieren müssen, dass Fuchs immer dominiert. Das tut er als leitender Ermittler auf eine Weise ohnehin, aber auch in Nr. 12 können Arndt und auch Subras eigene Akzente setzen. Letzterer darf am Ende sogar einen kleinen Wasserkampf mit dem Täter ausführen und dass er gegen den ebenfalls recht stattlichen Bander gewinnt, wird konsequent aus einem früheren Dialog zwischen Fuchs und ihm abgeleitet, in dem es darum geht, wie die beiden sich fit halten.

Ein weiteres großes Plus sind die Frauen-Episodenrollen. Die junge Marion mit ihrer optimistischen und anschmiegsamen Art ist sicher einfacher darzustellen gewesen als Gina, die Frau mit den zwei Gesichern, die von Annekathrin Bürger sehr spannend verkörpert wird. Vielleicht die bis dahin beste Frauen-Episodenrolle. Alles, was sie tut, ist stimmig und nie übertrieben, gleich, ob es gebend, nehmend, fordernd oder einfühlsam wirkt. Mit ihr mitzugehen und zu beobachten, wie sie die Handlung in Gang hält, hat uns viel Spaß gemacht. Dietmar Richter-Reinick gibt dem Bander hingegen etwas Undurchsichtiges und dass er am Ende einfährt, ist nicht zwingend. Es war kein Mord, aber eine Körperverletzung mit Todesfolge, wie so oft in den Polizeirufen jener Epoche, wenn sie denn gewaltsam herbeigeführte Todesfälle beinhalteten. Sein materielles Streben kann man ihm vorwerfen, etwas zu viel haben zu wollen. Die schönste zum Haus ausgebaute Datsche, die hübscheste junge Freundin, sein Beruf als Oberkellner in einem gehobenen Restaurant prägt seine Einstellung – er sieht wohlständige Gäste und ohne dass er ihnen sozial gleichgestellt sein will, eifert er ihnen materiell nach. Dass er sehr wohl ein Klassendenken hat, sieht man erstmals, als er am liebsten seiner jungen Freundin das Studium an einer Hotelfachschule verbieten würde.

In dem Moment ahnten wir erstmals, dass etwas sich zusammenbrauen könnte. Anfangs hatten wir eine Art vorgebliches Déjavu, weil wir dachten, es ginge um Abrechnungsbetrug im Restaurant, dachten sogar, wir hätten den Film doch schon einmal gesehen. Wir meinten aber „Bitte zahlen“ von Peter Vogel, der offenbar einen bleibenden, aber nicht sehr präzisen Eindruck bei uns hinterlassen hat, darin geht es um Schmu in einem Interhotel. Deswegen hatten wir „In derselben Nacht“ sogar erst einmal zurückgestellt und erst die Nummern 13 bis 15 rezensiert.

Es ist aber nicht Bandner, der alles allein zu verantworten hat, auch Gina hat durch ihr Drängen auf Bezahlung einen Anteil daran, was geschieht, das sagt sie selbst. Dass Bander nicht gleich als Täter eingekreist wird, liegt an Tatzter. Geniale Idee, einen Grabscher so zu nennen, gespielt wird er von Fred Delmare. Wo Delmare mitmacht, ist für eine ganz eigene Art von Spannung gesorgt, weil er trotz der Limitierung durch seine geringe Größe noch ein großes Spektrum drin ist, deswegen weiß man nie, welcher Art die Figur nun sein wird. Wir glaubten aber nicht, dass er Marion umgebracht hat, dazu wurde er zu sehr in den Vordergrund gerückt. Die Spannung lieferte er mehr dadurch, dass er in seinen Reaktionen nicht so leicht auszurechnen war. Da kein weiterer Verdächtiger installiert wurde, musste es Bandner gewesen sein. Eine der wenigen echten Schwächen des Films: Hildebrandt versuchte gegen Ende noch schnell, Gina als weitere Verdächtige In den Ring zu werfen, weil sie behauptete, zwischenzeitlich das Haus verlassen zu haben, sodass sie zur Tatzeit hätte im Wald sein können. Darauf wurde aber vorher nicht hingewiesen und es gab keinen Grund dafür.

Finale

Ideologisch ist der Film schon ganz gut auf Linie: Geld verdirbt den Charakter und kann zum Tod hoffnungsvoller junger Menschen führen, wenn auch nicht zwangsläufig zu Mord. Je nachdem, wie konservativ die Macher sind, führt ja oft auch dann, wenn Geld im Spiel ist, in WIrklichkeit etwas anderes wie Eifersucht in die Tragödie. Hier aber nicht. Im Lauf des Films wird Bander immer unsympatischer, besonders, als er Gina mit ins Haus nimmt, während Marion einen Tag früher nach Hause zurückkehrt und die beiden dann in unzweideutiger Stellung oder Lage überrascht. Man rechnet es nicht Gina zu, dass das passiert, sondern Bandner, obwohl vorher eindeutig gezeigt wird, wie Gina es versteht, ihn sozusagen rumzukriegen. Das ist auch so gefilmt, dass man es nachvollziehen kann. Wir mögen auch eindeutige, böse Charaktere, aber wir haben dann manchmal auch Bauchschmerzen. Weil die meisten Menschen nicht so monolithisch sind. Vor allem, wenn Frauen als gänzlich schlechte Charaktere dargestellt werden, und das kommt in Polizeirufen durchaus vor, gehen wir nicht so gerne mit. Das vermeidet Hans-Joachim Hildebrandt und gibt Gina dadurch eine Persönlichkeitsstruktur, die sie anziehend macht, weil diese realistische Grautöne zeigt, mit einer Tendenz zum Dynamischen und Selbstbewussten – und der Fähigkeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Dadurch tut sie für ein modernes Frauenbild mehr als manche Heldin der Arbeit, die als Typ blass bleibt.

Es ist doch erstaunlich, dass eine ganze Reihe von Polizeirufen damals Todesfälle zeigte, wenn man genau hinschaut, kommt ein solcher aber nur in etwa jeder zweiten Produktion als den ersten Jahren vor, nach unserem Eindruck später sogar noch seltener. Im Sozialismus sollte es keinen Grund mehr geben, Mitmenschen um die Ecke zu bringen. Allerdings: Dann hätte es auch keinen Grund mehr für Diebstahl, Trickdiebstahl und Betrug geben dürfen, und davon gibt es in Polizeirufen sehr viel zu sehen, ausgeführt von Einzeltätern, Komplizen und ganzen Kollektiven.

Ein wenig hat uns „In derselben Nacht“ von seiner Machart an westdeutsche Filme der Zeit erinnert, schon wegen seiner Ausführung in Schwarz-Weiß eher an „Der Kommissar“ als an die Parallelreihe Tatort, auch das Setting und die Musik haben einen eingängigen Westtouch. Nicht deswegen, sondern wegen seiner überdurchschnittlichen Gesamtqualität, die Schnitt, Rhythmus und visuelle Gestaltung umfasst, kommt es auch zu einer überdurchschnittlichen Wertung.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberiner, Thomas Hocke

Regie Hans-Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans-Joachim Hildebrandt
Produktion Fred Retzlaff
Musik Walter Kubiczeck
Kamera Tilmann Dähn
Schnitt Marion Fiedler
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s