Havarie – Tatort 480 #Crimetime 815 #Tatort #Frankfurt #Brinkmann #HR #Havarie

Crimetime 815 - Titelfoto © HR, Jacquelin Krause-Burberg

Farewell, Fliege!

Im Jahr 2001 feierte der letzte Brinkmann-Tatort Premiere – „Havarie“. Von Frankfurt bis nach Marseille jagt Brinkmann einen Mörder – und dann? Dann kommt es zu einer Überraschung.

Mit 28 Fällen gehörte Brinkmann zur Zeit seines Abschieds zu den Kommissaren mit den meisten Fällen, ohne solche bleibenden Spuren hinterlassen zu haben wie Schimanski (29) oder Stoever und Brockmöller aus Hamburg (41/36). In einer Zeit, in der bereits das Bayern-Duo Batic und Leitmayer und Lena Odenthal in Ludwigshafen ermittelte, die Kölner Ballauf und Schenk kamen 1997 hinzu, wirkte Brinkmann mehr und mehr wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Ein ähnliches Gepräge wies nur noch Ernst Bienzle aus Stuttgart auf, der bis 2007 durchhielt. Mehr zum Film und zu Brinkmanns Abgang steht in der -> Rezension.

Handlung

Windecker, Mitte 50, Chef der in Frankfurt ansässigen FOM („Family of Man“), einer Hilfsorganisation für die Dritte Welt, bekommt aus Marseille die Mitteilung, dass ein Frachter mit Hilfsgütern der FOM gesunken ist. Doch die Nachricht der Reederei Leman scheint Windecker nicht sonderlich zu beeindrucken. Sehr viel nachdenklicher reagiert er, als ihm der Besuch von Löwberg, einem Freund aus früheren Tagen, angekündigt wird. Einige Stunden später wird die Leiche Windeckers auf dem Golfplatz gefunden.

Kommissar Brinkmann und sein Assistent Robert Wegener entdecken hinter der Fassade des großen, anerkannten Geschäftemachers und charmanten Mannes eine ganz andere Welt: Amelie, Windeckers Ehefrau, die von ihm zerstört wurde, sein Sohn Max, der immer im Schatten des Vaters stand, und auch seine langjährigen Mitarbeiter Kemmer und die Sekretärin, Frau Miersch, haben Windecker nicht gerade geliebt. Als einer der Verdächtigen verschwindet, reist Kommissar Brinkmann auf eigene Faust hinterher. In Marseille vermutet er, eine Spur zu finden. Zu spät bemerkt Brinkmann, dass er sich in allergrößte Gefahr gebracht hat.

Rezension

Aber auch Ernst Bienzle ist mit seiner bodenständigen und emotionaleren Art eine Ecke moderner gewesen als der steif und manchmal überheblich wirkende Brinkmann. Mann kann natürlich auch sagen: Er war einer der Coolsten. Schon wegen der Fliege. In „Havarie“ trägt er zwischenzeitlich ein besonders mächtig geratenes Exemplar der Sorte Querbinder. Ob es sich als Heckrotor eines Hubschraubers geeignet hätte? Vielleicht hätte Brinkmann damit sogar selbstständig abheben und nach Marseille fliegen können, wenn er der Typ dazu gewesen wäre. Der Traum vom autonomen Ermittler, vom Supercop zwischen den Welten und über allen Niederungen wäre wahr geworden.

Ein wenig von dieser Aura hat der Film, obwohl Brinkmann angenommenermaßen eine standardmäßige LInienmaschine genommen hat, um in die südfranzösische Hafenstadt zu kommen, in welcher er beinahe authentischer wirkt als in der Stadt mit den Bankentürmen. Da kann er nun forschen, sich einem hartnäckigen Verfolger entziehen, sich in Hauseingängen verstecken, es gibt auch mal Szenen mit Humor, ganz wie in einem richtigen romanischen Gangsterfilm. Zu diesen Filmen gehört auch eine große Melancholie, das Wissen um das jederzeit bevorstehende Scheitern, um die Vergänglichkeit jener Reichtümer, die durch Verbrechen erworben werden, sofern es keine richtigen Großverbrechen sind, wie sie in der Wirtschaft jeden Tag passieren, ohne dass jemand zur Verantwortung gezogen wird. Aber die sind ja nicht so romantisch, wie das, was wir in Marseille sehen.

Ein Mann und eine Frau. Er hat sie mitgenommen aus dem inneren Gefängnis einer schrecklichen Ehe, eines Lebens mit einem bösartigen Narzissten, der sie und alle anderen in seiner Umgebung fertiggemacht hat, pikanterweise als Chef einer humanistischen Organisation, die Hilfsgüter in die „Dritte Welt“ verbringt. Dieser Mensch organisiert zusammen mit einem französischen Reeder einen Versicherungsbetrug per Schiffsuntergang, der ihm mehrere Millionen Mark Gewinn einbringt (im Jahr darauf wären es schon Euro gewesen). Das ist es, was ich vorhin meinte. Aus dem Geschäft selbst heraus wäre ihm gar nichts passiert, vielmehr gibt es einen Kampf mit einem alten Freund und jetzigen Widersacher, den er demütigt, einen persönlichen Streit, der gar nichts mit der absichtlich herbeigeführten Havarie zu tun hat.

Fallmäßig ist „Havarie“ kein Hit, wirklich nicht. Kunstvolles Konstruieren sieht anders aus. Außerdem kommt der Film langsam in Gang und die Figuren wirken noch typisch 1990er – über- oder unterzeichnet,  Ersteres vor allem der Haustyrann. der maximale Max. Ihn zu spielen, dürfte eine ziemlich anstrengende Rolle gewesen sein. Aber auch das genaue Gegenteil, die durch eine zu lange Zeit mit ebenjenem Max traumatisierte Amelie, war wohl nicht leicht zu interpretieren. Jedenfalls brauchte es lange, bis ich mich mit ihr oder mit dem Mann identifizieren konnte, der sie unbedingt durch eine späte Erfüllung alter Liebe retten will – obwohl dieser von Manfred Zapatka sehr sympathisch dargestellt wird, in seiner dezenten Art. Außerdem hat er einen Schreibjob und lebt in einer Singlewohnung in Südfrankreich. Und seine alte, wiedergefundene Liebe nennt Brinkmann einen ausführenden Roboter oder so ähnlich. Sinngemäß natürlich, nicht wörtlich. Er hat sie aufgespürt, sie sitzen sich im Café gegenüber, die beidem vom Leben Angefassten und der Mann, der schon so viel Verfehlung und Leid gesehen hat und eh in Rente gehen wird. Was könnte er da nun machen?

Ja, der lässt den Mann, der es geschafft hat, seine Liebe zu sich zu holen und der behauptet hat, es war ein Handgemenge, quasi Notwehr, man kennt das ja: Typen wie Max lassen einem keine andere Chance, sie loszuwerden, er lässt jenen Mann laufen. Seine letzte Amtshandlung ist, nicht zu handeln, sondern eine höhere Gerechtigkeit über das Recht siegen zu lassen. 2001 mag das noch ungewöhnlich gewesen sein. Doch in einer Zeit, in der Beamt*innen weniger moralischer Sicherheit im Rücken Beweise fälschen, Beweise verschwinden lassen, den Datenschutz aushebeln, unerlaubte Tricks und Verhörmethoden anwenden und was noch alles, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen, da ist dieses Farewell to Law and Order, dieser letzte humanistische Gnadenakt, geradezu rührend.

Finale

Es ist ein schöner, würdiger Abschied, den man Brinkmann gegönnet hat. Nach ihm würden Sänger und Dellwo den Frankfurt-Tatort auf eine neue Stufe heben, ihn packender, emotionaler und vom Filming wesentlich moderner zurücklassen, um ihrerseits an das Duo Steier / Mey zu übergeben.

Ein großer Abschiedstatort ist es nicht, dafür ist vor allem der erste Teil vor Brinkmanns Flug nach Marseille viel zu konventionell und zu wenig inspiriert gefilmt, auch sein Solo überzeugt vor allem deshalb, weil sein Verfolger ein – sorry – Idiot ist. Für einen professionellen Killer aus der örtlichen OK stellt er sich jedenfalls recht unbedarft an und erst dadurch hat Brinkmann die Chance, am Ende seine großzügige Geste zu zeigen. Trotzdem macht es Spaß, ihn durch die Gassen der Altstadt von Marseille eilen oder schleichen zu sehen. 2016 vertarb Brinkmann-Darsteller Karl-Heinz von Hassel, der vor seinem Einsatz als Frankfurter Kommissar schon viele Episodenrollen gespielt hatte – vor allem im NDR-Tatort Hamburg.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Brinkmanns Letzter

„Nach 28 Fällen in 15 Dienstjahren war Schluss: Tatort-Kommissar Brinkmann, der Mann mit der Fliege, trat im Jahr 2001 seinen wohlverdienten Ruhestand an. „Havarie“ lautet der Titel des letzten Einsatzes von Schauspieler Karl-Heinz von Hassel in der Rolle von Edgar Brinkmann. – Und der letzte Fall hat es noch einmal in sich: der Frankfurter Fahnder geht für die Ermittlungen, die ihn bis nach Marseille führen, ein hohes Risiko ein.“ (Redaktion Tatort Fans)

Obwohl ich seit 10 Jahren zunächst an der TatortAnthologie, jetzt am Feature „Crimetime“ arbeite, habe ich „Havarie“ noch nicht gesehen. Im Osten Deutschlands hat das Wort eine viel umfänglichere Bedeutung: Jeder technische Störfall kann eine Havarie sein. Aber wir sind in Frankfurt am Main, und hier ist die Anwendung des Begriffs, zumindest im Jahr 2001, in dem engeren Bereich, in dem er mir bekannt war: Es handelt sich um ein Schiffsunglück oder zumindest um einen Tatbestand, der nach einem Unglück aussieht.

Brinkmann-Tatorte gelten allgemein nicht als besonders progressiv, das liegt schon am Auftritt des Kommissars. Er trägt Trenchcoat, zwar keinen Hut, wie Bienzle, Markowitz, Stoever (manchmal), dafür eine Fliege. Immerhin ist das ein Alleinstellungsmerkmal, auf Anhieb fällt mir kein weiterer Tatort-Ermittler mit dieser Querkrawatte ein. Der am besten bewertete Film des Frankfurt-Kommissars liegt aktuell auf Platz 322 von 1149 in der Gesamtrangliste des Tatort-Fundus („Der Tod fährt Achterbahn“).

„Havarie“ hingegen erreicht auf der internen Brinkmann-Rangliste nur Platz 24, was insgesamt Platz 1040 bedeutet. Das ist sehr wenig, zumal für einen Abschiedsfall, denn für die Ausstände hat man sich bei renommierten, langjährigen Ermittlern zuweilen etwas Besonderes einfallen lassen („Bye, bye, Tatört“, Stoever & Brockmöller) und das Publikum vergibt gerne auch ein paar Nostalgiepunkte. Bei Brinkmann war das offensichtlich nicht der Fall, auch wenn der Trip nach Marseille sich aufwendig liest – und, wenn man ehrlich ist: Der Sprung nach vorne, hinein in die Moderne, den der Hessische Rundfunk nach Edgar Brinkmanns Abgang mit dem Duo Charlotte Sänger / Fritz Dellwo vollzogen hat, ist einer der augenfälligsten der Tatortgeschichte.

Kommentare von Menschen, die den 480. Tatort gesehen haben, weisen darauf hin, dass Karl-Heinz von Hassel wohl anders könnte als so konservativ, wie man ihn den Brinkmann regelmäßig spielen ließ, dies  zeige sich in der Marseille-Sequenz.

Der Film wird am Freitagabend, 03.07.2020 im ERSTEN wiederholt. Ich werde ihn aufzeichnen und demnächst erscheint die Rezension dazu im Wahlberliner.

Besetzung und Stab

Kommissar Brinkmann – Karl-Heinz von Hassel
Assistent – Günter Waidacher
Tatjana – Jessica Stockmann
Amelie – Daniela Ziegler
Helga Mirsch – Renate Becker
Max – Stephan Kampwirth
Löwberg – Manfred Zapatka
Dr. Kemmer – Alexander Radzun
Windecker – Hans Peter Hallwachs
Ältere Dame/Hilde – Monika Hohn

Musik – Robert Sattler
Regie – Sylvia Hoffman
Kamera – Peter Hoffmann
Szenenbild – Klaus Wischmann
Buch – Sylvia Hoffman

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