Gefährliche Begegnung (The Woman in the Window, USA 1944) #Filmfest 244

Filmfest 244 A

Zwei Filme von Fritz Lang, die man zusammen besprechen kann

2020-08-14 Filmfest A

1.) Gefährliche Begegnung (Originaltitel: The Woman in the Window) ist ein US-amerikanischer Film noir des deutsch-österreichischen Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahr 1944. Er basiert auf dem Roman Die Frau im Fenster (Originaltitel: Once Off Guard, später: The Woman in the Window) von J. H. Wallis. (1)

2.) Straße der Versuchung (Originaltitel: Scarlet Street) ist ein US-amerikanischer Film noir des deutsch-österreichischen Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahre 1945. Der Film entstand nach dem französischen Theaterstück La Chienne von Georges de La Fouchardière und André Mouézy-Éon. Bereits 1931 verfilmte Jean Renoir das Stück unter dem Titel Die Hündin. (1)

Beide Filme entstanden in direkter Folge, werden allgemein demselben Genre zugerechnet und die Hauptrollen werden von denselben Darsteller*innen gespielt. Zuletzt haben wir von Fritz Lang „Ministerium der Angst“ besprochen, „Gefährliche Begegnung“ ist wiederum der direkte Nachfolger. Für die Vorstellung auf dem Filmfest trennen wir aber wieder – wir publizieren diese Rezension also für jeden der beiden Filme jeweils ein Mal. Daher steht oben auch nur einer der beiden Filmtitel.

Handlung (1)

Richard Wanley, ein angesehener Professor, verliebt sich in das Gemälde einer jungen Frau, das im Schaufenster einer Kunstgalerie ausgestellt ist. Als er die dargestellte Alice Reed nach einem Besuch seines Clubs beim Betrachten des Porträts kennenlernt, begleitet er sie nach Hause. Dort wird er von Alices Liebhaber, dem Unternehmer und Millionär Claude Mazard, überrascht, der sich eifersüchtig auf ihn stürzt und zu erwürgen versucht. Wanley tötet Mazard in Notwehr mit einer Schere. Er und Reed einigen sich darauf, den Mord zu vertuschen, und Wanley versteckt die Leiche in einem nahe gelegenen Waldstück.

Bei der Beseitigung der Leiche werden jedoch zahlreiche Fehler gemacht und Spuren hinterlassen: An einer Brücke mit Mautstelle lässt Wanley das Geldstück fallen und muss umständlich nach einem neuen suchen. Auf diese Weise kann sich der Brückenwächter sein Fahrzeug einprägen. Im Wald hinterlässt Wanley Reifenspuren und Fußabdrücke, die später von der Polizei gefunden werden. An einem Stacheldraht im Wald zerreißt er sich seinen Anzug und verletzt sich, so dass die Polizei später Stoffreste und Blutspuren findet. Da er nicht weit genug in den Wald hineingehen kann, wird die Leiche bald von Pfadfindern gefunden.

Nachdem Mazard gefunden wurde, übernimmt Wanleys Freund, der Bezirksstaatsanwalt Frank Lalor, die Ermittlungen in dem Fall. Wanley bemerkt, wie sich die Hinweise auf seine Person verdichten, er wird unsicher und macht immer wieder leichtsinnige Bemerkungen, die den Verdacht auf ihn lenken.

Hinzu kommt, dass er und Reed von Mazards vorbestraftem Leibwächter Heidt erpresst werden. Dieser weiß von dem Mord und sammelt in Reeds Wohnung Beweisstücke, darunter die Taschenuhr des Opfers, um die beiden unter Druck setzen zu können. Reed und Wanley können zwar die geforderte Geldsumme auftreiben, beschließen aber, um eventuelle zukünftige Erpressungen auszuschließen, Heidt zu töten. Als der Plan, Heidt zu vergiften, misslingt, sieht Wanley keinen Ausweg mehr und nimmt eine Überdosis Schlafmittel.

Der Fall erfährt jedoch eine überraschende Wendung, als der bis dahin als Zeuge gesuchte Heidt von einem Polizisten in Notwehr erschossen wird, nachdem er Reeds Wohnung verlassen hat. In seinen Taschen findet man Mazards Uhr, was die Polizei zu dem Schluss veranlasst, Heidt sei der gesuchte Mörder. Reed ruft Wanley an, um ihm davon zu erzählen, doch dieser liegt bereits im Sterben.

An dieser Stelle des Films erwacht Wanley in einem Sessel seines Clubs. Es stellt sich heraus, dass alles nur ein Traum war: der Angestellte an der Garderobe sieht aus wie Mazard, der Clubportier wie Heidt. Nachdem er aber kurz darauf beim abermaligen Betrachten des Porträts wieder von einer Frau angesprochen wird flüchtet er panisch.

Rezension

Anni und Tom über „Gefährliche Begegnung“ und „Straße der Versuchung“ („Woman in the Window“ und „Scarlet Street) von Fritz Lang

AnnI: Mitte der 1940er hat Fritz Lang, etwa zehn Jahre nach seiner Emigration in die USA, zwei Filme mit Edward G. Robinson und Joan Bennett gemacht, die heute zu den Klassikern des Film noir zählen und die beiden zu vergleichen, bietet sich wirklich an. Dank unserer heutigen Medienvielfalt konnten wir sie uns kurz hintereinander im Original ansehen – erst „Scarlet Street“ und am Abend darauf „Woman in the Window“.

Tom: Wobei ich Letzteren schon mindestens zwei Mal in der deutschen Fassung gesehen habe, Letzteren noch nie. Und als „Scarlet Street“ ein paar Minuten andauerte, hatte ich tortzdem ein Déjavu. Eines, das sich auf „La Chienne“ von Jean Renoir bezog, den wir uns kürzlich angeschaut haben. Ich dachte zunächst, Langs Film sei ein direktes Remake, aber beide Werke basieren ja auf dem Stück „La Chienne“ von Georges de La Fouchardière und André Mouézy-Éon. Langs Film wird in der IMDb übrigens  etwas höher bewertet (7,9/10) als das Original (7,7/10).

Anni: Und „Woman in the Window“ bekommt 7,8/10. Die Filme geben sich also nicht viel, wenn es nach der Meinung heutiger Kinofans geht. Beide zählen auch nach deren Meinung zu den besten Filmen, die Lang in den USA gedreht hat, übertroffen nur von „The Big Heat“  aus 1953 (8/10) und gleichauf mit „Fury“ (1936), den du ja vor einigen Jahren schon rezensiert hast und klasse fandest. Aber sind „Scarlet Street“ und „Woman in the Window“ wirklich gleichwertig?

Tom: Mich stört mittlerweile an „Gefährliche Begegnung“ diese Anlage der eigentlichen Handlung als Traum. Auf mich wirkt es, als sei den Drehbuchautoren am Ende keine Lösung eingefallen, als Professor Warnley sich mehr und mehr verstrickt.

Anni: Dafür ist das Ende aber sehr humorvoll für einen Film noir und für Fritz Langs Verhältnisse, also ist der Film eigentlich gar kein echter „Noir“. Und wenigstens spielt Joan Bennett hier nicht eine so üble Person wie in „Scarlet Street“, sondern eine Frau, die genauso in die Sache hineingezogen wird wie der Professor. Eine echte Femme fatale, die nicht böse ist, aber das Schicksal eines Mannes dennoch wendet. Das hat mir gut gefallen. Außerdem ist durch diese Traum-Konstruktion der Beginn der Binnenhandlung nicht so unwahrscheinlich. Dass die Frau auf dem Gemälde tatsächlich hinter dem Professor auftaucht und ihn umgehend, naja, mit dem Umweg über eine Bar, mit nach Hause nimmt.

Tom: Ja, „Woman in the Window“ hat einen mystischen und unrealistischen Touch. Was dem Prof allein alles auf der Fahrt mit der Leiche passiert, ist ja schon albern, aber es steigert natürlich die Spannung. Der Film ist viel mehr ein Krimi als „Scarlet Street“, der im Grunde ein Melodram mit pseduorealistischem Anstrich darstellt.

Anni: Dir gefällt das „Original“ von Renoir besser, oder?

Tom: Ich mag Edward G. Robinson wirklich sehr, aber der Humor, der in „La Chienne“ auch steckt, das Satirische, das durch seine Knappheit nicht so unwahrscheinlich Wirkende hat eine andere Qualität als diese schrecklich ausgespielte Düsternis in „Scarlet Street“. In ihm gibt es gegenüber Renoirs 14 Jahre älterem Film einige Wendungen mehr, aber weil alles so ausgespielt ist, wirkt der Plot wesentlich unwahrscheinlicher. Diese leichthändige Inszenierung von Renoir fehlt, der satirische Ansatz und natürlich muss am Ende der arme Criss Cross durch die Straßen irren, aber nicht in friedlicher Eintracht mit dem Ex seiner Frau, sondern tief verzweifelt. Dass er für den Mord an „Lazy Legs“ nicht verhaftet und hingerichtet wird, hat mich schon gewundert.

Anni: Unter dem Regime des Hays Code wäre ein so fröhliches oder befreites Ende wie in „La Chienne“ nicht denkbar gewesen, also hat Lang einen Film noir aus dem Stück gemaht, und dieses Mal ist es ein echter Film noir. Die beiden Frauen darin sind allerdings so schrecklich, dass ich schon deswegen Vorbehalte gegen den Film habe. Klar, es ist künstlerische Freiheit und Lang ist in seinen Filmen kein Frauenhasser, aber da musste Joan Bennett auch ganz schön überagieren, um diese Figur so richtig lebendig zu  machen. Und der arme „kreuz und quer“ Criss Cross wird mir doch ein wenig zu melodramatisch gezeichnet.

Tom: Eigentlich sind wir uns einig, dass wir „Woman in the Window“ mehr mögen, um eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Anni: Wenn du auch der Ansicht bist, ja. Der Film hat etwas Schelmisches und eine Ironie, die „Scarlet Street“ vollkommen abgeht, und gerade bei dem Stoff wäre eine etwas distanziertere Betrachtung doch dringend geboten. So, wie Renoir sie geliefert hat – von der Mordszene abgesehen, die ist bei ihm im wörtlichen Sinn blutiger und dramatische, dafür aber auch überzeugender geraten. Und es gibt  bei Lang nicht diesen Straßenmusikanten, den man durchs Fenster hört, während die Hündin erstochen wird. Daran siehst du, dass Paris sich für ironische Brechungen viel besser eignet als New York.

Tom: Ich finde es bemerkenswert, wie die beiden Lang-Filme dieselben Schauspieler zeigen, auch Dan Duryea als Bösewicht ist in beiden dabei, und die Rollenverteilung ähnlich, aber nicht gleich ist, und wie Robinson und Benett doch in beiden Filmen unterschiedliche Typen spielen. „Woman in the Window“ ist auch höher angesiedelt, sozial gesehen. Alles hat diese Gediegenheit typischer Gangster-Noirs aus den 1940ern, eine durchaus andere, angenehmere Atmosphäre als „Scarlet Street“. Letzterer ist natürlich in gewisser Weise eindrücklicher, fordert mehr eine Stellungnahme heraus. Weil er auf soziale Umstände hinweist.

Anni: Um Geld geht es in beiden, und zwar massiv, aber das ist ja in den Films noirs immer so, aber in „Scarlett Street“ gewinnt es noch mehr eine eigene Bedeutung. Das war schon in „La Chienne“ so, dass unglaublich viel über verschiedene Summen gesprochen wurde.  Duncan / Müller heben „Woman in the Window“ heraus, indem sie ihn gesondert besprechen, während „Scarlet Street“ nur zu den „1000 besten Films noirs“ gezählt wird. Und „Scarlet Street“ wurde in der Tat indiziert, das heißt, man hat das Ende und vielleicht auch die Figuren dann doch im Zeitalter McCarthyismus nicht mehr akzeptiert.

Tom: Keine Frage, dass „Scarlett Street“ sehr viel konsequenter ist, auch eine Systemanklage darstellt, wie schon „Fury“. Der Film zielt recht deutlich in die Richtung, die „Frau ohne Gewissen“ von Billy Wilder ein Jahr zuvor eingeschlagen hat, in dem der weibliche Charakter durch und durch von der Geldsucht verdorben ist. Obwohl diese Filme unser Narrativ für den Kapitalismus untermauern, lehnt man sich doch gegen sie auf, weil Menschen so grundschlecht gezeichnet werden.

Anni: Frauen, vor allem. Duncan / Müller weisen auf die sehr an kulturhistorischen Motiven orientierte und reiche Einleitung von „Gefährliche Begegnung“ hin, die Ironie zwischen den Vorlesungen des Psychologen Wanley zur unterschiedlichen Behandlung von Straftätern je nach deren Motiv, dann das Lied der Lieder als Übergang zur Traumsequenz. Aber so ganz geht es auf diesem Niveau nicht weiter.

Tom: Das wäre auch bei einem Krimi etwas strapaziös. Ich hatte den Eindruck, mit der Spiegelszene, in der Wanleys Spiegelbild von einer Vase verdeckt wird, als würde er nun bald sein Gesicht der Wohlanständigkeit, wenn nicht seine Identität als gemütlicher,v erheirateter Professor verlieren, war der letzte große Symbolmoment. Was weitergeführt wird, ist die gute, variationsreiche Bebilderung und ist auch die Modernität des Films. Lang hatte, wie Duncan / Müller schreiben, ein Faible für Technik, und das setzt er auf der Leichenfahrt ein, auf der viele Elemente des Straßenverkehrs als Spannungsverstärker verwendet werden, und schon Mitte der 1940er gab es Haussprechanlagen in New York. Fehlt nur die Videoüberwachung. Das habe ich mir übrigens vorgestellt, was Wanley alles hätte anstellen müssen, wenn sowohl das Appartmentgebäude, in dem Alice Reed wohnt als auch die Straßen damals schon überwacht gewesen wären.

Anni: Überwachung schafft eben doch Sicherheit. Du kannst heute nicht mehr mit einer verdächtig nach eingewickeltem Mensch aussehenden dunklen Decke über der Schulter aus dem Haus rennen und sie dieses Paket einfach in den Kofferraum deines Autos werfen.

Tom: Deswegen tendiere ich auch dazu, wenn ich mich beim Schreiben entspanne, Films noirs wirklich in die Zeit zu verlegen, in denen die besten von ihnen entstanden sind. Über 70 Jahre sind die beiden Filme mittlerweile alt, aber sie haben durch ihre Atmosphäre und ihren Stil immer noch einen hohen Unterhaltungswert. Wobei ich trotz des Traum-Endes „Gefährliche Begegnung“ vorziehe, dafür 8/10. Und 7/10 für „Scarlet Street“, der für mich zu forciert wirkt.

Anni: Ich gebe 7,5/10 und 7/10.

„Gefährliche Begegnung“ 78/100 und „Straße der Versuchung“ 70/100.

© 2020, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

(1) Wikipedia

Regie Fritz Lang
Drehbuch Nunnally Johnson
Produktion Nunnally Johnson
Musik Arthur Lange,
Hugo Friedhofer (ohne Nennung)
Kamera Milton R. Krasner
Schnitt Marjorie Johnson
Besetzung
Regie Fritz Lang
Drehbuch Dudley Nichols
Produktion Fritz Lang
Musik Hans J. Salter
Kamera Milton R. Krasner
Schnitt Arthur Hilton
Besetzung

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