Ein Schuss zuviel – Tatort 100 #Crimetime 816 #Tatort #Essen #Haferkamp #WDR #Schuss #zuviel

Crimetime 816 - Titelfoto © WDR

Ein kleines, großes Jubiläum mit Haferkamp

Nach dem 1000. Tatort („Taxi nach Leipzig“, bezogen auf den Zeitpunkt, zu dem der Entwurf verfasst wurde) nun die Nr. 100, mit Heinz Haferkamp als Kommissar. Ein Rücksturz in die späten 1970er, nachdem ich von den frühen 1970ern (Tatort Nr. 1) gerade erst wieder ins Hier und Heute katapultiert worden bin. Und wie stand der Tatort vor 40 Jahren? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Zwei Untersuchungshäftlinge nehmen einen Vollzugsbeamten als Geisel und brechen aus der Haftanstalt aus. Vor dem Haupttor erschießt Wachtmeister Jakobs einen der Ausbrecher, den Türken Suk.

Kommissar Haferkamp sieht sich einer schwierigen Situation gegenüber, denn Wachtmeister Wörlemann wirft seinem Kollegen Jakobs vor, er habe voreilig und unnötig geschossen.

Da Jakobs den Wahrheitsgehalt dieser Aussage bestreitet, wäre der flüchtige Tomi Selzer ein wichtiger Zeuge, aber Tomi stellt sich nicht, weil er keinesfalls ins Gefängnis zurück will. Er war unschuldig in Haft, durch die Geiselnahme jedoch muß er mit einigen Jahren Strafe rechnen.

Haferkamp setzt alle Mittel ein, seines mißtrauischen Zeugen habhaft zu werden. Beinahe zwangsläufig führen diese Verwicklungen zur Katastrophe.

Rezension

Dass ich immer wieder alte Tatorte anschaue, um für die TatortAnthologie des Wahlberliners über sie zu schreiben, ist ja nichts Neues. Dabei kommt es immer wieder zu Zeitreisen, bei denen ich allerdings auf die Rolle des stummen Zeugen festgelegt bin. Ich weiß nicht, ob der hunderste Tatort schon so ein Event war wie die Nummer 1000, ich denke, eher nicht.  Vielleicht hat man die Filme der Reihe damals nicht einmal öffentlich durchgezählt, das Listenwesen in solchen Dingen ist ja erst mit dem Internet richtig in Schwung gekommen, also in den späten 1990ern.

Aber damals hat es neun Jahre gebraucht, bis das erste Hundert voll war,  heute schafft die hochtourige Produktionsmaschine der ARD-Sender diese Zahl in zweieinhalb Jahren. Dafür gibt es keine Kommissare mehr, die einzeln eine solche Stellung haben. Immerhin gab es damals drei neue Haferkamp-Filme pro Jahr, das ist auch heute der Turnus, den Spitzenteams aufweisen – nur die Kölner machen noch mehr, weil der WDR mit ihnen offenbar das Blaue Band der meisten Tatorte mit einem Team erringen will, und das haben derzeit noch die Münchener inne, die sechs Jahre länger im Dienst sind.

Der WDR war aber auch in den 1970ern prominent dabei, denn in der Tat war jeder vierte Tatort, der neu herauskam, einer mit dem Essener Kommissar, dem Nachfolger von Zollfahnder Kressin und dem Vorgänger von Horst Schimanski, den man dann in Duisburg angesiedelt hat.

Nach etwas Haferkamp- und Tatorthistorie, die in diesen historischen Tagen unvermeidlich scheint, aber zum Film! Ein Ausbrecherdrama, aber auch das eines Aufsehers in einer JVA. Und vielleicht auch eines von Haferkamp selbst.

Wer behauptet, es sei ja logisch, in  unserer Zeit, dass man müde und überreizt und abgespannt wird von all dem Trubel und den täglichen Kämpfen, der muss sich mal „Ein Schuss zuviel“ ansehen und wird merken: War vor  fast 40 Jahren alles schon genauso.  Dazu trägt natürlich auch die Ruhrpott-Tristesse bei, die in den Haferkamp-Tatorten maximal betont wird. Von den Büros bis zu den stillgelegten Industrieanlagen, die immer wieder gerne genommen werden, atmet alles  eine gewisse Erschöpfung und auch der  Zustand danach darf nicht fehlen: Exitus. So endet der Ausbrecher, wie die Zechen, von denen eine den Hintergrund fürs Finale am Seil bildet. Was das Seil da soll, erfahren wir nicht, aber wie es sich anfühlt, wenn man sich nicht mehr daran halten kann, weiß ich noch aus der Turnstunde. Es gab Ertüchtigungsübungen, die mir mehr lagen als Seilklettern.

Aber auch die Figuren tragen erheblich zur Tristesse bei. Jakobs, der im Dienst sichtlich gealterte Aufseher, auch einige seiner langjährigen Kollegen, wirkt schon ziemlich abgehärmt und diese Optik unterstützt sein Spiel, den Habitus eines Sorgenmenschen. Heute altern die Leute anders, mehr innerlich oder werden schutzweise nie erwachsen, aber so viel Gewissen wie bei Jacobs, so viel Korrektheit und Zuwendung auch den Verbrechern gegenüber und dnn eine unkontrolliert überschießende Handlung bei einem Fluchtversuch, ein ganz und gar feinschichtiges Motivbündel, warum es so kam und ebenso psychologisch aufgedröselt wird dann jede einzelne denkbare Wirkung dieser Handlung. Das ist richtig anstrengend, auch für den Zuschauer.

Selbst Haferkamp ist irgendwann genervt. Oder doch von Beginn an – jedenfalls habe ich ihn bisher noch nicht so müde gesehen, wende aber gleich ein, dass ich einige seiner Fälle noch nicht kenne. Diese Müdigkeit äußert sich darin, dass er nicht sehr empathisch wirkt und in beinahe jeder Situation erkennen lässt, dass er aufatmen wird, wenn sie vorbei ist. Ob bei der Vernehmung der Justizbeamten, der Freundinnen von Tommy, bei Unerhaltungen mit dem Staatsanwalt, immer ist da eine leicht aufgedunsen wirkende Überreiztheit spürbar. Nur, als Tommy ihn in seine Gewalt bringt, geht er mal aus sich heraus, und da ist schon früh und spät vorbei. Das Spannendste an diesem Tatort ist ohnehin die Frage, ob Haferkamp den Verlauf hätte durch mehr Engagement beeinflussen können, nicht etwa die Art, wie die Handlung dargeboten wird.

Die Psychologie der Figuren ist wirklich sehr gut, ich habe ständig nicken müssen, weil alle sich auf ihre Weise natürlich verhalten, aber der Preis dafür ist eine elegische Langsamkeit – in einigen Szenen jedenfalls. Zum Beispiel die Zug-Szene mit Tommy und Sisi, da guckt mir die Kamera deutlich zu lang bzw. zu oft durch die Fenster ins graue Revier. Schon klar, dass damit auch Seelenzustände und der Stand der Dinge gespiegelt werden soll, aber etwas weniger wäre mehr gewesen. Auch ältere Filme sind nicht immer so langatmig, viele Filmklassiger widerlegen, dass das Tempo erst in den letzten Jahren in dieses Medium Einzug gehalten hat.

Leidet der Film unter der bei neuen Tatorten gängigen Überfrachtung?

Wenn man bedenkt, was hier alles verarbeitet wird, liegt der Schluss nah. Das Ausbrecherdrama, das Drama um den erschossenen fliehenden Häftling und damit das des Mannes, der ihn erschossen hat, hübsche Frauen, die sich um einen jungen Ausreißer balgen und wie man Liebe von eigensüchtigem Besitzdenken unterscheidet und schließlich noch ein Ausländerthema, dessen Abarbeitung mich erheblich überrascht hat.

Zunächst zu Letzterem

Die Türken, die hier vorkommen, werden alles andere als schöngefärbt. Ihr Protest gegen den Tod des Landsmanns Suk wird ausgerechnet von einer Gruppe angeführt, die sich mit kriminellen Machenschaften wie Passfälschung befasst und man bekommt schon eine erste Ahnung davon, wie es ist, wenn alle dichthalten und eine verschworene Parallelgesellschaft sind, als die Polizei im Wohnheim aufschlägt und dabei nichts Wesentliches in Erfahrung bringen kann. Selten habe ich Ausländer so sehr als eine verschworene Gruppe von Unsympathen in einem Tatort dargestellt gesehen, und immerhin kommt der Film vom WDR. Es gab auch mal einen Veigl-Tatort mit Schwarzarbeit, bei dem man am Ende nicht mehr wusste, ob die Klischees angesprochen und reflektiert oder bestätigt werden sollte, die man damals von Gastarbeitern hatte, aber da war auch der deutlich konservativere Bayerische Rundfunkt für die Produktion zuständig.

Komischerweise war ich dann von den Protesten und natürlich von dem Steinwurf mit der Rachedrohung genauso angefixt wie Haferkamp und der Staatsanwalt, der aber immer schön aufpasst, dass er sich selbst politisch korrekt verhält. Wenn ich will, kann ich festhalten, dass schon 1979 Toleranz in vielen Fällen eine Fiktion war. Überrascht hat mich auch die Dauer-Protestaktion der Türken für den toten Landsmann und überhaupt das starke Engagement von Leuten, die hier noch auf ihren Aufenthaltsstatus aufpassen müssen und zudem daran interessiert sein müssten, nicht auffällig zu werden, schließlich haben sie das eine oder andere zu verbergen. Das ganze Szenario kommt mir für 1979 ein wenig überzogen vor.

Nichtsdestotrotz wirkt der Tatort eben nicht überladen, und das ist schon eine Kunst, angesichts der erwähnten Themenvielfalt. Es ist alles so miteinander verzahnt, dass es sich zu einem nervenaufreibenden Gesamtbild verdichtet, dessen bedrückende Wirkung ein anderes, aber ebenso starkes Mitempfinden auslöst, als wenn der Film gnadenlos auf Spannung qua Twist-Häufigkeit und steiler Dramaturgie getrimmt worden wäre. Dieses Durcherzählen im immer fast gleichen Tempo passt gut zu der Nervensäge-Wirkung, welche die Figuren hier entfalten.  Das Gleichmaß bei der Enstehung immer neuer Probleme, die offenbar alle eine ähnliche Wertigkeit haben,  zeigt etwas Philosophisches. Die Unfähigkeit zur Priorisierung und selbst einem Kriminaler-Job immer wieder etwas Schönes abgewinnen zu können, kann leicht zum Burnout führen, und den hatte Haferkamp ja dann ein oder zwei Jahre später.

Fazit

„Ein Schuss zuviel“ ist ein sehr intensiv gespielter Film, mit klug gestalteten Charakteren und deren Verstrickungen, und am Ende ist er doch auf heutigem Level: Der Ausbrecher stürzt in die Tiefe und ist tot. Wir sehen dann, wie die falsche Frau sich auf ihn wirft, während die andere beiseite steht. Viel mehr kann man am Schluss eines heutigen Tatorts auch nicht bringen und bei weitem nicht immer wirkt es so logisch, so stringent wie Tommys Ende. Die Wertung für diesen ehrlich gemeinten und größtenteils ehrlich wirkenden Film ist die gleiche wie zuletzt für den 1000. Tatort, aber die 7 steht hier etwas sicherer und den Test der Zeit haben die Haferkamp-Filme ja auch bestanden.

 7/10

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Haferkamp – Hansjörg Felmy
Kreutzer – Willy Semmelrogge
Tomi Selzer – Thomas Ahrens
Birgit Illich – Michaela May
Sisi Feldmann – Nora Barner
Rudi Jakobs – Herbert Stass
Günther Wörlemann – Friedrich-Georg Beckhaus
Frau Jakobs – Vera Kluth
Friedrich-Georg Backhaus (Wörlemann)
Jürgen Draeger (Staatsanwalt)
Horst Pinnow (Gefängnisdirektor)
Henning Gissel (Aufsichtsbeamter)
Hans Beerhenke (Aufsichtsbeamter)
Karl Friedrich (Aufsichtsbeamter)
Helmut Kraus (Aufsichtsbeamter)
Gisela Zülch (Ärztin)
Conny Palme (Steiger)

Drehbuch – Wolfgang Mühlbauer
Regie – Hartmut Griesmayr
Kamera – Kai Borsche
Szenenbild – Susanne Quendler
Kostüme – Regine Baetz
Produzent – Jürgen Sehmisch

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