Die Wildnis ruft (The Yearling, USA 1946) #Filmfest 247

Filmfest 247 A

Wenn Kinder, Tiere und Zuschauer erwachsen werden

Regisseur Clarence Brown hatte zwei Jahre vor dem Dreh von „The Yearling“ die erst zwölfjährige Elizabeth Taylor mit der Pferdestory „National Velvet“ in den Starhimmel katapultiert. Mit Claude Jarman Jr., dem Jungen, der „Jodie“ in „The Yearling“ spielt, wiederholte sich der Vorgang nicht, wenngleich auch dieser Film wieder ein großer Erfolg des MGM-Famlienkinos wurde. Wie hat „Die Wildnis ruft“ (nicht zu verwechseln mit „Lockruf der Wildnis“, einem Roman von Jack London) den Test der Zeit bestanden? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg lebt die Farmerfamilie Baxter im ländlichen Florida. Sie sind Pioniere und haben dem dichten Wald etwas Land abgetrotzt, das sie nun bewirtschaften. Vater Penny und Mutter Ora haben bereits drei ihrer Kinder verloren. Der zehnjährige Jody ist ihr einziges überlebendes Kind. Der Vater liebt den Jungen abgöttisch und unternimmt mit ihm viele Abenteuer, während die Mutter an dem Verlust ihrer anderen Kinder leidet und zu Jody kein enges Verhältnis besitzt.

Ohne Geschwister und abgelegen von anderen Kindern lebend, wünscht sich Jody ein Haustier, um das er sich kümmern kann. Vater Penny versteht seinen Sohn, doch Mutter Ora ist von dem Gedanken angeekelt. Als Penny eines Tages von einer Giftschlange gebissen wird, töten sie ein Reh und benutzen die Innereien des Tieres, um das Gift aus Pennys Bisswunde zu ziehen. Jody will das Kitz des getöteten Rehs behalten und versorgen. Sein Vater erlaubt es, sagt ihm aber, dass das Tier freigelassen werden muss, sobald es ausgewachsen ist. Jodys Freund, der kränkliche, aber fantasievolle Fodderwing von dem Nachbarshof der Forresters, soll dem Rehkitz einen Namen geben. Jody erscheint bei den Forresters, doch Fodderwing ist gestorben. Er hatte aber vor seinem Tod dem Rehkitz den Namen „Flag“ gegeben, wegen des wehenden weißen Schwanzes.

Bald schon sind Jody und Flag unzertrennlich. Flag wird größer und entwickelt sich zu einer Nervensäge im Farm-Alltag. Er frisst das gerade gewachsene Getreide, zerstört Zäune und zertrampelt die Tabakpflanzen. Wegen Flag gerät die Ernte der Familie in Gefahr, es droht Hunger. Penny beauftragt Jody daraufhin, das Tier zu erschießen. Jody geht mit Flag hinaus, bringt es aber nicht über das Herz, das Tier zu töten. Er will Flag freilassen, doch das Reh kommt immer wieder zurück zu ihm. Daraufhin nimmt Ora das Gewehr und schießt auf Flag, verwundet das Tier aber nur. Penny will nun, dass Jody Flag von seinen Leiden erlöst. Jody befolgt die Anordnung und tötet Flag.

Jody kommt über den Tod seines tierischen Freundes nicht hinweg. Voller Trauer und Wut läuft er davon. Drei Tage später wird er von einem Flussschiffer zurück nach Hause gebracht. Vater Penny erzählt ihm daraufhin, dass seine Mutter die ganze Zeit nach ihm gesucht habe. Bevor Jody zu Bett geht, kommt Ora zurück. Sie, die voller Angst war, auch ihr letztes Kind zu verlieren, ist überglücklich und überschüttet den Jungen mit soviel Liebe und Zuneigung, wie er sie noch nie von ihr bekommen hat.

Rezension

Die Geschichte vom Erwachsenwerden ist ein schmerzlicher Prozess für Jodie im Film und für dessen Darsteller in der Realität. „The Yearling“ wurde für sieben Oscars nominiert, erhielt nur zwei davon in technischen Kategorien – und Claude Jarman konnte einen Mini-Oscar außerhalb der offiziellen Wertungen mit nach Hause nehmen.

Nominiert waren u. a. Gregory Peck und Jane Wyman als Eltern von Jodie, aber die Konkurrenz im Kinojahr 1946/47 war sehr stark. Jane Wyman, die damalige Ehefrau des späteren US-Präsidenten Ronald Reagan, bekam schon zwei Jahre später den Hauptdarsteller-Oscar für ihre Leidensrolle in „Johnny Belinda“, Gregory Peck, obwohl einer der beliebtesten Schauspieler der 50er, musste sich gedulden, bis 1962 „To Kill A Mockingbird“ gedreht wurde, einer der bis heute besten Filme zum Thema Rassismus.

„The Yearling“ war sehr stark besetzt, auch wenn die Hauptdarsteller noch am Beginn ihrer Karriere standen. Vielleicht war Peck für die Rolle eines Kleinfarmers um 1870 im Outback von Florida doch ein wenig zu gutaussehend, dafür wirkt er weise und verständnisvoll, ein Vater, wie nicht nur ein Junge wie der strohblonde Jodie sich ihn wünscht. Interessant ist die gebrochene Figur der Mutter Ora (Wyman) angelegt, die mehrere Kinder tot geboren hatte und gegenüber Jodie eine strenge und vergleichsweise reservierte Haltung an den Tag legt. Erstaunlich, wie die eher mit weichen Gesichtszügen ausgestattete, hier mit blonden Haaren versehene Jane Wyman diesen Part gemeistert hat, in dem man sie kaum wiedererkennt.

Der Film hat eine schöne Technicolor-Fotografie, die einfachen Sets sind gut gemacht. Was uns aber überrascht hat, ist die Einfachheit der Menschen, die hier gezeigt wird. Der Film entstand nicht nach einem Originaldrehbuch, sondern nach dem Roman „The Yearling“ von Marjorie Kinnan Rawlings, der zwar nicht zum Kanon der Weltliteratur zählt, aber immerhin den Pulitzer-Preis gewann. Man darf also hinsichtlich der Figuren von einer gewissen Authentizität ausgehen und sieht diese Farmer weniger tough als in vielen amerikanischen Filmen, die in der Pionierzeit spielen. Zwar trägt sich die Handlung nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg zu, dennoch sind diese Farmer im wässerigen Florida Pioniere, nur durch einen Anlegeplatz für Flussschiffe mit der Welt verbunden. Aber auch hier wird gebaut, kommt die Zivilisation in kleinen Schritten voran, wie Ora bei einem ihrer seltenen Besuche im benachbarten Ort erstaunt feststellt.

Die wenigen Menschen, die in dieser Ecke der Welt leben, kennen einander, haben ihre Zwistigkeiten, halten aber in elementaren Situationen zusammen, wie man am Verhältnis der Baxters zu den freundfeindlichen Nachbarn, den zahlreichen Forresters, sieht.

Immer spielt die Natur eine Rolle. Ob Regen oder Dürre, das Brot in dieser einfachen Welt ist ein hart erarbeitetes, nur wenige „Tearjerker“ zeigen das so gut wie „The Yearling“, auch wenn das glühende Technicolor eine stärker dokumentarische Anmutung des Films verhindert.

Aber auch mit etwas MGM-Glanz versehen, kann der Film gut vermitteln, dass ein Haustier wie ein Rehkitz unter jenen Umständen ein beinahe unbotmäßiger Luxus ist, denn es braucht nun einmal Milch, bevor es sich selbst ernähren kann. Dass es zum Problem für die gesamte Farm und damit für die Baxters wird, als es sich dann selbst Nahrung sucht, ist eine Wendung, mit der man als Zuschauer nicht gerechnet hat. Es wirkt ein wenig stark dramatisierend, dass am Ende eine Entscheidung zwischen Farm und Tier zu fällen ist und der Jährling erschossen werden muss, weil er sich trotz mittlerweile hoher Zäune durchs Herzstück der Pflanzung frisst – eine Auswilderung war nicht mögilch, weil die junge Hirschkuh dem Ziehvater Jodie immer wieder folgt und damit auch zur Baxter-Farm zurückkehrt. Ora, die das Tier nie leiden konnte, bringt ihm eine Schussverletzung bei und es ist Jodies grausame Aufgabe, ihm den Gnadenschuss zu versetzen.

Welch eine Coming-of-Age-Geschichte, wo ein verträumter und sensibler Junge so plötzlich etwas tun muss, was ihn nachhaltig verändern wird. Wie er zunächst so lange daran arbeitet, dass er endlich ein Tier halten darf und dann erkennen muss, dass keine noch so beschwerliche Maßnahme ausreicht, um es auf Dauer halten zu können. Der erste große Verlust wird als die erste große Reifeprüfung des Lebens dargestellt. Im Prinzip ist es aber schon der zweite, denn zuvor stirbt der Nachbarsjunge „Fodderwing“ Forrester an den Spätfolgen einer Verletzung, die er sich beim Spielen zugezogen hat und durch die er gehbehindert ist.

Dieser Freund wird noch ein gutes Stück verträumter gezeigt als Jodie, ist sehr phantasiebegabt, wirkt manchmal geradezu entrückt. Erstaunlich, wie viel Herz der Film für diese Jungs zeigt, auch für einen, der für das Leben in der Wildnis nicht mehr geeignet scheint und wie selbstverständlich seine einfache Familie damit umgeht. Die Wunder des Lebens zeigen sich oft dort, wo Begrenzung schmerzlich spürbar wird. Das weiß auch Penny Baxter und spricht mit Jodie darüber. Letztlich ist der Junge auf das traurige Finale des Films vorbereitet, weil in ihm eine Stärke angelegt ist und weil sein Vater die Gelassenheit mitbringt, den Sohn so zu instruieren oder auch mal einen Irrweg gehen zu lassen, dass in dem Jungen etwas reift, das auch den Tod des geliebten „Flag“ überwindbar macht.

Natürlich kann man sagen, jedes Kind überwindet den Tod eines Haustiers, aber der Junge muss „Flag“ selbst erschießen und die Geschichte des Rehkitzes, die in Wirklichkeit nicht eines, sondern fünf verschiedene Tiere zeigt, um das Heranwachsen darstellen zu können, ist ein Symbol für das Heranwachsen einer Menschenseele – auch wenn dies nicht episch und in kleinen Schritten, sondern anhand weniger, einschneidender Ereignisse gezeigt wird.

Dies geschieht ganz klassisch in drei Akten: der Tod des Nachbarsjungen, die ihm den einzigen Freund in seinem Alter in der unmittelbaren Umgebung raubt, die schwere Verletzung des Vaters, die ihm unvermittelt und viel zu früh alle Männerarbeit auf der kleinen Farm auferlegt und letztlich der gewaltsame Tod von „Flag“, den er aufgezogen hat. Am Ende versteht er die Mutter besser, die hart geworden ist durch den frühen Verlust aller ungeborenen Jungen vor ihm und diese kann sich besser auf ihr verbliebenes Kind einlassen, nachdem Jodie, entsetzt über den Tod von Flag, spontan von der Farm weggelaufen ist und Tage später von einem Flussboot aufgegabelt wird. Die Relation zwischen den Werten dessen, was man verloren hat und dem, was schön, kostbar und daher zu bewahren ist, sie stimmt, als der Endtitel den Film beschließt.

Wenn man „The Yearling“ von seiner Botschaft aus betrachtet, ist er überzeitlich und heute genauso relevant wie in der kargen Ära, in welcher er spielt oder in den großzügigen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen er gedreht wurde. Allerdings war die Depressionszeit den Amerikanern noch im Gedächtnis und sie werden auch diesen Teil des Coming of Age verstanden haben: Die Bewährungsprobe für die Nation war jene schwierige Zeit, in der es für viele ums nackte Überleben ging.

Bei der sehr getragenen Inszenierung und der manchmal etwas überdeutlichen Figurenanlage mit nicht geringem Tränendrückereffekt haben wir uns gefragt, wie hätte „The Yearling“ heute gewirkt, wäre er nicht von einem Routinier schon im Stummfilm und Beinahe-Meister inszeniert worden wie Clarence Brown, der für seine Arbeit einige Oscarnominierungen erhielt, aber nie die Statue selbst – sondern von einem der ganz Großen des Fachs. Spontan fiel uns dabei der Schauspielerflüsterer (und -schinder) William Wyler ein, der dreimalige Gewinner des Regie-Oscars, der für eine ganze Reihe von Klassikern des amerikanischen Kinos verantwortlich zeichnet – und der mit Gregory Peck, dem männlichen Hauptdarsteller von „The Yearling“ wenige Jahre später auf eine unsterbliche Reise nach Rom ging („Roman Holiday“, 1953), wo er Audrey Hebpurn auf einen Schlag zum Star machte – und wieder fünf Jahre später den gleichermaßen hochherzigen wie epischen Pazifismus-Western „Big Country“ drehte.

Finale

Er hätte vielleicht das stellenweise zu beobachtende Übermaß an Sentimentalität dieses Films vermieden, ohne dass die Gefühle und die wahren Dinge des Lebens zu kurz gekommen wäre. Die Indoor-Szenen wären vielleicht etwas weniger statisch geworden, ebenso wie die Abgrenzung der Charaktere und Szenen – für uns erstaunlich, dass der Film auch das Editing betreffend für den Oscar nominiert war – offensichtlich hat man das Filmen in der Natur mit seinen Hemmnissen und die für jene Zeit anspruchsvollen und gelungenen Sequenzen, in denen Menschen und Tiere durch die Wildnis laufen, damals sehr hoch bewertet. Was ein Topregisseur für „The Yearling“ hätte tun können, ist spekulativ, aber dem Film fehlt eben genau dieses Tüpfelchen, das ein solcher Mann hätte setzen können, um ein zeitloses Werk zu schaffen.

So ist „The Yearling“ ein herzergreifender Familienfilm und eine sehr schöne Vater-Sohn-Geschichte geblieben, der stellenweise aber etwas mehr Distanz oder Ausgewogenheit und eine etwas subtilere, mithin modernere Führung der Schauspieler und dementsprechend zeitlosere Charakterisierung der Figuren vertragen hätte.

72/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

„Die Wildnis ruft“ in der deutschen Wikipedia, „The Yearling“ in der amerikansichen IMDb.

Regie Clarence Brown
Drehbuch Paul Osborn
Produktion Sidney Franklin
Musik Herbert Stothart
Kamera Leonard Smith,
Charles Rosher,
Arthur E. Arling
Schnitt Harold F. Kress
Besetzung

 

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