Der Ring mit dem blauen Saphir – Polizeiruf 110 Episode 18 #Crimetime 820 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Arndt #Ring #Saphir

Crimetime 820 - Foto © Fernsehen der DDR / ARD

Der Wirklichkeit da draußen nicht standgehalten

Wie ist es, wenn man nach drei Jahren aus dem Gefängnis kommt und feststellt, dass da draußen nichts anderes wartet als die Fortsetzung des Kampfes? Günter Naumann, der später in der Reihe „Polizeiruf“ den Kommissar Beck gespielt hat, lässt uns daran teilhaben und dazu schreiben wir mehr in der -> Rezension.

Handlung

Nach drei Jahren Haft kehrt Elektriker Walter König zu seiner Familie, seiner Frau Marlies und der gemeinsamen Tochter Susanne, zurück. Die frühere Hausfrau Marlies hat sich in den letzten drei Jahren beruflich etwas aufgebaut und eine Affäre mit ihrem Kollegen Rudolf Hagedorn begonnen. Walter versucht nun alles, um diese Affäre zu beenden.

In einem Juweliergeschäft wird eingebrochen. Der Täter stiehlt dabei Silberschmuck und Schmuckstücke aus einem Safe. Den wertvolleren Goldschmuck in einer Vitrine im Wert von 30.000 Mark lässt er aber zurück. Üblicherweise wird der Originalschmuck zum Geschäftsschluss gegen Imitate ausgewechselt. Damit liegen normalerweise über Nacht Imitate in der Vitrine und der Originalschmuck im Safe. An diesem Abend unterbleibt das aber, sodass im Safe nur die Imitate lagern. Dennoch beläuft sich der Gesamtschaden auf 12.000 Mark. Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt werden mit den Ermittlungen betraut. Der Täter stieg über das darüberliegende Geschäft in den Juwelier ein, wobei er ein Loch in die Decke sägte. Zudem trug er nicht nur Handschuhe, sondern auch Lappen um die Schuhe, um Spuren zu verwischen.

Im selben Stil brach einst Matschulla in Geschäfte ein, der jedoch seither im Gefängnis sitzt. Zu seinen Mithäftlingen zählten in den letzten Jahren unter anderem Hans-Peter Zackel und Walter König. Beide werden befragt. Marlies berichtet den Ermittlern, dass ihr Mann in der Tatnacht geschlafen habe. Hans-Peter Zackel wiederum wird inkognito von Vera Arndt in einem Nachtclub befragt. Hier tritt Zackels Geliebte Catharina Sylvius als Sängerin auf. In der Garderobe hat sie in Zackels Taschen einen Ring mit einem blauen Saphir gefunden, der allerdings nur eine Fälschung ist. Zackel will ihr den Ring wegnehmen, wobei er verloren geht. Zackel sucht den Ring, als Vera Arndt in die Garderobe kommt. Catharina zeigt ihr einen falschen Ring als den vermeintlich verlorenen und Vera Arndt geht. Nun übergibt Catharina Zackel den Ring mit dem blauen Saphir und bittet ihn, die Sache wieder in Ordnung zu bringen.

Die Polizei wird auch auf Rudolf Hagedorn aufmerksam, dessen Trabant in der Tatnacht unweit des Juweliers im Halteverbot stand. Rudolf gibt zunächst vor, Zigaretten geholt zu haben. Erst als die Ermittler ihm eröffnen, dass der dortige Automat schon seit mehreren Monaten defekt ist, sagt Rudolf die Wahrheit. Er habe in der Tatnacht Marlies nach Hause gebracht. Später habe er Walter König auf einem Fahrrad davonfahren sehen und sei ihm heimlich gefolgt. Irgendwann habe er sein Auto abgestellt und Walter zu Fuß folgen wollen, habe ihn jedoch in der Gegend um den Juwelier aus den Augen verloren. Als Vera Arndt Walter erneut befragen will, erkennt sie, dass er farbenblind sein muss, weil er den roten Ermittler-Wartburg nicht von einem blauen unterscheiden kann. Auch der Einbruch weist auf einen Farbenblinden als Täter hin, der den Silber- nicht von dem wertvolleren Goldschmuck unterscheiden konnte. Walter König wird verhört und gibt den Einbruch nach kurzer Zeit zu. Er wird verhaftet. Den gestohlenen Schmuck finden die Ermittler im Hasenstall der Familie. Der falsche Ring mit dem blauen Saphir fehlt jedoch.

Die Ermittler werden zu einem Leichenfund gerufen. Es handelt sich um Marlies König, die an ihrem Finger den gesuchten Ring trägt. Sie wurde zunächst gewürgt und dann in einen Fluss geworfen, wo sie ertrank. Die Untersuchung zeigt, dass sie kurz vor ihrem Tod noch etwas gegessen hatte. Ein Wirt der Umgebung erinnert sich, dass Marlies am Tatabend mit Rudolf in seinem Lokal essen war. Rudolf habe ihr den Ring gezeigt und berichtet, dass ihr Mann der Einbrecher ist. Kurz zuvor war Rudolf auf der Suche nach Beweisen auch in den Keller der Königs eingedrungen. Die Juwelen hatte er im Hasenstall gefunden. Marlies reagierte auf die Eröffnung im Gasthaus anders als gedacht: Sie wollte sich zwar von Walter trennen, jedoch nicht mit Rudolf zusammenkommen, sondern allein mit ihrer Tochter leben. Rudolf berichtet bei der Vernehmung, gegangen zu sein, wird jedoch in Untersuchungshaft genommen. Bei der Rekonstruktion der Tat nehmen die Ermittler auch Fingerabdrücke vom Geländer der Brücke, von der Marlies in den Fluss geworfen wurde. Die Fingerabdrücke stimmen nicht mit denen von Rudolf überein. Die erneute Befragung Walters führt zum Ziel. Er gibt zu, Marlies getötet zu haben. Er hörte, wie sie sich an der Brücke von Rudolf trennte und hoffte nun auf eine gemeinsame Zukunft. Auch ihm gegenüber verhielt sie sich jedoch ablehnend. Sie zeigte ihm den Ring und er wusste, dass sie zur Polizei gehen würde, und tötete sie.

Rezension

Das Ende haben wir anders verstanden – er wollte sie ja nicht töten. Wenn wir es überschlägig betrachten, kommt es in Polizeirufen einerseits viel häufiger vor als in Tatorten, dass gar niemand getötet wird – zumindest in der Epoche bis 1989, und zum anderen, dass die Tötung nicht gewollt ist. Allerdings zeigen die Filme der „10er-Serie“ doch überwiegend Todesfälle, die Tendenz nimmt später erst einmal ab. Gut  möglich, dass es der Kontrollkommission zu viel wurde, weil in einem sozialistischen Staat doch kaum ein Motiv vorliegen sollte, das ausreicht, um die Hemmschwelle zur Tötung eines anderen Menschen zu überwinden. Vor allem wohl, weil Motive aus dem Bereich Habgier entfallen sollten. EIfersucht hingegen – da müsste der sozialistische Mensch schon sehr neu sein, damit diese oder Rachegelüste und andere nichtmaterielle Gründe ihn nicht mehr antreiben könnten, denn hier geht es nicht um Möglichkeiten, sondern um Dispositionen.

In „Der Ring mit dem blauen Spahir“ ist es eine Kombination. Der gerade aus dem Gefängnis Entlassene ist eifersüchtig auf den inzwischen installierten Nebenbuhler, er fühlt sich diesem materiell unterlegen und klaut zunächst (also doch!) und dann bringt er seine Frau um. Seine Farbenblindheit verursacht eine Verwechslung, sodass er wertvolleren Schmuck liegen lässt und billigeren stiehlt. Der Aspekt der Farbenblindheit des Täters ist zwar originell, aber wird nicht ganz schlüssig ausgespielt. Zumindest in der von uns gesehenen Version des Films ist der rote Wartburg deutlich heller als der blaue, der hier fast schwarz wirkt, zweitens schickt man einen Verdächtigen nicht allein zum Zivilfahrzeug vor, drittens: Mag sein, dass er Silber und Gold verwechselt hat, aber warum räumt er dann einen Teil der Vitrine aus, einen anderen nicht?

Dass er auch den Tresor öffnet, ist hingegen logisch, denn dort sollen sich ja die normalerweise über Nacht dort eingeschlossenen wertvollsten Teile der Auslage befinden. Dass mal wieder ein Geschäftsinhaber alle Vorsichtsmaßnahmen vergisst (die Kolik!), ist leider eine häufig genommene Krücke dafür, dass man sich mit der Realitätsnähe von Begehungsweisen bei Einbruchsdiebstählen nicht lange aufhalten möchte. Wir haben mittlerweile eine zweistellige Anzahl von Polizeirufen gesehen, in denen nicht vorschriftsmäßiges Handeln der Verantwortlichen es den Tätern extrem leicht machte und auch schon darüber philosophiert, ob das in der DDR nicht doch glaubwürdiger war, als man so denkt und ein Licht auf die allgemeine Einstellung zu Präzision bzw. einen Blick auf die Arbeitsmoral erlaubt.

Leider gibt es viele Moment

e in diesem Film, die gehudelt, nicht gut durchdacht sind, etwa, warum der Liebhaber seinen Trabant in der Verbotszone parkt: Die Argumentation wirkt von vorne bis hinten gequetscht. Außerdem würde ein Einbrecher wohl nicht sein Auto so abstellen, dass es besonders in den Blick der Ordnugnshüter gerät. Bei der Gelegenheit: Dass Täter so häufig „geblitzt“ werden, weist ebenso darauf hin, dass Drehbücher schreiben wirklich Schwerstarbeit ist. Jemand, der von einem Tatort entkommen will oder einen solchen anfährt, wird, alles vermeiden, was ihn im Straßenverkehr auffällig werden lässt., insbesondere, sofern er sich ein Schein-Alibi beschafft hat, das durch Zeit und Ort der Begehung seines Verkehrsdelikts gekippt wird. Auf gleicher Stufe stehen Erfassungen durch Kameras an Tankstellen und ähnlichen Orten mit Überwachung: Wer so blöd ist, sein Auto auf dem Weg zur Tatausführung zu betanken, sollte nicht Täter in einem anständigen Krimi sein dürfen.

Der 18. Polizeiruf bietet sich für einen solchen Exkurs an. Es gibt einige nette Szenen und gelungene Dialoge, wie etwa, als Vera Arndt undercover ermittelt. Das ist zwar unmotiviert, bietet aber Raum, um ihre Reize in der Barszene herauszustellen und einen Verdächtigen aussprechen zu lassen: „Mich kann man nicht so leicht aufs Kreuz legen“ – und, schwupps, erfahren wir, warum im Vorspann jener Jahre eine Szene aus der Judo-Schulung von Polizist*innen eingeblendet ist. Aber solche amüsanten Momente sind selten, der Film hat einen überwiegend sehr ernsten Ton und ist ein frühes Beispiel dafür, dass die Polizeirufe der DDR-Zeit innere und äußere Tristesse selbst dann plausibel darstellen konnten, wenn sonst nicht alles stimmte.

Finale

Die Episodenrollen wurden so ausgelegt, dass wir mit keinem dieser Charaktere „mitgehen“ konnten. Am meisten noch mit Frau König, bis zu ihrem Tod, denn schon, bevor sie es im Bus selbst ausspricht, haben wir uns gefragt, ob die beiden Männer, die um sie kämpfen, auch an ihrer Meinung zur Sache interessiert sind oder sie nur manipulieren wollen. Ihre Sicht einzunehmen wäre leichter gewesen, wenn man sie nicht so spröde dargestellt hätte. Sicher ist es beabsichtigt gewesen, diese Person wirklichkeitsnah zu zeigen, die sich durchschlägt, nachdem der Mann eingefahren ist, sich eine Arbeit sucht und dabei unabhängiger wird. Am Ende will sie diese Unabhängigkeit gegenüber beiden Männern durchsetzen und – bezahlt dafür mit dem Leben bzw. dem Tod. Die Art, wie das dargestellt wird, kann man als angenehm distanziert, aber auch als zu trocken bezeichnen. Nach seinem Erstling „Der blaue Saphir“ hat Regisseur Norbert Büchner nur noch einen weiteren Polizeiruf inszeniert, die Nr. 26, „Kein Paradies für Elstern“, der auch einen recht schlichten Stil hat – und eine Handlung, bei der die Tatausführung eine große Rolle spielt, aber auch schwierig darzustellen war.

Günter Naumann kann seinem um Anschluss an die Familie ringenden Ex-Gefängnisinsassen durchaus eine kompakte, auch bedrohliche Ausstrahlung mitgeben, der ebenfalls renommierte Rolf Ludwig als sein Widersacher kommt nicht so zum Tragen. Hingegen ist es immer ein Genuss, wenn Fred Delmare mitspielt. Er stellt einen Gefangenen dar, der mit gleich drei möglichen Tatverdächtigen auf einer Zelle war und kann die für Polizeirufe übliche intensive Bewertung von Personen durch andere Personen zu einer der besten Szenen des Films ausformen.

Zu einem rechten Psychodrama entwickelt sich das Duell um Marlies nicht und das Hin- und Herwechseln des Rings irritiert mehr, als dass es eine rote Handlungslinie darstellt. Dass man nicht auf Kosten anderer materiell vorwärts kommen soll, wird hingegen überflüssigerweise verbalisiert, vielleicht, weil ansonsten wenig aus dem Film mitnehmen zu ist, was das Aktivistenherz erfreut. Dass ein Ex-Strafgefangener an der sozialen Realität scheitert, obwohl er ein guter Arbeiter ist, kommt in Polizeirufen eher selten vor – Resozialisierung ist nämlich ein durchaus wichtiges Thema und wer sich z. B. durch sinnvolle Arbeit eingliedert, gerät zwar als Vorbestrafter häufig in Verdacht, ist aber meist nicht der Täter im aktuellen Fall. Wir wollen die Durchbrechung des Schemas aber nicht als einer eigenständigen Qualität von „Der Ring mit dem blauen Spahir“ hervorheben. Aber es Saphir, oder? So falsch der Schmuck, so falsch die Idee, sich mit ihm oder den Früchten aus seinem Verkauf bei der Frau beliebt machen zu wollen. Die Dinge haben sich weiterentwickelt, der Mann im Gefängnis nicht.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Norbert Büchner
Drehbuch Norbert Büchner
Dorothea Kleine
Produktion Hans-Jörg Gläser
Musik Reinhard Lakomy
Kamera Tilmann Dähn
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

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