Rechnen Sie mit dem Schlimmsten – Tatort 21 #Crimetime 821 #Tatort #HH #Hamburg #Trimmel #NDR #Rechnen #Rechenzentrum

Crimetime 821 - Titelfoto © NDR

Die Datenbank, das Organ, die Schiebung

Der NDR wollte mit dem Autor-Regie-Team Werremeier / Schulze-Rohr in den frühen Jahren der Reihe Tatort Zeichen setzen, das ist unverkennbar. Große, neue Themen und dementsprechend anspruchsvolle Inszenierungen. Der simple Mord aus simplen Gründen war erkennbar nicht das Ding der damaligen Macher. Der Banker als Millionendieb, die Flugzeugentführung durch Terroristen, der Einfluss der psychiatrischen Gutachten auf Gerichtsprozesse – und nun Organhandel und wie die IT, damals EDV, begann, großen Einfluss auf unser Leben zu nehmen. Nicht zu vergessen natürlich die deutsch-deutsche Geschichte im ersten Tatort „Taxi nach Leipzig“. Diese Tatorte waren visionär und sind heute allein wegen der Ideen und Motive spannend, die darin zu sehen sind. Mehr zum Tatort Nr. 21 steht in der -> Rezension.

Handlung

Dr. Tonndorf, der Leiter eines Hamburger Rechenzentrums, das unter anderem auch Spender und Empfänger für Nierentransplantationen in seinen Computern hat und Empfänger für Spendernieren auswählt, wird, als er eines Sonntags arbeitet, an seinem Arbeitsplatz erschossen. Der Pförtner findet die Leiche, hat aber den Täter weder kommen noch gehen sehen. Seine Assistentin, Jill Biegler, war auch an diesem Tag kurz im Büro, hatte aber das Gebäude kurz vor dem Mord verlassen, wie auch der Pförtner bestätigen kann. Sie sagt aus, dass sie an Tonndorf interessiert gewesen, dieser aber homosexuell und deshalb nicht interessiert gewesen sei. Auch Feinde von Tonndorf seien ihr nicht bekannt.

Kurz darauf bricht ein Unbekannter in die Wohnung von Biegler ein und dreht den Gashahn vom Badeofen auf, um sie im Schlaf zu töten. Der Versuch war allerdings nicht geeignet, Biegler zu töten. Als sie wieder zu Bewusstsein kommt, rät sie Trimmel, sich vom Computer Daten über Professor Lachnitz zu informieren, der Nierenentnahmen bei frisch Verstorbenen durchführt. Bei der Befragung von Lachnitz ergeben sich allerdings keine Verdachtsmomente. Auf der Rückfahrt von Lachnitz erleidet Trimmel einen Verkehrsunfall, bei dem er leicht verletzt wird. Offensichtlich wurde die Lenkung des Wagens manipuliert.

Helena Biegler, die Schwester von Jill, ist nierenkrank und Dialyse-Patientin. Sie braucht dringend eine Spenderniere, Jill war mit Professor Tonndorf ins Bett gegangen, damit dieser sie bei der Spendersuche bevorzugt. Bei der Durchsicht der Computerdaten im Rechenzentrum erfährt Trimmel von Jills Schwester und äußert den Verdacht, dass Jill Tonndorf umgebracht haben könnte, weil dieser seiner Schwester keine Spenderniere besorgt habe. Jill könnte sich mithilfe ihrer Schwester ein Alibi verschafft haben.

Unterdessen hat Prof. Becker, der mit Tonndorf in engem Kontakt stand, einen Patienten in München, den Millionär Munck, der dringend eine Spenderniere benötigt. Ein Freund von ihm hatte von Prof. Becker eine neue Niere gegen Zahlung von einer halben Million D-Mark erhalten. Munck bietet eine volle Million, doch Prof. Becker erzählt ihm, dass sein Lieferant verstorben und es ihm daher nicht möglich sei, Munck eine neue Niere zu besorgen.

Unterdessen ermittelt einer von Trimmels Assistenten, Petersen, Frau Brauer, eine der letzten Spender, denen Lachnitz die Nieren entnommen hat. Brauer hatte ihr Einverständnis zu diesem Eingriff gegeben. Petersen unterstellt Brauer, dass diese der Entnahme zugestimmt hatte, damit ihr Mann noch zwei Tage länger am Leben gehalten wird. Da der Bruder des Verstorbenen ebenfalls im Sterben lag und beide die Erben ihres Vaters, eines steinreichen und hoch betagten Reeders, waren, ergab sich durch die Tatsache, dass ihr Mann seinen Bruder überlebt hat, eine für sie und ihre Kinder günstigere Erbfolge.

Als Trimmels Assistent Laumen Jill Biegler aufsuchen will, stößt er auf deren Freund Berti, der sich seit mehreren Tagen bei ihr vor der Polizei versteckt hält, da er wegen eines Anschlags auf die Hamburger Hochbahn gesucht wird. Dieser sagt aus, dass er Jill über ihre Schwester Helena kennengelernt habe, mit dem Gasanschlag auf Jill habe er nichts zu tun.

Da Jill Trimmel noch immer nichts über ihre Schwester erzählt und behauptet, Berti in einer Disco kennengelernt zu haben, glaubt Trimmel ihr gar nichts mehr. Trimmel sucht Prof. Becker in München auf und konfrontiert ihn mit seinem Verdacht, dass er Tonndorf töten ließ, weil dieser immer größere Forderungen für die Nieren gestellt habe. Trimmel regt sich auf und bricht zusammen, da seine Verletzungen von dem Autounfall offensichtlich doch schwerer waren als vermutet. Prof. Becker ruft einen Kollegen zu Hilfe und veranlasst eine Notoperation. Seinem Kollegen sagt er nur, dass Trimmel sofort nach dem Eintreffen in seinem Büro zusammengebrochen sei. Prof. Becker operiert Trimmel, der eine Gehirnblutung hatte. Becker hat Trimmel nicht sterben lassen.

Prof. Becker verübt gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord, während Trimmel sich langsam von der OP erholt. Er wollte damit vermeiden, dass seine illegalen Organbeschaffungen öffentlich werden und er sich dafür verantworten muss. Währenddessen vernehmen Petersen und Laumen Jill Biegler und Berti. Petersen fällt dabei die Ähnlichkeit der Frisuren der beiden auf, so dass er und Laumen testen, ob nicht Berti anstelle von Jill Biegler das Parkhaus des Rechenzentrums verlassen haben könnte. Tatsächlich hält der Pförtner aus der Distanz Berti für Jill Biegler.

Jill bestreitet weiterhin die Tat, aber Berti packt schließlich aus, woraufhin auch Jill ein Geständnis ablegt. Er habe ihr eine Niere für seine Schwester versprochen, aber die Nieren lieber teuer verschoben, als eine zur Lebensrettung von Jills Schwester Helena zur Verfügung zu stellen. Sie fühlte sich ausgenutzt und hintergangen und rächte sich daher an Tonndorf. Zudem erhoffte sie sich die Leitung des Rechenzentrums, so dass sie selbst in der Lage gewesen wäre, ihrer Schwester eine Niere zu besorgen. Der „Anschlag“ auf Trimmel hingegen stellt sich als Pfusch von Trimmels Werkstatt heraus.

Rezension

Der fünfte Fall von Hauptkommissar Trimmel ist um einiges kürzer geraten als die vorausgehenden – vielleicht gab es doch etwas Kritik, so war z. B. „Der Richter in Weiß“ bis Nick Tschillers „Off Duty“ aus dem Jahr 2016 der längste Tatort, mit fast genau zwei Stunden Spielzeit. Wir finden diese Überlänge nicht schlimm, weil uns diese Filme faszinieren und große Bewunderung abringen. Gerade, dass es damals noch keine eingefahrenen Muster gab, von einer Leiche ziemlich zu Beginn abgesehen, die bereits ein Beinahe-Standard war, dass man von sich selbst auch so bezaubert war, dass man sich sehr präzise, umfassende Darstellungen zutraute und sicher war, das Publikum würde mit weit aufgerissenen Augen vor dem BIldschirm sitzen, ist bemerkenswert. Diese Darstellungen künden von viel Selbstbewusstsein und haben zweifellos den Grundstein für die Legende vom Tatort als dem besonderen Krimi gelegt, der die Reihe nunmehr fast seit 50 Jahren trägt. Ob man das damals ahnen konnte? In einer Zeit, in der 50 Jahre Rückblick zum Beispiel bedeuteten, dass man drei verschiedene politische Systeme zu betrachten hatte? Mittlerweile dürfte das Format zu den am längsten laufenden weltweit zählen.

„Rechnen Sie mit dem Schlimmsten“ ist aber bereits deutlich konventioneller in der Machart als die Trimmel-Vorgänger und hält sich in etwa ans heutige 90-Minuten-Format. Dadurch sind gegenüber der Romanvorlage von Friedhelm Werremeier wohl einige Finessen bzw. Details entfallen, aber dafür ist der Film auch viel dichter, wirkt mehr gepackt als „Der Richter in Weiß“, der ja geradezu Studiencharakter aufweist. Die Psyche der Figuren kann in „Rechnen Sie mit dem Schlimmsten“ nicht ganz so ausgeleuchtet werden. Aber die Darstellungen sind ausgezeichnet. Sicher gibt es im Plot nun auch einige Probleme: Der Film ist zwar theoretisch ein Whodunit, aber man ist am Ende keineswegs überrascht darüber, wer den Leiter des Großrechenzentrums umgebracht hat, weil es zu Beginn schon als Möglichkeit angedeutet wird. Bzw.: Es drängt sich nie jemand anderes in den Vordergrund als Jill. Einen ziemlich spekulativen Part stellt Trimmels Unfall dar, der das Ganze dramatisieren soll und außerdem die Funktion hat, Ärzte nicht zu schlecht aussehen zu lassen. Professor Becker, der für riesige Summen Nieren ankauft, hilft Trimmel medizinisch, obwohl dieser ihm dicht auf den Fersen ist. Heute würde man die einstigen Götter in Weiß problemlos als Schurken darstellen dürfen, von dieser Möglichkeit wird in Tatorten auch hinreichend Gebrauch gemacht.

Damals aber gab es noch das Ringen zwischen Kommerz und Ethos und die Dialektik stimmt ebenso wie in den anderen frühen Trimmel-Filmen: Es gibt immer zwei Prinzipien, die gegeneinander gestellt werden und der Zuschauer darf darüber nachdenken, wie er sich entschieden hätte. Angesichts der heutigen Verhältnisse würden die meisten wohl bedenkenlos die Profitvariante wählen. Man hilft einerseits einem Menschen, der dringend auf ein Spenderorgan angewiesen ist, gleichzeitig nimmt man erhebliche Summen dafür ein – und verhindert, dass jemand, der weniger betucht ist, ein Organ bekommt. Der Versucht, die Vergabe zu objektivieren, indem man einen Computer nach rein sachlichen Kriterien entscheiden lässt, ist selbst heute noch gewagt, aber dafür gibt es ja das Aufsichtsgremium, dessen Zusammensetzung man sich offenbar beim Rundfunkrat abgeschaut hat, jedenfalls sind alle gesellschaftlich relevanten Gruppen vertreten. Aber keiner von ihnen merkt, dass Herr Tonndorf die Großenrechenanlage manipuliert. Auch krass, in diesem  Zusammenhang: Die Spracheingabe, die sogar Kommissar Trimmel super schnell lernt und die das Gerät in die Lage versetzt, erstaunliche Zusammenhänge herzustellen. Im Grunde wird hier schon mit KI gearbeitet, nicht mit bloßer Datensammelei, die dann nach der Eingabe bestimmter Kriterien bestimmte Ergebnisse ausweist.

Wo immer es um Wichtiges geht, versuchen Menschen auch, bestimmte Vergaberichtlinien zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Da die Mitarbeiterin im Rechenzentrum nicht genug Kohle hat, um ihrer Schwester so rasch wie möglich eine Niere zu verschaffen, weil Sex wohl auch nicht als Ersatzbezahlung hinreichen kann, weil der Herr der Daten „irgendwie schwul“ ist, wird die tödliche Lösung gewählt. Zum einen, weil die patente junge Frau sich erhofft, möglicherweise selbst das Zentrum leiten zu dürfen, zum anderen, weil sie sich vielleicht von einem anderen Nachfolger doch mehr verspricht. Grandios: Wie dieser dann gezeigt wird, wie er zunächst rigoros einen Bestechungsversuch zurückweist und am Ende zu dem Mann, der am Telefon unter Einsatz aller Mittel um sein Leben kämpft, sagt, er kann ihn nicht davon abhalten,  nach Hamburg zu kommen. Danach geht er langsam durch die Halle, streicht über die Oberfläche eines Gerätes – und man spürt, wie er spürt, wie viel Macht plötzlich in seinen Händen liegt. Macht über Leben und Tod. Und man kann sich überhaupt nicht sicher sein, dass er mit dieser Macht den Regeln gemäß umgehen wird.

Finale

Auch wenn er nicht so perfekt ausgepielt ist wie einige der sehr langen Tatorte aus der Trimmel-Anfangszeit, ist „Rechnen Sie mit dem Schlimmsten“ eine absolute Empfehlung. Ob man Trimmel mag, hängt davon ab, wie man seine polternde Art auffasst. Als Verhalten, das noch aus gewissen alten Zeiten stammt oder als Ausdruck von Individualität und Besessenheit vom Job. Bezüglich des Frauenbildes hatten wir uns schon anlässlisch von „Der Richter in Weiß“ Gedanken gemacht und sind auch nach „Rechnen Sie mit dem Schlimmsten“ der Ansicht, dass der NDR auch hier seiner Zeit voraus war: Das Patriarchalische wird in „Der Richter“ ironisiert und kritisiert, in „Rechnen Sie“ ist Jill nicht nur beruflich, von ihrer Sprache und ihrem Auftritt her sehr modern, sondern auch eine aktive, gleichberechtigte Mitspielerin – und dass sie versucht, mit Sex einen Vorteil zu erlangen, ist nicht gerade defensiv und altbacken, sondern nicht unüblich, egal, in welcher Richtung. Das alles wirkt einfach auch sehr taff. Inklusive der leider doch nicht perfekten Idee mit dem verkleideten Schlingel, der an Jills Stelle den BMW steuert, der aus der Tiefgarage fährt. Eine Reminiszenz an diese Methode gab es jüngst in einem München-Polizeiruf zu beobachten. Ja, hätten die beiden sich nicht so unnatürlich aneinander geschmiegt, mitten im Kommissariat. Dann hätte Trimmel nicht die entscheidende Idee zur Aufdeckung gehabt und die Typen mit den langen Haaren hätten keinen weiteren Imageschaden erlitten. WIr hatten mit diesem Film wieder viel Spaß und kein Problem, für ihn

8/10 zu vergeben.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Schulze-Rohr
Drehbuch Friedhelm Werremeier
Peter Schulze-Rohr
Produktion Rüdiger Humpert
Wolfgang Kühnlenz (bei Studio Hamburg)
Kamera Richard Schüler
Schnitt Karl-Hermann Joksch
Besetzung

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