Mélo (FR 1986) #Filmfest 252

Filmfest 252 A

2020-08-14 Filmfest AUnmögliche Erinnerung

Ein schwerer, roter Brokatvorhang mit goldenen Tressen ist das erste, was wir sehen – und in drei Akten, jeder durch den Vorhang getrennt, entfaltet sich auf eine in der Tat sehr theaterhafte, auf wenige Setdekorationen beschränkte Verfilmung eines Stücks, das zu den erfolgreichsten Boulevardkmödien der späten 1920er zählt und in den Jahren 1926 bis 1929 spielt.  Zuerst wurde es in Deutschland und Frankreich parallel verfilmt – bereits im Jahr 1932 und „Der träumende Mund“ mit Elisabeth Bergner unter der Regie ihres späteren Mannes Paul Czinner gilt heute noch als stilprägendes Frauenporträt. Leider habe ich diesen wichtigsten späten Film des Weimarer Kinos noch nicht gesehen und kann ihn nicht mit „Mélo“ vergleichen, aber trotzdem lässt sich zu Alain Resnais‘ Version einiges schreiben. Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Paris 1926: Die alten Studienfreunde Marcel und Pierre treffen sich eines Abends, um alter Zeiten zu gedenken. Beide sind Violinisten. Doch während Marcel ein berühmter Virtuose und Weltenbummler geworden ist, begnügt sich Pierre mit einem kleinen Orchester und dem ruhigen Leben mit seiner Frau Romaine, die er stets „Maniche“ nennt. Als diese den sensiblen Marcel bei einem gemeinsamen Abendessen kennenlernt, sind beide schnell voneinander fasziniert. Sie beginnen eine Affäre.

Als Marcel zu einer Konzertreise aufbrechen muss, hofft er, Romaine werde bei seiner Rückkehr für ihn frei sein. Um ihren Mann Pierre loszuwerden, entschließt sich Romaine, ihn langsam zu vergiften. Während Pierre sich von Tag zu Tag schlechter fühlt, kümmert sich Romaines schüchterne Cousine Christiane liebevoll um ihn. Romaine wird schließlich ungeduldig und erste Gewissensbisse machen sich bei ihr breit. Die treuherzige Art ihres Gatten, die sehr in Kontrast zur Reserviertheit ihres Geliebten steht, stürzen sie in eine emotionale Krise. Verzweifelt begeht sie schließlich Selbstmord in der Seine.

Pierre heiratet daraufhin Christiane und bekommt mit ihr ein Kind. Drei Jahre später treffen er und Marcel erneut aufeinander. Um Pierres Andenken an Romaine nicht zu beschmutzen, schwört Marcel, dass zwischen ihm und Romaine nie etwas gewesen sei. Zuletzt spielen sie gemeinsam Musik, Marcel an der Violine und Pierre am Klavier.

Infos

Henri Bernsteins gleichnamiges Theaterstück von 1929 war sowohl in Paris als auch in New York seinerzeit ein großer Erfolg und ist bereits mehrfach verfilmt worden, unter anderem 1932 unter dem Titel Der träumende Mund. Regisseur Alain Resnais setzte Mélo im Stil eines Boulevardstücks in nur 20 Tagen filmisch in Szene. Er arbeitete dabei zum dritten Mal mit der gleichen Besetzung zusammen. Bereits für die Filme Das Leben ist ein Roman (1983) und Liebe bis in den Tod (1984) hatte er die Schauspieler Sabine Azéma, Pierre Arditi, André Dussollier und Fanny Ardant für die Hauptrollen verpflichtet.

Rezension

Ist gerade eine besonders gute oder eher eine ganz schlechte Zeit, um diesen Film anzuschauen und eine Kritik über ihn zu schreiben? Ich könnte mich nun persönlich an jene Frau wenden und so einleiten: „Leider bin ich nicht so berühmt, dass man von mir dermaßen fasziniert sein kann wie vom weltweit reisenden Violinvirtuosen Marcel Blanc und vielleicht ist das gut so.“ Sonst hätte ich es nämlich darauf ankommen lassen und du hättest das Dilemma mit dir mehr oder weniger alleine austragen müssen. Ob es ein so tragisches Ende genommen hätte wie bei Romaine – nun, es stirbt sich nicht so schnell. Aber ein jahrelanges Hin und Her hätte schon genug Unheil anrichten können.

Aus einer anderen Position, als Marcel sie innehat, ist es leichter, edelmütig zu sein, und eine Frage der Kraft ist es auch. Wobei wir in Mélo Künstlertypen sehen, die für die Verhältnisse ihrer Zeit sehr sensibel dargestellt werden, zumindest in Resnais‘ Verfilmung. Heute würde man sagen: Wenn sie  nicht sehr aufpassen, können sie nicht mehr kreativ arbeiten oder nicht mehr auf der Höhe ihres Könnens vor Publikum auftreten und müssen gegen ihre Depressionen ankämpfen. Marcel gönnt sich  zwischendurch auch eine Pause. Pierre nicht, weil er gar nicht mitbekommt, wie sehr sich seine Frau in Marcel verliebt hat. Damals haben Frauen zuweilen philosophisch geschwiegen und Dinge mit sich selbst ausgemacht. Nicht ganz, sonst wäre dies kein verfilmtes Stück, das zwangsläufig viel Dialog beinhaltet. Wie sollte das, ohne dass die Figuren sich erklären müssen? Außerdem sind wir nicht im absurden Theater, sondern auf der Suche nach dem Tiefen hinter dem Banalen: Eine Dreiecksbeziehung, wie sie alle Tage vorkommt.

In der Tat war mir der Film etwas zu dialoglastig, er ist dennoch schön. Das Theaterhafte hat man sehr herausgestellt, es gibt zum Beispiel niemals Nebengeräusche, die Fenster sind aus Milchglas, eine Leuchte dahinter, die Sterne am Himmel, sie funkeln nicht. Man konzentriert sich ganz auf die Figuren und, bei allem was man sich auch hätte denken können und was nicht hätte ausgedrückt werden müssen, es ist einfach schön, den Franzosen und Französinnen beim Sprechen über die großen kleinen und im Banalen noch erlesen wirkenden Dinge des Lebens zu lauschen. Deswegen habe ich mich auch gefreut, dass der Film, obwohl er auch in Deutschland lief, als OmU gezeigt wurde. Die Untertitel brauchte ich allerdings, denn so gut ist mein Französisch nicht mehr – dafür konnte ich beim Lesen und Zuhören ein wenig Vokabel- und Grammatiktraining machen.

Die Sprache wirkt jedoch nicht ausgefallen theaterhaft, man hat nicht versucht, eine manirierte Inszenierung zu zeigen, sondern Menschen, die im Grunde recht einfach sind. Weil die großen Gefühle recht einfach sind, möglicherweise. Es muss eine wundervolle Affäre gewesen sein, mit Marcel, der nicht kleinbürgerlich daherkommt, sondern eine formidable Stadtwohnung besitzt, die bereits das Art Déco gut spiegelt, das in den 1930ern seinen Höhepunkt erreichen sollte. Man beachte auch die Veränderung der Einrichtung im dritten Akt: Nach dem Tod von Romaine hat Marcel sich wohl ein neues Sofa gekauft, das wesentlich moderner aussieht als das vorherige und in cremefarbenem Leder gehalten ist (mit rot abgesetzten Nähten). Très chic, selbst heute. Dieses Möblestück erinnert ihn aber nicht mehr an Romaine, denn oft haben die beiden auf dem Vorgängermöbel gekuschelt – das ist wohl das Wichtigste, eine wenigstens partielle Veränderung, denn der Flügel und die meisten anderen Gegenstände im Living Room sind im Jahr 1929 noch dieselben wie 1926.

Ein wenig klingt die soziale Frage an, Pierre fühlt sich Marcel unterlegen, deswegen erzählt er auch die Geschichte vom allerersten Studentenjob, als die beiden sich für ein Kino-Orchester bewarben und Pierre problemlos eine Stelle bekam und man Marcel wohl zu exzentrisch fand. Oder nicht genug genug, wer weiß das schon so genau. Es wird ja mit Worten in dem Film auch vieles umschrieben, dezent ausgedrückt, die Schwingungen zwischen den drei Hauptpersonen werden an recht feinen Fäden sichtbar gemacht, aber ich finde alles, was ich gesehen bzw. gehört habe, nachvollziehbar.

Warum heißen das Stück und der Film Mélo? Keine der Figuren wird so genannt. Vermutlich eher, weil er ein prototypisches Melodram ist. Eine Frau zwischen zwei Männern sieht keinen Ausweg. Dass sie zwischenzeitlich versucht, ihren Mann zu vergiften – dann hatte ich das doch richtig verstanden, ich war mir nicht ganz sicher, aber es steht in der Handlungsangabe. Das bitte nicht nachmachen, Liebling, aber warum auch, es ist ja sowieso anders gelaufen. Und alles ist besser, als wenn Menschen auf eine so heimtückische Weise umgebracht werden und sich dann selbst das Leben nehmen. Frauen sind eben Giftmörderinnen und Männer greifen zur Axt, daran kann man schon sehen, dass wir nicht so viel gemeinsam haben, wie man ausrufen könnte, wenn man dem Gedanken folgt: dieselbe Spezies dann doch!

Kritiken

Für das Lexikon des internationalen Films war Mélo eine „[ü]berzeugend besetzte, detailgenaue Verfilmung eines bekannten Boulevard-Stückes, die die Theaterillusion zum Thema macht und dem Wirkungsmechanismus des Melodrams auf die Spur zu kommen versucht“. Der Film bleibe am Ende ein „faszinierender Versuch, mit stilisierten Mitteln dem Motiv der Sinnsuche auch hinter trivialen Formen nachzuspüren“.[1] Cinema zufolge sei der Film „[i]ronisch distanziert und voller Lust am Experiment“. Alain Resnais sei ein „Kinogenie“ und mache „Theater wunderbar“.[2]

Vincent Canby von der New York Times meinte, dass Mélo zwar „überschaubar“ erscheine, jedoch „schwer zu verstehen“ sei, „worum es eigentlich geht“. Leider setze die „Anfangsszene des Films den Maßstab sehr hoch, dem nichts, was darauf folgt, gerecht werden kann“. Fanny Ardant rage unter den Nebendarstellern heraus. „Stark, groß, leicht reserviert“ wie sie sei, verleihe sie „ihrer kleinen Rolle mehr verheißungsvolle, mysteriöse Bedeutung, als es eigentlich für diese Rolle vorgesehen war“.[3] Desson Howe von der Washington Post kam zu dem Schluss, dass Resnais mit Mélo „vielleicht nicht seinen besten Film gedreht“ habe, aber es etwas an der „tragischen Romanze“ des Films gebe, „das einen in den Bann zieht“.[4]

Alain Resnais

Nach Arbeiten als Editor für andere Regisseure und etlichen Dokumentarfilmen drehte er 1959 mit Emmanuelle Riva und Eiji Okada seinen ersten Spielfilm: Hiroshima, mon amour, der die Zerstörung Hiroshimas durch eine US-Atombombe ebenso thematisiert wie die deutsche Besetzung Frankreichs.[4] Das literarisch höchst anspruchsvolle Drehbuch, verfasst von der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras, erhielt eine Oscar-Nominierung. Hiroshima, mon amour nahm 1959 am Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes teil. Das Werk zählt heute zu den Klassikern der Nouvelle Vague, ebenso wie das Nachfolgeprojekt Letztes Jahr in Marienbad aus dem Jahr 1961, dem ein Drehbuch des Schriftstellers und Regisseurs Alain Robbe-Grillet zugrunde liegt. 1963 widmete er sich in Muriel oder Die Zeit der Wiederkehr den „Nachbeben des Algerienkrieges“.[5]

Verwirrungen, komplizierte Intrigen und das Spiel im Spiel: Seine Experimentierfreudigkeit ließ Alain Resnais zum Großmeister des französischen Autorenfilms werden. „Mich interessiert, ob man dies und jenes auch im Kino zeigen kann. Ich suche immer nach etwas Neuem“, erklärte er. (Süddeutsche Zeitung, Nachruf), ebenda: Als Spielfilmregisseur debütierte Resnais 1959 mit „Hiroshima, mon amour“ nach einem Drehbuch von Marguerite Duras. Dieser Film über das Grauen nach dem Abwurf der Atombombe ist zu einem Kultfilm geworden wie auch „Letztes Jahr in Marienbad“. Für diesen in den Schlössern Nymphenburg und Schleißheim sowie in der Münchner Residenz gedrehten Film schrieb der verstorbene „Neue-Roman“-Autor Alain Robbe-Grillet das Drehbuch. Mit diesem gewagt surrealistischen Oeuvre gewann Resnais 1961 den Goldenen Löwen des Festivals in Venedig.

Finale

Wir spüren noch ein wenig den Kritikern nach. Die Anfangszene ist die beste, keine Frage – wie sich an einem einzigen Abend ein glaubhaftes Sich-Verlieben entspinnt, das Marcel mit seinen Erzählungen auf eine so subtile Art befördert, wie es, das ist wirklich wahr, nur Franzosen können, hat großen Spaß gemacht, doch der Ton ist in der Tat reserviert, auch wenn Sabine Azéma stellenweise exaltierter wirkt als die beiden männlichen Darsteller, aber das die Art von „Maniche“, etwas Fantasievolles und Kindliches zeichnet sie aus. Kommt mir, nebenbei bemerkt, irgendwie bekannt vor. Es gibt Phasen des Lebens, in denen das Assoziieren besonders leicht fällt. Zumindest bei französischen Liebesdramen mit einer Frau und zwei Männern. Eigentlich sind es ja zwei Frauen und es ist ein wenig schade, dass die wunderbare Fanny Ardant doch eine recht kleine Rolle hat, aber auch hier stimme ich zu, sie holt einiges heraus, weil sie unverkennbar eine große Präsenz hat und oftmals weniger schüchterne Figuren gespielt hat als in „Mélo“. Zuletzt habe ich sie, in glühendes Rot gekleidet und im Stil von Ava Gardner zurechtgemacht, in „8 Frauen“ bewundern dürfen.

Ob man sagt, das, was fast jedem Menschen passieren kann, wir schön stilisiert und edel verpackt oder ob man in dem, was geschieht, den Sinn des Ganzen sieht, ist immer eine Frage der eigenen Einstellung – wer mehr konstruktivistisch veranlagt ist, wird vielleicht irritiert sein von einer Frau, die auf der einen Seite so verspielt und fragil wirkt und auf der anderen Seite radikal genug ist, ihren Mann in den langsamen Tod zu schicken, obwohl er der liebste Menschen von der Welt zu sein scheint. Auch wenn, dem Namen des Films gemäß, das Melodram sehr auf die Spitze getrieben wird und am Ende die Männerfreundschaft alles überdauert und dadurch auch ein wenig kitschig wirkt, so befriedet und beseelt in gemeinsamer Erinnerung an Romaine – es ist eine Variante, mit den Verletzungen umzugehen und mit der Trauer, sie in der Musik aufzulösen, für die man gemeinsam immer schon geschwärmt hat. Die Liebe zu einer Frau hat sich entmaterialisiert und gleichzeitig einen Bund verfestigt, der nun zwei Leben lang halten dürfte.

76/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Alain Resnais
Drehbuch Alain Resnais
Produktion Marin Karmitz,
Catherine Lapoujade
Musik Philippe-Gérard
Kamera Charles Van Damme
Schnitt Albert Jurgenson
Besetzung

2 Kommentare

  1. Liebling, schade, dass Du es so schreibst. Über eine Entführung hätte ich mich mehr gefreut :-):-):-****…

    Gesendet: Montag, 30. November 2020 um 18:24 Uhr

    Gefällt 1 Person

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