Ausgespielt – Tatort 352 #Crimetime 823 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #ausgespielt

Crimetime 823 - Titelfoto © NDR

Ein gemütlicher Abend mit geklauter Musik

„Das andere Leben“ lautet der beziehungsreiche Titel des Songs, der im Mittelpunkt der Handlung steht und des Musicals, das von diesem Lied geankert wird.

Das andere Leben hätte auch Max Zeller verdient gehabt, der ins Obdachlosenmilieu abgerutschte Musiker, der dieses Lied komponiert hat, welches ihm dann von einem wenig begabten Kollegen gestohlen wird.

Es kommt wirklich darauf an, wie man diesen Tatort angeht. Man kann ihn schlecht finden, weil die Story langsam ist und außerdem nicht die glaubwürdigste, die wir bisher zu rezensieren hatten. Man kann aber auch sagen, Stoever und Brockmöller sind wieder auf ihre derbe Art herrlich, ermitteln gemütlich und mit einer gewissen Zielstrebigkeit vor sich hin, die man heute kaum noch sieht – und natürlich gibt es ein großes Aufgebot an bekannten Schauspielern und viel Musik jenseits von Techno, über das man sich 1996, als „Ausgespielt“ gefilmt wurde, wirklich aufregen konnte. Die Befürchtung der Kommissare, dass diese Art von Musik zum Mainstream wird, hat sich nicht bewahrheitet. Die meisten Menschen haben ja doch eine Art rudimentäres Gefühl für Melodik und es wird auch nicht jeden Tag bzw. jede Nacht abgetanzt.

Uns hat’s Spaß gemacht, Stoever und Brocki durch eine Soirée zu begleiten, in denen wenige Melodien immer wieder anders arrangiert wurden. Das sorgt für viel Atmosphäre, nebenbei wird die Musikbranche ein wenig durch den Kakao gezogen. Man hat aber viel Herz für die performenden Künstler, in der Jazzstadt Hamburg, in den 90ern, die Kommissarstypen wirken in dem Milieu, das in „Ausgespielt“ gezeigt wird, wie zuhause. Nicht umsonst erzielen sie ihren spektakulärsten Ermittlungserfolg, weil sie Noten lesen können.

Handlung

Der in die Obdachlosenszene abgerutschte Jazzmusiker Max Zeller gerät an einem Abend in einen heftigen Streit mit seinen Kumpels Grabert und Fellgiebel. Er behauptet steif und fest, der neue Erfolgssong aus der Hitparade sei von ihm. Als ihn seine Kumpels auslachen, eskaliert der Streit. Am nächsten Morgen wird Zeller tot aufgefunden.

Als die Hamburger Kommissare Stoever und Brockmöller am Tatort eintreffen, erkennen sie in dem Toten den bekannten Jazzmusiker, den sie verehrt und dessen Platten sie gesammelt haben. Die Kommissare können einfach nicht glauben, daß ihr einstiges Idol so heruntergekommen ist, und treiben mit aller Intensität die Ermittlungen voran. Dabei stoßen sie auf Zellers ehemalige Freundin Tina Beck, die gerade für eine wichtige Rolle in einem neuen Musical probt, in dessen Mittelpunkt ihr neuer Erfolgssong steht. Es stellt sich heraus, daß sowohl der Musicalproduzent Sven Planitz als auch der Förderer Ulrich Gerstenberg und der Komponist Detlev Markowski den Ermordeten gut kannten. Keiner macht jedoch einen Hehl daraus, daß Zeller nicht sonderlich beliebt war. Stoever und Brockmöller haken nach und stiften erhebliche Unruhe in der Musical-Szene.

Vergangenen Zeiten nachhängend, hören Stoever und Brockmöller die Schallplatten von Max Zeller an, und plötzlich fallen ihnen Ähnlichkeiten zwischen den Zeller-Songs und den Musicalmelodien auf. Hatte Zeller doch recht gehabt und war um sein Lebenswerk betrogen worden? Doch nicht nur die Kommissare sorgen für Unruhe, auch der Obdachlose Fellgiebel versucht auf seine Art, Nutzen aus Zellers Geschichte zu ziehen. Er nimmt Zellers Behauptungen ernst und erpreßt Planitz und Markowski, um an das große Geld zu kommen. Noch während Stoever und Brockmöller versuchen, dem Mörder von Zeller auf die Schliche zu kommen, geschieht ein weiterer Mord.

Rezension

Stoever und Brockmöller und die Hamburg-Tatorte in ihrer Zeit

Welch ein weiter Weg, von einem Stoever / Brockmöller-Krimis aus dem Hamburg der 90er Jahre zu den Batu-Agententhrillern von heute, die demnächst ebenfalls schon wieder Geschichte sein werden. Dazwischen lag die Zeit des Ermittlers Jan Castorff (Robert Atzorn), die für uns eine bislang unerforschte Epoche darstellt. Wir werden uns bald mit dieser Epoche beschäftigen, weil sich immer mehr zeigt, wie wichtig die Hamburg-Tatorte mit ihren Impulsen für die gesamte Serie sind.

Stoever und Brockmöller haben lange Zeit die Liste der Kommissare mit den meisten Tatortfällen angeführt, erst die überragende Kontinuität in Ludwigshafen, Köln und München hat dafür gesorgt, dass sie mittlerweile nicht mehr an der Spitze stehen.

Sicher waren ihre Tatorte formal nicht überragend innovativ, auch nicht für die 90er Jahre, in denen sie vorwiegend gedreht wurden. Man merkt das besonders gut, wenn man sie mit den knapp später entstandenen und von Beginn an im 16:9-Format gedrehten, ersten WDR-Folgen mit Ballauf und Schenk, die bereits wesentlich mehr der heutigen Ästhetik entsprechen. Die Hamburger sind auch musikalisch altmodisch, allerdings – dadurch auch jazzig, ohne die Melancholie zu zeigen, die zur selben Zeit in Berlin durch den ebenfalls dem Jazz verhafteten Kommissar Markowitz (Günter Lamprecht) gepflegt wurde.

Diese beiden Kommisarsfiguren waren für die Entwicklung der Tatorte wichtig, weil sie Publikumslieblinge waren und damit eine bis dahin nicht gekannte Besetzungskontinuität ermöglichten, weil sie launig und humorvoll rüberkamen. Sicher ist mancher Gag nun ein wenig verblasst, aber das Konzept mit den beiden zeigt sich immer noch als stimmig. Neulich haben wir den ersten Frankfurt-Tatort mit KHK Brinkmann gesehen – dieser Film wirkt gegenüber den Hamburger Stoever-Brockmöller-Folgen eiskalt. Auch Stoever kommt manchmal überheblich rüber, aber da ist doch ein ironischer Unterton und ein Wortwitz, der den Gemütsmenschen durchblitzen lässt.

Brinkmann hat beinahe genauso lang ermittelt wie Stoever und Brockmöller, birgt aber weit weniger Identifikationspotenzial als die beiden „Swinging Cops“, wie sie von der Presse bald genannt wurden. Zumindest gilt das für sein Auftreten in „Tod einer Ärztin“, den wir vor einigen Tagen angeschaut haben. Natürlich war es auch ein Glücksfall, dass man Paul Stoever (Manfred Krug) in Peter Brockmöller (Charles Brauer) einen bodenständigen Kollegen zur Seite gestellt hat, der einiges aushält und in der sich der dominant-markante Chef vom Ganzen gut spiegeln kann. Erst die Peter & Paul-Connection wurde zur Tatort-Legende und es ist erfreulich, dass der NDR seine einstigen Zugpferde mit häufigen Wiederholungen ihrer Filme im Herzen der Tatortzuschauer weiterleben lässt und uns die Möglichkeit gibt, mit der Rezeption ihrer Folgen unser Verständnis für die gesamte Tatort-Geschichte zu verbessern.

Ensemble, Regie

Regie bei „Ausgespielt“ führte Routinier Jürgen Roland, der zunächst für die Edgar-Wallace-Reihe der 60er Jahre einige Kinofilme beisteuerte, sich dann in Fernsehproduktionen wie „Stahlnetz“ bewies, wo er einer der wichtigsten Regisseure war – und schließlich seine mittlerweile als konservativ anzusehende Stilrichtung in genau einem Dutzend Tatortfolgen umsetzte. Die Filme sind sauber aufgebaut., soweit wir das bisher beurteilen können. („Baranskis Geschäft“) haben wir rezensiert und „Tod vor Scharhörn“, den von Roland inszenierten Abschiedstatort mit und für Stoever und Brockmöller vor einigen Monaten angeschaut.

Den Blick für die interessante Gestaltung von Figuren hatte Roland auch – man merkt das eindeutig daran, dass er das ziemlich reichhaltige Charaktertableau von „Ausgespielt“ beherrscht und z. B. Horst Frank unter seiner Anleitung eine für ihn ziemlich untypische Rolle ziemlich gut rüberbringt, dass im Ganzen die Nebenrollen plastisch wirken – und auch etwas schräg, was das Musikbusiness angeht. Der Finanzmensch hingegen ist sehr klischeehaft dargestellt, angesichts dessen, was wir heute über die Branche alles wissen, kann man aber konstatieren: Klischees müssen keine Lügen sein.

„Ausgespielt“ ist unterhaltsam, ohne Herzrasen zu erzeugen, zeigt Milieus, ohne z. B. das der Obdachlosen zur Sozialanklage zu verwenden. Im Gegenteil, es sind einige sehr ironische Handlungsmomente damit verbunden, wie zum Beispiel, dass einer von den Pennern, wie sie hier politisch inkorrekt noch desöfteren genannt werden, loszieht, um die Musik- und Finanzmenschen mit seinem Wissen um Max Zellers Musical-Urheberschaft zu erpressen. Das kann natürlich nicht gutgehen, in einem so traditionellen Krimi wie „Ausgespielt“ und der ohnehin arme Mann verliert sein Leben. Dass die Figur sich im Verlauf des Films äußerlich wandelt und auch sehr stattlich ist, ist eines der vielen, liebevoll gebastelten Details, die nicht nur diesen Stoever / Brockmöller-Fall auszeichnen.

Etwas Kritik an Handlungselementen

Drehbuchtechnisch hätten wir’s besser gefunden, wenn der Finanzer tatsächlich die gesamten Fäden in der Hand gehalten hätte. Dass der koksende Musikschreiber Makowski (Jörg Pleva) ebenfalls aktiv wurde und dann auch noch der Produzent Planitz (Burghardt Klaussner), wirkt ein wenig holprig und diesem koksenden und saufenden Makowski traut man die kriminelle Energie nicht ohne Weiteres. Nicht wegen seiner Süchte, sondern, weil er so antriebslos wirkt, bis sein Chef Planitz ihn doch noch mobilisiert, das Musical zum Song „Das andere Leben“ zu verfassen. Der zweite Todesfall im Film wird zwar nicht durch ihn selbst begangen, aber er hat Max‘ Wohnung angesteckt, nachdem er die Manuskripte zu dessen Musik entwendet hatte. Wieso Makowski davon wusste und wie ein zeitlicher Ablauf möglich war, bei dem der Song so schnell nach diesen Ereignissen den Weg ins Radio fand und wieso sich der Neffe von Zeller trotz des Wohnungsbrandes dessen Notizbuch in unversehrtem Zustand angeeignet hatte, erfahren wir nicht.

Obwohl der Titel „Ausgespielt“ ebenfalls doppelbödig ist (er steht für den Tod des Musikers Zeller ebenso wie für die Aufdeckung der Plagiats- und Mordmachenschaften der Musical-Beteiligten), hätten wir „Das andere Leben“ noch schöner gefunden. Wegen des anderen Lebens, das Zeller durch die  Tantiemen bei anerkannter Urheberschaft für die Musik hätte führen können, wegen des anderen Lebens, das sich Personen sozusagen mit Plagiaten erobern. Wegen des Erfolgs, von dem hier alle träumen und der ein anderes Leben ermöglichen kann.

Fazit

Unter Stoevers und Brockmöllers Fällen liegt „Ausgespielt“ in der Rangliste des Tatort-Fundus im hinteren Drittel, ebenso gilt dies für die Wertung aller 846 bisher gezeigten Folgen.

Wir sehen ihn aber trotz seiner traditionellen Machart, der mäßigen Spannung und recht flachen Dramaturgie besser. Das liegt an den Figuren und an der sehr schönen Atmosphäre, die hier durch die Musik und die Eingebundenheit der Kommissare in das musikalische Geschehen erzeugt wird, am Humor und vielen kleinen Ideen, die einen „reichen“ und emotional ansprechenden Film erzeugt haben. Das reicht uns auch mehr als 15 Jahre nach der Erstausstrahlung noch zu 7,5/10 Punkten.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Stoever – Manfred Krug
Kommissar Brockmöller – Charles Brauer
Bruno Fellgiebel – Veit Stübner
Detlev Makowski – Jörg Pleva
Max Zeller – Joachim Regelin
Sven Planitz – Burghardt Klaussner
Bill Hansen – Bill Ramsey
Tina Beck – Anna Maria Kaufmann
Günther Grabert – Horst Frank
u.a.

Drehbuch – Hans-Werner Kettenbach
Regie – Jürgen Roland

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