Jeremiah Johnson (USA 1972) #Filmfest 254

Filmfest 254 A

2020-08-14 Filmfest AWie wird man ein Mann aus den Bergen?

Am besten, indem man dort geboren wird. In der grandiosen Natur der Rocky Mountains vollzieht sich im Verlauf von „Jeremiah Johnson“ jedoch ein Spektakel, das dem der Natur ebenbürtig ist.

Aus einem ehemaligen Soldaten wird der Trapper oder Mountain Man, den die Crow-Indianer am Ende des Films zur lebenden Legende erheben. Es ist kein Spoiler, finden wir: Hinter dem Bart mit Mann auf dem Titelfoto versteckt sich niemand anderer als Robert Redford, der den Mountaineer artgerecht ohne viel Rasierschaum porträtiert. Mehr darüber ist zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

Der Film spielt um 1850 in den Bergen des heutigen Colorado. Jeremiah Johnson, ein ehemaliger Soldat, beschließt, aus nicht näher bezeichneten Gründen, in die Berge zu gehen, um ein einsames Leben als Trapper zu führen. Nach existenziellen Grenzerfahrungen im ersten Winter macht er die Bekanntschaft des alten Trappers „Bear Claw“, der Jeremiah das Jagen und Fallenstellen lehrt. Eine Frau, deren Angehörige von Schwarzfuß-Indianern getötet wurden, ist wegen des Geschehenen wahnsinnig geworden. Sie vertraut Jeremiah ihren Sohn Caleb an, den neben ihr einzigen Überlebenden, der aufgrund des Erlebten nicht mehr spricht. Ein anderer Trapper, Del Gue, wurde von Indianern ausgeraubt und bis zum Hals in der Erde eingegraben. Nachdem Johnson ihn aus dieser Lage befreit hat, reiten sie eine Zeitlang gemeinsam.

Aufgrund eines kulturbedingten Missverständnisses und eher widerwillig heiratet Jeremiah die Flathead-Häuptlingstochter Swan. Für sie und Caleb baut er ein Haus in der Wildnis. Das gemeinsame Leben der neuen Familie währt jedoch nur einen Winter. Als Jeremiah gebeten wird, eine Militäreinheit, die eingeschneiten Siedlern in Not Lebensmittel bringen will, durchs Gebirge zu führen, lässt er sich widerstrebend dazu bewegen, die Einheit auf dem kürzesten Weg durch das Gebiet zu führen, in dem die Crows ihre Toten bestatten. Diese rächen sich für die Missachtung ihrer heiligen Stätten, indem sie Swan und Caleb erschlagen. Johnson verfolgt die Angreifer und tötet alle bis auf einen, den er verschont, als dieser angesichts seines bevorstehenden Todes ein Sterbelied anstimmt. In der Folge wird Johnson immer wieder von einzelnen Crows in ritueller Weise zum Zweikampf herausgefordert. Da er alle diese Kämpfe überlebt, gilt er den Indianern mit der Zeit als Legende. Auf dem Weg nach Kanada begegnet er Paints His Shirt Red, einem Häuptling der Crow, den er von seinem ersten Winter in den Rocky Mountains kennt. Als Johnson nach dem Gewehr greifen will, grüßt ihn Paints His Shirt Red und macht mit erhobener Hand das Friedenszeichen. Nach kurzem Zögern erwidert Johnson den Gruß.

Rezension

Ein echtes Greenhorn, das sich in die Einöde aufmacht. Er kann nicht jagen, das Feuer geht ihm aus, weil der Wind Schnee vom Tannenzweig weht. Er findet einen toten Trapper und ein Gewehr. Er findet einen alten Trapper, der ihm die Schliche des Lebens in den Bergen beibringt. Er findet einen weiteren Trapper im Sand, was ihm zunächst einen Ziehsohn und dann eine Frau einbringt. Er findet ein Familienglück, das er gar nicht wollte. Dann findet ihn ein Armeetrupp, heuert ihn als Scout an und eine Fehlentscheidung des Truppfrührers führt dazu, dass Johnson seine kleine Familie wieder verliert. Aus Rache tötet er einige Native Americans vom Stamm der Crow, wird daraufhin verfolgt und tötet weiter – bis am Ende der Häuptling Frieden signalisiert.

Die Handlung ist schnell auf ihre wesentlichen Elemente reduziert und die Tatsache, dass alles, was geschieht, ungeheuer vorhersehbar ist und bar jeder atemberaubenden Wendung, gibt Freiraum zur Beobachtung der Natur und der Menschen, die in ihr agieren. Die Einöde wirkt dabei recht belebt, ständig begegnet Johnson Leuten und es wirkt nicht, als ob er sie gesucht habe, sondern wie Zufall – und am Ende sind es sogar immer die gleichen Menschen, man kennt sich also auch in den Weiten der Rockys.

„Jeremiah Johnson“ ist bereits ein gefühlter Spätwestern mit modernem Schauspiel und beinahe perfekter Bildsprache. Das gilt aber nicht für alle Einzelszenen. Die Kampfszenen mit den Indianern wie auch die Kampfszene mit den Wölfen sind hektisch geschnitten, um zu kaschieren, dass es vermutlich nicht gelungen war, sie am Stück so zu drehen,  dass sie Spannung und Aktion vermitteln, zudem wirkt die Wolfszene etwas übertrieben. Gut, dass Kevin Costner 18 Jahre später ein anderes Wolfsbild vermittelt hat („Dancer With Wolves“ / „Der mit dem Wolf tanzt“, 1990).

Die Konzentration aufs Schauspiel, auf Gesten und Blicke, das genaue Hinschauen, die elegische Ausdehnung von Szenen, das ist wiederum typisch für eine Spielart des New Hollywood um 1970, die vom europäischen Autorenkino inspiriert ist. Ebenso gibt der Film den politischen Wandel der Zeit wieder. Die Native Americans werden sehr differenziert dargestellt, nicht nur nach Stämmen, sondern auch nach Einzelpersönlichkeiten, aber noch nicht im Sinn der Political Correctness seit den 90er Jahren. Mehr Realismus war etwa ab 1967 insgesamt ein Credo im amerikanischen Film, das zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führte.

Robert Redford war 1972 auf dem Weg zum Superstar (den Status erreichte er ein Jahr später mit „The Sting“ / „Der Clou“) und steht wie Clint Eastwood für die Generation von Starschauspielern, die den Aufbruch ins neue Kino der 70er trugen. Redford verkörpert dabei die Spielart des liberalen und  humanen und hier sogar in der harten Natur aufgeklärten Amerikaners, ähnlich wie sein älterer Freund Paul Newman, mit dem er zwei Klassiker gedreht hat („Butch Cassidy and The Sundance Kid„, 1969) und den erwähnten „The Sting“, während Eastwood den Typus des Actionhelden schufen, den es in der kompromisslosen Ausprägung zuvor nicht gab.

Redford ist ohne Weiteres in der Lage, einen Film wie „Jeremiah Johnson“ zu tragen, selbst mit einem Vollbart, der wenig Mimik zulässt. Witzig ist die Idee, dass seine indianische Frau ihn dazu bringt sich zu rasieren, weil der Bart sie kratzt. Dadurch konnte man Redfords einnehmendes Antlitz zwischendurch mal wieder sichtbar machen und diesen Vorgang sogar – sic! – einigermaßen realistisch wirken lassen.

Die Initialisierungsgeschichte des Jeremiah Johnson ist einem Mann nachgebildet, den es offenbar wirklich gab, der aber gemäß Romanvorlage ein Indianerhasser und vom Beginn her ein Stück Cleverer als sein Filmpendant gewesen sein soll. Im Film isst Johnson zwar ein Rächer und wird dann verfolgt, aber bis zu dem Plotpoint, an dem seine Familie stirbt (wobei diese Wendung nicht überrascht, siehe oben), versucht er so friedlich wie möglich zu sein und mit jedermann in den Bergen auszukommen, was sogar dazu führt, dass er eine Frau als Geschenk eines Indianerhäuptlings akzeptiert, obwohl er sicher nicht vorhatte, sich zu verheiraten. Der Mord an seiner Familie wird sogar bezüglich seiner Motivation erklärt – wenn auch nicht gerechtfertigt. Jeder Film spiegelt eben seine eigene Zeit, auch wenn er ein „Period Picture“ ist und auf historischen Fakten basiert. Über Johnson selbst bzw. seine Vergangenheit erfahren wir nicht viel, auch wenn eingangs ein Narrator ein paar Sätze über den Mann sagt, zum Beispiel, dass dieser wie geschaffen für die Berge sei. Es kommt zu einem ironischen Nachhall dieser Aussage, wenn man wenig später sieht, wie Johnson uns zeigt, dass er nicht wusste, worauf er sich eingelassen hat und mangels Einsiedlerfähigkeiten beinahe zugrunde geht.

Trotz  des gepflegten Realismus ist „Jeremiah Johnson“ insofern allerdings kein Spätwestern, als er nicht darauf abzielt, eine Legende, einen Mythos zu zerstören, zu relativieren oder gar zu persiflieren. Im Gegenteil, in der kargen Welt und den wortarmen zwischenmenschlichen Szenen liegt ein Pathos, das wenige Jahre zuvor noch nicht  denkbar war, weil man sich in Hollywood nicht getraut hätte, so wortkarg zu filmen. Insofern kamen neue Ideen zum Medium – die heute leider dem US-Kino wieder verloren gegangen sind – der Überhöhung sogar zupass. Um 1970 war es so: Die Helden des Westens oder mittleren Nordwestens wurden einsamer, einsilbiger und ihr entbehrungsreiches Leben damit vorstellbarer. Die Natur, unterstützt durch das Filming on Location, wurde in manchen Filmen zum Mitspieler, bekam eine eigene, tragende Rolle.

Wenn man so will, profitiert der US-Western auch von seiner ca. acht Jahre vor „Jeremiah Johnson“ begründeten italienischen Variante mit ihrer deutlichen Stilisierung und Reduktion und lakonischen Hauptfiguren. Diese Stilisierung basiert auf Hollywoodmythen, brach jedoch mit Hollywoodkonventionen insofern, als sie ganz im Gegensatz zum durch Dialoge getragenen psychologisierenden Ansatz der 50er und 60er stand, welche alle Genres, auch den Western, erfasst hatte.

Finale

Ob „Jeremiah Johnson“ realistisch ist oder nur so wirkt, ist Ansichtssache. Ob er mitreißen kann, ebenfalls. Uns hat das menschliche Drama, das Johnson ereilt, nicht so tief berührt, wie es das vielleicht hätte tun sollen. Ob es an der Vorhersehbarkeit lag und wir uns geärgert haben, dass der mittlerweile erfahrene Johnson nicht geahnt hat, dass die Crows auf die Verletzung ihrer heiligen Grabstätte durch den hindurchreitenden Armeetrupp so reagieren würden oder daran, dass uns die Figuren zwar interessiert haben, aber wir uns nicht mit ihnen identifizieren konnten – es wird wohl von beidem etwas sein. Die Frage wiederum sellt sich, ob das Absicht war. Regisseur Sydney Pollack hat einige sehr bekannte Filme gemacht („Tootsie“, „Out of Africa“), die sehr unterschiedlich ausgefallen sind. Eine eigene, starke Handschrift tragen sie allerdings nicht, und auch Jeremiah Johnson fehlt wohl das Quäntchen Genie oder, sagen wir, der Funke des inspirierten Moments, der hinter den meisten Klassikern steckt.

69/100

„Jeremiah Johnson“ in der deutschen Wikipedia und in der englischsprachigen IMDb.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Sydney Pollack
Drehbuch John Milius,
Edward Anhalt
Produktion Joe Wizan,
John R. Coonan,
Mike Moder
Musik John Rubinstein,
Tim McIntire
Kamera Duke Callaghan
Schnitt Thomas Stanford
Besetzung

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