Freitag gegen Mitternacht – Polizeiruf 110 Episode 17 #Crimetime 825 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Fuchs #Arndt #DDR #Freitag #Midnight #Mitternacht

Crimetime 825 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Der Werkstoff, aus dem die narzisstische Kränkung geformt wird

Für den Darsteller von Hannes, dem Zurückgesetzten, Justus Fritzsche, begann mit „Freitag gegen Mitternacht“ eine Reihe von kurz aufeinanderfolgenden Einsätzen in der Reihe „Polizeiruf 110“ – dann eine längere Pause und 1986 folgte in „Ein großes Talent“ (Rezension noch nicht veröffentlicht) noch einmal eine Charakterstudie, wie sie damals bereits im DDR-Premiumkrimi üblich waren. Sein Gegenspieler Lorenz wird von Dieter Wien dargestellt, den wir unter anderem als mindertalentierten Zauberer im Polizeiruf „In Maske und Kostüm“ (1978) bewundern konnten. Seinen letzten Krimi-Auftritt hatte er 1999 im Tatort „Todesangst“.  So viel zu den beiden wichtigen männlichen Episodendarstellern, mehr zum Film in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Gerade noch hat Dr. Dieter Lorenz mit seinen Mitarbeitern die Entwicklung eines neuen Werkstoffs gefeiert. Betrunken verlässt er die Feier vorzeitig und erhält in seinem Büro einen Anruf, den er zwar entgegennimmt, jedoch dem Anrufer am Telefon nichts sagt. Anschließend bricht er in den Kassenraum des Betriebs ein. Als die Alarmanlage losgeht, versucht er zu fliehen, wird jedoch vom Wachmann gestellt. Vor Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt gibt er vor, betrunken gewesen zu sein. Einen Grund für den Einbruch will er nicht angeben.

Die Ermittler suchen zunächst Dieters Frau Ilse auf. Sie berichtet, dass ihr Mann in den letzten Wochen sehr nervös war. Geldsorgen habe er nicht, da beide so viel verdienen, dass sie von ihrem Gehalt leben können. Dieters Einkommen sparen beide. Ilse gibt den Ermittlern das Sparbuch. Es stellt sich heraus, dass Dieter in den letzten fünf Wochen das gesamte Vermögen von 12.000 Mark abgehoben hat. Peter Fuchs und Vera Arndt finden zudem heraus, dass Dieter sein geliebtes Segelboot verkaufen will. Gründe kennt der Bootsreparateur Schellong, bei dem das Boot untergestellt wurde, nicht. Er weiß nur, dass der Verkauf für 10.000 Mark vor Kurzem geplant war, der Kaufinteressent jedoch kurzfristig absprang. Dieter habe darauf sehr wütend reagiert.

Vera Arndt vermutet, dass Dieter erpresst wird. Sie erfährt, dass er früher ein Verhältnis mit der Ärztin Dr. Brigitte Riedel gehabt hat. Diese berichtet Vera Arndt, dass sie Dieter zuletzt vor vier Wochen gesehen habe. An einem Freitag habe sie mit ihrem Freund Dr. Hannes Weißbach, einem Kollegen von Dieter, ihren Geburtstag nachgefeiert. Dieter sei an dem Abend in ihre Wohnung gekommen, da er Hannes bei der Arbeit brauchte. Beide seien dann zusammen weggefahren. Hannes wiederum habe erst an dem Abend ein Geheimnis erfahren: Brigitte und Dieter haben aus ihrer kurzen Affäre ein Kind. Diese Nachricht erschüttert Hannes, der schon zu Studienzeiten immer gegenüber Dieter benachteiligt wurde. Dennoch will er mit Brigitte eine Familie gründen und sieht sich bereits nach einem gemeinsamen Haus um. Um das Haus bezahlen zu können, braucht er viel Geld.

Peter Fuchs treibt noch ein anderes Detail um: Dieter hat sein nahezu neues Auto kürzlich umspritzen lassen. Er gibt vor, dass ihm die alte Farbe nicht gefallen habe. Von Schellongs Sohn erfährt Peter Fuchs, dass das Auto zudem eine Beule gehabt habe, die er im Zuge des Umspritzens beseitigt habe. Vera Arndt forscht nun nach möglichen Unfällen in der Freitagnacht nach dem Besuch von Brigittes Geburtstagsfeier. Tatsächlich wurde an dem Abend ein Motorrad gestohlen, das wenig später aufgefunden wurde. Es wies starke Unfallspuren auf.

Dieter erhält Besuch von Hannes, der von ihm die ausstehenden 10.000 Mark fordert. Er droht andernfalls Dieter anzuzeigen. Zudem will er dessen Frau von dem unehelichen Kind erzählen. Dieter verweigert eine Zahlung, da Hannes doch bei einer Anzeige „selbst mit drin hänge“. Seiner Frau hat er zuvor bereits das uneheliche Kind gestanden. Hannes geht, er weiß nicht, dass Dieter das Gespräch heimlich mitgeschnitten hat. Bei einem späteren Anruf spielt Dieter Hannes das mitgeschnittene Gespräch vor. Hannes macht sich auf die Suche nach Dieter. Der wendet sich an die Polizei und gibt alles zu. Auf der Fahrt am damaligen Freitag gegen Mitternacht habe er leicht angetrunken einen Motorradfahrer erfasst, der falsch in einen Kreisverkehr eingebogen war. Er hielt den Fahrer für tot. Auf Betreiben von Hannes ließ er den Mann liegen und beging Fahrerflucht. Erst später rief Dieter dann den Notarztwagen an. Der Fahrer wiederum war in Wirklichkeit nur leicht verletzt. Er gesteht im Verhör mit Vera Arndt, dass er das Motorrad vorher gestohlen hatte. Als er den Notarztwagen hörte, ergriff er die Flucht und versenkte das Motorrad wenig später in schlammigem Gebiet.

Dieter erwartet Hannes in seinem Boot. Als Hannes ihn angreifen und das Kassettengerät entwenden will, wird er von der Polizei verhaftet. Auch Dieter wird von Peter Fuchs abgeführt.

Rezension

Es ist ja schon ein guter Test, Rezensionen nicht direkt nach dem Anschauen eines Films oder am folgenden Tag zu schreiben – sonder erst zwei Tage später und nachdem man vielleicht schon einen oder zwei weitere Krimis gesehen hat. Was ist hängen geblieben, was war prägnant? Das ist dann die entscheidende Frage. Die Antwort fällt bei „Freitag gegen Mitternacht“ nicht so gut aus, weil wir kaum einzelne Szenen in Erinnerung behalten haben. Auch der Konflikt der beiden Männer, die eng zusammenarbeiten und nacheinander mit derselben jungen Ärztin zusammen waren und dass einer den anderen erpresst, weil er glaubt, er könne das wegen eines Verkehrsdelikts, an dem er selbst beteiligt ist, weil er den anderen zur Unfallflucht verleitet, ist doch ein wenig sehr Standard – auch wenn man konstatieren muss, dass dem Film nichts Wesentliches fehlt.

Es ist eher die Abwesenheit von Stärken als das Vorliegen größerer Schwächen, das ihn eben durchschnittlich wirken lässt. Wir könnten jetzt schreiben, wir kennen das, wie es sich anfühlt, wenn an der Uni jemand wegen besserer Connections trotz schwächerer Leistungen einen Job bekommt, aber kaum haben wir’s geschrieben, packen weg, weil man nicht jede narzisstische Kränkung als ewigen Antrieb fürs Gerechtigkeitsgefühl verwenden darf und halten fest: Wenn man wirklich gut ist, bekommt man meistens mehrere Chancen, und eine verpasst zu haben, kann sich später als Glücksfall erweisen, weil man frei ist für etwas, das den Einsatz wert war. Und man lernt, dass Netzwerken genauso wichtig ist wie Leistung. Es ist ja auch eine soziale Leistung. Solche Vorgänge können jedoch eine Freundschaft belasten oder gar beenden. Das ist uns bisher nicht passiert, auch wenn sich die Intensität oder die emotionale Temperatur nicht immer aufrecht erhalten lassen. Man kann aber auch irgendwann weggehen, wenn man es nicht mehr aushält.

Bei Beziehungen war das in der DDR offenbar leicht. Die Souveränität, mit der in Polizeirufen gezeigt wird, dass eigentlich niemand mehr in erster Ehe lebt und fast alle Kinder haben, die sie nur ab und zu mal sehen dürfen, ist sicher etwas überspitzt und doch allzu sehr als Normalfall dargestellt, weil ja irgendwoher die Probleme und Konflikte kommen müssen, die einen Krimi ausmachen – aber auf der Arbeit auszuweichen, scheint schwieriger zu sein. Natürlich, wir erinnern uns an die traditionelle Welt, in der die meisten der in Polizeirufen gezeigten Kollektive angesiedelt sind – man konnte sich nicht einfach in eine andere Abteilung versetzen lassen, wenn man mit jemandem nicht klarkam. Faktisch geht das auch heute nicht so leicht. Aber eine jahrelange enge Zusammenarbeit, die darin gipfelt, dass der eine Teil – hier unbewiesen – daran glaubt, der andere profitiere nur immer von seinen Arbeitsergebnissen, ist gerade dort, wo es um Forschungsergebnisse, ja um Patente geht, schon ein beachtlicher Grund dafür, dass sich Aggressionen nur noch schwer unter Kontrolle halten lassen. Und es wird nicht allzu viele Möglichkeiten gegeben haben, woanders an neuen Werkstoffen zu forschen.

Der Frust von Hannes kommt aber hier nicht zum gewaltsamen Ausbruch, sondern münden nach einer Zufallsgelegenheit in einen Erpressungsversuch. Es ist aber nicht so leicht, das einigermaßen füllig darzustellen, da können auch 70 Minuten Spielzeit schon leicht gedehnt wirken. Den Frauen kommt also die Aufgabe zu, eine Klammer zu bilden. Vor allem Dr. Riedel ist ein interessanter Typ, der Akzent, der dazu beiträgt, rührt daher, dass ihre Darstellerin Cornelia Habbema Niederländerin ist. Polizeirufe, die im Akademikermilieu spielen, haben zumindest für uns den Vorteil, dass sie etwas zeitloser wirken. Die Settings sind recht ansprechend, wie man hier am „VEB Werkstoffverbund“ oder „Verbundwerkstoff“ sieht, in dem gerade eine neue Plaste erfunden wurde, die Stahl ersetzen kann. Und das sogar vorfristig, also über Plan, womit unerwartete Einsparungen zu realisieren sind. Ein gutes Team und Hannes ist der einzige, der Dr. Lorenz eben nicht als den perfekten Leiter des Ganzen ansieht. Das lässt auch darauf schließen, dass seine Sicht äußerst subjektiv ist. Konkurrenz im Sozialismus also, und so muss man den Film auch lesen: Geht eigentlich gar nicht. Gefährdet im Ernstfall das Ganze. Allerdings verhält sich auch Lorenz falsch, weil er natürlich nach dem Unfall hätte zur Polizei gehen müssen, zumal er der Ansicht ist, dass er ihn nicht verursacht hat. Dass er da so kopflos gehandelt hat, muss argumentativ ziemlich herbeigeholt werden, während ansonsten der Film psychologisch zwar zurückhaltend ist und keine exorbitanten Charakterzeichnungen liefert, es aber auch keine großen Fragezeichen gibt.

Gut hat uns dabei die Darstellung von Dr. Riedel als moderne Frau gefallen, die auf eine selbstverständlichere Art unabhängig wirkt als viele andere werktätige weibliche Charaktere, die man in Polizeirufen aus dieser Phase sieht – und es wird nicht, wie ebenfalls häufig zu sehen, diese Unabhängigkeit zur Kampfzone im Familienleben.

Finale

Die Kriminaler Fuchs und Arndt sind in diesem Fall routiniert unterwegs, können ihn aber nur lösen, weil Dr. Lorenz sich selbsttätig wehrt und ein Gespräch mit Hannes aufzeichnet, das den Erpressungsversuch belegt und das Treffen mit Hannes so arrangiert, dass die Polizei diesen in flagranti festnehmen kann. Es kommt nicht zu einem Tötungsdelikt, damit gibt der Film schon die Linie vor, die in den kommenden Jahren dominierend werden sollte: Der Sozialismus darf nicht als allzu mörderisch gezeigt werden. Dass dadurch auch die Schockmomente ausbleiben und immer wieder ähnliche Delikte, vorzugsweise Trickdiebstahl, Trickbetrug, allein, zu zweien, als Bande oder Kollektiv, in immer neuen Varianten dargestellt werden mussten, schränkte natürlich die Variationsmöglichkeiten stark ein. Es führte aber auch zu einer bemerkenswerten Findigkeit bei den Details und präzisen Figurenzeichnungen, die bei Tatorten im Lauf der Zeit und wegen der unendlichen Möglichkeiten, immer weitere Milieus abzuklappern, die es in der DDR teilweise gar nicht gab, zumindest nicht im Film, etwas verloren ging – nach sehr guten Anfängen übrigens, wie wir gerade wieder anhand der Restrospektive mit NDR-Krimis der ersten Tatortjahre feststellen.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Werner Röwekamp
Drehbuch Heiner Rank
Werner Röwekamp
Produktion Gerd Klisch
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Manfred Marderwald
Schnitt Bert Schultz
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s