Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August (Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto, IT 1974) #Filmfest 256 DGR

Filmfest 256 A "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest AZu meiner Entschuldigung für die Vorstellung eines Films mit diesem Titel im Herbst muss ich sagen: Der Entwurf zu diesem Text stammt tatsächlich aus dem August (2020).

Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August ist der Titel eines Spielfilms der italienischen Regisseurin Lina Wertmüller aus dem Jahr 1974. (1)

Der Film erzählt die Geschichte einer reichen Industriellengattin. Nach dem Schiffbruch mit einem Beiboot ihrer Segelyacht rettet sie sich mit einem kommunistisch gesinnten Matrosen auf eine unbewohnte Insel. Dort findet sie ihre erotische Erfüllung in der „Zähmung“ durch den Matrosen. Die sich entwickelnde Beziehung weist sadomasochistische Züge auf.[1] Es ist der dritte von vier Filmen, die Wertmüller zu Beginn der 1970er Jahre mit dem italienischen Schauspieler Giancarlo Giannini in der Hauptrolle drehte. (1) Ist der Film so krass, wie es hier durchklingt? Immerhin handelt es sich um einen Kunstfilm. Wir klären das in der -> Rezension.

Handlung (1)

Raffaella Pavone Lanzetti, eine reiche bürgerliche Antikommunistin, verbringt ihre Ferien mit ihren ebenso reichen und verwöhnten Freunden auf einer Segelyacht im Mittelmeer, auf der sie die Besatzungsmitglieder ihre Macht spüren lässt. Bei einem Ausflug ist sie allein mit Gennarino Carunchio, einem rauen, kommunistischen Seemann sizilianischer Herkunft unterwegs, der sie für ihre Launen und die ständige Herabwürdigung anderer verachtet, seine Gefühle aber gegenüber seinen Arbeitgebern verbergen muss.

Wegen eines Motorschadens treiben Raffaella und Gennarino tagelang in einem winzigen Schlauchboot auf dem Meer. Schließlich gelingt es ihnen, sich auf eine einsame Insel zu retten. Situationsbedingt werden nun die Rollen vertauscht, da Gennarino es im Gegensatz zu Raffaella versteht, sich auf der Insel Nahrung und Unterkunft zu verschaffen. Raffaella nimmt gezwungenermaßen die Rolle der Untergebenen ein, was Gennarinos lange unter Verschluss gehaltenen sexuellen und sozialen Aggressionen entfesselt. Beide entdecken eine starke erotische Leidenschaft füreinander.

Als eines Tages ein Schiff am Horizont zu sehen ist, versteckt sich Raffaella, um nicht entdeckt zu werden. Sie möchte das Idyll mit Gennarino nicht verlieren. Bei der nächsten Rettungsmöglichkeit ergreift Gennarino trotz Raffaellas Widerstand die Initiative. Er will testen, ob sie ihn auch unter normalen Umständen lieben würde.

Zurück in der Zivilisation, werden beide wieder von ihrer Gesellschaftsschicht und ihren Ehepartnern vereinnahmt. Gennarino, der seinen Irrtum schnell einsieht, will mit Raffaella zurück auf die Insel fahren. Sie lässt sich darauf nicht mehr ein und verlässt stattdessen mit einem Hubschrauber den Urlaubsort. Gennarino bleibt somit auch nur die Rückkehr zu seiner wütenden Frau.[2]

Lina Wertmüller (1)

Ihren Durchbruch schaffte Wertmüller 1972 mit einer Serie von vier Filmen mit dem italienischen Schauspieler Giancarlo Giannini in der Hauptrolle. Der letzte Film dieser Serie, Sieben Schönheiten (Pasqualino Settebellezze) aus dem Jahr 1975 (s. auch Sieben Schönheiten, Gedicht des persischen Dichters Nezāmi), wurde für vier Oscars nominiert und war international erfolgreich. In dieser Groteske versucht ein neapolitanischer Kleinkrimineller unter anderem, das KZ zu überleben, indem er sich einer KZ-Aufseherin sexuell zur Verfügung stellt.

Im Allgemeinen reflektieren Wertmüllers Filme stark ihre eigenen politischen Standpunkte. Ihre Hauptcharaktere sind entweder Kommunisten oder Feministinnen. Häufig kreisen die Filme um Konflikte politischen oder sozio-ökonomischen Ursprungs. Gleichwohl sind ihre Filme selten didaktisch und setzen eher ihre persönlichen Wahrnehmungen in Bilder um.

Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August erzählt beispielsweise die Geschichte einer Frau eines reichen Industriellen, die ihre erotische Erfüllung erst durch die Liebesaffäre mit einem kommunistisch gesinnten Matrosen findet, der sich ihr gegenüber wie ein Macho verhält.

Rezension

Als ich heute Abend die arte-mediathek durchgeschaut hatte, dachte ich zunächst, etwas ist in den Rubriken verrutscht, es handelt sich um eine Doku oder dergleichen. Aber der Film mit dem rekordverdächtig langen Titel ist tatsächlich ein Spielfilm aus dem Jahr 1974 von Lina Wertmüller, die zwei Jahre später für „Sieben Schönheiten“ als erste Frau für den Regie-Oscar nominiert war.

Es ist tatsächlich der erste Film von Lina Wertmüller, den ich gesehen habe und wirkte auf mich doch sehr vertraut. Der Grund ist „Zustände wie im Paradies“ („The Admirable Chrichton“) aus dem Jahr 1957. Sehr lange her, dass ich den geschaut habe, ich fand ihn damals aber sehr amüsant und anziehend. Eine Robinsonade kann verschiedene Hauptelemente beinhalten, zum Beispiel, dass ein einsam gestrandeter / verschollener Mensch sich in der Einsamkeit bewährt und zu neuen Erkenntnissen findet, wie in „Castaway“ (2002) mit Tom Hanks oder „The Martian“ (2015), bevor er gerettet wird oder selbst zu seiner Rettung beitragen kann. Natürlich ist der Ausgangspunkt für alle Filme dieser Art, die meist auf einsamen Inseln spielen, „Robinson Crusoe“.

Es gibt aber eine Möglichkeit, soziale Experimente durchzuführen: Man lässt nicht eine Einzelperson, sondern mehrere stranden, die unterschiedlichen sozialen Schichten angehören. Auf der Insel sind dann nicht mehr ererbtes Geld und angeborene Macht wichtig, sondern Skills wie Jagen, Fischen, Hütten bauen. Da die Arbeiterklasse das besser kann als die bis dahin herrschende, kehren sich die Verhältnisse um und das führt zum Beispiel in „The Admirable Chrichton“ zu einer reizenden Sozialkomödie mit duchaus romantischen Elementen, weil eine ganze Gruppe von Personen strandet und sich dadurch viele Variationsmöglichkeiten und Wandlungsmöglichkeiten für die Charaktere ergeben. Ganz sicher kannte Lina Wertmüller diesen Film oder das Stück, die Vorlage von 1902, als sie „Travolti“ drehte. Aber hier sind es nur zwei Personen, die sich auf eine unbewohnte Insel retten und was wir sehen, ist um einiges wilder und rauer als ein Gruppenporträt sein kann, dazu eines britischer Herkunft, das in der Tradition von G. B. Shaw, aber auch der schwarzen Gesellschaftskomödien-Krimis der Ealing-Studios aus den frühen 1950ern steht, deren berühmteste „Adel verpflichtet“ (1949) und „Ladykillers“ (1955) steht.

Robinson Crusoe hingegen ist exemplarisch und man muss es bewundern, wie spannend erzählt werden kann, wie ein einzelner Mensch sich in einer neuen Umgebung zurechtfindet und dabei auch alles neu lernen oder sich erschließen muss. Bis Freitag kommt. Die Titel von Lina Wertmüllers Filmen sind ansonsten nicht so exorbitant lang, aber schon dies weist auf die Verbindung zum großen Buchvorbild hin, dessen vollständiger Titel, ins Deutsche übersetzt, lautet: „Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann, der achtundzwanzig Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des großen Flusses Orinoco; durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.“ Das Buch ist fiktional und wurde von Daniel Defoe geschrieben, basiert aber teilweise auf den realen Erlebnissen eines englischen Seefahrers. Da die beiden Protagonisten im Wertmüller-Film nicht so lange auf der Insel verweilen wie Robinson Crusoe, ist auch der Titel nicht ganz so umfangreich.

In Lina Wertmüllers Film hat Robinson allerdings Freitag gleich mitgebracht und er ist eine Frau. Im Grunde ist es sogar umgekehrt, denn sonst wäre die soziale Utopie nicht denkbar. Robinson hat ja einen „Wilden“ an sich angepasst, ihn „zivilisiert“, hier sorgt der urwüchsige Sizilianer dafür, dass die arrogante Norditalienerin sich ihm hingibt.

Der Anfang des Films ist etwas nervig, weil die Menschen an Bord der Segeljacht so nervig sind: Schnösel, die sich über Politik unterhalten. Dabei werden mehr oder weniger sozialdemokratische und konservative Positionen ausgetaucht, wie sie sich im klassischen System Italiens nach dem Krieg herausgebildet hatten, in dem die DC, die Democrazia Christiana, die einflussreichste politische Partei war, die CDU/CSU Italiens, wenn man so will, aber noch enger an der römisch-katholischen Kirche orientiert. Dieses System hat sich nicht langsam erweitert, wie das deutsche, sondern ist mittlerweile durch diverse Skandale einer neuen politischen Ordnung gewichen, die wiederum nicht besonders ordentlich wirkt. Durch die häufigen Regierungswechsel im Nachkriegs-Italien waren die Ideologien und gesellschaftlichen Strömungen vielleicht aber besser als Kontinuitäten erkennbar als in Ländern, in denen die Politik mehr auf einzelne Persönlichkeiten und die Kanalisation durch Traditionsparteien ausgerichtet war und ist – ebenso wie die beinahe unveränderlichen Machtstrukturen. An Bord gibt es neben der Blase, die das Schiff gechartert hat, die Matrosen, die auch als Diener fungieren und unter ihnen den kommunistischen Sizilianer, der sich durch die laute und zum Diskriminieren anderer neigende blonde Signorina und durch das offenherzige Gehabe der Reichen an Bord gedemütigt fühlt.

Mein erster Impuls, wie sich die Handlung entwickeln könnte, war, dass der Matrose die Frau umbringt, die mit ihrem ihrer Freund an Deck oberflächliche, pseudophilosophische politische Diskussionen führt und es zu einer Meuterei oder Schlacht kommt. Irgendwie erinnerte mich der Austausch der oberen Klasse aber sehr an den Austausch innerhalb der SPD ab der Ära Schröder. Was immer auch gesagt wird, es greift nie die herrschende Klasse an, sondern dient ihr, wenn es einen sozialdemokratischen Anstrich hat, sogar besser als ein rauer, bereits auf den ersten Blick bösartig wirkender Neoliberalismus. Einen Billiglohnsektor (die Mannschaft der Jacht, die mitgemietet wird, ist ein famoses Beispiel für Ausgebeutete im Niedriglohnsektor) gibt es im Film auch. Der SPD-Zerstörer Gerhard Schröder als Gast auf einer solchen Jacht wäre eine perfekte ergänzende Besetzung gewesen, als der mit weit ausgefahrenen Ellenbogen emporgekommene, rücksichtslose Prolet, der alle Proletarier verachtet.

Es geht also recht laut und im italienischen Duktus rhetorisch auf Bella Figura ausgerichtet zu, aber es ist alles Show, nichts Ernsthaftes, wie reiche eben über politische Strömungen diskutieren, und sich teilweise sozialdemokratisch oder gar sozialistisch geben. Dabei kann an Bord des Segelschiffes einiges über den Unterschied zwischen Sozialdemokratie, die sogenannten Gesellschaftslinken, über Salonsozialisten sowie über die wenigen Menschen mit Systemveränderungsanspruch lernen, die allen Grund haben, etwas ändern zu wollen.

Doch in dem Moment, in dem das Abendsonnenlicht das goldene Haar der bella Signorina beglänzt, ahnt man, dass sich das Ganze in eine andere Richtung entwickeln könnte. Trotzdem bin ich erst in dem Moment, als die Frau auf die Idee kam, sich in einem Boot von dem Matrosen zum Strand fahren zu lassen, darauf gekommen, worauf es hinauslaufen wird.

Auf dem von einem Außenbordmotor angetriebenen Schlauchboot relativiert sich bereits das soziale Verhältnis, beide nähern sich aneinander an, es ist wenig Raum, der Sizilianer steuert, die allfälligen Streitigkeiten werden egalitärer, aber die Fähigkeiten sind auch noch nicht ganz gekippt: Der Mann ist zwar der Aktive, findet aber zunächst nicht die Möglichkeit, den Motor zu reparieren, als dieser ausfällt. Es wirkt eher, als ob dieser zufällig wieder anspringt – und dann wird im Kreis gefahren, weil der eine nicht mehr gehorchen will, und die andere nicht die Befehlsgewalt aus der Hand geben will. Der Zustand der Anarchie ist erreicht, niemand hat mehr einen Plan, wie man aus der Situation entkommen könnte.

Was folgt kann man, wenn man als der Widerspenstigen Zähmung betrachten, aber so einfach ist es natürlich nicht, denn der Mann rächt sich für die sozialen Diskriminierungen, die er als einfacher Angestellter durch die Reichen ertragen musste, unter anderem durch die Zurschaustellung weiblicher Reize auf dem Schiff. Als ob die Mitglieder der Mannschaft keine Menschen wären, die sexuelle Gefühle haben können. Sie werden einfach wie Gegenstände behandelt, die eine Funktion zu erfüllen haben, wie das Schiff selbst, das doch erhabener wirkt als diejenigen, die es gemietet haben. Da blitzt auch das Tückische an einem Feminismus durch, der behauptet, Frauen dürfen, was und wie sie wollen und Männer haben sich zu beherrschen: Ja, aber nicht, wenn es mit einer diskriminierenden, ausbeuterischen Situation verbunden ist. Dann bin ich mehr auf der Seite derer, die den Klassenkampf von unten führen, und seien es Männer.

Ob das mit jenen Mitteln geschehen muss oder sollte, die in diesem Film angewendet werden, ist eine andere Sache, aber beide Personen kommen einander tatsächlich näher und das Sich-Fetzen hat etwas so Lustvolles, dass man zwischenzeitlich zu denken geneigt ist: Wenn der Klassenkampf je erfolgreich sein soll, dann nur so, auf einer engen persönlichen Ebene. Dass wir uns jedoch in einer Utopie befinden, zeigt sich am Ende.

Dass diese Utopie auch dadurch gefördert wird, dass die Frau einen langweiligen Ehemann hat, den man zunächst gar nicht zu sehen bekommt und der sich früh zu Bett begibt, während die Frau sich dem Glücksspiel hingibt, verstärkt deren unausgelebte Sehnsüchte. Aber zunächst wird auf der Insel tatsächlich der Kampf um die Befreiung der niederen Stände geführt. Die Frau kann nicht fischen, sie kann nicht an Land jagen, sie muss die niederen Arbeiten machen, und das Kommando an den Mann abgeben, weil die Verhältnisse es erzwingen – und er denkt nicht daran, Gnade walten zu lassen. Auch wenn er die Frau nicht gleich umbringt, er geht in den Zustand der offenen Revolution über und wird dann zum Jakobiner.

Er kostet die Situation sehr aus, aber die Frage ist natürlich, ob der Machismo dazu dient, die Frau sozial zu reduzieren, oder ob die Feministin Lina Wertmüller hier bereits andeutet, dass diese Liebe scheitern muss, die sich zwischen den beiden entwickelt, weil sie Gewaltmechanismen, die durch das übliche Sozialgefüge bedingt sind, durch ebensolche ersetzt, nur in umgekehrter Richtung und dass die Gewalt unabwendbar strukturell ist, solange es keine soziale Befriedung gibt.

Auf der einen Seite ist es witzig, dass die präpotente Frau, auf Deutsch geschrieben, den Arsch versohlt kriegt, dafür dass sie und ihre Klasse das Geld in die Schweiz schaffen, anstatt Steuern zu zahlen, aber es kommt stark darauf an, dass man dann wirklich vom Klassenstandpunkt aus das Symbolbild herausliest. Und sagt: wir sehen hier nicht einen Mann, der eine Frau schlägt, sondern einen Angehörigen der Arbeiterklasse der die Demütigung von Jahrhunderen in einer Situation, in der er endlich die Gelegenheit hat, rauslässt, um einer Person der im Normalleben herrschenden Klasse Moral beizubringen. Ich habe auch versucht, die Szenenbilder ein bisschen vom Symbolgehalt her zur interpretieren, wobei ich insgesamt glaube, dass der Film damit nicht so stark spielt, wie das bei manchen anderen Regisseuren üblich ist.

Z.b. in der Form, dass, als beide den Strand runter Kugeln, sozusagen der soziale Tiefpunkt erreicht ist, und er sie dann quasi Strand auch fürs prügelt, damit sie eine höhere soziale Stufe erreicht. Was ja letztlich der Fall ist. Denn immerhin für eine Zeit überwindet die Liebe die Klassenschranken. Das ist aber ein bisschen sadomasochistisch zugeht, sichert dem Trend der damaligen Zeit geschuldet, in der plötzlich sehr viele Dinge dargestellt werden konnten, und, um zu erläutern, dass die Klassen sich nicht friedlich aneinander annähern, sondern dies ein durchaus nicht gewaltfreier Prozess ist. Ebenso wie jener der Unterwerfung. Wenn man die Linken in Deutschland heute sieht, muss man unweigerlich denken: Unterwerfung, nicht tatsächliche Anerkennung durch die Bürgerlichen als gleichberechtige politische Partner mit wichtigen ethischen Positionen ist’s Panier. Peinlich. Unabwendbar, wenn man nicht kämpfen, sondern sich andienen will.

Man darf in dem Zusammenhang nicht vergessen, dass der Film in einer Zeit entstand, als Teile der linken Szene sich radikalisiert hatten und die Roten Brigaden viele Terroranschläge verübten. Etwas davon spiegelt sich auch in dem Verhältnis der beiden Neu-Insulaner.

Jedenfalls kommt ein echtes Liebesverhältnis zustande dass eine sehr starke sexuelle Anziehungskraft in sich trägt. Sehr schön, wie gezeigt wird, dass die Frau sogar ein Schiff passieren lässt, weil sie lieber mit dem Mann auf der Insel bleiben will. Er ist es dann, der richtig romantisch wird, und dem nächsten Schiff Zeichen gibt, sodass die beiden entdeckt werden. Damit restituieren sich die vorherigen Verhältnisse und der Matrose will auf diese Weise testen, ob die Liebe auch dann hält, wenn diese überkommenen Verhältnisse wieder in Kraft treten. Es geht um einen Liebesbeweis, den er verlangt.

Das kann nicht gutgehen, am Ende wartet er vergebens auf sie auf einem Bootssteg, nahe einem Kutter, der die beiden auf die Insel zurückbringen könnte, sie jedoch fliegt mit einem Hubschrauber und ihrem Mann davon.

Einen Hautgout bekommt diese Entwicklung nach der Rettung: Der Mann hat nämlich Frau und Kinder, davon war vorher nicht ein einziges Mal die Rede. Der Matrose bekommt 1000000 Lira nach damaligem Wert etwa 1000 D-Mark. Als Belohnung vom Mann der Eben-doch-Kapitalistin. Er will das Geld nicht, doch seine politisch und allgemein unbedarfte Frau nimmt es für ihn an.

Die Frage ist, ob der Matrose alles geahnt hat. Zeitweise wirkt es so, wirkt sein Blick wissend – oder ob er tatsächlich geglaubt hat, diese Frau könnte sich für ihn entscheiden. Auf jeden Fall wirkt der Wunsch nach einem Liebesbeweis tapfer und anrührend. Er kann aber auch als Preisgabe der errungenen Machtposition angesehen werden, als freiwillige und durchaus masochistische Tendenz, als eine typische Mentalität der niederen Klassen, die immer wieder zu deren Ausbeutung führt, anstatt dass sie ihre größere Zahl nutzen und endlich die Auswüchse des Kapitalismus stoppen.

Zum im Sinne der Romantik wenig erfreulichen Schluss siegen die sozialen Verhältnisse und wer die Wirklichkeit mit wachen Augen wahrnimmt, weiß, dass das in 90 Prozent aller Fälle tatsächlich so ist. Da kann die körperliche Liebe zwischendurch noch so groß gewesen sein. Eine intellektuelle Komponente, die zusätzlich in die Waagschale zugunsten des vorgeblich einfachen Mannes geworfen werden könnte, gibt es in dem Film nicht. Man hat nicht den Eindruck, dass es etwas wie eine Seelenverwandtschaft zwischen den beiden Zwnagsinsulanern geben könnte, die dazu beitragen könnte, die sozialen Grenzen wenigstens unter den Bedingungen einer relativ offenen Gesellschaft zu überschreiten.

Letztlich ist diese Anlage aber konsequent, den alle Konstruktionen geistiger Art ebenso wie die körperlichen Verbindungen, können nur selten gegen die sozialen Schranken siegen. Wenn es das im realen Leben tatsächlich gibt, dann ist der Preis hoch und erfordert starke Charaktere, die diesen Preis zahlen können und starke Gefühle, die dafür stehen, dass dieser Preis gezahlt wird.

Was immer man diesem einfachen Mann zurechnen kann, wenn er die Frau sozial sozusagen ausbildet, und dabei auch den Patriarch in heraushängen lässt, er ist auf jeden Fall der Mutige von beiden, weil er versucht, diese Frau auf seine eigene Art für sich zu gewinnen, und sie später freigibt, um zu sehen ob sie sich ohne den Zwang der Inselsituation für diese neue Liebe entscheiden kann.

Dies ist nicht der Fall, aber fraglos ist der Film auch eine Art romantische Komödie, ohne dass in den angloamerikanischen Produktionsstätten übliche Happy-End stattfinden kann. Dafür erfahren wir, dass zu jener Zeit in Italien gerade die Scheidung eingeführt wurde, und die Frau des Matrosen droht im gegen Ende des Films auch damit, weil sie mitbekommt, dass er auf die andere wartet und bereit ist, mit ihr durchzubrennen.

Am Schluss aber trägt er den erkennbar schweren Koffer der Gattin davon, nicht die Liebe den Sieg. Ist das deprimierend? Ist es richtig, wenn man alle Aspekte zusammen bedenkt, die an Land wieder eine Rolle spielen? Wir dürfen darüber angestrengt nachdenken. Eines ist sicher: Dass die beiden Inselbewohner auf Zeit jeweils das Erlebnis ihres Lebens hatten, aber dieses sich im Zeichen der Alltagsgestaltung nicht fortsetzen lässt. Wenn man die Verhältnisse von 1974 mit den heutigen vergleicht, ist das auch sehr weitsichtig, denn die soziale Durchlässigkeit ist seitdem stark zurückgegangen, in Deutschland sogar besonders stark.

In der Zeit des Bildungsaufstieg, war es zumindest noch möglich, für viele auch erstrebenswert, in den Mittelstand vorzudringen und über die Berufsausbildung eine neue Klasse zu etablieren, allerdings eine, die alles Bestehende verfestigt, indem sie für die Oberschicht hochwertige Dienstleistungen erbringt: als Anwälte, Politiker, Manager.

Die Verhältnisse, wie Lina Wertmüller Sie hier gezeigt haben, und die am Süden Italiens orientiert sind, sind aber wieder genauso feudalistisch und trennen scharf zwischen dem Prekariat und den Besitzenden. Irgendwo steht in der Wikipedia auch, der Film sei nicht dialektisch oder nicht didaktisch, ich finde er ist beides. Und er spiegelt die Kämpfe zwischen den politischen Richtungen in Italien in den 1970ern, und nicht nur in Italien. 1974 ist ohnehin ein Jahr gewesen, das einen Wendepunkt dargestellt hat, vielleicht fand er schon 1973 statt. Auf dem Höhepunkt der sozialen Angleichung kann die Ölkrise, kam ein Rückgang der wirtschaftlichen Möglichkeiten, für einfache Tätigkeit einen guten Lohn zu zahlen, kam die Krise der Sozialdemokratie klassischen Stils, die sich in Deutschland im Abgang Willy Brandts äußerte. In Italien:

Die Nachwirkungen der 68er-Bewegung zeigten sich in Italien in gesellschaftlichen Liberalisierungen und neuen sozialen Bewegungen, die von den „roten“ Universitäten ausgingen, etwa der Frauenbewegung. Im Jahr 1975 vereinbarten Arbeitgeber und Gewerkschaften die scala mobile, nach der die Löhne automatisch der Inflationsentwicklung folgen sollten. Andererseits radikalisierten sich einige linke Bewegungen, was zu einer Welle von Gewalt und Terrorismus führte.

Der Einfluss der katholischen Kirche auf die Gesellschaft schwand. 1984 wurde ein neues Konkordat mit der Kirche unterzeichnet, durch das der Katholizismus seinen Status als Staatsreligion verlor. Bereits 1970 wurde die Ehescheidung gegen ihren Widerstand ermöglicht; das Gesetz wurde 1974 bei einer Beteiligung von 87,7 % in einer Volksabstimmung von 59,3 % der Wähler befürwortet.[170] 1979 wurde die Abtreibung legalisiert.

Finale

„Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ ist ein impressiver, gleichermaßen vergnüglicher wie zum Nachdenken anregender und leicht exploitativer Film, dem es nicht an Radikalität fehlt und der sicher kontrovers diskutiert würde, käme er heute ins Kino. Vor allem wohl von denjenigen natürlich, die Hauptwiderspruch und Nebenwidersprüche nicht auseinanderhalten können.

79/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Lina Wertmüller
Drehbuch Lina Wertmüller
Produktion Romano Cardarelli
Musik Piero Piccioni
Kamera Giulio Battiferri,
Ennio Guarnieri,
Giuseppe Fornari,
Stefano Ricciotti
Schnitt Franco Fraticelli
Besetzung

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