Kinder der Gewalt – Tatort 411 #Crimetime 827 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Kinder #Gewalt

Crimetime 827 - Titelfoto © WDR

Bronx, Köln, Neukölln

„Wir sind doch nicht in der Bronx, sondern mitten in Köln!“, ruft Max Ballauf nach ein paar Minuten Spielzeit in der Tatortfolge Nr. 411 aus. Offensichtlich erstmalig erhält der Ermittler, der zwei Jahre zuvor aus Miami ins Rheinland zurückgekehrt ist, in diesem Fall Einblick in die Zustände an deutschen Hauptschulen. Allerdings ist er wohl nicht der einzige, der 1999 angesichts dieser Zustände überrascht gewesen sein dürfte. Wer zum Beispiel etwas früher Abitur gemacht hat, der wird es schon kennen, dass es Hackordnungen in Klassenzimmern gab, die gab es zu jeder Zeit und auch psychische Repression kann schlimm für sensiblere Kinder sein. Wie unser Titel zustandekam und weitere Aspekte des Films beschreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Für Max Ballauf ist das Hotel längst zum Zuhause geworden – mit Gabi Schuster und ihrem zwölfjährigen Sohn Jürgen als gute Geister. Eines Morgens kommt der Junge ohne Schuhe, aber mit erheblichen Verletzungen nach Hause. Max Ballauf ist empört und bringt ihn zur Polizei. Dort behauptet Jürgen, daß es ein Unfall war, seine Angst ist größer als sein Vertrauen.

Am nächsten Tag wird der Junge tot in der Schultoilette gefunden. Die Polizei vermutet Selbstmord, aber die Tatwaffe fehlt. Die Gesamtschule liegt in einem sozialen Brennpunkt: Gewalttätigkeit zwischen Deutschen und Türken sind an der Tagesordnung.

Ballauf reagiert fassungslos auf Jürgens Tod. Er fühlt sich schuldig, weil er die Situation des Jungen offensichtlich nicht erkannt hat. Wenn es wirklich Selbstmord war, vor wem fürchtete er sich? Ballauf und Schenk wissen, daß die Antwort in der Schule zu suchen ist. Um an die Kids heranzukommen, springt Ballauf inkognito für den erkrankten Sportlehrer ein. Nach anfänglicher Ablehnung gelingt es ihm, einen Teil der Schüler zu motivieren. Als besonders aggressiv und brutal fällt Tobias, genannt „Tucky“, auf, vor allem Danni hat unter ihm zu leiden, ein schmächtiges, ängstliches Kind, so klein und schmächtig wie Jürgen es war.

Die Kommissare finden heraus, daß Tucky zu einer Diebesbande gehört, bei der Jürgen vermutlich mitgemacht hat. Es erhärtet sich der Verdacht, daß der Junge sterben mußte, weil Tucky und seine Komplizen ihn für einen Verräter hielten. Doch die Wahrheit ist weitaus schlimmer.

Rezension

Aber wir stellen uns vor, dass Heinz Buschkowsky sich, wie wir, diesen Köln-Tatort aufgezeichnet hat, ihn nach dem Frühstück heute morgen geguckt hat. Sein beifälliges Nicken sehen wir plastisch vor uns. Buschkowsky ist der Bürgermeister des Berliner Bezirkes Neukölln und für seine deftigen Aussagen zum Stand des Soziallebens in Berlin und besonders in seinem Wirkungsbereich bekannt. Aber der Mann, dem nach 11 Jahren in diesem verschleißträchtigen Amt noch nicht die Puste ausgegangen ist und den man wählt, polarisiert durch seine Aussagen nicht nur, er tut auch sehr viel für die Kinder und Jugendlichen in seinem Bezirk, in dem auch die Rütli-Schule liegt. Das ist diese Institution, in die Lehrer nicht mehr gehen wollten, weil sie Angst vor der Gewalt der Schüler hatten und die deshalb bundesweit in die Schlagzeilen geraten ist. Das war vor wenigen Jahren, nicht 1999, als „Kinder der Gewalt“ gedreht wurde. Anmerkung 2020 anlässlich der Wiederveröffentlichung im „neuen“ Wahlberliner: Heinz Buschkowsky ist mittlerweile durch die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann abgelöst worden (B 90 / Die Grünen).

Als der Film erstmalig ausgestrahlt wurde, fanden viele Zuschauer die Darstellungen überzogen, heute wissen wir’s besser. Dieser Tatort hat schlicht die Wahrheit, in einer für damalige Verhältnisse progressiven und offensiven Form erzählt. Aber noch ohne die nächste Eskalationsstufe, nämlich diejenige, dass auch Lehrer sich nur noch bewaffnet in ihre Klassenzimmer trauen. Die Ursachen werden eher dezent angesprochen als explizit und nach der Ballauf-Schenk-Manier, die sich damals erst herausbildete, diskutiert: Das Versagen der Eltern, der Milieus – und es ist erkennbar, dass die Schule am Ende einer Kette steht und nicht jede Ursache fürs Fehlverhalten von Kindern und Jugendlichen beseitigen kann, die in desolaten Familienverhältnissen gesetzt wurde. Schüler und Lehrer müssen, in einem gemeinsamen Gefängnis aus Wut und Ohnmacht sitzend, ausbaden, was in der Gesellschaft falsch läuft. Es gibt aus Berlin mehrere Lehrer(innen)-Blogs, die sich anonym mit der Schulrealität befassen und zum Teil einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Dort geht es in erster Linie um das Problem der mangelnden Bildungsgrundlagen, aber das ist ja eben ein Grundlagenproblem, das zu Perspektivlosigkeit und Gewalt führt.

Buschkowsky, der Bürgermeister dieses Berliner Stadtteils Neukölln, der nur wenige Kilometer von unserem Wohnort entfernt liegt und den wir aus eigener Anschauung kennen, ist Realist. Der bietet viel oder bietet alles an was die gerade im Bildungsbereich immer so verdächtig klammen Kassen erlauben, aber wenn es mit Locken und Fördern nicht geht, lässt er durchgreifen, so gut es die gesetzliche Lage erlaubt. Und schreibt Bücher, die gelesen werden und geht dorthin, wo er gehört wird. Keine Sozialromantik, sondern den Tatsachen ins Auge sehen, ist seine Losung. Die Wahrheit kennen und annehmen ist die erste Voraussetzung, um tatsächlich etwas ändern zu können, und sei es nur in bescheidenem Rahmen. Für uns ist dies die idealistischere und humanitärere Einstellung im Vergleich zum Leugnen der Zustände, das Selbstverleugnung und Egoismus zu einer besonders tückischen Form von Gleichgültigkeit paart. Nach jahrelangen Beobachtungen in Berlin mit dem Vorteil, dass wir viele Jahre zuvor in idyllischeren Umgebungen verbracht und damit über eine die gedankliche Klarheit fördernde Mischung aus Außen- und Innenischt zu verfügen, sehen wir’s ähnlich wie Buschkowsky – ohne gesellschaftliche oder ethnische Gruppen verunglimpfen zu wollen oder das Mitgefühl mit denen zu verlieren, die man von Hause aus nicht mitgenommen und zu Werten und Perspektiven geführt, sondern der inneren Verwahrlosung preisgegeben hat. Im Gegenteil. Die Aufmerksamkeit ihnen gegenüber und das Verständnis dafür, wie es so kommen konnte, ist der Schlüssel für jedes zielgerichtete Engagement.

Wenn das so weitergeht, wird sich der Durchschnitt aller Bewertungen aus nun 190 Anthologiebeiträgen vom Niveau 7,25, das er lange Zeit hatte, nach oben wegbewegen. Bereits mit dem bewegenden „Der glückliche Tod“ hatten wir kürzlich einen der besonders guten Tatorte zum Thema Sterben und Sterbehilfe für den Wahlberliner rezensiert, „Kinder der Gewalt“ ist nun die erste morderne und gewissermaßen noch heute gültige Folge zum Thema Gewalt an Schulen.

Plottechnisch gibt’s ein paar Fragwürdigkeiten, wie etwa die wenig elaborierte Undercover-Tätigkeit als Lehrer und Lehrer-Bulle, die Max Ballauf im Fach Sport ableistet, um an die bösen Jungs, die Jürgen auf dem Gewissen haben heran und hinter deren Geheimnisse zu kommen. Der einfache Trick, dass Max Ballauf das jugendliche Opfer und dessen alleinerziehende, voll berufstätige Mutter bereits kannte, bevor es zum Todesfall kam, nervt auch langsam – damit die Ermittler mehr persönliche Betroffenheit zeigen können, sind sie mit einer so gewaltigen Anzahl von Menschen eng vertraut, dass es einem Sozialnormalo den unweigerlichen sozialen Burnout einbringen würde, zumal, wenn alle zwei bis drei Tatortfolgen einer dieser Menschen zu  Tode kommt. Zur Erinnerung: Ballauf und Schenk hatten mittlerweile 56 Fälle zu lösen. Besonders kurios wirkt eine so starke Vernetzung beim einsamen Wolf Max Ballauf, der in der Folge 411 noch in einem angestaubten Hotel haust, anstatt in einer Wohnung mit Nachbarn, die er kennt und ohne erkennbare private Anbindung an die Stadt, in die er erst zwei Jahre zuvor gekommen ist. Wie fragil hier alles in Wirklichkeit ist, zeigt sich daran, dass uns die mittlerweile so vertraute Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) hier noch als Fräulein Anja und Urlaubsvertretung für Lissy Pütz (Anna Loos) begegnet.

Was den Film hingegen auszeichnet, sind der Wechsel zwischen der Schilderung drastischer Kindercharaktere und ganz kleiner, leiser Momente, die viel aussagen. Da ist die Anfangszene, als Jürgen von der Türkengang verprügelt wird, die ihm seine Turnschuhe und die allgemein alles sowas klaut, was Statussymbole sein könnten. Man achte auf die Passanten, erst ein Paar, dann eine Einzelperson in der Gegenrichtung, die an der Szene vorübergehen, ohne einzugreifen, ja, ohne auch nur den Schritt zu verlangsamen. Wir merken sofort, das Thema Gleichgültigkeit in der Gesellschaft wird hier auf recht subtile Weise programmatisch und sozusagen als Überbau und Ursache für das, was in „Kinder der Gewalt“ gezeigt wird, eingeführt. Auch das sagt uns etwas – wer hätte nicht die Diskussionen um die Zivilcourage verfolgt und sich gefragt, wie er sich in einer solchen Situation verhalten hätte, die angesichts der Vorkommnisse auf U-Bahnstationen etc. in den letzten Jahren zu recht geführt wurden?

Später dann die Szene zwischen dem kleinen, rothaarigen Danni und seiner Mutter. Als der Junge mit nicht unerheblichen Verletzungen nach Hause kommt und sie es bemerkt, sagt sie tatsächlich einen Satz wie „Immer, wenn ich nach Hause komme, bekomme ich Bauchschmerzen“. Dann dieser sachte, belanglose Kuss auf den Kopf und weg ist sie. Welch ein egozentrisches Statement aus dem Bauch des Mittelstands. Dass die Mutter nicht einmal die stark blutende Unterarmverletzung ihres Jungen verarztet oder ihn zu einem Arzt bringt, ist krass, und wer’s bis dahin noch nicht gemerkt hat, bekommt’s das Ursächliche fürs Übel noch einmal in aller Deutlichkeit und in dieser oft etwas holzhammerartigen Weise mitgeteilt, die nicht untypisch für den WDR-Flaggschiff-Tatort ist: Die Gleichgültigkeit!

Selbst eine Mutter, die nicht gleichgültig ist, wie die von Jürgen, kann nicht steuern. Er schottet sich ab, weil er merkt, dass sie beruflich zu absorbiert ist, um seine Probleme noch mitsteuern zu können. Selbstverständlich haben Kinder ein Gespür dafür, wem sie sich anvertrauen können und wem nicht. Ballauf zum Beispiel, das ist so eine Vertrauensperson. Deshalb ist es auch die vergleichsweise sensible Schülerin Nadine, die einen Schritt auf ihn zugeht und am Ende das herauslässt, was sie weiß. Nämlich, wie Tucki, ein Typ, der beinahe in Messi-Verhältnissen bei einem ungehobelten und gewalttätigen Vater aufwächst, Jürgen gequält hat, so sehr, dass dieser seine Angst vor Mitschülern wie Tucki und vor dem Leben insgesamt nur durch die Überwindung der Angst vor dem frühen Tod überwinden konnte. Das ist erschütternd und es kommt tatsächlich vor, dass Kinder keinen anderen Ausweg sehen. Niemand hat final Hand an Jürgen angelegt, aber man kann sagen, er wurde zum Selbstmord gezwungen. Strafrechtlich, das wissen wir, geht nichts, mit 13jährigen. Dabei wäre eine Veurteilung mit anschließender Verwahrung im Sinn der Unterbringung einer von guten Sozialarbeitern geleiteten WG für so einen Jungen wie Tucki die tausendmal bessere Lösung als das weitere Verbleiben bei diesem höchst unangenehmen Typ von einem Vater. Später könnte man die Straftat aus den Registern tilgen, um einem solchen Jungen einen Neuanfang zu ermöglichen.

Eltern, wie unverantwortlich sie auch sein mögen, haben in Deutschland jedoch überragende Rechte und es dauert quälend lange, bis Ämter entscheidend handeln dürfen. Selbst, wenn ihre Vertreter und Mitarbeiter nicht ebenfalls Opfer der grassierenden Gleichgültigkeit geworden sind, nach langen, frustrierenden Dienstjahren, sind ihnen oft die Hände gebunden. Wie so oft, empfiehlt sich ein Blick in fortgeschrittene Sozialstaaten, denen man gewiss nicht vorwerfen kann, sie würden mit Menschen weniger achtsam umgehen, als es im kinderfeindlichen Deutschland der Fall ist –  zum Beispiel nach Skandinavien, wo Kinder wesentlich früher aus schlechten Einflüssen herausgeführt werden dürfen. Wie Kinder es verkraften, selbst von schlechten Eltern getrennt zu werden, ist eine Sache. Sie endlich zu befreien, mag schmerzhaft für sie selbst sein, zunächst – und letzte Sicherheit bezüglich des Erfolgs einer solchen Trennung kann niemand geben. Aber die Chancen erhöhen sich, dass solche werdenden Persönlichkeiten noch eine gute Richtung nehmen können, und nur das zählt.

Finale

Der Tatort-Standort Köln mit seinen sympathischen Ermittlern Max Ballauf und Freddy Schenk hat sich in den langen 15 Jahren, in welchen dieses Team schon zusammen viele Dienste geschoben hat, oft, wie in „Kinder der Gewalt“, bis spät in die Nacht hinein, wie kein anderer um die Gewalt an Kindern gekümmert. Das ist ein großes Verdienst. Kein anderes Team kann so gut mit Kindern und wirkt im Zusammenspiel mit ihnen so glaubwürdig. In der Anfangszeit der Tatorte waren viele Themen noch mit Tabus belegt, die in Köln seit 1997 auf den Bildschirm gebracht werden, dazu gehört auch die Darstellung von psychopathischen Kindermördern, der Handel mit Kindern, die Gewalt in der Familie, die Gewalt von Kindern untereinander, wie in der Folge 411. Der WDR hat ohne Zweifel dazu beigetragen, dass das genauere Hinschauen, das heute zumindest dort propagiert wird, wo die Verhältnisse noch halbwegs übersichtlich sind, der zunehmenden Verrohung der inneren, nicht zwangsläufig auch der äußeren Verhältnisse entgegengesetzt wird.

Die Realität und die Darstellungen in Filmen gehen allerdings Hand in Hand. Viele spektakuläre Morde, ja Mordserien in den letzten Jahren und die Öffentlichmachung der Gewalt in Familien und an Schulen haben zu einer veränderten Wahrnehmung geführt. Beseitigt diese auch nicht die Probleme, so kann ja nur aus Wahrnehmung Handeln erwachsen. Heinz Buschkowsky würde uns sicher zustimmen: Nur, wer die Dinge sieht, wie sie sind und sie beim Namen nennt, hat einen Zugang zu ihnen und kann sie anpacken.

Aufgrund kleinerer Macken in der Ausführung nur, aber immerhin noch 8,5/10.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Kommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Gaby Schuster – Saskia Vester
Vater von Tucky – Wolfgang Packhäuser
Tucky – Tom Schilling
Danni – Max Riedel
Ali – Dennis Lorke
Anja, Urlaubsvertretung Lissy – Tessa Mittelstaedt
Hakan – Baki Davrak
Joe – Nikolaus Benda
Jürgen – Christian Mickeleit
Kalle – Martin Heisterkamp
Murat – Jonathas Pittelli
Nadine – Jasmin Schwiers
Yasar – Memet Bulent

Regie – Ben Verbong
Buch – Edgar von Cossart · Ben Verbong
Kamera – Kay Gauditz
Schnitt – Vera van Appeldorn
Musik – Hannes Vester

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