Der Duft des Geldes – Tatort 420 #Crimetime 831 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Geld #Duft

Crimetime 831 - Titelfoto © NDR

Ein Keyboard im BMW und zwei Fälle in einem

Im Rahmen der begrüßenswerten Stoever-Brockmöller-Traditionspflege hat der NDR gestern wieder einen der Fälle aus der „Spätphase“ des beliebten Ermittlerduos gesendet. Manfred Krug und Charles Brauer sind Klassiker unter den Tatortkommissaren, haben lange Zeit die Rangliste der meisten ermittelten Fälle innerhalb der Serie angeführt, sind als „Swinging Cops“ in die Fernsehgeschichte eingegangen.

Es ist schon ein Unterschied zu bemerken zwischen den frühen Stoevers, in denen er allein, recht hart und zynisch unterwegs war und einen Audi 100 als Dienstwagen fuhr, noch ohne Handy unterwegs war und den Altherrenjahren mit Brockmöller, in denen es sogar beleuchtete Keyboards im leicht überdimensionierten 7er BMW (das Modell E38, der letzte Schönling der Marke) gab. Während einer Observation der Putzfrau Milena machen die beiden ihrem Status als Gesangspolizisten Ehre und ganz leise klingt ein Lied in die Nacht. Oder auch nicht, denn die Fenster sollten während einer Observation schon geschlossen bleiben. Der Zuschauer aber ist mit den beiden im Auto und lauscht den dünnen, aber liebenswerten Amateursängern, Mundharmonika- und Keyboardspielern.

Der Fall steht aber im Vordergrund, auch im Vergleich zu anderen Stoever-Folgen, seine Lösung ist wiederum sehr simpel gestrickt und neben dem Mord läuft ein zweiter Fall von Wirtschaftskriminalität, der nicht gelöst oder zumindest nicht mit einer Ahndung des Verbrechens belegt wird, die ganze Zeit mit. Viel mehr als der Hauptfall trägt er zum Zeitkolorit von „Der Duft des Geldes“ bei.

Handlung

In „Der Duft des Geldes“ gibt der Tod eines Blumenhändlers Stoever und Brockmöller ein Rätsel auf. Alles deutet zunächst darauf hin, dass der Blumenhändler erschossen wurde, als er einen Einbrecherüberraschte. Doch bald zeigt sich, dass die Angelegenheit wesentlich komplizierter ist.

So scheint die Putzfrau Mila, die den Toten fand, mehr zu wissen als sie zugibt. Stoever und Brockmöller finden heraus, dass der Freund der Putzfrau den Blumenhändler bestehlen wollte. Aber ist er auch der Mörder? Unter starken Verdacht gerät bald für die Kommissare, die Ehefrau des Ermordeten, Bianca Raguse, und ihr Liebhaber Jörg Gutzeit – der Vater ihres Kindes. Ist der Einbruch von Gutzeit und Bianca Raguse nur vorgetäuscht worden, um das wahre Motiv für den Mord zu verschleiern?

Eine weitere heiße Spur ergibt sich für Stoever und Brockmöller aus der Tatsache, dass der Ermordetete zahlreiche Wertpapiere mit zweifelhaftem Wert besaß. Hatte der sich überaus seriös gebende Anlageberater Ebeling beim Einbruch seine Finger im Spiel? Als eine Zeugin die bisherigen Tatverdächtigen entlastet und alles danach aussieht, dass Stoever und Brockmöller mit ihrer Arbeit von vorne beginnen müssen, ergibt sich plötzlich für den Fall eine unerwartete Wendung. In den Mittelpunkt der Ermittlungen gerät erneut der Anlageberater Ebeling. Stoever und Brockmöller müssen ein Geflecht von Eifersucht und Verrat entflechten, bevor sie den wahren Mörder dingfest machen können.

Rezension

Wenn die Urberlinerin Julia Richter eine osteuropäische Putzfrau spielt (Indizien deuten auf eine Ukrainerin, der Name der Figur und der ihres Freundes eher auf Polen, Tschechien oder Südosteuropa), dann kann das nicht ohne Ironie ihres intensiven Minenspiels ablaufen und sogar die Blicke aus den großen Kulleraugen wirken ein wenig spöttisch.

In ihren späten Werken haben Stoever, Brockmöller und diejenigen, die ihre Folgen schrieben, eine Lässigkeit erreicht, die Vor- und Nachteile hat. Ein Vorteil ist sicher, eine Figur wie Milena Radenko ironisch als Klischee zu zeigen und deshalb konsequenterweise eine deutsche Schauspielerin einzusetzen, ohne dass sich jemand über dieses ironisierte Klischee aufregen würde. Ebenso ist ihr Freund Lev Bogumil (Philipp Hochmair) intendiert und in seinen wenigen Auftritten inszeniert. Sogar die gewisse Abstaubermentalität, die das Pärchen offenbart, kann man hier zeigen, ohne dass sie political incorrect wirkt.

Ein Nachteil der großen Routine in den Fällen der beiden Hamburger Ermittler ist sicher, dass Vieles doch schon sehr ritualisiert und im Fall von „Der Duft des Geldes“ auch ein wenig träge wirkt. Die beiden Cops tun einander nicht weh, das fanden wir gar nicht negativ, haben uns während des Krimismit ihnen wohlgefühlt. Doch von den vielen Bissen in Würste und andere Esswaren abgesehen, fehlt eben auch ein wenig der Biss, der die beiden zuweilen ausgezeichnet hat. Selbst die Champagnerflasche von Dr. Ebeling (Horst-Günter Marx), einem offensichtlichen Wirtschaftskriminellen, nehmen sie an und verabschieden sich damit ins Off. Der Mord ist geklärt, der Anlagebetrug des Dr. Ebeling fällt nicht in die Zuständigkeit von Stoever und Brockmöller und da kommt wieder der Vorteil der Lässigkeit ins Spiel: Es ist völlig okay, dass am Ende der Kollege Wirtschaftskommissar kundtut, dass sein Ressort das viel schwierige ist und die Kriminellen nicht so leicht zu fassen sind.

Und in der Tat, die Wirtschaftskriminalität mit ihren komplexen Fallkonstellationen führt viel seltener zu  befriedigenden Aufklärungsergebnissen und vom Durchschnittsbürger als gerecht empfundenen Strafen, als das bei den Delikten Mord gem. § 211 StGB und Totschlag nach den §§ 212, 213 der Fall ist – wo zu Stoevers Zeiten schon eine Aufklärungsquote von mehr als 90 % vorlag, die heute dank nochmals verbesserter Technik auf mehr als 95 % angewachsen ist (immer vorausgesetzt, ein Todesfall wird überhaupt als Gewaltakt eingestuft und eine Ermittlung wird eingeleitet). Der Anlagebetrug des Dr. Ebeling wird in „Der Duft des Geldes“ nur schemenhaft gezeigt, vermutlich handelt es sich um ein Schneeballsystem, das irgendwann dazu führen muss, dass versprochene Gewinne oder Zinsen nicht mehr ausgezahlt werden (ironisch auch hier: Die astronomischen Zinssätze von 71 %, die belegen, wie doof Menschen werden, wenn die Gier über den Verstand siegt). Solche Systeme gab es ja wirklich, in den USA, aber auch hierzulande.

Den Machern von „Der Duft des Geldes“ ging es nicht darum, nachzuzeichnen, wie so etwas funktioniert, sondern menschliche Mängel zu  zeigen, die zu hohen pekuniären Verlusten führen können. Dass der Mord nicht ursächlich darauf zurückzuführen ist, (Dr. Ebeling: „Ich gebe keinen Mord in Auftrag“), aber doch damit zusammenhängt, das ist wieder eine kleine ironische Spitze. Kausalität ist manchmal nicht linear, und wir sind zuweilen Opfer komplexer Wirkungsmechanismen, die wir zwar initiieren, aber irgenwann nicht mehr überblicken. Insofern ist „Der Duft des Geldes“ natürlich auch aktuell, wenn man ihn auf das herunterbricht, was uns immer wieder Entgleisungen in unserem Wirtschaftssystem beschert.

Die Ermittlung selbst ist höchst simpel angelegt. Einige Verdächtige für den Mord am Blumenhändler Raguse gibt es, doch nichts Genaues weiß man nicht. Und man würde es niemals erfahren, würde die einzige Augenzeugin, die ältere Dame Herta Mellin (Gerda Gmelin) doch versterben, was aufgrund des Schocks, den sie im Angesicht des Täters erleidet, versterben und nicht das Glück haben, sich in einer netten Reha-Klinik erholen zu dürfen. Während Letzteres der Fall ist, erkennt sie auf einem Foto, das Stoever von Andre Plötz, dem Manager und Liebhaber der Sängerin Cynthia, zufällig geschossen hat, den wirklich Täter und damit ist alles klar. Ob der Mann, dem sie im Garten begegnet ist, auch den Mord begangen hat, ist nicht mehr darzustellen, der Zuschauer weiß es nämlich zu diesem Zeitpunkt schon aufgrund von Dialogen zwischen Plötz, Cynthia und Dr. Ebeling – der klassische Whodunit ist bereits zu Ende und der Howcatchem läuft wirklich sehr lässig, unspektakulär und drehbuchtechnisch anspruchslos ab.

Besser haben uns da die Figuren gefallen. Die erwähnte Reinigungskraft Milena, der etwas tumbe Liebhaber der Blumenhändlersfrau, der ebenfalls nicht gerade erleuchtet daherkommende Liebhaber der Sängerin Cynthia (Stefanie Stappenbeck), der clevere, abgezockte, aber noch irgendwie menschlich wirkende Dr. Ebeleing – und die überzeichnete femme fatale Cynthia, die unsympathischste Figur im ganzen nicht sehr sympathischen Tableau, die alle Männer konsequent ausnutzt und belügt, welche den Fehler machen, sich mit ihr einzulassen. S. s., denkt sich der Zuschauer und findet’s amüsant, wie hier Stereotypen und suboptimale Charaktere gezeigt werden, mit Ausnahme zweiter Frauen, die, jede auf ihre Art, anziehend und gerissen gleichermaßen wirken.

Das Tempo des Films kann man als ruhig bezeichnen. Manche Szenen, besonders die Momente bei Dr. Ebeling, wirken recht modern, anderes ist old school. Letzteres gilt besonders für das Büro von Stoever und Brockmöller, deren anfängliche Gedanken ans Aufhören, an die Pension, die Rente, alles Themen, die zwar noch immer aktuell sind, aber auch wieder so traditionell wie die Zimmerpflanzen der beiden Kommissare, sowas gibt es heute in keiner Tatort-Mordkommission mehr. Hat es vielleicht auch früher außer in diesem sonnigen Hamburger Dienstzimmer nicht gegeben, aber irgendwie ist es eine versonnene, vergangene Welt, die wir nachfühlen und von der wir uns doch  zunehmend absetzen, in der Epoche der immer schnelleren, der düster-thrillerartigen und effektgeladenen Tatorte neuesten Zuschnitts. Technisch ist „Der Duft des Geldes“ beinahe auf heutigem Niveau, die Bildsprache aber ist, das trägt zum Feeling „von Gestern“ sicher bei, konservativ und so unaufgeregt und lässig wie die Kommissare selbst.

Finale

Wir haben nette 90 Minuten mit Paul Stoever und Peter Brockmöller verbracht. Nicht zum ersten Mal. Wir musten schmunzeln, stellenweise lachen, die Spannung hielt sich in nervenschonenden Grenzen, die Figuren im Film, inklusive der beiden Polizisten, fanden wir schön inszeniert, teilweise ironisch dargestellt. Da ist eine Leichtigkeit drin, die heutigen Tatorten weitgehend abgeht, und damit hatten die späten Folgen der beiden Hamburger Ermittler eine eigene Note, ein unverkennbares Flair. Einzig die Münchener fallen uns ein, wenn es darum geht, Teams zu benennen, die eine ähnlich souveräne Routine erreicht haben. Allerdings mündet diese nicht in den überlegenen Duktus, den vor allem Stoever verkörpert, die Münchener sind auch heute noch mehr mittendrin als obendrüber – und die Frage ist, welche Variante glaubwürdiger daherkommt. Wir finden Stoevers Auftreten durchaus logisch, er ist in jedem Sinn und vor allem im besten Sinn ein alter Hase, der sich nicht künstlich aufregt und weiß, er wird zum Ziel kommen. Er sagt es an einer Stelle zu seinem Kompagnon Brockmöller: Seit du mit mir zusammen bist, hast du jeden Fall geklärt.

Diese Selbstverständlichkeit sollen heutige Teams gar nicht mehr zeigen, uns ist klar, dass dieses Konzept des in beinahe jeder Hinsicht souverän wirkenden Polizisten bewusst ad acta gelegt wurde zugunsten einer stärkeren emotionalen Einbindung oder auch Polarisierung der Zuschauer. Stoever bringt noch etwas von der Sicherheit der alten Zeit vor der Wende rüber, auch das hat ihn in den schon ziemlich wilden 90ern gewiss sympathisch gemacht, zudem kennt jeder die Geschichte des Schauspielers Manfred Krug, der aus der DDR kam, der als eigener Typ gilt und sich wesentlich weniger profilieren musste als andere Darsteller. Dadurch durfte er etwas tun, was ein Glücksfall für jeden Schauspieler ist – seinen Stoever weitgehend selbstauthentisch spielen.

7/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Stoever – Manfred Krug
Brockmöller – Charles Brauer
Milena Radenko – Julia Richter
Andre Plötz – Sebastian Rudolph
Jörg Gutzeit – Konstantin Graudus
Bianca Raguse – Jeannette Arndt
Herta Mellin – Gerda Gmelin
Stefan Struve – Kurt Haart
Lev Bogumil – Philipp Hochmair
Dr. Reuber – Horst Naase
B. Nenntwig – Franziska Troegner
Cynthia Stern – Stefanie Stappenbeck
Berlett – Werner Eichhorn

Regie – Helmut Förnbacher
Buch – Lienhard Wawrzyn

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