Zweierlei Blut – Tatort 159 #Crimetime 837 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Blut

Crimetime 837 - Titelfoto © WDR

Nackte Männer auf dem Sportplatz

Als ich vor acht Jahren (Zeitpunkt der Veröffentlichung der Kritik zu „Zweierlei Blut“ anlässlich einer Wiederholung im WDR am 20.10.2020) die Rezension zu „Kuscheltiere“ schrieb, mutmaßte ich, das kleine chinesische Mädchen werde wohl nie wieder in einem Film auftauchen, wie ja solche Episodenfiguren nun einmal verschwinden, wenn die Episode zu Ende ist. Was ich in dem Fall aber unsozial fand – und man glaubt es nicht, drei Filme später taucht sie in „Zweierlei Blut“ doch wieder kurz auf. Was sich sonst im 159. Tatort zeigt, darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Thanner hat sich vorübergehend in Schimanskis Wohnung eingenistet, und beide sind durch das Zusammenleben erheblich gestreßt: der eine kann die genialische Unordnung des anderen nicht ertragen, der andere nicht den neurotischen Sauberkeitswahn des einen. Schimanski sucht Entspannung auf dem Fußballplatz. Und da wird ein Mann erschlagen, offensichtlich das Opfer der immer brutaler werdenden Schlägereien zwischen Fans von Fußballvereinen.

Schimanski und Thanner gehen getrennte Wege, die häusliche Gereiztheit hat auch eine leichte berufliche Distanzierung zur Folge. Schimanski schleust sich in einen Fanclub ein. Nach anfänglichem scheinbaren Erfolg erleidet er ein Fiasko: die jugendlichen Fans durchschauen den „Opa“ und erteilen ihm eine gründliche Abfuhr.

Thanner und Hänschen konzentrieren sich währenddessen auf das Stadion, sprich auf die dort ständig und gelegentlich Beschäftigten, wo einiges nicht ganz astrein zu sein scheint.

Die getrennten Wege der Kommissare vereinen sich wieder: ist der Tote wirklich das Opfer der Fans, oder hatte er etwas mit der illegalen Vermittlung ausländischer Arbeitskräfte zu tun, wollte er vielleicht sein Wissen zu Geld machen und wurde deshalb beseitigt?

Rezension

Soziales gibt‘s jetzt eher zwischen Schimanski und Thanner. In der Form, dass die beiden tatsächlich eine Kurzzeit-WG machen. Vermutlich war es die erste im Tatort-Deutschland, wie so viele Dinge ja an Schimanski neu waren. Aber je mehr Filme man mit ihm sieht, desto mehr deutet sich an, wo es später hinführen wird: Beim WDR muss es eine Tatortschiene für soziale Themen und mit vielen einfachen Menschen geben.

Sogar eine Verbindung zu den Köln-Tatorten, die heute auf dieser Schiene fahren, ist unübersehbar ins Bild gerückt. In Person von Dietmar Bär, der 1983 einen jugendlichen Rocker mit Motörhead-Jacke gibt und dafür sorgt, dass es den ersten und wohl bis heute letzten nackten Kommissar in einem Tatort gibt und sich am Ende selbst ausziehen muss (Anm. 2020: Den Bruno Ehrlicher sah ich inzwischen in einer Badehose). Ein wenig hat man diese wilde Art sogar reflektiert, als 1997 die Freddy-Schenk-Figur an den Start ging, unser bis heute zusammen mit Kollege Max Ballauf tätiger Cop in Köln. Da war, 14 Jahre nach „Zweierlei Blut“, Freddy auch der jenige der beiden Cops, der eher mal zum Illegalen tendierte. Allerdings auch der mit Familie.

Die Schimanski-Tatorte waren bewusst anti-ästhetisch inszeniert, das schlichte Filming jener Zeit passt dazu, aber das war schon irgendwie doch sehr schräg. Was würden sie sich für Schimanski nach der Szene, die das Ende eines Undercover-Einsatzes bedeutet, noch alles einfallen lassen?

Irgendwann hat man dann aber etwas auf die Bremse getreten und es nicht noch mehr übertrieben mit dem Trash am Tatort. Der Zeitgeist veränderte sich und deshalb ist es auch so interessant, wieder in die frühen 1980er zurückzukehren. Alle Tatorte sind auch Zeitdokumente, die einen mehr, die anderen weniger, aber bei Schimanski hat man bewusst oder unbewusst ganz tief in die Kiste gegriffen, um eine Zuordnung zu einem Zeitgefühl zu schaffen. Wenn schon die Musik von Spliff stammt!

Man merkt es ansonsten in diesem und vielen anderen Schimanski-Filmen nicht, aber es war auch das Hauptjahr der NDW, der Neuen Deutschen Welle, in dem der Film entstand, und dass Spliff nicht nur „Carbonara“ gesungen haben, sondern auch Tatorte vertont, erfahren wir nun also auch. Das ist wirklich ein Trichter für jene, die damals jung waren, ohne dass das Mainstream-Lebensgefühl auch nur ansatzweise erfasst wird. Denn das war eher NDW als Rockergang, mehr die Hinwendung zum Tennis und die Aufteilung in Punker und Popper als die Hinwendung zum Meidericher SV alias MSV Duisburg. der war nämlich nach langer Erstligazugehörigkeit damals in die 2. Bundesliga abgestiegen. Aktuell sieht es zwar sportlich nicht so gut aus (3. Liga), aber das Stadion hat ein Dach.

Gerade das Fußballfanmäßige wirkt aber beinahe zeitlos, mit der Randale, den Kneipen, den immer gleichen Fragestellungen des Sports. Da sind noch keine modernen Gladiatorenspiele angesagt, da wirkt der Kick vermutlich noch so rudimentär, wie er im Grunde immer geblieben ist. Gleiches gilt für das Umfeld, in dem gekickt wird.

Aber was ist das angesprochene soziale Thema? Die Rockergang eher nicht. Irgendetwas sagt mir, dass Rocker andere Typen sind als die hier gezeigten überwiegenden Milchbubis, in deren Nest sich Schimanski auf herrlich unglaubwürdige Art einschleicht, um undercover den Opi zu geben. Kein Wunder, dass er für einen Sozialarbeiter gehalten wird – wobei ich wiederum nicht glaube, dass Sozialarbeiter undercover arbeiten. Die Dialoge wirken ebenso künstlich wie sie in den WG-Szene platt daherkommen. Daran merkt man, dass einige Schimanski-Tatorte einen grundsätzlichen Mangel aufweisen:

Die Figur wurde zwar als etwas ganz Neues konzipiert, aber die Regie und die Drehbücher stammen oft von der alten Garde, die damals freilich noch nicht so alt war. Gies, Huby, das sind Namen, die man mit vielen Tatorten und viel Routine verbindet, aber die man nicht als Innovationsgenies kennt. Huby hat zum Beispiel Ernst Bienzle erfunden, den konservativsten Ermittler, der am Ende seiner Dienstzeit 2007 noch tätig war. Etwas besser konnten „Interne“ wie Chiem van Houweninge als Drehbuchautoren die notwendige Atmosphäre darstellen (man kennt ihn vorwiegend als Darsteller von „Hänschen“, aber seine Hauptarbeit dürfte das Schreiben gewesen sein).

Im Zentrum des Kriminalistischen steht wohl das eigentliche soziale Thema, die Schwarzarbeit, in diesem Fall auch die Erpressung eines Vermittlers von Schwarzarbeit durch einen von ihm  Ausgebeuteten. Der Fall kommt in dem Schimanski-Kuddelmuddel ziemlich zu kurz und der Gegenstand der Arbeit von Menschen mit Migrationshintergrund, den ich kürzlich in einem Veigl-Tatort aus den 1970ern bereits besser aufgearbeitet fand, kann sich nicht recht gegen die Schimmi-Show durchsetzen.

Damals gab es noch kein Internet und keine Foren für Tatort-Fans, aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele, die von Anfang an dabei waren und noch mit Reihen wie „Stahlnetz“ groß geworden sind, in jenen Foren ihrer Ablehnung Ausdruck geben würden: Das sollen Tatorte, Krimis sein – und Schimanski sei ein halbwegs vorstellbarer Polizist? Immerhin ist er wohl hinter einer der Schauspielerinnen der ersten Generation mit Migrationshintergrund her, Despina Pajanou – die ich in der Lindenstraße als Hauptarbeitsfeld verortet hatte. Daran merkt man, dass ich diese Serie nicht anschaue, ihr aber alle progressiven Entwicklungen im deutschen Fernsehen zuordne. Auf andere Weise als die Tatorte ist sie ja auch schon seit über 30 Jahren Geschichte zum Angucken (Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im Oktober 2020: Eine Geschichte, die mittlerweile zu Ende gegangen ist, anders als der vermutlich ewige Tatort).

Finale

Nicht einfach, zum Beispiel den Spannungsgehalt eines Films wie „Zweierlei Blut“ zu bewerten. Als Krimi würde ich ihn nicht einmal als unteren Durchscnitt bewerten, aber wenn ich nicht vollkommen übermüdet bin, bleibe ich bei dieser Art von Alt-Tatort immer gut drin und interessiert, weil ich in ihnen die Stimmung einer Zeit, ein Lebensgefühl suche und weil ich die Typen spannend finde. Bei Schimanski und Thanner wirkt es, als seien ihre Dialoge teilweise improvisiert, und dieser Eindruck trägt zum Gefühl bei, dass die Dinge immer unberechenbar bleiben werden und man nie weiß, was den Cops und den anderen Figuren als nächstes einfällt. Heute wirkt das Individuelle oft wesentlich bemühter – dafür aber präziser inszeniert.

Fans werden ohnehin begeistert von „Zweierlei Blut sein“ (Der Titel resultiert aus der Durchführung eines Blutgruppenabgleichs) und natürlich ist die Sportplatzszene oder sind die beiden Sportplatzszenen Fernsehgeschichte, aber der Film insgesamt ist kein Highlight unter den mittlerweile 1140 Tatorten.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Schimanski – Götz George
Kriminalhauptkommissar Thanner – Eberhard Feik
Ludwig – Gerhard Olschewski
Kriminaloberrat Königsberg – Ulrich Matschoss
Bella Klein – Despina Pajanou
Frau Schobert – Brigitte Janner
Kurti – Reiner Groß
Fiete – Zacharias Breen
Hänschen – Chiem van Houweninge
Ernst – Dietmar Bär
u.a.

Drehbuch – Felix Huby, Fred Breinersdorfer
Regie – Hajo Gies
Kostüme – Ina Hagemann
Kamera – Michael Thiele
Szenenbild – Dieter Reinecke
Schnitt – Lici Lainer
Ton – Karsten Ullrich
Produzent – Hartmut Grund
Produktionsleitung – Ernst von Theumer
Musik – Spliff

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