Babylon Berlin – die Serie | Staffel 3, Folge 9 (Gesamtfolge 25) + #Zukunft #Android | #Crimetime 838 #BabylonBerlin #Babylon #Berlin #ARD #Sky #Androiden #Wissenschaft

Crimetime 838 - Titelfoto und weitere Bilder © ARD Degeto / X-Filme / Beta Film / Sky Deutschland / Frédéric Batier

Überblick über die Situation in den Folgen 17 bis 28 (Staffel 3)

Berlin im September 1929: eine Metropole in Aufruhr. Ökonomie und Kultur, Politik und Unterwelt – alles befindet sich in radikalem Wandel. Spekulation und Inflation zehren bereits an den Grundfesten der immer noch jungen Weimarer Republik. Wachsende Armut und Arbeitslosigkeit stehen in starkem Kontrast zum Exzess und Luxus des Nachtlebens und der nach wie vor überbordenden kreativen Energie der Stadt. „Babylon Berlin“ erzählt in der neuen, dritten Staffel die Geschichte des jungen Kommissars Gereon Rath weiter, der sich in den Illusionswelten des 20er-Jahre-Stummfilmkinos zu verirren scheint, während um ihn herum der Wahnsinn herrscht: Menschen verschulden sich, die Hochfinanz spekuliert auf den Untergang, und die rechtsnationale Partei versucht, Polizei und Verwaltung sukzessive mit kaltblütigen Mitteln zu unterwandern. Doch es gibt Hoffnung: Trotz Mord und Verzweiflung findet Rath Liebe und Solidarität, und die „Roaring Twenties“ spiegeln in all ihren Facetten Lebenshunger und Leidenschaft.

Kurzfassung der Handlung von Folge 25

Während sich Charlotte um ihre Schwester Ilse kümmert, wird Rath von Wendt eingespannt. Esther präsentiert ihre Idee, um den Film zu retten. Für Nyssen ist sein Börsen-Coup noch nicht verloren.

Alle bisherigen Rezensionen zu „Babylon Berlin“ (1)

Die Wiederholung dessen, was bisher geschah, enthält eine Erklärung zu den finanziellen Hintergründe der „Filmmorde“ – die Versicherung zahlt nicht, und warum Weintraub Esther nicht in dem Film mitmachen lassen will, der schon drei bzw. vier Todesopfer (inklusive Oberbeleuchter) gefordert hat. Der Film sollte schon deshalb ein Riesenerfolg werden, weil er so skandalumwittert ist, also unbedingt weiterdrehen, koste es so viele Leichen, wie es wolle (das war nur ein kapitalistischer und marketingorientierter Flasch, der mir gerade kam). Bei der Wiederholung hat es auf mich auch gewirkt, als ob Weintraub mehr wüsste, also eine Ahnung bezüglich der konkreten Gefahr hätte, aber das muss nicht unbedingt so sein.

Die Synthese von Natur- und Geisteswissenschaften, das Ende der Verletzlichkeit des Menschen

Die Jubiläumsfolge 25 setzt damit ein, dass Dr. Schmidt darüber philosophiert, wie gut die nach dem großen Krieg zerrütteten Seelen sich dazu eignen, Menschen zu erschaffen, die nicht mehr verletzbar sind – Maschinenmenschen oder Menschmaschinen. Metropolis hat wirklich einen tiefen Eindruck hinterlassen, aber in jener aufgeregten Weimarer Zeit ist auch dieser Film wieder ein Ausdruck der Ängste vor der Entmenschlichung gewesen. Dass der im Krieg schwer verletzte Anno sich damit beschäftigt, ist stimmig, zumal er sich nun als Dr. Schmidt neu erfunden hat, traumatisiert auf dem Schlachtfeld, verraten durch seinen Bruder und letztlich auch durch seine Frau, wie Gereon Rath dieser gegenüber in der Folge 24, wenn auch an unpassender Stelle, erwähnt, denn er ist an diesem Verrat beteiligt. Ins Heute hineinprojiziert: Unsere Sucht nach immer mehr elektronischer Perfektion, der Erlösung durch die KI und durch Elemente, die aus uns Cyborgs machen würden oder es schon tun. Wenn Corona, das die Verletzlichkeit der Menschen so triggert, noch lange andauert, werden die Demokratie und die Gesellschaft noch schneller zerfallen. In Weimarer Tempo? 

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Wissenschaft, der Zukunft zugewandt. Aber welcher Art von Zukunft?

„Gibt es einen Weg, den Menschen des 21. Jahrhunderts zu kreieren, einen Weg, der den versehrten Körper nicht nur heilt, sondern den unverletzten Körper zum Invaliden macht, denn nur der Körper des Invaliden bietet die Möglichkeit für künstliche Körperteile, nur die ausgestoßene Augenhöhle den Platz für das Kamera-Auge, nur der amputierte Arm die Option einer stählernen Hand. Der versehrte Geist bildet die beste Grundlage zur Überwindung der Angst. Denn nur er kennt die Abgründe der zerstörten Seele so profund, dass er sie unangreifbar macht. Dieser Weg ist nun für uns zu gehen, wir schaffen den neuen Menschen. Wir schaffen die Menschmaschine. Ein von Schmerzen und Angst befreiter Android.“

Dieser Mann denkt wirklich weit in die Zukunft. Und in kurzen Einblendungen sieht man unter anderem, wie ihm am Empfänger sein Bruder Gereon, Edgar Kasabian und Esther Kasabian lauschen, wobei Letztere inspiriert wird.

Auch wenn die Sätze zum Ende hin nicht mehr ganz stringent sind, worauf es hinausgehen soll, ist klar. Es wirkt alles nach, über Kriege und Zeiten hinweg, und nur eine Mischung aus R2D2 und C3-PO kann uns vor uns selbst retten. Dazu passt, dass Esther Kasabian einen Mercedes fährt, der eindeutig jünger ist als Baujahr 1929. Und wir bleiben auch sonst im Thema: Es geht darum, den Plot von „Dämonen der Leidenschaft“ so umzuschreiben, dass Esther hineinpasst – dafür soll der Dämon die Figur „Elsa“ nicht als Sklavin unterwerfen, wie bisher geplant, sondern sie in eine Maschine umbauen. Esther hat also auch eine Art Synthese hergestellt, zwischen dem, was Dr. Schmidt eben im Radio gesagt hat und „Metropolis“. Das ist schon auch ein wenig frech und auch albern, was man hier alles zusammengemixt hat, aber immerhin endet es, indem die Figur Balthasar die verwandelte Elsa in der Unterwelt findet wie Orpheus seine Euridike, will sie umstimmen, aber es gelingt ihm nicht (es ging bei O. und E. auch nicht, wohl aber ist das Ende von „Metropolis“ noch versöhnlich).

Der Dämon aber ist Balthasar selbst, er hat ihren freien Geist bezwingen und unschädlich machen wollen und das Ergebnis war die Maschinenmenschin. Und die Filmemacher haben bewiesen, dass sie auch auf eine Weise dämonisch sein können, die sich im deutschen Fernsehen bisher niemand getraut hat.

Jetzt sind wir sehr detailliert eingestiegen, weil ich auch nachschauen wollte, wie a.) originär und b.) wie tiefgehend der philosophische Hintergrund von „Babylon Berlin“ ist oder zumindest von dieser Filmschiene: Alles ist Illusion! Und doch wieder nicht, denn die Ängste sind real und gerade hierzulande schon fast überzeitlich. Ein passendes Lied zur Wandlung von Elsa hat Esther auch noch geschrieben.

Jetzt der Vorspann, ohne Mord zuvor, dafür mit der Metamorphose eines Films der Universal A. G. (Die Ufa hieß „Universum A. G.“.)

Große und kleine Summen, die über Schicksale mitentscheiden

Nun wird es vorerst profaner. Der Syndikusanwalt der Nüssens legt Mutter Nüssen eine Unterschriftenmappe vor, es ist einiges abzuzeichnen. Darunter auch ein Fake-Dokument, das Sohn Alfred ermächtigt, aus dem Familienvermögen über 100 Mio. Reichsmark zu Spekulationszwecken einzusetzen. Der Trick ist wirklich genial: Das Ansinnen des Sohns, ihm Gelder für die Stiftung zu übertragen oder seine freie Verfügung zu ermöglichen lehnt sie ab, aber als Nächstes kommt ein Schriftstück, dessen wahrer Inhalt genau das ist, aber versteckt, mglw. als Durchschrift, hinter einer Reihe von „Gratifikationen“ für langjährige Mitarbeitende des Konzerns. Korrektur nachträglich: Es wurde so vorgelegt, dass die Unterschrift blanko ist und das 100-Millionen-Dokument nachträglich verfasst wird. Gut, wenn man sicher im Tippen ist.

Später verhandelt Nüssen mit den Bankern über die Angelegenheit, die sich wundern, dass die Mutter dieser Aktion beigepflichtet hat. Nüssen schlägt ein Termingeschäft mit Ziel drei Monate vor. Der ist sich ja wirklich sehr sicher, dass der Knall sehr bald kommen wird. Es gibt also nicht nur Kriminal- sondern auch Finanzmarkttelepathie und sogar -prophetie.

Oberst Wendt bekommt ein wenig Druck von dem Lederjacken-Leutnant, was die finanzielle Ausgestaltung der „Bewegung“ angeht und vermisst seinen Stallburschen Prechtmann. Der wird sich bald noch wundern, wer noch aus der Bewegung abtritt (Verminderung der Zahl der Mitwissenden in der Mordsache Benda, Teil 3). Kriminalrat Gennat mutmaßt öffentlich darüber, dass dass die Filmmorde nicht einem Einzeltäter zuzuschreiben sind, aber „der Verdächtige“ (Weintraub) sei im Moment ungefährlich, weil zu schwer verletzt. Auch auf die Verhaftungen der letzten Nacht werden angesprochen, aber keine Namen genannt. Wir wissen, es geht um den Armenier und das Institut von Dr. Schmidt wurde ebenfalls durchsucht. Also muss Weintraub dringend gefunden werden. Kasabian führt im Verhör aus, dass es um ihn geht, seine Existenz soll vernichtet werden. Wenn er wüsste, dass auch das nicht der eigentliche Grund ist … nun ja. Es wäre ein realistischerer Grund gewesen, Eskalation eines Bandenkriegs. Jetzt kommt tatsächlich die Kriminaltelepathie, Rath bringt natürlich Dr. Schmidt als Fachmann ins Spiel.

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Wird das linke Auge heilen? Charlotte und Schwester Inge in der Bahn.

Nun wird die Schwester von Charlotte am linken Auge operiert, für gequetschte 259 RM. Etwas mehr dürfte das Haus der Kasabians wert sein, das nun an die Bank als Sicherheit übereignet und verkauft wurde. Die Geier werden mit Pistolenschüssen vom Gelände vertrieben. Da kann man sich als mit der Spekulation konfrontierte*r Mieter*in des 21. Jahrhunderts noch was abschauen.

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Einmal Theater, immer großes Schauspiel: Esther Kasabian verteidigt ihr Heim gegen Aufkäufer.

Auch in der nächsten Szene geht es um Kohle, zwischen dem Horst Kessler, seiner neuerworbenen Frau und deren bisherigem Zuhälter. Geld wechselt Hände, aber die Stimmung verbessert sich nicht. Da wird es noch Ärger geben. Schon deshalb, weil Kessler von einem Typ im eleganten Mantel und mit hagerem Gesicht beobachtet wird. Derweil misstraut man sich in braunen Kreisen: Die Lederjacke taucht bei Kessler auf und verlangt u. a., dass die neue Freundin verschwindet, weil er sie für ein Sicherheitsrisiko hält und Kessler soll umziehen. So dumm ist das gar nicht, auch wenn der Lederleutnant falsche Vermutungen hat, wie dass Prechtmann bei der Polizei gesungen hat und deshalb freigelassen wurde.

Toni, Charlottes Schwester, liest einem alten Mann aus „Bambi“ vor, die plastische und lustvolle Sprache macht sichtlich etwas mit dem Auftraggeber der Vorlesestunden und wozu das noch führen wird, darüber kann man jetzt spekulieren. Das Buch von Felix Salten gab es 1929 tatsächlich schon, auch wenn der Disney-Film erst 1942 entstand.

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Der Versuch einer Instrumentalisierung: Wendt fordert von Rath mehr Nachdruck beim Auffinden des Journalisten Katelbach.

Rath und Wendt treffen aufeinander und Wendt verlangt von Rath, den Journalisten Katelbach endlich aufzuspüren, der ja immerhin mal Raths Nachbar war und einer Vorladung nicht gefolgt war. Die beiden durchsuchen noch einmal die Wohnung der Witwe Behnke (bester Satz der Folge 25: „Welcher Schrank?“), die geheime Zimmerflucht wird entdeckt, aber Rath hat sie vorher gewarnt, dachte ich schon während der Szene (bzw. fragte mich, ob), und den Katelbach bei sich selbst untergebracht. Dort trifft der Österreicher auch auf Moritz, der sich gerade dem „Jungvolk“ der Nazis anschließt. Hm. Es wirkt, als ob Rath die Gefahr für Moritz und dafür im eigenen Haus noch nicht erkennt. Katelbach hingegen dreht das Sprichwort „Alter schützt vor Torheit nicht“ auf die Jugend um. Aber doch zeigt sich im Umgang mit Katelbach die Politisierung von Kommissar Rath, der im Mai noch mit dafür gesorgt hatte, dass der Schießbefehl von Zörrgiebel vertuscht wird, der zu den blutigen Übergriffen der Staatsmacht auf Demonstrierende geführt hatte. Es ist ja auch eine Art Wiedergutmachung von Seiten des Dr. Rath. Katelbach wird angeklagt wegen Landesverrats, auch ihn wird Dr. Litten verteidigen.

Weintraub hingegen ist im Studio in der Garderobe versteckt. Esther will alles Geld zurückholen, wenn der Film ein Erfolg wird. Sie will der Rohheit der Mammon-Welt mit der Schönheit der Kunst entgegentreten.

Gereon sucht Helga auf und will mit ihr doch über Moritz sprechen – leider ist Nüssen gerade anwesend. Gereon will auch sie wieder mitnehmen, doch sie sagt, es sei zu spät und sie habe das Kind verloren. Eine Fehlgeburt, angeblich. Nüssen will schleimig vermitteln, das führt zu einer Lobbyschlägerei und Rath bekommt Hausverbot.

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Die rote Stelle unter Alfred Nüssens Auge ist keine Folge der tätlichen Auseinandersetzung mit Gereon Rath – diese findet erst im Anschluss an den hier gezeigten Moment im Hotel „Rheingold“ statt.

Eine wirklich schöne Geburtstagsparty

Gräf, der Polizeifotograf, hat Geburtstag und viele von der Dienststelle und aus seinen schwulen Freunde sind da. Charlotte, Gennat (wir erinnern uns: Er hat das fotografische Talent Gräf gefördert) – und auch Rath trifft ein.

Charlotte: „Wie geht’s?“
Rath: „Hervorragend.“
Charlotte: „Sieht man Ihnen gar nicht an.“

Platz 2 auf der Dialog-Hitliste der Folge 25. Gräf vertuntet sich und singt selbst, von Kriminalrat Gennat am Akkordeon begleitet (!). Sehr stimmungsvoll gemacht, die Szene. Derweil bietet Marie-Luise Seegers der Frau Behnke an, sie zu unterstützen. Frauen verbünden sich gegen das Böse, ich notiere Femi-Punkte. Nun, sie kommt natürlich an Unterlagen „aus dem innersten Kreis des deutschen Militärs“ heran, zu diesem Kreis zählt ihr Vater. Es geht um das „Schattenheer“ und dessen Pläne. Die Jurastudentin war ja im Büro von Dr. Littmann, als es um Katelbachs Verteidigung ging und hat sich dabei wohl endgültig entschlossen, von der theoretischen Linken und aufmüpfigen Tochter zur Aktivistin und Spionin zu werden. Damit das oder sie ins Laufen kommt, brauchen wir aber schon eine vierte Staffel, oder? Zurück zur Party.

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Ernste Worte über den Sinn des Lebens eines Kriminalpolizisten in einem besonderen Augenblick der Nähe

Wir erfahren, warum so viel Stimmung erzeugt wird. Charlotte schaut zur Seite und Rath an, die beiden machen ein Spielchen Mieter und Vermieter, so süß, auch das Ständchen und der Toast passen dazu. Ich dachte schon, die drei Musketiere von der Regisseursgarde können gar keine empathischen Szenen, aber hier haben wir mal einen richtigen Höhepunkt. Gräf vertuntet sich und singt selbst. „Ein Lied, geschrieben zu einer Zeit, in der ich noch nicht wusste, für wen.“ Gennat begleitet. Vorher hat der Kriminalrat noch mit Gereon über die berufsbedingte Einsamkeit gesprochen und genau so sieht Rath gerade aus, wie das wandelnde Klischee vom einsamen Wolf, das wir in unzähligen Tatort-Rezensionen, besonders zur Köln-Schiene, besprochen haben. Ach ja. So ein Liebeslied und zwei doch einsame Herzen auf der Party. „Du bist alles, was ich will.“ Und während des Liedes kommt er: THE KISS. Nach 25 Folgen! Erinnert mich stark an Buckow und König vom Rostock-Polizeiruf, da wurde die Annäherung fast über zehn Jahre hingezogen und immer wieder vereitelt. Jetzt aber mal ein kräftiger Schneuz ins Taschentuch.

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Im Namen der wahren Liebe und nach mehr als 1.100 Minuten.

Allerdings ist die Folge damit unverständlicherweise nicht zu Ende. Denn der Geheimpolizist übergibt dem Ex-Zuhälter in Friedrichshain eine Waffe und Geld, damit er den Kessler umbringt. Die einzige Erklärung für dieses wirklich abtörnende Ende ist, dass man sich nicht getraut hat, eine Folge so weich enden zu lassen. Auch das ist ein starker Subtext. Dafür ist das Lied im Abspann noch einmal zu hören, das Gräf auf der Party gesungen hat. „Ich war allein in meinem Träumen“. Aber nur kurz angespielt, dann das ARD-Jingle.

Zwischenfazit

Ich habe die vorausgehende Folge 24 als die bisher melodramatischste aller drei Staffeln bezeichnet, die emotionalste ist ganz sicher die 25. Aber nur auf den Moment der Geburtstagsparty für Gräf konzentriert, dann gleich wieder herausfallend. Die gesamte Serie ist bereits ein Zeitdokument, das bewusst immer wieder auf Ähnlichkeiten zwischen 1929 und 2020 abhebt, manchmal etwas übertreibt, aber in der dritten Staffel anders als in der ersten: Damals waren exorbitante Vorgänge der Motor der Geschichte, jetzt sind es die Hintergründe, die penibel aufgerollt werden und das Außergewöhnliche muss manchem Klischee Platz machehn, das ich aus vielen „Crimetime“-Rezensionen kenne.

Die Dynamik hat gegenüber den Staffeln 1 und 2, vor allem Staffel 1, deutlich nachgelassen, dafür werden teilweise Erklärungen geliefert und Ideen untergebracht, die im Grunde nur dann etwas geben können, wenn man politisch und bezüglich der Populärkultur Ahnung von der Endzeit der Weimarer Republik hat. Das Konzept, Zuschauer*innen auf vielen Ebenen etwas bieten zu können, wird nicht maximal geschickt umgesetzt, weil die Verknüpfung der Vorgänge zwar sinnvoll ist, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, aber die Zusammenhänge ebenso wie die tiefere Logik zu erkennen, dass das politische System schrittweise zerstört wird, das sich Demokratie nennt, erfordert gewisse Voraussetzungen, die es, selbst wenn man sie mitbringt, etwas anstrengend machen, dem Geschehen trotz des zeitweiligen Witzes zu folgen, der jetzt mehr durchscheint und stellenweise auch an der Grenze zur Unfreiwilligkeit durch starkes Pathos produziert wird. Manchmal ist der Flow groß, anderes wirkt aber auch bemüht und zwanghaft in die Läufte der Zeit gequetscht. Es gibt kaum eine Szene oder einen Dialogsatz ohne symbolische Aufladung, inklusiver gewisser Verfälschungen im Detail oder in einzelnen Handlungselementen, die man für das heutige Publikum inszeniert. um den Sinn oder die Botschaft des Ganzen zu betonen.

In Folge 25 wird überhaupt niemand umgebracht, dafür finden sich zwei Menschen, die es nicht leicht haben – und, als kalte Dusche, wird der nächste Mord noch in der Schlussszene angedeutet. Hm.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Unsere bisherigen Rezensionen zu „Babylon Berlin“

Folge 24 (Staffel 3)
Folge 23 (Staffel 3)
Folge 22 (Staffel 3)
Folge 21 (Staffel 3)
Folge 20 (Staffel 3)
Folge 19 (Staffel 3)
Folge 18 (Staffel 3)
Folge 17 (Staffel 3)

Folge 16 (Staffel 2)
Folge 15 (Staffel 2)
Folge 14 (Staffel 2)
Folge 13 (Staffel 2)
Folge 12 (Staffel 2)
Folge 11 (Staffel 2)
Folge 10 (Staffel 2)
Folge 09 (Staffel 2)

Folge 8 (Staffel 1)
Folge 7 (Staffel 1)
Folge 6 (Staffel 1)
Folge 5 (Staffel 1)
Folge 4 (Staffel 1)
Folge 3 (Staffel 1)
Folge 2 (Staffel 1)
Folge 1 (Staffel 1)

Rolle Darsteller
Gereon Rath Volker Bruch
Charlotte Ritter Liv Lisa Fries
Greta Overbeck Leonie Benesch
Alfred Nyssen Lars Eidinger
Günter Wendt Benno Fürmann
Helga Rath Hannah Herzsprung
Armenier Misel Maticevic
Walter Weintraub Ronald Zehrfeld
Esther Kasabian Meret Becker
Dr. Schmidt „Anno“ Jens Harzer
Elisabeth Behnke Fritzi Haberlandt
Dr. Völcker Jördis Triebel
Katelbach Karl Markovics
Ernst Gennat Udo Samel
Reinhold Gräf Christian Friedel
Zörgiebel Thomas Thieme
Ullrich Luc Feit
Litten Trystan W. Pütter
Henning Thorsten Merten
Wilhelm Böhm Godehard Giese
Czerwinski Rüdiger Klink
Malu Seegers Saskia Rosendahl
Tristan Rot Sabin Tambrea
Fritz Jacob Matschenz
Otto Julius Feldmeier
Musik: Johnny Klimek
  Tom Tykwer
Kamera: Bernd Fischer
  Christian Almesberger
  Philipp Haberlandt
Buch: Tom Tykwer
  Hendrik Handloegten
  Achim von Borries
Regie: Tom Tykwer
  Achim von Borries
  Hendrik Handloegten

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