Angst – Polizeiruf 110 Episode 233 #Crimetime 839 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Brandenburg #Rosenbaum #Krause #ORB #Angst

Crimetime 839 - Titelfoto © ORB / RBB, Christa Köfer

Der Castor rollt dem Schicksal entgegen

Wie soll man einen Film auch nennen, der alles zu einem Angstzenario verdichtet, das beinahe schon heutige Ausmaße aufweist, obwohl er bereits vor 17 Jahren Uraufführung hatte. Aber – erinnern wir uns: Die Welt stand damals unter dem Schock von 9/11 und auf deutsche Verhältnisse übertragen: Was kann es geben, das mehr Furcht einflößt als ein Anschlag auf einen Castor-Transport mit Atommüll? Im Jahr 2000 hatte die rot-grüne Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen, der bis etwa 2015-2020 dazu geführt hätte, dass Deutschland kernkraftfrei geworden wäre. Bekanntlich hatte Angela Merkels zweites Kabinett aus Union und FDP Laufzeitverlängerungen beschlossen und sie nach dem Fukushima-Unglück abrupt zurückgenommen und die Energiepolitik erneut aufgerollt. So viel zum historischen Hintergrund und zum Stand in der Zeit, als „Angst“ gedreht wurde. Freilich gibt es mehr zum Film zu schreiben, das findet sich alles in der -> Rezension.

Handlung

Polizeihauptmeister Horst Krause wird gerufen, da Paul Claussen auf dem Dach einer Kirche steht und sich von dort herabstürzen will. Auch Kriminalhauptkommissarin Wanda Rosenbaum ist vor Ort und zögert nicht auf den Kirchturm zu klettern, um dem Selbstmörder ins Gewissen zu reden. Das gelingt und Claussen soll nun in eine Klinik gebracht werden, doch während der Fahrt im Krankenwagen springt er aus dem Auto und flieht. Als Krause und Rosenbaum Claussens Ehefrau aufsuchen wollen, um sie zu informieren, finden sie diese tot auf dem Küchentisch aufgebahrt. So wie es aussieht hat Claussen seine unheilbar an Leukämie erkrankte Frau erschlagen, um ihr weiteres Leid zu ersparen und wollte sich im Anschluss aus Kummer selber das Leben nehmen. Da er nun flüchtig ist, wird nach ihm gefahndet.

Claussens letzter Arbeitsplatz war in einem Kernkraftwerk, wo er jedoch aufgrund seiner persönlichen Probleme entlassen werden musste. Nachdem Rosenbaum und Krause sich über Claussen informieren, bemerken sie dort eine angespannte Situation und vermuten, dass Claussen seinen ehemaligen Arbeitgeber erpresst. Bereits am Vortag hatte es eine unerklärliche Detonation gegeben, die mit großer Wahrscheinlichkeit von dem Gesuchten ausgelöst wurde. Da gerade ein Castor-Transport durch Brandenburg geplant ist, hat der Fall eine besondere Brisanz, denn Claussen hat nichts mehr zu verlieren und wird auf seinem Amoklauf zu einer unberechenbaren Gefahr. Rosenbaum versucht einen Kontakt zu Martin Claussen aufzubauen, da sie vermutet, dass er weiß, wo sich sein Vater versteckt hält. Doch Martin vertraut ihr nicht und trifft sich vorerst heimlich mit seinem Vater.

Parallel ist jedoch auch nicht auszuschließen, dass die Umweltaktivisten ihrerseits auch vor radikalen Mitteln nicht zurückschrecken und sich die Aktionen überschneiden und gegenseitig gefährden. Da Rosenbaums Tochter Annette zu den Atomkraftgegnern gehört, erfährt die Kommissarin, dass tatsächlich irgendetwas Illegales geplant ist. Nachdem sich der Zug mit den Castor-Behältern trotz allen Widerstandes in Bewegung setzt, wird ein unbekanntes Flugobjekt gesichtet. Ein ferngesteuertes Modell-Flugzeug attackiert den Transport und wird von den bewaffneten Organen mit einem gezielten Schuss eliminiert. Rosenbaum ist sich sicher, dass damit noch nicht alles vorbei ist. Und sie soll Recht behalten. Nachdem es Krause gelingt Paul Claussen ausfindig zu machen erfahren die Ermittler von ihm, dass sein Sohn Martin zusammen mit zwei Freunden hinter der Erpressung des Kernkraftwerkes stecken. Als er seinen Sohn davon abbringen wollte, hatte sich seine Frau so aufgeregt, dass sie von ihrem Krankenlager aufgestanden war und dann benommen zu Boden stürzte, wobei sie sich selber tödlich verletzt hatte.

Rosenbaum und Krause setzen alles daran Martin und Konrad zu finden, ehe sie Unheil anrichten können. Sie haben sich zur Tarnung mit BGS-Uniformen ausgerüstet und sind mit einem als Polizei-Fahrzeug umgespritzten Kleinbus unterwegs. Diesen stellen sie, mit einem Sprengsatz versehen, mitten auf die Gleise, um den Castor-Transport zu stoppen. Per Fernzünder wollen sie den Wagen sprengen, doch versagt ihre Technik. Ratlos müssen sie mit ansehen, wie Rosenbaum eintrifft und auch Martins Vater dabei ist. Beide stehen bedrohlich dicht an dem Kleinbus und Paul Claussen gelingt es das Auto kurzzuschließen und von den Schienen zu nehmen. Doch kurz danach detoniert der Sprengsatz und Paul Claussen stirbt vor den Augen seines Sohnes. Martin und Konrad werden danach festgenommen.

Handlung

Wenn man hört, wie Kommissarin Wanda Rosenbaum und ihre Tochter miteinander streiten, könnte man meinen, man beobachte eine sich für Fridays for Future engagierende Schülerin und die gesamte Generation darüber, also beispielsweise uns, im Generalabrechnungsdialog. Damals war es eben die Kernkraft, die als Abgrenzungsthema diente. Wenngleich die Heydays der Anti-AKW-Bewegung natürlich vorbei waren, seit der Atomausstieg beschlossene Sache war. Dass man die Kernkraftwerke nicht würde alle von einem Tag auf den anderen abschalten können, war wohl auch den meisten Aktivist*innen klar. Trotzdem inszeniert der Film noch einmal das, was diejenigen geprägt hatte, die solche Filme erschufen und natürlich – man wollte den Ostdeutschen auch die Anti-AKW-Bewegung näherbringen und verlegte deshalb das Geschehen nach Brandenburg, wo es nie ein Kernkraftwerk gegeben hat. Wie bitte?

Falsch. Man hat das aus Westsicht gar nicht so im Blick, aber gemeint ist wohl das „KKR Rheinsberg“, das erste kommerzielle Kernkraftwerk der DDR und der erste Reaktor-Export der Sowjetunion. Es wurde schon 1966 errichtet und arbeitete bis 1990. Im Jahr 2002 war es längst stillgelegt, wurde ab 1995 zurückgebaut, vermutlich stammen einige Aufnahmen, die den Rückbau zeigen, aus dieser Zeit, falls sie nicht etwas anderes darstellen oder an einem anderen Ort aufgenommen worden sind. Dadurch, dass es in Brandenburg keinen Kernkraftbetrieb mehr gab, als der Film gedreht wurde, wirkt das Szenario recht abstrakt, vor allem, wenn man das Demo-Geschehen mit zerfallenden Bootshäusern aus DDR-Zeiten und anderen Lost Places gegenschneidet. Ist es so abstrakt? Schon wieder nicht, wir haben in der Wikipedia mittlerweile weitergelesen:

Einer der dafür (für den Rückbau und die Zwischenlagerung von Atommüll in Greifswald) notwendigen Castortransporte diente 2001 als Kulisse für den Film „Angst“[7] aus der Serie „Polizeiruf 110“ des ORB.

Also kann man sich höchstens darauf beziehen, dass es etwas seltsam erscheint, dass gegen einen Castor-Transport demonstriert wird, der nur noch der Abwicklung dient. Aber die Castortransporte sind bis heute ein hoch umstrittenes Thema und in manchen Gegenden immer noch von Demonstrationen begleitet. Und wie steht es mit der Sicherheit? Der Flugzeugaufprall, den ein solcher Sarkophag gemäß Aussage der Einsatzleiterin im Film unbeschadet überstehen soll, steht nicht im Lastenheft, aber man hat sich einiges einfallen lassen, um Sicherheit zumindest zu suggerieren (hier mehr zu den Transporten). Was uns allerdings unrealistisch vorkam, war die hohe Geschwindigkeit des Zuges, die tatsächlich erst zu der gefährlichen Situation am Ende des Films geführt hat. Große Drehbuchschwäche außerdem, dass der Stellvertreter der Einsatzleiterin plötzlich aus eigenem Antrieb nicht deren Befehle ausführt und den Zug weiterfahren lässt. Derlei hatte sich vorher nicht ansatzweise angedeutet und ist eine dieser ärgerlichen Drehbuchquetschen, die man absolut leicht hätte vermeiden können, wenn man den Film etwas straffer und mit ein paar Handlungselementen weniger inszeniert hätte.

Auch die Erpressung ist letztlich nicht konsequent ausgespielt, denn in dem Moment, in dem der Zug sich über einen vorgesehenen Anschlagspunkt hinwegbewegt, können die Erpresser doch nicht mehr davon ausgehen, dass sie Erfolg haben. Sie können wirklich nur den Zug stoppen – und zu welch einem Preis und Schaden! Daher wirkt das Verhalten von einem der drei jungen Männer komplett irrational, als er das Ganze unbedingt durchziehen will. Und natürlich muss am Ende der arme Herr Clausen draufgehen. Auf eine Weise, dass man fast geneigt ist zu sagen, hätte Krause ihn doch eingangs mal vom Kirchturmdach springen lassen. Okay, das ist dann zusätzlich Blasphemie, während er sich am Ende aufgeopfert hat, um das große Unglück zu verhindern. Der Platz auf einer Wolke dürfte ihm also sicher sein, zumal er seine Frau nicht umgebracht hat – nicht einmal, um der an Leukämie im Endstadium Erkrankten aktive Sterbehilfe zu leisten.

Nun ist „Angst“ auch der erste von vier Filmen, den Krause als Krause und Jutta Hoffmann als Wanda Rosenbaum als Ermittlerteam bestückt haben. Der erste, den wir gesehen haben, der dritte, in dem sie zusammenarbeiten. Um ehrlich zu sein: Einen riesiges Plus gegenüber der oft etwas blutarmen Kooperation mit der Nachfolgerin Johanna Herz (Imogen Kogge) haben wir nicht entdeckt. Rosenbaum und Krause harmonieren schon als Typen nicht sehr gut miteinander, auch als Kontrastpaar fehlt ihnen der Pep, wie man das in der Zeit nannte, als die Anti-AKW-Bewegung aufkam. Vielmehr führt Krause unautorisiert Befragungen durch, was in seinen späteren Auftritten nicht mehr thematisiert wurde, obwohl er das weiterhin tat. Wie sollte er auch sonst die Kommissarinnen Herz und später Lenski sinnvoll unterstützen? Zumal er doch Land und Leute so gut kannte und der jeweiligen Vorgesetzten rasch ein soziales Raumbild verschaffen konnte, wenn mal wieder der Urheber eines Tötungsdelikts herauszufinden war.

„Leider kann die Story dieses „Polizeiruf 110“ mit der unkonventionellen Produktions-Geschichte nicht mithalten. […] Gerade weil Jutta Hoffmann als ätherisch schwebende Ermittlerin Wanda Rosenbaum so überzeugend ist, wird sie mit diesem Fall (und Film) nicht warm. Drei, vier Handlungsstränge – und jeder ist auf Großes getrimmt, auf Schicksal und politischen Kampf, auf (Selbst-)Mord und Tod(schlag). Auch der semi-dokumentarische Charakter weiß ob des bemühten Plots nur wenig zu fesseln. Angst ist – trotz einiger nachhaltiger Inszenierungsideen – die einzige nicht (ganz) gelungene von den vier Hoffmann-‚Polizeiruf‘-Episoden. Kurz darauf gab die Schauspielerin bekannt, dass sie aus der Reihe aussteigen werde“, schreibt Tittelbach-TV, zitiert nach der Wikipedia.

Da dürfen wir uns also freuen, denn auch uns konnte dieses leicht überbordende Szenario und wie man das Ermittlerteam da reingestellt hat, nicht ganz überzeugen. Es gibt neben dem oben benannten Problem des Zuges, der wirkt, als sei er mit 60 Km/h oder mehr unterwegs, auch einige Schlampereien, zum Beispiel einen Continuity-Fehler während einer Szene im Einsatzzentrum, als der Countdown bis zum Start bis Null läuft und dann noch einmal bei 6 Sekunden bis Abfahrt einsetzt. Man merkt also, es war nicht so einfach, das Szenario in den Griff zu bekommen, denn einige Aufnahmen stammen in der Tat vom oben erwähnten Castor-Transport im Jahr 2001.

Finale

Aufgrund der vielen Figuren und Handlungselemente ergibt es sich zwangsläufig, dass nirgends die rechte Tiefe reinkommt. Das Mutter-Tochter-Verhältnis in der Familie Rosenbaum ist ebenso schematisch und klischeehaft wie die Vater-Sohn-Story Clausen und das Schicksal der Sportlerin, die im Kühlwassersee schwimmt, kommt auch zu kurz. Aber: War es denn erlaubt, dort zu schwimmen und Boot darin zu fahren? Wanda Rosenbaum wirkt, als sie es erfährt, wie jemand, der entsetzt darüber ist, dass man sowas tut, nicht, als ob sie erst ermitteln müsste, ob das Wasser dort radioaktiv verseucht ist. Das Recherchieren darüber würde jetzt leider zu viel Aufwand erfordern, aber auch die Erpressung wirkt ein wenig rudimentär und man weiß ja – sie kommen immer wieder. Erpresser kann man nicht abschütteln und der Chef eines AKW in Abwicklung kann auch nicht einfach aus dem Betrieb ca 1,6 Millionen Mark oder Euro abzweigen, als habe er einen Tresor dafür im Werk stehen. Es gibt also eine Menge Ungereimtheiten, die schmerzlich die Präzision vermissen lassen, mit denen z. B. alte Tatorte, die auch ein großes Szenario aufmachten, umgesetzt wurden. Die Maßstäbe sind andere, wenn man sich z. B. die ersten NDR-Krimis für die Reihe mit ihrem großen Aufwand anschaut. Nicht, dass dort alles logisch wäre, aber die Souveränität der Umsetzung ist noch heute beeindruckend. Vor allem, wenn wir von „semi-dokumentarisch“ reden, wie etwa bei „AE 612 ohne Landeerlaubnis“, den wir kürzlich rezensiert haben.

Aber gemäß der oben erwähnte Kritik dürfen wir uns noch auf Rosenbaum-Krause-Filme freuen, die harmonischer wirken. Bis dahin und unter Berücksichtigung des seltenen Themas:

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manuel Siebenmann
Drehbuch Stefan Kolditz
Produktion Thomas Wilkening
Musik Andreas Hoge
Kamera Thomas Plenert
Schnitt Karin Novarro
Besetzung

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