Pauline am Strand (Pauline à la plage, FR 1983) #Filmfest 263

Filmfest 263 A

2020-08-14 Filmfest A„Wer zu viel redet, verliert sich selbst“

Chrétien de Troyes: „Qui trop parole il se mesfait.“ Dieses Motto hat Éric Rohmer diesem Film vorangestellt. Da „Pauline am Strand“, wie alle Rohmer-Filme, sehr dialogreich ist, könnte man meinen, er habe damit eine Meta-Feststellung für sein gesamtes Werk getroffen und bei einigen seiner Filme kann man darüber durchaus diskutieren.

Zum Beispiel auf „Sommer“ aus der Jahreszeiten-Quattrologie, der 13 Jahre später entstand, den ich besonders mag und der die Pauline-Darstellerin aus „Pauline am Strand“, Amanda Landet, nun als Studentin zeigt, die an einem – sic! – Strand einen Sommerjob als Aushilfe in einem Restaurant macht. Es gibt aber mindestens eine weitere Besonderheit an „Pauline am Strand“ – und natürlich viel Rohmer-typisches. Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung (und Infos: Wikipedia)

Die 15-jährige Pauline fährt mit ihrer etwa zehn Jahre älteren, frisch geschiedenen Cousine Marion in die Normandie, um im Ferienhaus der Familie den Rest der Sommerferien zu verbringen. Am Strand treffen sie Pierre, einen ehemaligen Liebhaber Marions, und lernen dessen Bekannten Henri kennen, der etwa Mitte 30 ist. Henri lädt sie zum Abendessen zu sich nach Hause ein, und Marion, auf der Suche nach einer neuen Liebe, verbringt die Nacht mit ihm.

Während Pierre Marion Unterricht im Windsurfen gibt, begegnet Pauline am Strand dem 17-jährigen Sylvain. Marion kann Pierre, der ihr schon am Vorabend seine Liebe erklärt hat, abwimmeln und trifft sich wieder mit Henri. Sie versucht, Pierre mit Pauline zu verkuppeln, erntet jedoch keinen Erfolg: Pauline findet Pierre zu alt, während er so sehr auf Marion fixiert ist, dass er sich für kein anderes Mädchen interessiert. Am nächsten Tag lädt Henri Pauline und Sylvain, die sich angefreundet haben, zu sich nach Hause ein. Marion beobachtet die beiden Jugendlichen, wie sie zusammen auf dem Bett liegen und sich küssen. Sie erzählt Henri davon, da sie sich für Pauline verantwortlich fühlt.

Marion und Pauline machen einen Ausflug zum Mont Saint-Michel, Henri und Sylvain treffen am Strand Louisette, eine Bonbonverkäuferin, und gehen wieder zu Henri. Sylvain bleibt vor dem Fernseher sitzen, während Henri mit Louisette schläft, wobei Louisette von Pierre gesehen wird, der mehr oder weniger zufällig am Haus vorbeikommt. Als Marion zurückkehrt, warnt Sylvain Henri, der ihn aber zusammen mit Louisette ins Badezimmer sperrt und so bei Marion den Eindruck erweckt, die beiden hätten sich miteinander vergnügt. Auf ihre Frage: „Verleihst du jetzt schon dein Bett?“ antwortet Henri scheinheilig, er habe nicht bemerkt, wie die beiden nach oben gegangen seien.

Pierre besucht Marion und erzählt ihr, dass er Louisette im Schlafzimmer von Henri gesehen habe. Marion kann ihn aber davon überzeugen, dass Louisette mit Sylvain geschlafen habe, was Pierre dann auch noch Pauline hinterbringt, die aus allen Wolken fällt und Sylvain nicht mehr sehen will. Später sagt Louisette Pierre die Wahrheit. Sylvain stellt Henri zur Rede und wirft ihm wutentbrannt vor, seine Romanze mit Pauline zerstört zu haben. Am nächsten Tag muss Marion nach Paris, Pierre und Henri klären Pauline über das Missverständnis auf und entschuldigen sich bei ihr und Sylvain. Paulines romantische Gefühle für Sylvain scheinen jedoch trotzdem abgekühlt zu sein.

Pauline, die im Haus von Henri übernachtet hat, wacht auf, als er sie auf das Bein küsst. Mit einem kräftigen Fußtritt weist sie den Annäherungsversuch unmissverständlich zurück, beide nehmen die Sache allerdings mit Humor. Beim Frühstück erklärt ihr Henri, dass er nach Quiberon verreisen und Marion zurücklassen werde. Enttäuscht von ihren Männerbekanntschaften beschließen Pauline und Marion, vorzeitig nach Paris zurückzukehren.

Infos

Rezension

Das Typische liegt nicht nur in der Dialogführung, sondern auch in den vielen scheinbar zufälligen Begegnungen, die es in Rohmers Filmen gibt. Eine Person tritt auf, besucht einen Ort oder ist nur zu Hause, trifft Menschen, die er schon kennt, manchmal auch neue Menschen. Absolut unspektakulär. Die Dinge kommen aber ins Rollen, wobei der Tat nicht selten ein amüsanter Austausch über die Liebe und die Gefühle im Allgemeinen vorangeht.

Rohmer ist in diesen Dingen sehr konsequent und absolut: Aktuelles vom Tage besprechen seine Figuren so gut wie gar nicht, selbst die Hintergründe der Charaktere spielen meist keine entscheidende Rolle. In „Pauline am Strand“ wird nur auffällig viel über die Optik und das Alter der Figuren reflektiert, wie zum Beweis dafür, dass die tiefgängig gemeinten, aber sehr pseudophilosophischen Einlassungen dieser Menschen-Typen nur Fassade sind – wofür? In „Pauline am Strand“ werden nicht einmal Philosophen oder Literaten ins Spiel gebracht – auch die sparsame Verwendung von Vorbildern ist ein Markenzeichen für die Sprache in Rohmers Filmen. Auf der einen Seite wirkt das frisch und auch spannender, als wenn zu viel zitiert oder rezitiert wird, auf der anderen Seite suggerieren die Figuren eine intellektuelle Eigenständigkeit, die sie nicht haben. Alles war schon einmal da und wurde tausendmal gesagt, das darf man als Zuschauer*in gerne entdecken, mitnehmen, berücksichtigen bei dem, was man selbst im Leben noch an tiefschürfendem Flachsinn zum Besten zu geben gedenkt. Rohmers Filme sind wunderbare Quellen, um genau das zu tun, unter Cinéasten freilich in etwas abgewandelter Diktion, sofern man dazu in der Lage ist, es sinnerhaltend zu modifizieren.

Doch eine so große Rolle spielt es gar nicht, ob der Sinn erhalten bleibt, denn der Sinn des Lebens ist der soziale Austausch, der verbal oft stark von dem abweicht, was geschieht. Am authentischsten wirkt natürlich die junge Pauline, die gerade erst lernt, die Spiegelfechterei mit Worten zu betreiben, während ihre ältere Cousine eine Meisterin genau darin ist. Dazwischen liegen, abgestuft, alle anderen Figuren, Sylvain im Grunde sogar noch etwas unterhalb von Pauline, seine Ausrucksfähigkeit betreffend, denn er ist ein Mann bzw. wird gerade einer und wirkt noch sehr pur. Sein Gegenpart ist nicht nur bei dem oben erwähnten Schlagabtausch der hübsch-hässlische Henri, er ist sozusagen mit allen Wassern gewaschen, kennt seine Wirkung, manipuliert gerne – aber nur, wenn sich die Gelegenheit ergibt, es wirkt allenfalls taktisch, nicht strategisch und alles bei ihm entsteht aus der Situation, dem Spieltrieb, der Eitelkeit.

Pierre hingegen wirkt für sein Alter noch sehr jugendlich, kann sich kaum verstellen und ist für eine Rohmer-Figur vergleichweise einfach gestrickt. Ein hübscher, aber nicht besonders erleuchteter Junge, der hoffnungslos in Marion verknallt ist, und das seit vielen Jahren. Sicher ist auch bei diesem Film alles eine Frage der persönliche Wahrnehmung und ich bin kein Fan von Menschen, die andere Menschen trotz nicht vorhandener Aussichten auf Erfüllung oder auf beidseitige Gefühle nicht loslassen können und deshalb nicht frei sind für Neues.

Das sagt sich wiederum leicht, wenn man beispielsweise Schwierigkeiten hat, tiefe langfristige Bindungen einzugehen und außerdem generell nicht dazu neigt, andere und sich selbst zu idealisieren. Das tun auch die meisten Figuren in „Pauline am Strand“ nicht tatsächlich. Marion gibt zwar vor, auf der Suche nach dem Einen für alles zu sein, ist aber jederzeit zu einem kleinen Abenteuer bereit. So widersprüchlich ist das gar nicht, denn auf dem Weg zum Ziel kann man durchaus nette Erlebnisse mitnehmen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass Marion diesen Henri, der gerne Hemdenfarben so trägt, wie seine Stimmung ist, angriffslustiges Rot oder entspanntes Himmelblau, vergöttert oder in ihm die große Liebe sieht, die sie sucht – auch wenn Eifersucht durchaus seine Rolle spielt. Henri seinerseits sieht Marion ohnehin nur als Abenteuer an, als sexuellen Abschied vom schönen Frankreich,  bevor er wieder zu seinen soziologischen Studien in ferne Gefilde aufbricht. Enttäuscht ist Marion dennoch und vielleicht ist da doch ein naiver Glaube daran in ihr, dass sie in dem Moment, in dem sie über ihren Traum von der großen Liebe erzählt, der in ihrer ersten Ehe von Beginn an nicht realistisch war, diesen Traum einfangen und dessen Erfüllung in den erfahrenen und hintergründigen Henri sozusagen hineinpflanzen kann.

Dass Pierre ihr nicht taugt, ist hingegen recht offensichtlich. Marion habe ich zuerst besprochen, weil sie gegenüber Pauline die eindrucksvollere Figur ist – der Film ist auch nicht aus Paulines Sicht gefilmt, obwohl sie fast immer im Bild ist, sondern hält den Rohmer-Blick weitgehend aufrecht: Zugewandte Distanz. Natürlich mit Sympathie für die sehr jungen Menschen, die sich selbst noch nicht so viel vormachen und sogar eher bereit sind, die Dinge relativ zu sehen: Zumindest trifft dies auf Pauline zu und es ist witzig, zu sehen, wie sie doch schon weiter ist als der etwa zwei Jahre älter Sylvain, der überhaupt kein gedankliches „Getriebe“ hat, keine Übersetzung zwischen Handeln und Fühlen. Eine solche Figur gibt es aber in vielen Rohmer-Filmen, sie grenzt das Unmittelbare gegen die komplexen oder auch verknoteten Gedanken der anderen ab, die sich letztlich als recht durchschaubar entpuppen. Auch in der Hinsicht ist der vorhin erwähnte „Sommer“ einer der besten Rohmers, in seiner Schlichtheit, die vor allem aus der Jugendlichkeit aller wichtigen Figuren resultiert.

Was jedoch ist an „Pauline am Strand“ auffällig oder anders? Ich finde, die kleine Intrige, die hier gesponnen wird und die auf einer „phyischen“ Täuschung basiert, ist nicht so gelungen wie einige Vexierspiele, die ich bei Rohmer schon beobachten konnte. Man kann auch sagen, die „zufällige“ Beobachtung von Sylvain, der nur eine nackte Person in Henris Haus sieht, als er daran vorbeigeht, was zu Interpretationsmöglichkeiten führt und dann Henris Vorgehen, weil er von Marion überrascht wird, sind schon den Umständen entsprechend ruchlos, aber auch ein wenig plump ausgeführt, denn normalerweise können die Szenarien bei Rohmer immer auf Dialogen aufgebaut werden. Das ist hier nicht vollsätndig der Fall. Es muss, damit sich die Schräglage entwickeln kann, eine Aktion hinzutreten, zu deren Gelingen im Sinne dessen, der sie inszeniert, nämlich Henri, unbedingt gehört, dass sich diejenigen, die er manipuliert, darauf einlassen oder dass er sie quasi überrumpeln kann und sie dann nicht protestieren. Die Finesse der rein auf verbaler Kommunikation basierenden Entwicklung der Dinge fehlt in dem Moment.

Dadurch entsteht allerdings auch eine gewisse Dynamik, eine beinahe realistisch wirkende und recht gut ausgedachte weitere Abfolge von Begegnungen und Ereignissen, die damit endet, dass die beiden Frauen sich zurückziehen und nach Paris fahren, wo nicht gleich eine solche Verbindlichkeit entsteht, denn die Großstadt erlaubt das beinahe anonyme Erfahren der Wirklichkeit, während an diesem Strand in der Normandie immer nur wenige, immer dieselben Menschen unterwegs zu sein scheinen. Unmöglich, einen solchen Film in einer Metropole zu drehen; das weiß Rohmer auch, deswegen wählt er meist überschaubare und dem Figurenarrangement gut zugänglich Plätze. Ferienhäuser, Landhäuser, Strände und Seen spielen bei diesen Arrangements oftmals eine wichtige Rolle.

Finale

Mein Lieblings-Rohmer wird „Pauline am Strand“ vielleicht nicht werden, obwohl Männer wie Frauen hier wieder schön entzaubert werden. Männer sind entweder Kollektionisten oder etwas plan, wobei auch die Kollektionisten etwas plan sind, wenn man genau hinschaut, Frauen sind stets delikat, es sei denn, sie verkaufen Bonbons und stellen erdige Arbeiterinnen dar, wie sie in Rohmers Filmen aus guten Gründen keine große Rolle spielen – und wenn, dann nur als Kontrastfiguren, um die anderen mehr hervortreten zu lassen, die oft nicht wenig eingebildet auf ihre verbalen Fähigkeiten sind und glauben, sie machen mächtig Eindruck auf andere. Sie spielen gerne über Bande, wenn es darum geht, Gefühle bei anderen zu wecken oder zu beeinflussen. Dabei sind sie sich ihrer eigenen Gefühle mal mehr, mal weniger gewiss. Jeden Tag einen Rohmer anschauen, wäre mir wohl etwas zu viel. Ich finde, seine Studien sind vor allem dann spannend und erhellend, wenn man es nicht übertreibt. Die Abstände darf man allerdings gleichermaßen nicht zu groß werden lassen, weil es geschehen kann, dass man Ähnlichkeiten und Unterschiede nicht mehr so gut benennen kann. Ich glaube mein letzter Rohmer war „Meine Nacht mit Maude“ aus den späten 1960ern. Es ist mindestens ein Jahr her, dass ich den Film angeschaut habe.

Selbstverständlich sind diese Werke auch etwas für Frankreich-Fans, für diejenigen, die Konversation lieben und die Landschaften und die Menschen. Mir war zunächst nicht klar, in welcher Ecke des Landes der Film spielt, ich hätte das Setting weiter südlich angesetzt. Rohmer hat seinen Charakteren  nichts „regionaltypisches“ mitgegeben. Zum Konzept, die Typen frei im Raum agieren und damit universell agieren zu lassen, zählt, durchaus mit Stereotypen, aber nicht mit der Variante zu arbeiten, die eine deutliche Anbindung an einem bestimmten Ort aufweisen. Deswegen trifft man sich auch gerne in den Ferien, denn die Zeit ist begrenzt, man ist weitab vom Alltag, der in einem anderen Landesteil stattfinden kann. Dass man Beziehungen, die entstehen, „mitnimmt“, kommt zudem selten vor, so ist es auch in „Pauline am Strand“.

77/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Éric Rohmer
Drehbuch Éric Rohmer
Produktion Margaret Ménégoz
Musik Jean-Louis Valéro
Kamera Néstor Almendros
Schnitt Cécile Decugis
Besetzung

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