Tödliche Tagung – Tatort 497 #Crimetime 841 #Tatort #Wien #Eisner #ORF #Tagung #tödlich

Crimetime 841 - Titelfoto ORF, Toni Muhr

Es ist alles so tödlich!

28 österreichische Tatorte mit Moritz Eisner, gespielt von Harald Krassnitzer, gibt es bisher (Stand 2012 zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung der Rezension). In sieben davon kommt der Tod direkt vor – viermal als „Tödliche(s) …“ mit einem Substantiv wie Souvenirs, Habgier, Vertrauen – oder eben tödliche Tagung. Es wirkt, als ob die Österreicher sich und anderen schon im Titel versichern müssten, dass es auch wirklich ums gewaltsame Erlöschen von Leben geht. Tödliche Habgier ist am dezidiertesten, weil ein subjektives Tatbestandsmerkmal des (deutschen) § 211 StGB(Mord).

„Tödliche Tagung“ ist die siebte Folge mit Kommissar Eisner als Ermittler, eine aus der Zeit, wo viel Tödliches in den Titeln war. Seit er nicht mehr raucht und die Österreich-Tatorte schneller und aktionsreicher geworden sind, ist diese Erwähnung des Todes in den Titeln verflogen – obwohl der Bodycount zuletzt zweistellige Rekordhöhen erreichte. Im Jahr 2002 und in der Steiermark reichten noch zwei Morde und ein Selbstmord, um knapp 90 Minuten zu füllen.

Die Handlung ist von der eher getragenen Art, dafür gibt es eine Menge Szenen mit feinem Humor. Da dieser aber in Deutschland nicht überall verstanden wird, kommt es bei diesem wie bei einigen anderen älteren Eisner-Filmen zu oft wenig schmeichelhaften Bewertungen seitens der Gesamtcommunity, die zwar reflektieren, dass die Handlungen etwas einfach und sehr klassisch aufgebaut sind, das Tempo nicht das höchste – aber es wird leicht übersehen, dass so viel geschliffener Witz noch heute in keinem deutschen Tatort anzutreffen ist (die Münsteraner, die 2002 dazukamen, kann man u. E. nicht in dieselbe Kategorie Humor einordnen, dazu sind sie zu schrill). Mittlerweile hat man sich aber entschlossen, sich unserer Art anzupassen und die neuen Eisners mit Bibi Fellner (Adele Neuhauser) als Partnerin toppen an Action alles, was es bisher auf dem langen Tatort-Trail gab. Manchmal wirkt es fast so, als ob man mit diesen Fällen sagen wollte: Bittschön, ihr habt’s so gewollt, bissl derber, wie’s eben selber seid, und fragt’s net nach der Logik, wenn’s vor allem den Effekt haben wollt. Da wird das eine oder andere ironische Augenzwinkern dabei sein, wenn hemmungslos über die Stränge geschlagen wird.

In 2002 war man davon noch ein gutes Stück entfernt. Wir „Tödliche Tagung“ bei uns als Krimi und als Landesprodukt angekommen ist, beschreiben wir in der Rezension. ->

Handlung

Renata Lang zu Gast auf einem hochkarätig besetzten Ärztekongress rund um das Thema der männlichen Fortpflanzungsfähigkeit. Ingrid Knapp, eine Studienkollegin Renatas, hat sie eingeladen, sie zu besuchen und seelisch zu unterstützen. Die Wissenschaftlerin macht vage Ankündigungen, bald würde sich in ihrem Leben viel ändern. Kurz darauf ist die Wissenschaftlerin tot – alles deutet auf einen Kreislaufzusammenbruch in der Dampfkammer hin. Renata ist skeptisch, sie bittet Moritz Eisner um Hilfe, die Leiche wenigstens rechtsmedizinisch untersuchen zu lassen Die Obduktion bleibt aber ebenfalls ohne Ergebnis, es sei denn, man ginge der per definitionem unbeweisbaren These eines sich rasch abbauenden Nervengifts nach, das etwa bei Herzoperationen zum Einsatz gebracht wird. Da man sich die Blamage einer offiziellen Anzeige und Ermittlung ersparen möchte, tritt ein neuer Plan in Kraft: Moritz checkt als Lokalreporter einer Regionalzeitung in das Hotel ein, um nach außen hin vom Kongress zu berichten.

Unter der Hand suchen er und Renata nach Indizien, die ihren vagen Mordverdacht erhärten könnten.Bei ihren verdeckten Ermittlungen stechen Moritz und Renata in ein wahres Wespennest von Intrigen und Gehässigkeiten. Das Forschungsinstitut, bei dem das Mordopfer gearbeitet hat, entwickelt ein Medikament, das die Beweglichkeit von Spermienzellen beschleunigen soll. Parallel dazu arbeitet auch ein Universitätsinstitut an der gleichen Entwicklung. Wer zuerst Erfolge vorweisen kann, bekommt den Zuschlag eines mächtigen Pharmakonzern. Bei dem Auftrag geht es um Millionen, weltweit sogar um Milliarden. Womit wollte Ingrid Knapp an die Öffentlichkeit gehen? Hat die Konkurrenz ihrem Mitbewerber die fähigste Mitarbeitin kalt abserviert?

Rezension

Die Welt der Wissenschaft ist eine elitäre und eine, in der hoher Konkurrenzdruck herrscht. Das kennen wir u. a. aus einigen Berlin-Krimis. Letztlich ist sie dann aber auch banal wie jedes andere Milieu. Mord hätte so schön mit wirtschaftlichen Motiven unterlegt sein können, am Ende ist es simple Eifersucht. In § 211 StGB (Mord) wird Eifersucht unter das subjektive Tatbestandsmerkmal der niedrigen Beweggründe subsumiert, wenn diese Eifersucht selbst von niedrigen Motiven gesteuert wird. Was ein niedriges Motiv im Sinn der Verwerflichkeit ist, schauen Sie bitte in einschlägiger Literatur oder im Internet nach, wenn Sie’s im Detail interessiert. Wir meinen, ein niedriger Beweggrund in der Eifersucht liegt bei den Morden im Kreis von Fortpflanzungsmedizinern nicht vor, aber es gibt ja glücklicherweise noch die Heimtücke, welche die Ahnungslosigkeit des Opfers ausnutzt, um sie des Lebens zu berauben. Das kommt doch ganz gut hin, bei den Giftverabreichungen in „Tödliche Tagung“.

Man hat während dieses traditionellen Whodunnit Zeit, über die Figuren nachzudenken und auch Vergnügen daran. Die Situation ist auffallend ähnlich gestrickt wie u. a. in den Krimis von Agatha Christie. Dort ist es mal ein Reithotel („Murder At the Gallop“) oder ein Flussschiff („Death on the Nile“), wo eine begrenzte Zahl von Personen zugange ist und sich Todesfälle ereignen, die stets Personen dieses Kreises treffen und auch innerhalb der Gruppe organisiert worden sein müssen. Ob ein solcher Fall sich gut anschauen lässt, liegt bei immer gleicher Anlage der Plots in erster Linie daran, ob die Figuren ziehen.

Auf den immer so hintergründig schauenden Moritz Eisner trifft das auch in seinen jüngeren Ermittlerjahren zu, das lässt sich eindeutig feststellen. Er kann nicht so überdrüber auftreten wie ein Hercule Poirot und nich so schrullig-verbissen sein wie eine Miss Marple, aber dafür geht er undercover zu Werke, und das kennen wir ja auch von der britischen Lady so gut, die von Agatha Christie erfunden und durch Margaret Rutherford ihre unsterbliche Leinwanddefinition erhielt. Doch selbst diese Dame hat einen Draht zur Außenwelt in Person des hilfreichen Dr. Stringer. Den hat auch Eisner, und zwar durch den Kollegen Schremser aus Graz in der Steiermark, in dessen Zuständigkeitsbereich sich die tödliche Tagung abspult.

Die übrigen Figuren erreichen nicht Christie’sches Niveau, aber hier darf man auch keinen 1:1-Vergleich anstellen, was die Schrulligkeit und Einprägsamkeit angeht, sondern bedenken, dass es sich um Fachmediziner handelt, nicht um Schlossbesitzer, Künstler und andere Figuren, die es zwar gibt, die aber konsequenterweise nichts auf einer Ärztetagung zu suchen haben. Man muss also mit dem Menschenmaterial Vorlieb nehmen, das der Berufsstand hergibt. Mehr noch, man muss diese Leut so rüberbringen, dass sie individuell und plastisch werden, ohne unglaubwürdig zu sein. Das ist in „Tödliche Tagung“ ganz gut gelungen, auch wenn die Feindschaften und Eitelkeiten zwischen den oftmals nett anzusehenden Frauen und den ziemlich weicheimäßig verschlagen wirkenden Herren hier so offen ausgetragen werden, wie’s in der Realität wohl kaum anginge. Die Ironie in der Pointierung liefert dem Zuschauer auch das Futter. Motive werden hinter einem übertriebenen Benehmen sichtbar, das erkennbar als Fassade und deren Zerfall angelegt ist. Bezeichnenderweise ist es dann eine Frau, die ganze Sache macht, nicht die Männergilde. Weil nämlich nur Frauen so krass fühlen können, wie sie sagt. Männer sind viel zu lasch und dieser ausgefallen exzentrischen Liebe gar nicht wert, das spürt man.

Schön, wie Eisner sich in die Szene integriert, obwohl er kein Mediziner ist, sondern einen Journalist vorgibt, was ihm besonders gewitzte Teilnehmer am Seminar sowieso nicht glauben. Die Momente, als er mit der Frau tanzt, die gerade vor ihrer zweiten Tat steht, wie überhaupt alle miteinander so verbandelt und doch ständig auf Abwegen erscheinen, das ist schön elegant gemacht und zeigt auch, wie hohl und banal das Zwischenmenschliche sein kann. Dazu muss es nicht erst ein Medikament ins Spiel kommen, das die Ehe der Knapps zerstört und am Ende einer Kausalkette auch das Leben von Frau Knapp und ihres langjährigen Geliebten, mit dem sie nun wieder neu anfangen will, was dessen Kollegin ja so sehr auf die Palme bringt. Dass sie auch das Objekt ihrer Begierde ermordet, naja. Irgendwann muss halt Schluss sein mit dem Rumgehure von diesem etwas alkoholseligen, feschen Arzt namens Burkard (Philipp Moog).

Wären die Motive für die Bluttaten wirklich im wissenschaftlichen Konkurrenzkampf zu suchen gewesen, hätte uns wieder das Gefühl beschlichen, das wir bei ähnlichen Konstellationen in deutschen Tatorten auch haben, wenn sich die Auflösung tatsächlich darauf zubewegt. Es ist schwierig, alles glaubwürdig ausschauen zu lassen. Zum einen gibt es unter Konkurrenten andere Mittel, einander zu schaden, die wirksamer sind, als eine einzige Person aus einem gegnerischenTeam umzubringen, zum anderen ist durch einen solchen Tod nicht viel gewonnen, sofern es nicht gerade um den Kopf der Gruppe geht, der alles Herrschaftswissen in sich vereint – und selbst der hat normalerweis ein professionelles Backup für den Fall, dass er ausfällt. Nur eine das ganze Institut leerende Mordserie würde da ernsthaften Schaden anrichten, denn der Einzelne ist ersetzbar, wie eine der Figuren in „Tödliche Tagung“ richtig anmerkt.

Fazit

Leider gibt es das Medikament immer noch nicht, das im Film erwähnt wird, die sinkende Fruchtbarkeitsrate bei Männern ist weiterhin ein Problem. Witzigerweise wird in „Tödliche Tagung“ einmal die Aussage gemacht, die uns bei dem Thema auch desöfteren durch den Kopf schießt – eigentlich ist das gut so. Die Welt wäre ohne zu viele Menschen erheblich besser dran und dort, wo noch viele Kinder auf die Welt kommen, herrscht auch viel Armut und Gewalt, möchte man ergänzen. Die Deutschen und beinahe im selben Maß die Österreicher schaffen sich aber eher ab und das Kinderkriegen kann sich zur Obsession auswachsen, wie bei Herrn Knapp und seiner Frau, woraufhin dieser das unausgereifte Mittel aus der Forschungsarbeit seines Freundes Dr. Schmölzer heimlich an seiner Frau anwendet – woraufhin diese zwar schwanger wird, aber das Kind verliert.

In einem Punkt müssen wir übrigens korrigierend eingreifen, zumindest auf Deutschland bezogen, und hier wäre ja der größere Markt für so ein Arzneimittel. Da kann man nicht einfach etwas lancieren, das schwere Risiken in der Wahrscheinlichkeit birgt, wie sie dem betreffenden Medikament auf dem Stand 2001 unterstellt werden. Und schon gar nicht in den noch wichtigeren USA, wo die FDA ein strenges Regiment über neue Medikamente führt. Es wird zwar gesagt, dass Testreihen gefälscht wurden. Das mag während des Entwicklungsprozesses vielleicht noch gehen, sagen wir mal, um einen Vorsprung in der Forschung zu suggerieren und der Konkurrenz was einzuschenken oder, noch wahrscheinlicher, um an Fördermittel vom Staat oder aus der Wirtschaft zu kommen – aber eine Zulassung so zu erwirken, das wirkt etwas unauthentisch. Schließlich sind wir hier in der Wissenschaft, und nicht in der Politik, wo so viel vorgeblicher Dilettantismus am Werk war, dass angeblich gar nicht aufgefallen ist, dass für den Euro Länder zugelassen wurden, die aber ganz weit von den Kriterien für allgemeine Währungssicherheit entfernt sind und deren Ausfallrisiko nicht bei 7 %, sondern langfristig bei 100 % liegt.

„Tödliche Tagung“ ist kein großer oder wichtiger Tatort, kein Meilenstein und keine Show, aber das einzge, was stellenweise wirklich genervt hat, war die Musik. In der haben wir keine Symbolik oder ironische Brechung von irgendwas erkennen können, die war nur fad. Identifikation und echte Dramatik sind auch nicht vorhanden, waren aber ersichtlich auch nicht gewollt – 7,0/10 für den siebenten Eisner mit Tango und Dampfbad.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Chefinspektor Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Wolfgang Schremser – August Schmölzer
Dr. Renata Lang – Gundula Rapsch
Gerulf Fuchs – Gregor Seberg
Dr. Erwin Schmölzer – Dietrich Siegl
Dr. Lisa Schmölzer – Ruth Rieser
Magister Fritz Knapp – Martin Brambach
Dr. Ingrid Knapp – Susanne Michel
u. a.

Kamera – Wolfgang Lehner
Buch – Lukas Alexander
Regie – Robert A. Pejo

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