Flüssige Waffe – Polizeiruf 110 Episode 124 #Crimetime 843 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Reger #Waffe #flüssig

Crimetime 843 - Titelbild © Fernsehen der DDR / ARD

Doppelt geframed hält besser

Lag es am Thema oder daran, dass Hauptmann Reger beim Publikum nicht so ankam wie andere Ermittler? Oder kam im anderen Fernsehprogramm an dem Abend etwas Außergewöhnliches? Jedenfalls erreichte dieser Polizeiruf bei Erstausstrahlung nur eine Einschaltquote von 37,2 Prozent. Das ist der niedrigste Wert, den wir bisher gesehen haben. Es ist aber auch ein Kreuz, mit dem Alkoholismus. Unglaublich, wie offensiv man in den späten DDR-Jahren mit dem Thema umging. Nur ein Beispiel: Ulrich Mühe spielt hier einen Alkoholiker, Jenny Gröllmann als die Treue, die an ihn glaubt, hatte im Vorjahr in „Unheil aus der Flasche“ einen ebenso dramatischen Auftritt als Frau, die dem Suff verfallen ist. Der einzige Tatort, in dem Alkoholismus ein Zentralthema darstellt, auf dem auch die Entwicklung der Handlung basiert, ist „MIt ruhiger Hand“ aus Köln – und der entstand viele Jahre nach der Wende. Mehr dazu und zu „Flüssige Waffe“ im Ganzen ist in der -> Rezension nachzulesen.

Handlung

Herr Kegel wird aus dem Gefängnis entlassen und von seiner Freundin Marlies Bühler und deren Kind aus erster Ehe, Tina, in Empfang genommen. Bei Marlies wartet jedoch bereits ihr geschiedener Mann, der seiner Ex-Frau offenbart, dass er sie zurückhaben will. Kegel als Vorbestrafter sei doch keine Alternative. Marlies lässt ihn stehen. Kegel wiederum will ihr gestehen, dass er gerade eine Entziehungskur macht, also trockener Alkoholiker ist, aber auch das weiß Marlies bereits von ihrer ehemaligen Schwägerin Dorothee Bühler, die Kegel ebenfalls strikt ablehnt.

Kegel begibt sich für mehrere Wochen in die Entzugsklinik und freut sich auf sein neues Leben nach Gefängnis und Entzug. Er wurde damals inhaftiert, weil der gelernte Schlosser alkoholkrank für Diebe Schlüssel nachfeilte. Auch in der Entzugsklinik ist er als Schlosser aktiv. Für den ihm unbekannten Wiesmeier, der angibt, in der angeschlossenen Psychiatrie Patient zu sein, feilt er einen Schlüsselbund für die Schwiegermutter nach. Als er von Wiesmeier für die Arbeit 800 Mark erhält und Wiesmeier andeutet, dass die Schlüssel vielleicht doch nicht für die Schwiegermutter gedacht waren, wendet sich Kegel an die Polizei. Wiesmeier taucht nun immer öfter bei Kegel auf und lauert ihm auch am Tor seines neuen Betriebs auf. Kegel gelingt es, den Mann heimlich fotografieren zu lassen. Die Auswertung der Bilder durch Hauptmann Reger und Unterleutnant Becker ergibt, dass es sich bei Wiesmeier um einen gesuchten Vergewaltiger handelt, der den Ermittlern vor einiger Zeit unter dem Namen Pückler entwischt ist.

Kegel geht mit seiner Freundin auf einen Feuerwehrball. Hier trifft er seine frühere Freundin, die ebenfalls alkoholkranke Xenia, und schickt sie zurück in die Klinik, wo sie wie er zur Behandlung war. Er selbst bestellt sich Kaffee, sieht wenig später aber Wiesmeier, der ihn nach draußen winkt. Dort angekommen, wird Kegel von zwei Männern festgehalten. Wiesmeier flößt ihm unter Gewaltanwendung Schnaps ein und verschleppt Kegel anschließend. Wiesmeier bricht in Marlies Bühlers Wohnung ein und stiehlt wertvolle Einrichtungsgegenstände, die er anschließend in Kegels Wohnung deponiert. Kegel wird, weiterhin unter Alkohol gesetzt, auf ein Seegrundstück verschleppt und dort gefangengehalten.

Ihr Ex-Mann bringt Marlies nach Hause und beide entdecken den Einbruch. Für ihn und seine Schwester ist klar, dass Kegel der Täter war und Marlies nie geliebt hat. Marlies wendet sich an die Polizei, als Kegel verschwunden bleibt, und die Ermittler besichtigen Kegels Wohnung. Sie glauben nicht, dass Kegel der Täter ist und suchen nach dem offiziell als vermisst geltenden Mann. Eine Zeugin hat am Tatabend gesehen, wie Kegel überwältigt und zum Trinken gezwungen wurde. Kegel wird unterdessen von Wiesmeier in einem Bootsschuppen regelmäßig mit Alkohol versorgt, der seine größten Entzugserscheinungen mildert. Für Alkohol lässt sich Kegel demütigen und erniedrigen, so muss er für ein Glas Schnaps vor Wiesmeier niederknien und betteln. Als er im Zustand des Rausches von Wiesmeier erfährt, dass der ihn für eine „größere Sache“ braucht, schlägt er Wiesmeier zusammen. Er nimmt dessen Brieftasche an sich und flieht. Die Ermittler entdecken ihn später schwer betrunken auf einer Bank und bringen ihn in die Klinik. Auf der Fahrt bittet Kegel Hauptmann Reger, ihm Alkohol zu kaufen, und reicht ihm einen Schein. Dieser entpuppt sich als Teil eines Stadtplanes von Berlin samt zugehöriger Grundrisszeichnung. Die Zeichnung zeigt den Innenraum der Trinitatiskirche. Die Ermittler haben nun einen Anhaltspunkt, zu welchen Türen die von Kegel nachgefertigten Schlüssel gehören.

Kegel hatte die Schlüssel für die Ermittler aus dem Gedächtnis nachgefeilt. Tatsächlich passen die Schlüssel zu den Kirchentüren. In der Trinitatiskirche wird gerade eine Ausstellung anlässlich der 300-Jahr-Feier der Diözese vorbereitet. Unter den gezeigten Exponaten befinden sich wertvolle Einzelstücke. In der Nacht können die Ermittler Xenia bei einem Einbruch stellen. Hauptmann Reger lässt sie zum Schein laufen und beschattet sie mit seinen Männern. Xenia führt die Ermittler so zu Wiesmeier, wo später auch die Auftraggeberin der Aktion eintrifft: Dorothee Bühler. Bei der Vernehmung gesteht sie, dass sie Kegel als Täter erscheinen lassen und so aus dem Weg räumen wollte. Kegel wiederum ist nach dem Ende des Delirium tremens beschämt und fürchtet die Außenwelt. Er will sich von Marlies trennen und akzeptiert nur langsam, dass sein Rückfall unter Zwang geschah. Auf Bitten von Hauptmann Reger macht er Marlies wenigstens Hoffnung, dass er gesund werden kann, auch wenn er selbst daran zweifelt.

Rezension

Selbstverständlich gab und gibt es Alkoholismus auch im Westen und außerhalb des Krimigenres hate Harald Juhnke sich mit „Der Trinker“ auf eindrucksvolle Weise selbst porträtiert. Aber es ist doch auffällig, wie unterschiedlich in den Tatorten bis heute und in den Polizeirufen der DDR mit der Alkoholsucht umgegangen wird. In alten Tatorten wird generell viel geraucht und getrunken, aber nie ist einer dieser Filme so angelegt, dass die gesamte Plotkonstruktion um die Flasche kreist. Auch als Nebenthema wird Alkoholismus mit seinen negativen Folgen in den DDR-Filmen stärker beachtet.

Vor allem aber das Zeigen volltrunkener Hauptrollen-Figuren ist in Tatorten bis heute nicht Usus. Angenehm sind solche Filme nicht anzuschauen, auch nicht als Krimis in dem Sinne, dass man sich angesichts des Verbrechens wohlig gruselt oder fasziniert ist. Wenn wir nicht wegen des Rezensierens dranbleiben müssten, würden wir uns solche Filme vermutlich nicht anschauen oder sie nicht bis zum Ende schauen. Woher diese enorme Abneigung kommt, wissen wir nicht, es finden sich weder für Exzesse noch für extreme Formen von Abolitionismus Spuren in unserer Familie, während der Prägungsphase. Vielleicht ist es eine Kombination der prosportlichen Indoktrinierung seitens des Großvaters, der kaum Alkohol trank, in Verbindung mit der Tatsache, wir ihn in den meisten handelsüblichen Darreichungsformen nicht gut vertragen und schon deshalb kein großes Interesse am Saufen haben.

Vermutlich ist aber eine andere Sache noch stärker ausgeprägt. Wir hassen es, wenn Menschen so furchtbar peinlich dargestellt werden. Jemand, der vor Wut außer sich ist, das fällt üblicherweise in den Bereich des Ertragbaren, aber wer so voll ist, dass er nicht mehr richtig stehen und gehen kann, ist uns einfach zu morsch. In diesem Punkt haben auch die Jahre, in denen wir gelernt haben, etwas mehr Kontrolle abzugeben, nicht viel geholfen. Der Eindruck ist und bleibt einer, auf dem wir nicht gerne Krimiplots aufgebaut sehen. Und nimmt es tatsächlich, wenn jemand rückfällig wird, gleich so extreme Formen an, wie m an es hier bei Herrn Kegel sieht?

Klar spielt Ulrich Mühe den Mann überzeugend, das ist ja das Schlimme. Und Helmut Krätzig mit seinem oftmals deftigen Regiestil ist genau derjenige, der da auch richtig draufhält, zumal das Drehbuch ebenfalls von ihm stammt, man also sagen kann, was wir sehen ist ein einheitliches Konzept. Was uns aber etwas gewundert hat – in den letzten beiden Jahren der DDR, eigentlich schon ab 1987, hat man nach unserer Ansicht die Schrauben bei den Filmschaffenden nochmal etwas angezogen und sie dazu verpflichtet, den Polizeirufen nach einer sehr melancholischen Phase nochmal mit einem mehr aktivistischen Touch zu verleihen. Dafür wäre Krätzig prinzipiell ebenfalls der richtige Regisseur – aber dann dieses Säuferdrama mit einem Krimi drumherum gebastelt. Was soll man denn auch für einen Schluss drehen. Die Frau tut alles, damit der Kegel nicht wieder umfällt, das weiß man. Und er hat es schon einmal geschafft und nun sind alle Gefahren in seiner Umgebung beseitigt, alle hinter Schloss und Riegel, die ihn so manipuliert hatten, dass er – nicht selbst zur Flasche griff, nein, man hat ihm den Stoff eingeflößt.

Bei den Männerfiguren ergibt sich ein differenziertes Bild. Kegel ist so bemüht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, das muss man einfach sympathisch und lobenswert finden. Henry Hübchen als Wiesinger, der Sexualstraftäter, der ebenfalls ein gebrochener Typ ist, wirkt auch recht gut ausgeformt als Charakter, und dann ist da noch der Ex-Mann von Marlies, der seine frühere Frau zwar gerne zurück hätte, aber allein nicht weiß, wie man das so richtig anstellen soll. Dazu braucht es dann die Schwester, die wieder mal ein richtig böses Weib ist. Das sehen wir in Polizeirufen ja nicht so selten, dass Frauen dermaßen rüde dargestellt werden, dass man fast auf den Verdacht kommen könnte, die Männer in der DDR wollten es den Frauen zuschieben, dass der Sozialismus einfach nicht so richtig funktionieren wollte – oder was man damals für Sozialismus hielt.

Es gibt aber noch die Gute, Marlies. Huren und Heilige kann man nicht kategorisierend vermelden, aber das Prinzip Gut und Böse schön drastisch, eben krätzigmäßig dargestellt. In der beinahe exakten Mitte die Ex des Trinkers, selbst Alkoholikerin, die auch noch in der gleichen Suchttherapiegruppe landet, in der ihr früherer Freund mittlerweile eine Vertrauensstellung hat, so eine Art Obmann unter den Ex-Säufern ist und sich um andere kümmert, die neuen einführt. Immerhin wird das Thema Suchtbewältigung in dem Film ernst genommen, das ist einer seiner großen Vorzüge und sowas kann nur funktionieren, wenn man die Sucht unverblümt darstellt.

Langweilig ist „Flüssige Waffe“ schon deshalb nicht, weil man nie weiß, was mit Herrn Kegel passiert oder was er anstellt, ab dem Moment, in dem er zum Rückfall genötigt wird. Es ist die Art von Spannung und Anspannung, bei der man nicht mitzittert, sondern nur denkt: Nein, nein, bitte nicht es immer schlimmer werden lassen. Vom Grundgefühl her also eher Hoffnung auf Wende als ein Thrill, aber auch anders als das Mitfühlen mit jemandem, der auf des Messers Schneide balanciert.

Finale

Angesichts des überragend dominierenden Alkoholismus sind wir noch nicht auf die Qualität von „Flüssige Waffe“ als Krimi eingegangen. Die ist, es wird niemanden überraschen, der das Bisherige gelesen hat, nicht so richtig überzeugend. Wenn alles darauf aufbaut, dass jemand wirklich jede Art von Verhalten zeigen kann, gibt es auch keine Erwartungen. Was geschieht, geschieht, man kann als Zuschauer nichts daran ändern. Das ist natürlich bei allen Filmen der Fall, aber meist läuft es ja doch darauf hinaus: Hätte ich auch so gemacht, genau. Oder: Das war jetzt aber Mist.

Bei jemandem, der keinen eigenen Willen mehr zu haben scheint, kann man ihm aber auch nichts zurechnen, was eine Parallele konsolidiert oder eine Distanz vergrößert. Umso überraschender, dass Herr Kegel dann Wiesmeier überwältigen kann und ihn sogar krankenhausreif schlägt. Auch Module wie der Kircheneinbruch durch Xenia sind nicht wirklich durchdacht und der Wille, kryptisch zu sein, lässt die Krimihandlung zeitweise vollends hinter dem Suchtdrama verschwinden.

Wen interessiert angesichts der Not von Herrn Kegel noch groß, wofür jetzt dieser bescheuerte Schlüssel gedacht war und warum Wiesmeier so furchtbar umständlich an den Kegel und die Schlüsselsache herangeht. Lässt man übrigens während einer Thrapie jemanden genau an dem arbeiten, was er vorher zu illegalen Zwecken eingesetzt hat, dazu noch in Verbindung mit seiner Sucht – auch wenn die Person in der Sache Fachmann ist? Um sein Selbstbewusstsein zu stärken, weil er auf bekanntem Terrain neue Selbstwirkung erzielt und sich kompetent fühlt? Dass dies gefährlich ist, wenn auch auf eine Weise, mit der niemand rechnen kann, zeigt sich dann. Weil es diese böse Frau gibt, die sich eine ganz schwarze Nummer ausdenkt: Den Kegel nicht nur durch eine Rückkehr zur Sucht, sondern auch gleichzeitig durch illegale Handlungen für immer von der Schwester zu entfernen. Woher bloß so viel unerklärter Hass? Wir werden es nicht mehr erfahren, er Film ist aus. Der Vorhang fällt. Aber Kegel fällt nicht mehr um. Das wollen wir nun einfach glauben.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Produktion Ingeborg Trenkler
Musik Karl-Ernst Sasse
Kamera Wolfram Beyer
Schnitt Renate Müller
Bärbel Wehran
Besetzung

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