Die Morde des Herrn ABC (The ABC Murders, GB 1965) #Filmfest 265

Filmfest 265 A

2020-08-14 Filmfest AWhat is this Belgian knut doing here?

The Alphabet Murders“ ist unseres Wissens der erste Film mit Agatha Christies Detektivfigur Hercule Poirot, die auch am Beginn ihres schriftstellerischen Schaffens stand. Später wurden „Mord im Orientexpress“ (1974), „Tod auf dem  Nil“ (1978) und „Das Böse unter der Sonne“ (1982) verfilmt.

Zeitlich und atmosphärisch müssten die Morde des Herrn ABC den vier Miss Marple-Filmen mit Margaret Rutherford näher sein als den Poirot-Adaptionen mit Ustinov. Die wundervollen Miss Marples waren unsere erste komplette Anthologie, die wir auf dem Filmfest gezeigt haben (1) – und wir verraten es gleich: Zwischen dieser Quattrologie und den ABC-Morden bestehen große Unterschiede.

Zwar stammen alle fünf Filme vom britischen MGM-Ableger, der in seinen Borehamwood-Studios günstige Ware für den Weltmarkt produzieren sollte, zwar spielt der Erzkomödiant Robert Morley in den ABC-Morden eine wichtige Rolle, ebenso wie im Marple-Film „Der Wachsblumenstrauß“ (1963), doch die Atmosphäre, die Inszenierung, die Figuren sind nicht mit den Marple-Filmen zu vergleichen (2).

Vielleicht war es keine gute Idee, einen amerikanischen Slapstickkomödien-Regisseur wie Frank Tashlin diesen britisch-kontinentaleuropäischen Film drehen zu lassen. Was bei Jerry Lewis und Bob Hope einigermaßen funktioniert hat, läuft in den ABC-Morden aus dem Ruder. Die Dramaturgie ist flach, die Gags sind selten britisch trocken, sondern wirken oft aufgesetzt, sind von wenig überzeugender Qualität (Ausnahmen: einige Dialogszenen zwischen Tony Randall als Poirot und Robert Morley als Geheimdienstagent Hastings) und für einen Krimi von Agatha Christie viel zu dominant.

Aus den Schauspielern hätte man mehr rausholen können, wenn man sie nicht zu sehr diesem Gagfeuerwerk ausgesetzt hätte, besonders Robert Morley wird gezwungen, trotz seiner stark ausgebauten Rolle unter Wert und Würde zu spielen. Sein Humor, der in „Der Wachsblumenstrauß“ noch für herrlich vergnügliche Momente gesorgt hat und sogar im Wallace-Umfeld einmal funktioniert hat, verpufft hier in wenig überzeugenden Aktionszenen, die ihm zudem viel weniger eignen und seine auf uns überaus britisch wirkende Art ins Lächerliche drehen. Tony Randall als Poirot ist zwar keine komplette Fehlbesetzung, aber nun einmal ein Amerikaner, den man u. a. aus seinem Zusammenspiel mit Rock Hudson kennt und muss seine Rolle ebenfalls over the Top gestalten. Wie viel mehr die Poirot-Figur bietet, hat uns ein paar Jahre später der polyglotte und multinationale Peter Ustinov in der oben erwähnten Trilogie von 1974 bis 1982 gezeigt.

Ein weiteres Problem ist der Plot als solcher. Die deutsche Verleihfirma hat beim Titel sogar zu einer Lüge gegriffen um einen Whodunnit zu suggerieren, den es gar nicht gibt und von einem „Herrn ABC“ geschrieben. Das ist dreist, aber verständlich. Ein guter Krimi ist eben keine mehr oder weniger auf einer einzigen dramaturgischen Ebene angesiedelte Slapstick-Komödie wie etwa „Hollywood or Bust“ (1956) oder „Artists and Models“ (1955), die beiden letzten Lewis/Martin-Filme, die wir auch nicht sehr spannend, aber amüsant und auf ihre Art stimmig fanden.

Im Grunde wird sofort enthüllt, wer die ABC-Morde auf dem Gewissen hat, nur das Motiv, das im Verlauf auftaucht, wird am Ende korrigiert. Wir können uns nicht vorstellen, dass Agatha Christie psychologisch und logisch so schwach geschrieben hat, wie der Film es zeigt. Vielleicht aber doch? Immerhin war es ein Erstling, der nach seinem Erscheinen bei weitem nicht die Aufmerksamkeit auf sich zog wie spätere Christie-Kriminalromane. Dann hätte man es aber 45 Jahre nach Erscheinen des Buches im Film korrigieren oder glätten und plausibler machen können. Vier Morde zu begehen, um das Motiv für einen fünften zu verdecken, ist schon eine krude Art von Erklärung für eine Serie von Toten, und was nützt das ganze Motive kaschieren, wenn Poirot schon vom Beginn des Films an der Mörderin dran ist und diese mehrmals beinahe fasst. Alle Beteiligten, auch Poirot, wirken ziemlich schusselig in der Art, wie sie die Dame immer wieder entkommen lassen. Wir kennen es aber auch von manchen Tatort-Episoden, dieses suboptimale Verhalten von eigentlich geschultem Personal, das hin und wieder für unumgänglich gehalten wird, um etwas Action zu installieren.

Demnach ist „Die Morde des Herrn ABC“ ein Howcatchem, und als solcher funktioniert er wieder nicht richtig, weil die Dramaturgie für diese thrillermäßige Anlage der Handlung zu flach und durch das Gag-Überangebot zerrissen, durch das nervige Immer-wieder-Entkommen-lassen zu sehr von sich wiederholenden Elementen geprägt ist. Der Film weist viele Eigenschaften auf, die überdialogisierte und gleichermaßen mit Slapstick überladene Komödien besonders seit den 60er Jahren haben, in denen Qualität und Quantität des Humors in keinem guten Verhältnis zueinander stehen.

Ein weiteres Element des Films, das nicht überzeugen kann, ist die Idee, dass dem berühmten belgischen Detektiv ein Mann des Geheimdienstes beiseite gestellt wird, der diesen beschützen, eigentlich aber abschieben soll. Der Film kann sich  zwischen beidem nicht recht entscheiden und Hastings hat recht, wenn er sagt, dass dieser bornierte Belgier sich eh wieder ins nächste Flugzeug setzen und zurückkehren würde. Im Original wird es vielleicht eine Kanalfähre gewesen sein, aber auch die fahren ja in kurzen Abständen zwischen Dover und Calais hin und her. Auch, dass Poirot in die ABC-Morde rein zufällig verwickelt wird, sich dann darin festbeißt, versteht man anhand der Anlage der Figur nicht komplett und die Erklärung der Frau ABC am Ende, dass sie dies inszeniert aus Eitelkeit inszeniert habe, ist wirklich nur für Leute, die genau das tun, was der Film im Grunde auch tut: Ihn nicht einmal als Komödie ernst nehmen.

Im Gegensatz etwa zu den deutschen Edgar-Wallace-Filmen, die etwa zur selben Zeit entstanden und deren bessere Kultstatus genießen, greift der Blödsinn in den ABC-Morden von den Übertreibungen einzelner Situationen auf die Motive und Hintergründe über, und das ist ein wesentlicher Unterschied, eine Verschiebung von der sympathischen Kriminalkomödie mit ebensolchen Charakteren wie einer Miss Marple hin zum unglaubwürdigen Klamauk im Krimigewand (spannender und zugleich auf unterschiedliche Weise skurriler sind viele Wallace-Filme und die vier Miss Marples außerdem).

Finale

Der humorige Krimi, auch der leicht parodistische angehauchte, lässige Agentfilm boomten in den Swinging Sixties, in denen ein luftiges Lebensgefühl dominierte und in denen wirtschaftlich alles rund lief. Es gibt in „Die Morde des Herrn ABC“ ein paar Stellen, etwa im flambierten Restaurant, in denen dieses Lebensgefühl durchschimmert.

Die letzte Szene hat sogar eine ähnliche Qualität wie die Auflösungen der Marple-Filme und ist wohl doch für Agatha Christie typisch. Protagonist begibt sich in scheinbare Gefahr, tritt dem Mörder gegenüber, bringt diesen zu einem Geständnis oder dazu, diesen Mitwisser beseitigen zu wollen – und genau in der richtigen Sekunde greift die Polizei ein, die überall im Raum (hier ein Zugwaggon mit Sargbestückung) versteckt ist. Schon die Menge an Polizisten, die sich im räumlich knapp bemessenen Dunkel verborgen hat, ist witzig, aber auch hier gilt: Die Pointe hätte man besser ausfeilen können.

Für uns ist „Die Morde des Herrn ABC“ eine enttäuschende  Agatha-Christie-Adaption, was immerhin beweist, dass ältere Schwarzweißfilme nicht deshalb gut sein müssen, weil sie eben älter sind und dadurch automatisch mit dichter Atmosphäre und einem guten Gespür für Charaktere und Dramaturgie ausgestattet.

49/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) 16 Uhr 50 ab Paddington (1961), Vier Frauen und ein Mord (1964), Der Wachsblumenstrauß“ (1963), „Mörder Ahoi“ (1964).

(2) An einer Stelle tauchen Mrs. Marple und ihr treuer Adlatus, Mr. Stringer wirklich auf – eine nette Idee, doch schon die kuriose Art, wie Poirot und Marple einander anschauen, weist unfreiwillig darauf hin: Marple hat wie immer ein untrügliches Gespür – in diesem Fall dafür, dass mit diesem Monsieur etwas nicht stimmt und vielleicht mit dem gesamten Film nicht.

 

 

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