Frauenmorde – Tatort 526 #Crimetime 845 #Tatort #Frankfurt #Sänger #Dellwo #HR #Frauen #Mord

Crimetime 845 - Titelfoto © HR, Jacqueline Krause-Burberg

Sie waren nicht durchschnittlich

Die Frankfurt-Krimis mit Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) standen für besondere, meist sehr intensiv gespielte Tatorte, restrospektiv lässt sich das sagen – und es ist schade, dass sie nicht mehr dabei sind, auch wenn wir Steier / Mey, die Nachfolger, ebenfalls für ein sehr gutes Duo halten. Es muss sich aber noch zeigen, ob sie auch ebensolche großartigen Drehbücher und Inszenierungen bekommen.

Zum Zeitpunkt der Wiederveröffentlichung dieser Kritik im Jahr 2020 sind wir etwas weiter: Nicht ganz – und die Nachfolger sind ebenfalls längst Geschichte, ihnen folgten Brix und Jannecke, das dritte paritätische Duo hintereinander. Mehr zu „Frauenmorde“ jedoch steht in der -> Rezension.

Handlung

Eine Frauenleiche wird gefunden. Durch einen Zufall können Kommissar Dellwo und seine Kollegin Sänger sehr schnell die Identität der Toten feststellen. (Nach unseren Eindrücken gelang das nicht auf Anhieb, Anm. d. Verf.)

Doch bei der Rekonstruktion der letzten Stunden der ermordeten Frau stoßen sie auf zahlreiche Ungereimtheiten. Auch vieles, was der Ehemann der Toten erzählt, geht überhaupt nicht zusammen mit den Erkenntnissen der Kommissare. Zu allem Überfluss, so sieht es zumindest Kommissar Dellwo, wird ihnen in diesem Fall auch noch das BKA vor die Nase gesetzt. Dellwo findet, dass sich diese BKA-Kollegen nicht nur arrogant verhalten, sondern ihn und Charlotte Sänger regelrecht in ihrer Arbeit behindern.

Werner Fromm, Leiter der Mordkommission, versucht zwischen den Parteien zu vermitteln – mit wenig Erfolg. Als Kommissarin Sänger einen entscheidenden Hinweis auf den Täter findet, handeln sie auf eigene Faust und manövrieren sich in eine sehr gefährliche Situation.

Rezension

„Frauenmorde“ ist sozusagen ein Ensemble-Tatort und das genaue Gegenteil eines Kammerspiels. Weite Räume und eine große Zahl an Darstellern waren zu inszenieren, in der Turnhalle, in welcher die SoKo zur Mordserie tagt, musste man viele von ihnen während gemeinsamer Szenen dirigieren.

Nicht nur, dass in diesen Szenen ein FBI-Mann und einer vom BKA anwesend sind, macht den Krimiweltstädtisch, sondern auch das Agieren des Serienmörders über Ländergenzen hinweg. Das wirkt nicht unplausibel und vor allem – es ist grandios gespielt. Die Ermittler sind als Charaktere ungeheuer präsent und dies gilt für alle Darsteller, die mehr als zwei Sätze zu sagen haben. Erstaunlich, wie man es bei einem so rasant gefilmten und an Handlungselementen reichen Tatort geschafft hat, mit wenigen Szenen Charaktere nicht nur anzureißen, sondern plastisch, vorstellbar und ihr Handeln nachvollziehbar zu machen.

Die Anlage des Plots ist ein Sonderfall. Konstruktiv ein Whodunnit, aber von der Inszenierung ein Thriller. Gegen die Lehre vom Rätselkrimi wurde der Täter nur schemenhaft erkennbar und das erst in der zweiten Hälfte. Dann steht er vor Charlotte Sänger, die sich selbst als Lockvogel einbringt und man denkt sofort: Der Typ ist unbedingt ein Serienmörder, der sieht schon so aus. Das Ende ist ein wenig kurz und klischeehaft geraten, aber sonst ein typischer Frankfurter der Sänger / Dellwo-Ära: Abgründig, vielschichtig und modern; eher plakativ Gefühlswelten darstellend als in klassischer Manier motiverklärend. Dass man nicht nur bezüglich der FBI-Implementierung und der Täterstory in Richtung USA geschielt hat, ist diesem Film nicht abträglich.

Sänger und Dellwo

„Frauenmorde“ ist der bisher älteste Frankfurt-Tatort mit Dellwo und Sänger, den wir gesehen haben und für den Wahlberliner rezensieren. Die Eltern von Charlotte leben noch, allerdings in einem Altersheim, Charlotte selbst hat Blind Dates mit verheirateten Männern, die ihr bei den Ermittlungen in der Sadomaso-Szene helfen und Fritz Dellwo, der später so einsame Wolf, kämpft noch um seine Ehe. Wir haben es bereits an anderem Ort angesprochen: Kaum sind Entwicklerfiguren so entschlossen weiterentwickelt worden wie dieses Team, schon dafür gebührt dem HR hohe Anerkennung. Wie die Frankfurter Filme an sich, ist auch dieses Vorgehen progressiv, denn der Krimifan ist eher an festen Strukturen interessiert als an Menschen, deren Schicksal sich auf eine Weise weiterentwickelt, die über das durchschnittliche Schicksal im realen Leben hinausgeht. In einen Kinofilm hineinkomprimiert akzeptiert der Zuschauer natürlich, dass alles dicht an dicht kommt, aber in einer auf so lange Sicht angelegten Serie?

Dabei macht es gerade hier Sinn. Man hat Zeit, sich pro Folge an einen oder zwei neue Umstände zu gewöhnen, die parallel zur und eingebunden in die Ermittlungsarbeit dargestellt werden – schwieriger ist es wohl für die Regisseure, da sie mehr Vorgaben vom Sender einhalten müssen, der für die langfristige Entwicklung der Figuren zuständig ist. Ein wenig mehr Fortsetzungsroman, etwas weniger in sich geschlossener Plot. Für uns, die wir nachträglich über diese Tatorte schreiben, ist es mehr ein Puzzle, bis das Bild von Sänger und Dellwo einigermaßen vollständig ist. Im Grunde müssten wir jetzt schon einige Rezensionen der Anthologie-Anfangszeit revidieren, weil wir – sic! – neue Erkenntnisse über die beiden Kommissare haben. Aber es ist auch spannend und es gefällt uns von Mal zu Mal mehr, wie man hier mit viel Engagement und einem Herz für Hauptfiguren vorgegangen ist. Das hätten wir gemäß unserem Bild von der Stadt Frankfurt, die wir ganz gut kennen, bei weitem nicht erwartet.

Viele Sänger-Dellwo-Folgen sind in der Gunst der Fans hoch angesiedelt, obwohl Charlotte Sängers elfenhaftes Wesen kontrovers diskutiert wird. Wir meinen aber nach jeder Folge mehr: Es passt als Konstrast. Als Gegenentwurf zur harten, businesslastigen Mainmetropole, als asymmetrischer Charakterentwurf gegenüber Dellwo, der sich im Lauf der Zeit immer mehr zum Existenzialisten entwickelt.

Frauenmorde

Es mag nicht alles realistisch sein, was in diesem Film gezeigt wird (obwohl er offenbar auf einem realen Vorbild fußt), aber er ist abgründig und wirft ein so grelles Licht aufs Zwischenmenschliche, dass man abwehrend einwenden muss: Das ist nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Allerdings ist diese Feststellung wiederum banal, denn jeder Film kann nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit darstellen.

Die Sache mit den Blind Dates per Internet und den versauten Chats war damals noch relativ neu, und es ist schon herb, dass ein junges Mädchen namens Greta, dessen Mutter gerade auf dem gefährlichen Terrain der blinden Verabredungen ermordet wurde, die Sprache dieser Chats schon beherrscht. In „Frauenmorde“ wird zwar kein Tätermotiv sichtbar, aber der Krimi ist, ohne dass Dellwo, Sänger oder irgendeine andere Figur herumschwadronieren müsste, sehr moralisch und unsere Art, Beziehungen zu leben hinterfragend. Dass alle (in diesem Fall überwiegend die Frauen) fremdgehen, ist noch der harmloseste Tatbestand in diesem Szenario, die Anonymität, das rein Körperliche, der notwendige Kick in einer überreizten Gesellschaft, der Lebensgefahr einschließt, wilde Praktiken hinter psychedelischen Yoga-Fassaden, da kommt sehr viel zusammen, bis es möglich wird, dass ein externer Serientäter in diese unübersichtlichen Verhältnisse einbricht und sie sich zunutze macht, um ungestört zu morden.

Das Ganze wird durchaus plausibel und schlüssig gemacht, der Handlungsverlauf ist gut nachvollziehbar und wir haben keine von diesen Logikschwächen entdeckt, die uns manchmal richtig ärgern. In Frankfurt hat man es nicht nur in „Frauenmorde“ geschafft, Effekte so einzubauen, dass sie nicht eine vernünftig konstruierte Handlung ersetzen müssen. Ein paar Fehler sind in auch enthalten, zum Beispiel in der Sequenz zwischen Herrn Karp und Charlotte Sänger: „Wer sagt was in Bezug auf den Kaiserschnitt von Frau Karp und bzw. des ersten Mordopfers?“ Doch bei so viel Dialog mit so vielen Figuren kann schon mal etwas daneben gehen, ohne dass der Film dadurch wesentlich an Format oder Stringenz verlöre. Die vielen Situationen, die beleuchtet werden, wobei die Lebenswelten der Ermittler in nicht geringem Maß zur Atmosphäre und zur inhaltlichen Positionierung beitragen, sind ein Stilmittel, das ein weites Panorama eröffnet. Wir sollen wissen, dass es hier eben nicht nur um Einzelfälle, sondern um gesellschaftliche Phänomene geht, ohne dass dies dialektisch erläutert werden muss.

Die Bildsprache und wie die Leute hier miteinander umgehen, das entspricht dem Gefühl in Welt, die unüberschaubar, unverbindlich und unpersönlich geworden ist. Manchmal gibt es noch kleine Anker, wie den Dienststellenleiter Fromm – vielleicht die sympathischste Figur. Manchmal ist alles etwas anstrengend, aber unser Interesse am Fall und an den Figuren blieb 90 Minuten lang wach.

Ob man der Philosophie des Films folgt, die gegenüber dem Zwischemenschlichen sehr negativ eingestellt ist, ist Einstellungssache. Wir haben gerne darüber nachgedacht und sind sicher, dass viele Menschen emotional so verortet sind, wie es „Frauenmorde“ suggeriert, aber ein neues Phänomen ist das im Grunde nicht. Was sich heute auf persönlicher Ebene an Aggressionen Luft verschafft und manchmal mörderisch wird, das wurde früher im Abstand von einigen Jahren in Kriegen ausgelebt und wird es heute noch, in Teilen der Welt, in denen kein Atomwaffenarsenal dafür sorgt, dass sich niemand mehr traut, loszuschlagen. Diese Aggressionen, der Hang, andere zu benutzen, anstatt sie zu respektieren, die Rücksichtslosigkeit auch sich selbst gegenüber, die sich darin ausdrückt, das ist in „Frauenmorde“ nur in einer von vielen möglichen Facetten zu sehen.

Finale

„Frauenmorde“ ist innovativ, spannend und krass. Da wird über verstümmelte Leichen ganz sachlich gesprochen, selbst von Frau Sänger, die aber kotzen muss,  wenn sie eine von Dellwos Zigaretten probiert. Da wird eine Mordserie von höchster Brutalität mit teilweise erschütternder Professionalität behandelt und eine Polizistin fährt einem Kollegen absichtlich ins Auto, weil sie sich von ihm diskriminiert fühlt.

Man spürt, wie hier auch mit der Verhältnismäßigkeit gearbeitet wird und mit dem, was in jedem Menschen lauert: Nein, nicht das Böse, das in Frankfurt so gerne zitiert wird (demnächst wieder, in Folge 836), sondern das, was uns gegenüber anderen Spezies auszeichnet. Die Fähigkeit, neurotisch zu sein und zerstörerisch zu denken und zu handeln, ohne Notwendigkeit uns und andere schlecht zu behandeln. Sadomaso-Spielchen sind ein Ausdruck davon, die Preisgabe von Bindungen für ein kurzes Vergnügen ein anderer. Manchmal ist es aber sexy und bietet Thrill auf Zeit – und darin liegt das Dilemma in einer Welt der beinahe unbegrenzten persönlichen Möglichkeiten, in denen keine gelebten und geachteten Werte für Selbstbeschränkung sorgen.

8,5/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Charlotte Sänger: Andrea Sawatzki
Fritz Dellwo: Jörg Schüttauf
Herr Fromm: Peter Lerchbaumer
Herr Kruschke: Oliver Bootz
Ina Springstub: Christiane Schulz
Wimmer: Tim Bergmann
Dr. Scheer: Thomas Balou Martin
Frau Richter: Sabine Vitua
Steffi Dellwo: Edda Leesch
Gerichtsmedizinerin: Iris Böhm
Herr Richter: Rainer Will
Gordon: Geoffrey Burton
Frau Karp: Stefanie Kunkel
Greta: Ann Sophie Schmitt
Susi: Sofie Nieland
Steward: Stefan Weinert

ergänzt gemäß IMDb:
Jan Gregor Kemp: Herr Karp
Greta Ann: Sophie Schmitt

Musik: Jacki Engelken und Ulrik Spieß
Kamera: Arthur W. Ahrweiler
Regie: Nicki Stein
Drehbuch: Nicki Stein

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