Skandal in der Oper (A Night at the Opera, USA 1935) #Filmfest 121.1 #Top250

Filmfest 121.1 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (27)

2020-10-15 FF 121 Die Marx-Brothers in der Oper A Night at the Opera USA 1935 Text

2020-08-14 Filmfest A

Einleitung 2020 (Filmfest 121)

Schön, wiederzuentdecken, dass ich bereits im Jahr 1989 eine kurze Rezension zu einem Film der Marx Brothers verfasst hatte (1).

Dieser Film war der erste, den die drei (ursprünglich vier) Marxens, die wirklich Brüder waren, nach ihrem Wechsel von Paramount zu MGM drehten. Im „Konzept Top 250“ findet der Film deshalb seinen Platz, weil er in der IMDb-Top-250-Liste von 1999 bis 2006 platziert war. Gegenwärtig ist er mit einer Wertung von 7,9/10 davon etwa 0,2/10 entfernt.  1989 hatten wir den Film mit 7/10 bewertet – wie wir heute tendieren, erschließt sich aus der -> Rezension.

Handlung

Der Opernsänger Rodolfo Lassparri und die Sängerin Rosa Castaldi werden von der reichen Mrs. Claypool für den Leiter der Oper in New York, Herman Gottlieb, engagiert. Dabei versucht Lassparri immer wieder, mit Castaldi anzubändeln. Sie ist aber in Ricardo Baroni verliebt, einem Sänger aus dem Chor. Da dieser nicht engagiert wird (was dazu führen würde, dass die beiden getrennt würden), schaltet sich sein Freund Fiorello ein. Er vermittelt ihn an Otis B. Driftwood, der mit Mrs. Claypool anbändelt. Driftwood ist der Meinung, Lassparri zu engagieren, unterschreibt aber einen Vertrag mit Baroni. Als er den Schwindel entdeckt, platzt der Vertrag.

Als Driftwood, Mrs. Claypool, Gottlied, Lassparri und Castaldi an Bord des Schiffes gegangen sind, entdeckt Driftwood, dass er Fiorello, Tomasso und Ricardo Baroni in seinem Koffer mit an Bord genommen hat und diese als blinde Passagiere mit nach Amerika fahren. Als sie kurz vor der Ankunft entdeckt werden, kommen sie in Haft. Sie können fliehen und entkommen in die Kabine dreier berühmter russischer Piloten. Nachdem sie die Piloten überwältigen und an deren Stelle mit einer Festansprache begrüßt werden, fliegen sie auf. Sie fliehen zu Driftwood, bekommen aber prompt Besuch von der Polizei. Zu allem Überfluss verliert Driftwood seinen Job beim Theater und alle vier sitzen auf der Straße. Sie dringen heimlich ins Theater ein und verhindern Lassparris Auftritt. Da er unauffindbar ist, muss Baroni für ihn einspringen. Somit bekommt er seine Chance und nutzt sie. Baroni und Castaldi sind wieder ein Paar und das Publikum in New York feiert die beiden als neue Stars (Zusammenfassung aus Wikipedia).

Rezension

  1. Unsterblichkeit

85 Jahre nach der Produktion kann ein Film nur ein antiquiertes Relikt sein oder aber ein unsterblicher Klassiker. Relikte verweilen mittlerweile selten auf der Straße des Ruhmes, dafür gibt es zu viele neuere Filme und es kommen immer weitere hinzu. Also muss „Night at the Opera“ ein Klassiker sein. Besonders, wenn er als Triple-Feature mit zwei weiteren Filmen des Komikertrios gezeigt wird.

Eine der berühmtesten Gagszenen der Filmgeschichte stammt aus „A Night at the Opera“. Die kleine Schiffskabine, die zunächst mit einem großen Koffer schon beinahe voll erscheint, in der sich aus dem Koffer aber drei blinde Passagiere herausschälen und in der sich in den folgenden Minuten immer weitere Menschen einfinden. Alles quillt heraus, als Mrs. Claypool (Margaret Dumont) kommt, um eine Verabredung mit Otis B. Driftwood (Groucho Marx) einzuhalten. Vorher hatten die beiden vereinbart, dass sie ihn in zehn Minuten in seiner Kabine aufsucht, das ist auch in etwa die Dauer der Szene. Ein bemerkenswertes Echtzeit-Element.

  1. Das Konzept der Marx-Brothers

Groucho Marx dominiert, wie üblich, mit seinem Wortwitz. Chico ist tricky und Harpo ist stumm, dafür gesten- und aktionsreich und spielt gemäß seinem Namen die Harfe. Vieles in der Darstellung von Chico und Harpo Marx geht nicht über den Slapstick hinaus, den andere Komiker oder Komikertruppen auch geboten haben. Wenn man ihre Einlagen, Sketche, Soli einzeln betrachtet. Zusammen sind die drei Brüder aber ein anarchisches Konzept, in dem jeder seine eigene Rolle hat, die Funktion der einzelnen Brüder ist aber die Gleiche: andere Figuren im Film lächerlich zu machen. Nicht die Sympathieträger, denen man auf im Grunde untaugliche, aber umso wirksamere Weise zum Glück verhilft, die gibt es auch in diesem sowie in allen folgenden Filmen des Trios, sondern die Snobs aus den gehobenen Schichten. Im Vergleich zu anderen Komödianten im US-Film ist der Humor der Marx-Brothers schärfer und trägt, vor allem in den frühen Filmen, deutlichere sozialsatirische Züge.

  1. Zur Frage: antiquiert oder zeitlos?

Was heute noch erstaunt ist, dass es, im Gegensatz zu beinahe allen anderen Komödien, in denen Vollblutkomiker ein spielfilmlanges Feuerwerk an Gags anzünden, auch noch etwas anderes gibt. Emotionale Momente. Den stärksten dieser Momente erzeugt Harpo, wenn er die Harfe spielt. Übergangsloser Stimmungswechsel, aber nur ein Mal pro Film. Natürlich hat jeder der Marx-Brothers das Recht, seine speziellen Talente einzusetzen. Chico kann Klavier spielen, auch das wird in jedem Film gezeigt. Harpo ist zusätzlich zur musikalischen Begabung ein sehr begabter Pantomime. Zumindest ohne Harpo und Groucho kann man sich die Handlung der Filme nicht vorstellen, weil ihre Komik in Form von Aktion oder Worten für deren Fortgang unabdingbar ist. Am meisten haben uns immer schon Grouchos unglaubliche Zitate gefallen, die sind auf eine Weise skurril, manchmal surrealistisch, so etwas altert gut und die Lust, darin die ganze Welt auf die Schippe zu nehmen, die verspüren wir doch auch immer wieder. Aber kein lebender Komiker und kann diesen Wortwitz auch nur entfernt nachbilden. Und damit ist Groucho nicht nur zeitlos, sondern unerreicht.

Die Komik der drei Brüder ist hier in eine Handlung eingebunden, die erkennbar dem Komikprinzip untergeordnet wurde. Die vielen Soli oder gemeinsamen Sketche der Brüder zerreißen einen Plot, der so dünn ist, dass jederzeit die eigentliche Intention, nämlich den Marx Brothers eine Bühne zur Entfaltung zu geben, hindurchscheint. Hier ist es vornehmlich eine Opernbühne, es wird eine Aufführung geschmissen und am Ende sind doch alle versöhnt. Es war damals für die Marxens etwas Neues, ihre Komik in eine durchgängige Handlung einzubringen. Untergeordnet haben sie sich dieser Handlung erkennbar nicht. Nicht nur der diktatorische Theaterdirektor Gottlieb (Sig Ruman) und der arrogante italienische Tenor Lassparri (Walter Woolf King) werden sabotiert, sondern im Grunde die komplette Handlung.

Nicht einfach, auf so kompliziertem Weg dem sympathischen Sängerpaar Rosa Castaldi (Kitty Carlisle) und Ricardo Baroni (Allan Jones) zum Glück in Form eines gemeinsamen Engagements an der „New Yorker Oper“ zu verhelfen. Erst in späteren Filmen kann man von einer beinahe vollständigen Integration der Marx-Komik in die jeweilige Filmhandlung sprechen, in „A Night at the Opera“ sind die Übergänge noch sehr abrupt. Das drückt sich auch in oft harten Schnitten aus, die nicht etwa nur der Entstehungszeit des Films geschuldet sind, das konnte man damals schon besser. Filmkritiker haben angemerkt, dass sich die drei Marx-Brüder gar nicht so leicht taten, den Übergang von Paramount zu ihrem neuen Studio MGM, von an Einzelszenen orientierten Low-Budget-Produktionen hin zu reicher ausgestatteten Filmen mit einem richtigen Plot zu vollziehen. Wir sind geneigt, dem zuzustimmen.

Sieht man also „A Night at the Opera” als eine Komödie an, bei der die Komik zur Handlung gehört und nicht umgekehrt, dann ist der Film inkonsequent und zudem technisch veraltet. Konzentriert man sich hingegen auf die brillanten Einzelleistungen und Szenen, kann man nicht umhin, man erkennt Dinge, die bis heute wirken und immer wieder Bewunderung auslösen.

Die Erkenntnis nach dem Betrachten: Man bekommt beides in einem. Klassiker und Relikt. Kann man mehr erwarten?

  1. Groucho, das Genie

Noch ein paar Zeilen zu Groucho. Dass man den Film heute noch vollkommen genießen kann, trotz seiner Schwächen bei Schnitt und Handlung, ist vor allem Groucho Marx zu verdanken. Chico und Harpo sind erstklassige Komiker, doch Groucho Marx ist eines der unsterblichen Genies des Films. Viele Quellen belegen, dass der Mann seine Sprüche nicht etwa mühevoll erarbeiten musste. Zumindest nicht alle. Vielmehr waren sie Ausdruck eines Sprachtalentes, das ohne Umweg sowohl situationsbezogen als auch durch Abstraktion mitten ins Ziel treffen konnte. Zuweilen schießt es auch darüber hinaus, aber das gibt man für gut, denn in der Übertreibung liegt die Veranschaulichung. Nie zuvor (schwierig, im Stummfilm), aber auch nicht bis heute hat jemand diese Qualität an Verbalkomik erreicht. Allein die guten Sprüche aus „A Night at the Opera“ würden für ein kleines Buch zur täglichen Erbauung ausreichen. Wir zitieren hier Verschiedenes von ihm, das auch den Variantenreichtum der Zitate belegt.

Allein die Top-Sprüche und Dialoge aus „A Night at the Opera“ sind seitenfüllend, glücklicherweise kann man heutzutage verweisen, sonst würde selbst diese Rezension recht lang werden. Die amerikanische Wikipedia enthält alles Wesentliche, was Groucho Marx in diesem Film zum Besten gegeben hat (Quotes). In der deutschen Synchronisation für den Kinostart 1950, die immer noch verwendet wird, sind einige davon nicht wörtlich übersetzt oder ein wenig entschärft, daher empfiehlt sich die amerikanische Seite auch zum Vergleich. Die vielleicht satirischste Szene, in der Fiorello (Chico Marx) und Driftwood (Groucho) einen Vertrag schließen wollen und ihn dabei Klausel für Klausel vernichten im Ganzen auf der Zitate-Seite wiedergegeben.

Eines heben wir heraus, weil wir es für ganz typisch halten, es entstammt der berühmten Kabinenszene:

[Driftwood opens a drawer in his trunk to find Tomasso sleeping]
Otis B. Driftwood: That can’t be my shirt, my shirt doesn’t snore.

Die Erkenntnis des Satzes ist in dieser Szene so wahr, wie eine Wahrheit nur sein kann – trotzdem käme normalerweise niemand von uns auf die Idee, ihn zu formulieren. Einfach deshalb, weil wir alle zu konventionell denken und sprechen. Man muss diesen Mann über den konkreten Film hinaus lieben für solche Aussagen:

„Outside of a dog, a book is man’s best friend. Inside a dog, it’s too dark to read.”

“Time flies lika an arrow. Fruit flies like a banana.”

Letzteres Zitat kannten wir bereits, ohne bisher zu wissen, von wem es stammt. Für beide gibt es keine wörtliche Übersetzung, die den vollen Witz erhalten kann, deswegen versuchen wir’s nicht.

  1. Finale

Die IMdB-User bewerten „A Night at the Opera“ zusammen mit „Duck Soup“ (Die Marx Brothers im Krieg) von 1933 von allen ihren Filmen am höchsten. Und da alle Marx-Filme historisch sind, fällt das verzerrende Element weg, dass die User tendenziell neuere Filme zu gut bewerten, weil sie die älteren z. B. gar nicht kennen. Kritiken, welche den Film als veraltet ansehen (die gab es schon in den 60er Jahren), sind nicht selten tendenziös, weil man die politische Dimension sehr wohl sehen kann, wenn man will – und sie ist natürlich auch konservativen Kritikern nicht entgangen. Filmtechnisch und gerade für ein Werk von MGM, dem Studio mit den höchsten bildästhetischen Ansprüchen seiner Zeit, auch bezüglich Dramaturgie und Schnitt, ist er nie ein Meisterwerk gewesen.

Doch allein die Groucho-Show macht jeden Marx-Film auch heute noch sehenswert, und „A Night at the Opera“ enthält besonders viele Dialog-Preziosen – inklusive einiger recht derber Sprüche gegenüber Mrs. Claypool  (Margaret Dumont). Ein Feuerwerk an Wortwitz und ein Fest für jene, die manches auf unserer Welt seltsam finden. Hier dürfen sie dem Mann applaudieren, der alles Erstaunen über die Verrücktheiten der Menschen in gültige Worte zu kleiden vermag wie kein zweiter.

83/100

© 2020, 2011, 1989 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Fehler in der 1989er-Rezension: Der gebräuchliche Titel lautet „Skandal in der Oper“, falsch geschrieben: „à la“, „das Unkonventionellste und Systemerschütterndste“, besser: das am meisten Systemerschütternde. Heute würde ich es eher als „systemkritisch“ benennen.

Regie Sam Wood
Drehbuch Georg S. Kaufman
Morrie Ryskind
Produktion Irving Thalberg
Musik Walter Jurmann
Herbert Stothart
Kamera Merritt B. Gerstad
Schnitt William LeVanway
Besetzung

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