Der Wald steht schwarz und schweiget – Tatort 838 #Crimetime 849 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Wald #schwarz #schweigen #Mond

Crimetime 849 - Titelfoto © SWR, Peter A. Schmidt

Sie singt tatsächlich

Die erste Strophe von Matthias Claudius‚ Lied „Der Mond ist aufgegangen“ musste Lena Odentahl auf dringenden Wunsch eines jungen Entführers zum Besten geben. Die zweite, in welcher vom schwarzen und schweigenden Wald geschrieben steht, gab es leider nicht einmal als Zugabe.

Da war etwas Romantisches, in dem Moment, in dem der Mond über dem – wie wir nun wissen, 1.800 km² großen, größten zusammenhängenden deutschen Waldgebiet namens Pfälzer Wald aufgegangen ist.

Auch die Sozialromantik hat fröhliche Urständ gefeiert und am Ende wurde der Krimi nicht komplett aufgelöst, damit es für die Internet-Community noch was zu tun gibt. Hoffentlich macht das keine Schule, aber so schlimm war’s auch wieder nicht. Weil, die abgrundtiefe Ironie daran ist: Nur die junge Hardcore-Generation, für welche der Computer der beste Freund ist, will überhaupt wissen, wer von den Jungs, die einen gewissen Mangel an Bedrohlichkeit offenbaren, den bösen Drill-Sergeant Waczlawek (nach Gehör geschrieben) umgebracht hat.

Diejenigen unter uns, die den Abend lieber mit einer kleinen Portion Risotto und einem Glas Rotwein ausklingen lassen, werden sich damit begnügen, dass Odenthal am Ende hofft, dass keiner auspackt und Kopper uns belehrt, dass irgendwann doch einer aus der Gruppe der am harten Resozialisierungsdrill gescheiterten Jungstraftäter singen wird. Vielleicht klingt es dann nicht so wildromantisch wie im Mondschein die erste Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“, aber wird angesichts Gesamtumstände nicht der mildernde Umstand das letzte Wort haben? Der Wald wird für uns und für uns für immer sein Schweigen darüber breiten, weil wir uns das nicht antun, noch auf Tatort.de weiterzumachen, sondern die Rezension schreiben und dann brav das Bett aussuchen und froh sein, dass wir nicht im nasskalten, sich nahezu unendlich ausdehnenden Pfälzerwald übernachten müssen.

Handlung

Eine Spaziergängerin hat im Wald einen Mann unterhalb eines Felsens liegen sehen und Lena Odenthal macht sich auf dem Weg zum Tatort. Als die Kommissarin dort ankommt, fehlt von dem Mann aber jede Spur. Während sie nach Hinweisen über den Verbleib des Mannes sucht, wird sie von hinten niedergeschlagen und von fünf Jugendlichen als Geisel genommen. Wie sich herausstellt, sind dies Jugendliche aus einem nahe gelegenen Resozialisierungs-Camp. Sie haben ihren Gruppenleiter getötet und befinden sich nun auf der Flucht. Lena Odenthal soll ihnen dabei als Geisel dienen. Mario Kopper versucht verzweifelt, Lenas Spur aufzunehmen.

Während Lena versucht, die Jugendlichen in Schach zu halten um eine weitere Eskalation der Situation zu verhindern, ist Mario Kopper verzweifelt auf der Suche nach ihrem Aufenthaltsort. Ein Wettlauf gegen die Zeit und die Wetterwidrigkeiten im Wald beginnt, denn durch die Belastung der Wanderung und die Flucht vor der Polizei werden die Jugendlichen immer aggressiver und gefährlicher.

Sonderinfo des Senders zum Konzept

Fünf Geiselnehmer und ein weitläufiger Wald machen diesmal den Ludwigshafener Kommissaren zu schaffen. Erfunden und geschrieben wurde die Geschichte um ein gescheitertes Resozialisierungsprojekt von Dorothee Schön, Ed Herzog inszenierte den Tatort u.a. im Dahner Felsenland. Besonders wird „Der Wald steht schwarz und schweiget“ außerdem durch das Online-Spiel, in dem nach der Ausstrahlung weiterermittelt werden kann. Bei „Tatort+“ können User und Fans zeigen, ob sie eine ernst zu nehmende Konkurrenz für Lena und Kopper sind … Denn ein gutes Stück Polizeiarbeit kann im Fall von „Der Wald steht schwarz und schweiget“ noch geleistet werden. Am Ende des Films bleiben Geheimnisse offen, deren Aufklärung den Usern anvertraut wird. Indizien und Beweisstücke müssen gesammelt, analysiert und richtig zusammengefügt werden, um eine hieb- und stichfeste Beweiskette zu erstellen. Nur so können die Geheimnisse gelüftet werden.

Bei „Tatort+“ schlüpfen die Zuschauer in die Rolle von Kommissaren. Gemeinsam mit Lena Odenthal und Mario Kopper, mit Kriminaltechniker Peter Becker, der Sekretärin Edith Keller und der Rechtsmedizinerin Sonja Römer führen sie die Ermittlungen. Dabei ist kriminalistische Objektivität gefragt, denn wie bei echten Fällen ist nicht alles so, wie es scheint, und manchmal hilft es nur, die Freunde im Forum und den sozialen Netzwerken zu fragen.

Rezension

Mann, war das einfach. Selten haben wir so entspannt einen Tatort verfolgt wie heute. Zwar ist die Auflösung, wie wir nun wissen, nicht vollkommen, doch Lena wurde selbstverständlich von ihrem Pilzsammler-Risottokoch Kopper gerettet. Kopper heißt einmal sogar Mario, da mussten alle Alarmglocken bei ihm schrillen. Mit etwas Verspätung taten sie das auch und die Sache mit Mario wurde zum Zweck der Einbettung in den Plot umgedeutet – bisher war das nämlich keineswegs ein Anzeichen dafür, dass Lena mit ihm böse ist.

Wenn das Weitermachen im Internet künftig bedeutet, dass alle Tatorte mit so wenig geistiger Anspannung zu verfolgen sind wie der heute, dann werden die Sonntagabende nicht mehr die Sinne für den kommenden Arbeitstag schärfen, sondern angenehmen Thrill mit sicherem Ausgang bieten. Dafür fallen irritierende falsche Fährten weg und auch sonst darf’s nicht kompliziert sein, damit die Internetcommunity den Fall tatsächlich innerhalb  einer Woche ausermitteln kann.

Im Grunde ist es ein Thrillerkonzept, das hier verwendet wurde, ein Howcatchem, ein Fluchtmovie. Die Gangster sind aber nicht aneinanderkettet wie einst in Klassikern à la „I Am a Fugitive from a Chain Gang“ (1932), sondern nur sozial zusammengeschweißt. Da hat der Drill also doch genützt, den der offensichtlich üble und zu Vergehen an Schutzbefohlenen neigende Sozialarbeiter Waczlawek ausgeübt hat – oder war’s das doch, doch, tief drinnen Gute, das in all diesen Jungs wohnt, das dafür gesorgt hat, dass alle bis zum bitteren Ende zusammengeblieben sind?

Auch wenn der Leader Tom (Frederick Lau) es ironisch rüberbringt, sie hatten ja alle tatsächlich eine schwere Kindheit – mit einer auffälligen Ausnahme, dem Türkenjungen Murat (Edin Hasanovic), der auch am ehesten bereit ist, Lena laufen zu lassen – merke: kaputte Migrantenfamilien, das geht schon, nebst kaputten urdeutschen Familien, aber keine türkischen. Der SWR neigt mittlerweile auch dazu, den immerhin möglichen, wenn auch nicht wahrscheinlichen Widerstand von ethnischen Gemeinschaften gleich von vornherein  zu umgehen. Die wenigen Litauer und die zahlreicheren, aber irgendwie heterogenen Russlanddeutschen hingegen, die sind ja keine so richtig krass massiven Gruppen, die Druck machen könnten. Das ist irgendwie lächerlich. Entweder zielt man auf die Verhältnisse ab, oder man tut es nicht. Aber man redet sich nicht mit Überforderung eines alleinerziehenden Vaters in dem einen Fall heraus, in dem die Verhältnisse nicht schwach sein dürfen. Das ist ein Mangel an Solidarität gegenüber allen Jungs, die’s schwer haben. Das ist nicht im Sinn der gemeinsamen Resozialisierung aller, wie das hier beschriebene Heim sie, auch unter Einbeziehung forcierter Waldcamps und im besten Fall mit guten Absichten betreibt.

Nein, wir wollen hier nicht so derb rumlästern, aber manches in diesem Film ist schon sehr holzschnittartig. Man nimmt sich außerdem nicht die Zeit, die Figuren sich selbst in Dialogen erklären zu lassen, so dass sie ihre Hintergründe auch kommentieren können, Kopper muss das Infodropping als talking head beim Briefing der Einsatzkräfte übernehmen, die Lena suchen sollen. Eine einfache Änderung hätte für mehr Dichte gesorgt – zwei bis drei Jungs weniger, diese aber richtig ausgespielt. Dann wär’s auch nicht möglich gewesen, sämtliche Delikte und Ethnien halbwegs unterzubringen, die an Jugendlichen begangen werden können und aus denen Jugendliche stammen können, die bereits mit höchstens 20 Jahren jeweils 30 oder mehr Anzeigen gegen sich laufen haben oder hatten.

Hinzu kommt, dass diese schon relativ schweren Jungs mit Lena Odenthal auf eine nur begrenzt realistische Weise umgehen. Sie behandeln die Kommissarin beinahe, als sei sie gleichalt, keinerlei Diskriminierung als Oma, und, davon darf man ausgehen, das hätte in Wirklichkeit bei solch rauen Typen etwas anders ausgesehen, die Dialoge dazu mögen wir uns lieber nicht zu deutlich vergegenwärtigen. Nach unserer Ansicht war Lena Odenthal die falsche Kommissarinnenfigur für diesen Plot, auch wenn sie, wie schon in den letzten Folgen, mehr überzeugt als die Handlungen und Inszenierungen. Uninspiriert wirkt hingegen Kopper über weite Strecken; vielleicht war er sauer, dass er nicht mit lena in den Wald durfte, sondern sie fast 90 Minuten lang suchen musste und dabei buchstäblich im Regen stand.

Was man alles an Technik und Personal nicht einsetzen konnte, weil es gewitterte oder wegen Castortransport unabkömmlich war, ist ein weiterer typischer Schwachpunkte in Filmen wie diesem, deren  Handlungen im Grunde ein vortechnisches  Zeitalter voraussetzen.

Dafür wiederum ist z. B. der Heli, als er erst einmal oben ist, sehr fix im Aufspüren der richtigen Lichtung zum genau richtigen Zeitpunkt. Ein Hubschrauber, ausgestattet mit Wärmebildsensoren, hätte schon in der Nacht losgeschickt werden müssen, wenn’s denn so dringend war.

Fazit

Gerade, wenn man sich zuvor mit ein paar guten Krimis beschäftigt hat, die fürs Kino inszeniert wurden, merkt man deutlich, dass der heutige Tatort bewusst flach gehalten wurde. Es gibt zwar gute Ansätze, auch bei den Figuren der Jugendlichen, und sie sind gar nicht so unsympathisch, aber das Gesamtszenario wirkt nicht sehr glaubwürdig. Lena Odenthal beißt in gewohnter Disziplin auf die Zähne und gibt, was sie kann, in einem Part, den sie vor fünfzehn Jahren hätte spielen sollen.

Das ist nicht despektierlich gegenüber ihrer körperlichen Konstitution gemeint, dass sie mit den Jungs zusammen durch den Wald tigern kann, trauen wir ihr durchaus zu. Vielmehr geht es für uns darum, wie genauso solche Jungs normalerweise über Leute reden, die erkennbar mehr als eine Generation älter sind. Sehr, sehr dezent, wie man hier agiert hat, wegen des Primetime-Formates, damit die Figur Lena Odenthal unbeschadet bleibt und damit der allgemeine öffentlichrechtliche Kodex der aus sozialen Gründen intendierten Romantisierung gewahrt wird. Dafür dürfen die Jungs über die Sende-Ideen der Privaten reflektieren, wie etwa das Dschungelcamp oder DSDS und man merkt gleich: Sie sind vor allem deswegen noch nicht im Leben angekommen, weil sie sich ihre innere Welt um solchen Schwachsinn dreht.

So jedenfalls soll man es als bildungsnaher öffentlichrechtlicher Zuschauer interpretieren dürfen und als solcher hat man gleich wieder den Blick fürs Wesentliche. Wo die Verhältnisse desaströs sind, da sind auch die Fernsehvorlieben und -vorbilder entsprechend. Unzweifelhaft ist da etwas dran, aber es wirkt auch sehr pro domo und etwas hässlich in der damit geäußerten Abfälligkeit gegenüber der so genannten breiten und flachen Masse und ihrer neuzeitlichen Entertainmentvergnügungen. Sollen doch alle (wieder) Tatort schauen, Zweidrittelquoten erzeugen, dannn bessern sich die Verhältnisse so schnell, dass es bald keine Resozialisierungsprojekte mehr geben muss.

Die Idee, dass eine Gang auf der Flucht sich eine Geisel mitnimmt, ist hingegen uralt und kann immer wieder neu gezeigt werden. Jedoch, da hätte mehr Butter bei die Fische gehört, damit es tatsächlich dramatisch und dicht wird, wie es sich für ein im Thrillergenre angesiedeltes Konzept gehört. Mutig finden wir, ist anders. So aber wird es keine Kontroversen geben und wir werden keine unruhige Nacht haben, was uns im Hinblick auf den morgigen Arbeitstag freut – und die Rezension wird auch vor 23 Uhr fertig, was uns bei weitem nicht bei jedem Sonntagabend-Tatort gelingt.

Richtig schlecht finden wir „Der Wald steht schwarz und schweiget“ nicht, aber den Weg vom Punktekeller bis zum siebten Tatorthimmel wollen sie bei der Ludwigshafen-Schiene des SWR offenbar bedächtig Stufe für Stufe nehmen, damit niemand wegen zu viel Tempo ins Stolpern kommt.

6,5/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Ed Herzog
Drehbuch Dorothee Schön
Produktion Sebastian Hünerfeld
Sabine Tettenborn
Musik Christoph M. Kaiser
Julian Maas
Kamera Andreas Schäfauer
Schnitt Isabelle Allgeier
Besetzung

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