Fette Krieger – Tatort 474 #Crimetime 850 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Krieger #fett

Crimetime 850 - Titelfoto © SWR

Fette Herausforderung

Über die schlechte Bewertung der Nutzer*innen des Tatortfundus für „Fette Krieger“ haben wir bereits in der Vorschau geschrieben, dabei handelt es sich doch hier um ein Highlight der Krimireihe Tatort – zumindest die historisch-realen Folgen betreffend:Eine Kuss-Szene führte übrigens dann zum Boulevard-Skandal und zum lesbischen Outing von Ulrike Folkerts, schreibt ein Nutzer des Fundus – einer von vielen, die den Film sehr negativ bewerten. Vielleicht wurde er deshalb lange nicht mehr ausgestrahlt, denn einige der Bewertungen relativ unten auf der Liste stammen noch erkennbar vom Anschauen der Premierenvorstellung im Jahr 2001. Und was ist 19 Jahre danach zu schreiben? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Mit einer großen Release-Party stellt das Rap-Duo ?Fette Krieger? in Ludwigshafen seine neue CD vor. Zur Überraschung von Bandmitglied Krieger, von Manager Thilo und von Freundin Mona verkündet MC Fett, dass er aus dem Erfolgs-Projekt ?Fette Krieger? aussteigt. Er will raus aus dem Kommerz, zurück zur Credibility und mit seinem Bruder Rokko neu anfangen. Bevor sich herausstellen kann, ob Fett es wirklich ernst meint oder nur provoziert, stirbt er nach einem Sturz vom Dach.

Rokko ist überzeugt, dass der enttäuschte Krieger seinen Bruder umgebracht hat und schwört, ihn zu rächen. Er bedroht DJ Krieger, der sofort abhaut und untertaucht. Die Digicam, mit der Fett kurz vor seinem Tod noch Aufnahmen gemacht hat, bleibt verschwunden und mit ihr mögliche Hinweise auf den Täter. Für Lena Odenthal und Mario Kopper sind alle, die Fett zurückgewiesen hat, verdächtig. Während Kopper den Spuren Kriegers folgt, lässt Lena sich von Mona hinter die Kulissen des HipHop führen. Denn die Motive aller Beteiligten sind mit den Gesetzen des Musikbusiness verquickt.

Rezension

Vorweg muss ich festhalten, dass ich kein intimer Kenner der Hiphopszene bin. Mein Eindruck bezüglich der Zeit, in welcher der Film gedreht wurde, ist aber, dass z. B. die besten Raves eher in verschiedenen Nachbarländern stattfanden als in Deutschland, dass Hiphop dort weit mehr gelebt wurde und das Mega-Event Loveparade den Blick dafür etwas verstellt, dass in Deutschland in Relation zu seiner Größe bzw. Einwohnerzahl nicht maxima viel und E-Musk, vor allem Techno, eher eine Methode war, den Nachbarn auf den Geist zu gehen, als eine Lebenseinstellung, obwohl diese natürlich zum selben Ergebnis führen kann.

So gesehen, ist es ein Gag, dass man ausgerechnet Ludwigshafen zu dem oder zu einem Zentrum der Szene deklariert. Wenn schon diese Ecke, hätte man wenigstens Mannheim nehmen können, in dem viel mehr große Konzerte stattfinden. Aber dann hätte ja nicht die Ludwigshafener Mordkommission ermittelt – und Lena Odenthal hätte sich nicht so über die Männer ärgern dürfen, dass es zu einer offenbar damals viel diskutierten Kussszene mit einer Frau kommen konnte.

Wenn es stimmt, dass Ulrike Folkerts sich nach diesem Film geoutet hat, um wieder ihrer inneren Mitte zustreben zu können, deren Verlust erkennbar an ihrer Optik in Form von Hautausschlag nagte (gut zu erkennen in „Der Präsident„, Tatort 468, in Nr. 474 nicht mehr so deutlich), dann ist der Film aber schon deshalb bemerkenswert. In „Der Präsident“ kam auch ihr früherer Chef Friedrichs um, das wird in „Fette Krieger“ erwähnt, wo sowohl sie als auch Kopper dem Mann nachtrauern, der Lena gefördert hatte. Die Ludwigshafen-Tatorte waren damals auch sehr eng getaktet und einige erhielten gute Bewertungen – die 2000er waren die Glanzzeit des Teams Odenthal-Kopper.

Sie waren natürlich, vor allem die frühen Jahre des Jahrzehnts, die hohe Zeit der Musik, von der hier die Rede ist. Mir war die Darstellung der Szenemenschen, die Rapmusik und Hiphop machen, zu schräg – so durchgeknallt konnten sie in der Realität nicht alle gewesen sein, denn das Business ist eines wie jedes andere in der Musikbranche und andauernd unter Drogen zu stehen, führt irgendwann zu Ausfällen und Einbrüchen. Klar, den Rockern rechnet man dies teilweise zu und sich was einschmeißen, um die ganze Nacht durchtanzen oder eben diese Art von Musik machen zu können, ist gewiss keine Ausnahmeerscheinung – aber wie „MC Fett“ durchdreht, das ist dann doch eher peinlich und die gewollte Wortwahl, der sicher mit viel Schweiß auf der Stirne aufgeschriebene Szenejargon, verstärken diesen Eindruck noch einmal.

Trotzdem liegt der Film für mich im Rahmen des unteren Drittels an Bewertungen, die wir normalerweise vergeben (derzeit liegt die Untergrenze bei ca. 4/10, schlechter votieren wir nur in besonderen Fällen). Szenetatorte sind immer gefährlich für die Macher, wie man auch an der oft sehr geringen Akzeptanz von solchen Krimis, die in der Welt des Fußballs oder in anderen Welten spielen, von denen manche Menschen glauben, sie kennen sich umfassend aus, sind als „Insider“ (beim Thema Fußball gibt es in Deutschland zig Millionen Insider). Wenn solche Menschen eine Darstellung sehen, die von ihren eigenen Erfahrungen in einer Szene abweicht und nicht den Überblick übers Ganze haben, kommt es schnell zu harschen Urteilen, wenn Abweichungen vom eigenen Erfahrungshorizont zu verarbeiten sind.

Da ich mich selbst nicht für einen Insider halte, kann ich nur bewerten, was ich allgemeinmenschlich gelungen finde oder nicht und etwas sagt mir, dass man in „Fette Krieger“ etwas überzogen hat. Das krawallige Ende hat mich sogar richtig geärgert. Sicher, mal was anderes und auch prophetisch, ein Jahrzehnt der Gewalt mit einem vollkommen überproportionierten SEK-Einsatz einzuleiten, der, wie einige andere Bestandteile der Handlung, auch unter dem Gesichtspunkt der Logik Stirnrunzeln verursacht bzw. keinen Sinn ergibt. Dn Maßstab bezüglich eines sinnvollen Mordmotivs darf man ohnehin nicht zu streng wählen, es handelt sich ja auch letztlich nicht um einen Mord, sondern um einen Kampf auf dem Dach, bei dem einer als Sieger hervorgeht, dem man es vorher nicht unbedingt zugetraut hätte. Aber so, wie der andere zugedröhnt war – nun gut.

Das emotionale Zentrum des Films ist ohne Zweifel die Figur Mona, gespielt von Sandra Borgmann, die Freundin von MC Fett und verehrt von dessen allzu debil gezeichnetem Bruder. Die spätere Darstellerin in der Serie „Berlin, Berlin“, die heute eine eigene Krimireihe hat, zeichnet das junge Szenegirl glaubwürdiger, als irgendein anderer Charakter in diesem Film wirkt, inklusive Lena Odenthal, deren Rollenprofil offensichtlich auch enthält, dass sie oft persönlich sehr involviert zu sein hat und dadurch ihr Wesen ziemlich spreizen muss. Eine gut gezeichnete Episodenrolle ist trotz aller Anforderungen, die sie mit sich bringt, leichter und glaubwürdiger zu spielen.

Finale

Andererseits ist „Fette Krieger“ für seine Zeit modern und flott gefilmt, das glaubte man natürlich, dem Sujet der schnellen Beats und der nicht immer ganz drogenfreien Daseinszustände schuldig zu sein. Dass man weder mit diesem, noch mit einem konservativeren Stil eine Szene nachbilden konnte, die erst dann cool wirkt, wenn sie aus sehr vielen Menschen besteht, die erst dann glaubwürdig rüberkommt, weil ja „Fette Krieger“ offensichtlich zur deutschen Spitzengarde der E-Musiker zählen und es erst vor einer großen Masse sinnvoll wirkt – nun ja, ein Viva-Moderator war immerhin dabei und hat mitgefilmt, als MC Fett seinen überraschenden Ausstieg kundtut und damit weiß es ca. die Hälfte der hiesigen Musiksender-Gemeinde. Das war für Viva auch eine Art Promotion, denn aus dem Schatten von MTV herauszutreten, war anfangs nicht so leicht.

Ob man die Songs, die hier anklingen oder gesungen werden, gut findet, ist für mich ohnehin eine Frage des Geschmacks. Gangsta-Rap ist es nicht gerade, aber der wirkt auf mich in Deutschland nur dann authentisch, wenn soziale Gruppen wie diejenigen, die man in „4 Blocks“ sieht, ihn vorträgt. Man gibt den Mitgliedern von „Fette Krieger“ ja auch so einen jugendrebellischen Hintergrund („getaggt, gesprayt, gerappt“ oder so), etwas Outlawmäßiges, und Lena kriegt von Mona gezeigt, wie man taggt. Wir in Berlin sehen jeden Tag gute Beispiele dafür, sogar auf den Geräten gerade erst renovierter Spielplätze, deshalb hier zum Abschluss eine Erklärung des Begriffs:

Tag [tæg] (engl. tag ‚Markierung‘, ‚Etikett‘, ‚Schild‘)
Signaturkürzel, welches das Pseudonym eines Writers darstellt. Gilt als die Urform des sich daraus entwickelten Piece. Häufig als „Unterschrift“ unter gesprühten Bildern zu finden, gilt aber auch in der jugendlichen Gang-Kultur als territoriale Markierung. Zum Anbringen der Tags werden neben der Sprühdose oft auch wasserfeste Stifte benutzt. Tags können allerdings auch genauso gut mit Malerrollen oder anderen Utensilien angebracht werden. Auch das Einritzen des Pseudonyms, was der Urform von Graffiti entspricht, ist üblich (siehe Scratching). Vorrangiges Ziel ist es, einen guten und innovativen Style zu haben, sekundäres Ziel, in einer Stadt, einem Bezirk oder einer Gegend möglichst präsent zu sein. Dadurch entsteht eine Art von Wettkampfkultur. Das Übersprühen fremder Tags – auch Crossen genannt – wird als Beleidigung angesehen. Besonders in der Bandensubkultur der Vereinigten Staaten dienen Tags zur Markierung des Territoriums einer Straßengang. Sprüher der Writing-Bewegung versuchen in der Regel hingegen, ihren Namen überall zu verbreiten, nicht nur in einem begrenzten Gebiet. Auch Ultras markieren manchmal Orte auf ähnliche Weise. Vorläufer von Tags gab es, wie das Beispiel des Beamten Joseph Kyselak zeigt, bereits im Biedermeier. Im 20. Jahrhundert war einer der ersten Tags TAKI 183, der eine Signalwirkung entfaltete.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

In der Tatort-Folge „Fette Krieger“ muss Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in der Hip-Hop-Szene Ludwighafens ermitteln. Bei dem vermeintlichen Mordopfer in diesem Fall handelt es sich nämlich um den bekannten Rapper MC Fett. MC Fett ist Teil des sehr erfolgreichen Rap-Dous „Fette Krieger“, deren neueste CD zu Beginn des Tatorts im Rahmen einer großen Party vorgestellt und veröffentlicht wird. Gleichzeitig kündigt MC Fett bei der Feier an, aus dem gewinnbringenden Projekt auszusteigen und statt mit seinem bisherigen Partner Krieger, stattdessen mit seinem Bruder Rocco weiter Musik zu machen. Diese solle weniger kommerziell ausgelegt sein. (…) (Redaktion Tatort Fans)

Erinnert sich noch jemand an die frühen 2000er? Es war die große Zeit der großen Raves, die Technomusik und der Hip-Hop waren Mainstream geworden und Fragestellungen wie die Kommerzialisierung in der Tat wichtig und wurden heiß diskutiert. Sehr gut lässt sich das z. B. anhand der Entwicklung der Loveparade nachzeichnen.

Auch der Begriff „fett“ als Beinahe-Synonym für „krass“ war en vogue („Fettes Brot“ etc.). Viele Veranstaltungsportale wurden damals gegründet, die das Wichtigste aus der Rave- und Clubszene zusammenfassen sollten – nur wenige haben die Corona-Krise in bekannter Form überlebt. MC Fett spielt übrigens noch auf den regionalen Ausdruck „Leck fett!“ an, der in der Pfalz und im Saarland vorkommt und in etwa bedeutet: „Leck mich am A****!“, gemeint im Sinne einer ausgedrückten Verwunderung, eines erheblichen Erstaunens.

Ich bin im Moment auch erstaunt. Darüber, dass die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland mich noch so herausfordern kann. Aber in der zweiten Juliwoche sind sie dazu übergegangen, eine ganze Reihe von Tatorten aus dem Mesozoikum, manchmal auch aus der Frühzeit der Reihe auszugraben, die ich noch nicht gesehen habe. Innerhalb von fünf Tagen werden es fünf sein. Gerade hatte ich es geschafft, den Media Receiver auf Zweidrittelbelegung herunterzufahren, jetzt dies – neben weiteren Polizeirufen – vier sind schon zur Aufzeichnung vorgesehen; mit der Parallelreihe bin ich noch nicht ganz so weit wie mit den Tatorten. Zumindest die Nachwendezeit betreffend. Zuletzt war das Aufzeichnen unsicher, wegen eines Elektronikdefekts, den mir ein verrückter Elektriker eingebrockt hat, aber mit nun teilweise ausgetauschter Technik sollte die Herausforderung der nächsten Tage sich meistern lassen. Wir schaffen das, oder? Wir haben schon ganz andere Dinge geschafft, als ein paar Tatorte anzuschauen und zu rezensieren.

Sicher wird Lena Odenthal es auch schaffen, den Fall auszuermitteln, denn Open Endings waren zu Beginn der 2000er die große Ausnahme. Um die Szene auszuloten, schmeißt Lena  sich in bauchfreie Clubwear und trägt etwa die Kurzhaarfrisur, mit der sie als junge Kommissarin zwölf Jahre zuvor bekannt geworden war (bzw. die Haare auf dem obigen Titelbild noch etwas kürzer als 1989). Da kann eigentlich nichts mehr schiefgehen und ich bin gespannt auf den Film. Allerdings gibt es schon eine Art Vorbelastung oder auch eine weitere Form von fetter Herausforderung, neben den vielen noch nicht gesehenen Tatorten, die in nächster Zeit anstehen:

Die Nutzer der Plattform „Tatort-Fundus“ bewerten den Film megaschlecht mit durchschnittlich 3,75/10 und stellen ihn gegenwärtig auf Platz 1136 von 1149 Filmen. „Getoppt“ wird er, Lena Odenthal betreffend, vom neueren Fall oder Fail „Babbeldasch“, den ich kürzlich angeschaut und rezensiert, aber nicht so grundsätzlich abgelehnt habe wie viele Fans, die ihre Bewertung auf „Tatort-Fundus“ abgeben. Vielleicht ist das ja bei „Fette Krieger“ auch so. Es kommt schon mal vor, dass ich etwas kultig finde und mich mit etwas amüsieren kann, wofür viele kein Verständnis haben. Jedenfalls ein Dank an den SWR für den Mut, diesen Film wieder zu zeigen. Demnächst wird die Rezension dazu im Wahlberliner erscheinen.

Kommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Kommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Krieger – Oliver Harris
Kriminalrat Wolf – Wolfgang Hepp
MC Fett – Bernd Gnann
Mona – Sandra Borgmann
Rokko – David Scheller

Regie – Dominik Reding
Buch – Dominik Reding, nach der Vorlage von Peter Lennartz
Kamera – Hans-Jörg Allgeier
Schnitt – Alexandra Freisler
Musik – Thomas Schmidt

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