Moderne Zeiten (Modern Times, USA 1936) #Filmfest 272 #Top250 DGR

Filmfeste 272 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (28) / "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest AModerne Zeiten (Originaltitel: Modern Times) ist ein von Charlie Chaplin in den Jahren 1933 bis 1936 geschaffener US-amerikanischer Spielfilm, der am 5. Februar 1936 uraufgeführt wurde. Inhaltlich greift der Film, in dem Chaplin ein weiteres Mal die von ihm kreierte Figur des Tramps darstellt, den Taylorismus in der Arbeitswelt sowie die Massenarbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschaftskrise auf. Es wird zwar mit akustischen Elementen gearbeitet, er setzt aber dennoch im Wesentlichen die Tradition des Stummfilms fort. (1)

Nachdem ich jahrelang gebraucht habe, wohl zehnmal länger, als Chaplin an dem Film gearbeitet hat, um eine Rezension zuwege zu bringen, kann ich den vor drei Jahren verfassten Entwurf nun ins „Konzept Top 250“ eingliedern. Im „Filmverzeichnis Nr. 8“ aus dem Jahr 1989, das wir gleichzeitig bearbeiten, gibt es noch gar keine Besprechung des Films. Vemutlich ist auch die vorliegende nicht die letzte Fassung, denn im folgenden Text steht, dass dies einer der wenigen Filme ist, die ich mir immer wieder anschauen kann, die mir immer Neues bieten und die mit unserer Zeit mitgehen und jederzeit zur Interpretation des laufenden Zeitalters beitragen kann. Meine Assoziationen aus dem Jahr 2017 gibt die -> Rezension wieder, mit der wir den „Goldenen Oktober“, den bisher zugriffsstärksten Monat seit Bestehen des „neuen“ Wahlberliners, abschließen.

Handlung (1)

Im Vorspann dreht sich ein Sekundenzeiger über eine bildfüllende Uhr. Es erscheint eine Schafherde, in deren Mitte ein schwarzes Schaf mitläuft. Danach werden Arbeiter, die dicht an dicht aus dem Schacht einer U-Bahn-Station in die Fabrik drängen, dargestellt, einer von ihnen ist Charlie. Hier sind absurde Maschinen zu bedienen, und ständig überwacht der Direktor der Produktionsstätte mit dem Namen „Electro Steel Corporation“ mit einem Monitorsystem die Tätigkeit seiner Beschäftigten. Der Firmenchef sitzt gelangweilt in seinem komfortablen Büro, spielt Puzzle und liest Zeitung, während Charlie und seine Kollegen unter Hochdruck in der Fließbandfertigung arbeiten. Der Leiter hat durch das Monitorsystem direkte Einflussmöglichkeit auf die Steuerungszentrale und kann darüber die Fertigungsgeschwindigkeiten der Anlagen nach Belieben beeinflussen.

Durch die rasante und ständig gleichförmige Fließbandarbeit zeigt Charlie bereits erste Störungen in seiner Motorik und Koordination. In einer Essenspause kommt ein Ingenieurteam – in Anwesenheit des Chefs – ans Band und möchte eine neuartige Erfindung testen. Es handelt sich dabei um eine Maschine, die einen Arbeiter automatisiert füttern soll. Dadurch soll Pausenzeit eingespart werden. Charlie wird als Testperson auserkoren. Anfangs läuft die Fütterungsapparatur noch wie vorgesehen, wird aber plötzlich unkontrollierbar schnell und zeigt gefährliche Fehlfunktionen, wodurch Charlie von dem Automaten malträtiert wird. Der Test der Maschine wird vom enttäuschten Chef abgebrochen, daraufhin setzt Charlie seine bisherige Arbeit am Fließband fort. Die Arbeit besteht zwar nur darin, gleichzeitig zwei Schraubenmuttern mittels zweier Schraubenschlüssel zu verdrehen, aber durch das hohe Fertigungstempo wirken sich selbst kleine Störfaktoren enorm aus.

Nach einiger Zeit gerät er komplett in das Maschinengetriebe der Anlage. Dort macht er sich in zwanghaft gesteigerter Weise – während er mit riesigen Zahnrädern gemeinsam rotiert – an den erreichbaren Schrauben zu schaffen. Von der rückwärtslaufenden Maschine wieder ausgespuckt, dreht er plötzlich völlig durch. Mit seinen zwei Schraubenschlüsseln rennt er hinter der Chefsekretärin her, da er ihre großen Kleidungsknöpfe für Schraubenmuttern hält. Wild schraubend auf der Straße angelangt, lenken ihn die Schrauben eines Straßenhydranten von der Frau ab. Doch als eine Passantin in einem Kleid mit modisch übergroßen Knöpfen vorbeigeht, will er nun an diesen weiterschrauben. Ein herbeigerufener Polizist verfolgt Charlie, der zurück in die Fabrik rennt, nicht ohne am Zugang wieder die Stempeluhr zu bedienen. Nach weiteren zerstörerischen Handlungen landet er im Irrenhaus.

Er wird als geheilt entlassen und sieht auf der Straße, wie ein Langholzlaster die (üblicherweise rote) Heckfahne verliert. Als er hinterherlaufend versucht, dem Fahrer dieses Fähnchen zurückzubringen, gerät er unter demonstrierende Arbeitslose und wird in eine Schlägerei mit der Polizei verwickelt. Mit der Fahne voran wird er aus dem Abwasserkanal herausgezogen, in dem er sich versteckt hat, und kommt schließlich als vermeintlicher Arbeiterführer ins Gefängnis. Dort nimmt er im Salzstreuer verstecktes Drogenpulver versehentlich zu sich. Der Drogenrausch macht ihn zum Helden: Ohne klare Zielvorstellung verhindert er einen Ausbruch von Mithäftlingen. Während er im Strafvollzug nun eine bevorzugte Behandlung in einer komfortablen Zelle erfährt, kommt es außerhalb mehr und mehr zu sozialen Unruhen in der Gesellschaft.

Er wird freigelassen. Ein Empfehlungsschreiben vom Gefängnisleiter verhilft ihm zu einem Job in einer Werft, wo er versehentlich ein halbfertiges Schiff vom Stapel laufen lässt und damit versenkt. Er macht sich daraufhin schnell aus dem Staub. Auf der Straße sieht Charlie, wie ein schon fast erwachsenes Waisenmädchen wegen Brotdiebstahls verhaftet werden soll. Da er ohnehin wieder zurück ins Gefängnis möchte, versucht er, sich anstatt ihrer verhaften zu lassen. Als dies misslingt, provoziert er daraufhin als Zechpreller seine erneute Festnahme. Schließlich trifft er das Mädchen im Gefangenentransporter wieder und beide fliehen gemeinsam. Mit seinem Empfehlungsschreiben findet er erneut einen Job − als Nachtwächter in einem Luxuskaufhaus. Beide verbringen die Nacht dort. Nachdem Charlie in der Spielzeugabteilung halsbrecherische Kunststücke als Rollschuhläufer gezeigt hat, begibt sich das Mädchen in einem riesigen Bett zur Ruhe. Charlie dreht auf Rollschuhen seine Runden und trifft dabei auf Einbrecher, von denen sich einer als ehemaliger, inzwischen arbeitsloser Arbeitskollege entpuppt. Die Begegnung endet in einem Vollrausch. Nachdem Charlie völlig verkatert am nächsten Morgen im Kaufhaus von einer Verkäuferin unter einem Berg von Kleiderstoffen hervorgezerrt worden ist, wird er erneut ins Gefängnis geworfen.

Nach ein paar Tagen erneut auf freiem Fuß, wird er von seiner Freundin empfangen. Sie hat unterdessen eine eigene Bleibe für sie gefunden, eine Bruchbude, in welcher beide unverdrossen die Karikatur eines kleinbürgerlichen Lebens zelebrieren. Charlie gelingt es, einen Job als Schlossergehilfe in einer Fabrik zu ergattern. Diesmal ist es sein Kollege, der in eine große Maschine gerät. Charlie flößt dem Eingeklemmten in der Mittagspause Nahrung ein und befreit ihn dann endlich. Doch schon nach der Pause erfahren beide, dass Streik ausgerufen ist. Am Werktor lenkt Charlie versehentlich einen Stein auf einen Polizisten und wird als vermeintlicher Steinwerfer wieder mal verhaftet.

Das Mädchen findet schließlich einen Job als Tänzerin in einem Tanzlokal, wo auch Charlie zum Bedienen und Singen angestellt wird. Bei der Kellnerarbeit geht zwar einiges schief, und seinen Liedtext kann er sich nicht merken, aber Charlie bewährt sich mit einer improvisierten Lachnummer. Daraufhin bekommt er eine feste Stelle angeboten. Das Leben der beiden scheint nun endlich in geordnete Bahnen zu gelangen. Doch dann taucht der behördliche Vormund des wegen Landstreicherei gesuchten Mädchens auf, will es aus dem Lokal holen und von Charlie trennen. Beiden gelingt erneut die Flucht. Zuletzt gehen sie gemeinsam auf der Straße dem Morgen entgegen.

Rezension

Warum hat es so lange bis zu einer Rezension von „Moderne Zeiten“ gedauert? Vielleicht, weil ich fasziniert davo war – und noch bin -, wie ich diesen Film mit jedem Anschauen weniger witzig, dafür aber anrührender und außerdem relevanter finde. Nicht Charles Chaplins Tramp-Figur ging durch eine Metamorphose, die sich dann in „Der große Diktator“ (1940) vollendete, auch der eigene Erkenntnisprozess schreitet voran – aber möglicherweise, ohne je ein definitives Ende zu finden.

Kaum einen Film habe ich so oft angesehen, und das war möglich, weil er so einfach und klar ist und auf eine tragikomische Art alles ausdrückt, wofür andere Filmemacher viel mehr fordernde Ausdrucksweisen gefunden haben. Aber meine eigene Politisierung ist nun auch wieder weit genug, fast sechs Jahre nach dem Start der FilmAnthologie des Wahlberliners, endlich ans Schreiben über Chaplins Meisterwerk zu gehen.

Ist dies einer der größten Filme aller Zeiten. Technisch gesehen nicht. Für 1935/36 bleibt er hinter dem Hollywood-Standard zurück, und dies nicht, weil er als Stummfilm mit Toneinlagen, Musik und Toneffekten daherkommt, weil Charles Chaplin weiterhin auf die Kraft dessen setzt, was ihn im Stummfilm groß gemacht hat, Gestik, Mimik, Pantomime also, und Situationskomik. Vor allem die Schnitttechnik wirkt nicht besonders flüssig, die Kamera-Einstellungen und die Dauer der Einstellungen sind nicht immer optimal abgestimmt, vielleicht auch ein Ausdruck der Tatsache, dass Chaplin drei Jahre an diesem Projekt gearbeitet hat und sich während dieser Zeit bereits Veränderungen beim technischen Standard, in der Bildqualität und so weiter ergaben. Es war eine sehr rasante Zeit, nicht nur aufgrund der weltweit zunehmenden Fließbandarbeit. Chaplin war aber nie ein großer Techniker und bildgestalterisch gibt es weitaus anspruchsvollere Filmkünstler.

Ob er hingegen bemerkt hat, dass die Essmaschine in doppelter Hinsicht Nonsens ist, weiß ich nicht, denn sie ist ja nicht nur unausgereift, sondern auch wertlos. Da die zu fütternde Person während der Zeit, in der die Maschine mit ihr zugange ist, nichts anderes tun kann, ergibt sich auch keine Beschleunigung des Produktionsprozesses. Sie wird zwar ans Fließband herangefahren, so weit, so gut, aber sie ist nicht so gestaltet, dass der Arbeiter, der mit ihr ernährt werden soll, gleichzeitig seine Maschine bedienen kann und somit die Pausen einzusparen wären.

Das ändert aber nichts an der herausragenden Stellung von „Moderne Zeiten“ und daran, dass der Film über achtzig Jahre nach seinem Entstehen, ein ganzes Menschenalter, nachdem Chaplin ihn erdacht hat, viele Aspekte unserer Wirklichkeit kommen sah und eine komplette Philosophie beinhaltet. Man erkennt, dass Chaplin mehr wollte als je zuvor, und dass es nicht leicht ist, einen solchen Film zu machen, aber das ist ihm geglückt, weil er die Perspektive des Kleinen Mannes trotz seines mittlerweile beachtlichen eigenen Vermögens immer wieder einzunehmen verstand. Ihm seinen Erfolg vorzuwerfen, wäre aber das Letzte, was ich hier tun würde, um „Moderne Zeiten“ zu diskreditieren, denn wieviel Freude hat er Millionen, Milliarden von Menschen mit seinen recht subversiven kleinen Filmen in den ersten Jahren bereitet? Menschen, die nie das Geld hatten, um sogenannte Hochkultur genießen zu können.

Ist Chaplin damit nicht ein Systemerhalter gewesen – Ablenkung für die Massen? Als Chaplin mit dem Filmen begann, 1913, herrschte Aufschwung in den USA, auch in den 1920ern, als einige weitere große Werke entstanden. „City Lights“ (1931) wurde zwar schon während der Weltwirtschaftskrise gedreht, aber reflektiert diese noch nicht als existenzielle Katastrophe – sehr wohl aber gibt es einen deutlichen sozialen Kommentar. 1935 jedoch, im sechsten Jahr der großen Depression, war augenfällig, wie das wirtschaftliberale kapitalistische System sichtbar versagte und durch die kluge, am Gemeinwohl orientierte Politik von F. D. Roosevelt gerettet wurde. Und durch den Zweiten Weltkrieg, welcher den USA einen Boom ohnegleichen bescherte, das darf man nicht vergessen. Es ist auch signifikant, dass Chaplin 1952, als die Republikaner an die Macht kamen und die Kommunistenhetze auf dem Höhepunkt war, aus dem Land geworfen wurde. Obwohl er kein Kommunist war. Alles, was man ihm diesbezüglich vorwarf oder andichtete, ist aber an „Moderne Zeiten“ ausgerichtet und sein Privatleben hat einigen Konservativen auch nie zugesagt.

Kann man den Film als klassenkämpferisch ansehen? Chaplin spielt auf wunderbare Weise damit, wie es ist, unversehens und im wörtlichen Sinn zum Anführer einer Arbeiterbewegung zu werden, wofür man auch längere Zeit einsitzen kann, soweit zu Chaplins Sicht auf die Meinungsfreiheit in den USA. Er hat ja nichts getan als die rote Fahne aufzunehmen und sie einer offenbar nicht genehmigten Demonstration versehentlich voranzutragen. Bemerkenswert finde ich das deswegen, weil 1935 die KP der USA nicht – mehr – verboten war und selbst während des McCarthyismus im Wesentlichen legal blieb.

Hat seine Festnahme – ein Running Gag im Verlauf des Films – wegen seiner vorgeblichen Demonstrationsbeteiligung eine legale Grundlage? Die Rechtslage in den USA war diesbezüglich ein wenig undurchsichtig, aber Anstiftung zum Aufruhr war in der Tat strafbar, vor allem direkt nach dem Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck der revolutionären Ereignisse in Europa.

Klassenkämpferisch wirkt aber vor allem die Gegenüberstellung der Fabrikarbeiter und ihres Chefs, der möglicherweise selbst gar nicht Eigentümer, sondern nur der Werksmanager der Fabrik ist, in der Charlie seine Brötchen verdient. Er bleibt übrigens nicht dort, bis die Fabrik geschlossen wird, sondern ist vorher schon das, was man heute berufsunfähig nennen würde, nämlich wegen seiner durch die Bandarbeit verursachten psychomotorischen Störungen nicht mehr in der Lage, seinen Job weiter auszuführen. Als dann dank Roosevelts New Deal-Politik die Fabrik wieder öffnet, fängt er alsgleich dort wieder an und hat sogar einen recht privilegierten Posten, weil er dem Meister der großen Maschine als Assistent zur Hand gehen darf. Dabei entstehen auch die für mich heute noch witzigsten Stellen des Films. Als die Maschine den Inhalt der viel zu großen Werkzeugkiste wieder ausspuckte, habe ich endlich befreit auflachen können. Das Maschinenmonster schmeißt die geradezu vorsintflutlich wirkenden, überflüssigen Kleingeräte einfach weg. Dass mir das zuvor nicht gelungen ist, liegt sicher auch an Eindrücken aus der heutigen Arbeitswelt. Da sind die Maschinen nämlich bei jedem Rationalisieurngsschub dabei, klarzumachen, wie überflüssig kleine Arbeitsmenschen wie Charlie sind.

Erfahrungen, die sich aber nicht am Band abspielten. Ich komme noch zur Relevanz des Films im 21. Jahrhundert. Nicht jede Ausbeutung gestaltet sich so monoton wie das, was wir in der Fabrik sehen, die Dinge herstellt, die niemand identifizieren kann – was darauf hinweist, dass nicht nur die Arbeitsmethoden fürchterlich sind, sondern auch der Nutzen der Produkte mehr als fragwürdig ist. Es gibt auch Ausbeutung in Berufen, die absolut notwendig für die Aufrechterhaltung einer zivilisierten Welt sind, zum Beispiel im Medizin- und Pflegebereich, die Welt der Konsumproduktion steht dabei nicht einmal im Vordergrund, denn es hat sich ja doch herausgestellt, dass man Fließbänder auch so einrichten kann, dass Menschen daran mehr als fünf Jahre arbeiten können, bis sie vollständig ausgelaugt sind – und zudem sind sie eine Aufwertung gegenüber dem, was Arbeiter im 19. Jahrhundert und zuvor tun mussten. Hochgefährliche und gesundheitsschädliche Tätigkeiten im Bergbau verrichten oder in der Stahlproduktion, an Webstühlen oder als Tagelöhner aller Art ihr Dasein fristen. Die Textilmanufakturen reichten bezüglich der Ausrichtung der Arbeit auch am dichtesten an die spätere Fließbandproduktion in der Automobilindustrie heran. Was wir in „Moderne Zeiten“ sehen, ist dem Modell des Taylorismus entnommen, das Henry Ford wesentlich vorantrieb.

Allerdings gewürzt durch mehr als eine Prise Orwell voraus und deutliche Anleihen an „Metropolis“ von Fritz Lang, was die Maschinen angeht und auch die Klassenkonstellation. Dass es am Ende bei Lang zu einer Versöhnung von Unter- und Oberwelt kommt, transzendiert Chaplin ins kleine persönliche Glück mit dem Mädchen, das er im Verlauf der Handlung kennenlernt; es ist Paulette Goddard, die Chaplin etwa zeitgleich mit dem Entstehen des Films heiratete und die ausnahmsweise nicht minderjährig war, wohl aber im Film eine Minderjährige darstellt.

Orwell voraus und Big Data auch. Einer der vielen unfassbar präzise antizipierten Aspekte des Films ist von George Orwell für sein „1984“ zwölf Jahre nach „Moderne Zeiten“ aufgegriffen worden, spiegelt sich auch in „Fahrenheit 451“, der 1966 verfilmt wurde – nämlich die Allüberwachung durch das System. Während ich hier sitze und eine Rezension schreibe, wird jedes Datum, das ich öffentlich preisgebe, möglicherweise und sofern ich interessant genug bin, für Zwecke genutzt, die ich nicht einmal im Entferntesten einschätzen kann. Da hat es Charlie noch gut, er geht in den Waschraum, gönnt sich eine Zigarette und der überdimensionale, aber immerhin als Mensch erkennbare Chef belfert los, dass die Arbeitszeit nicht zum Faulenzen da ist. Herrlich, wie dieser riesige Bildschirm aufleuchtet mit dem riesigen Chefgesicht und der kleine Charlie, das schwarze Schaf, sich beinahe zu Tode erschrickt und zurück zum Band rennt – um dort erst richtig subversiv zu werden und sich einen Spaß daraus zu machen, wie alle unter Stress stehen. Ein Verzweiflungsakt wohl auch, aber ein ganz reizender. Wir sind längst über Orwell und „Moderne Zeiten“ hinaus, der Zugriff erfolgt nicht so direkt, wir brauchen keine Kameras in den Wohnungen, weil wir uns freiwillig datentechnisch selbst ausbeuten. Wie die Herde der weißen Schafe, die sich freiwillig zu solcher Arbeit bereitfinden.

Weil es keine andere gibt. Da gibt es in der Tat einen kritischen Punkt in „Moderne Zeiten“. Als nämlich die Fabrik wieder in Gang kommt, wird kurz darauf bereits gestreikt und Charlie bedauert das sehr, denn der Druckposten, den er sich mittlerweile, sicher auch aufgrund des netten Briefes vom netten Gefängnisdirektor, organisieren konnte, der war für seine, des kleinen Tramp-Arbeiters Verhältnisse, der Himmel auf Erden. Der Meister ist immer sauer auf ihn, aber wird Charlie deshalb entlassen? Nein. Da wird der Film dann ambivalent, denn wir erfahren nicht, wofür oder wogegen die Arbeiter streiken. Es erscheint uns zunächst und auf der Ebene der Intuition widersinnig, dass Menschen, die jahrelang keinen Job hatten, sich nach ein paar Tagen oder Stunden wieder auf die Socken machen, um gegen irgendetwas zu demonstrieren, das mit ihrer Arbeit zu tun hat. In dem Moment vergessen wir als Zuschauer möglicherweise, dass die Bedingungen am Arbeitsplatz immer noch miserabel sind, der Akkord, der vom Chef willkürlich ins Irrwitzige übersteigert wird, nicht zu schaffen, und dass womöglich die Wirtschaftskrise auch die Menschen so gefügig gemacht hat, dass sie erst einmal zu jeder Bedingung Arbeit annehmen – um sich dann zu organisieren und gegen diese Bedingungen anzugehen. Eigentlich ist das sehr logisch, zumindest, wenn die Leute nicht wegen des Streikens gleich wieder entlassen werden durften, denn vor dem Fabriktor, das haben wir gesehen, warten unzählige weitere Jobsuchende auf eine Chance. So,wie heute die Maschinen und die billigen Arbeitskräfte an den Werkbänken der Welt darauf warten, Arbeitnehmer*innenrechte niederzukämpfen.

Hat Chaplin mit dem Streikszenario die Arbeiterklasse verraten. In der BRD durfte der Film erst 1956 aufgeführt werden, als das Gröbste überstanden war. In der DDR aber erst 1978. Warum, habe ich mich gefragt, wo er doch so klar Stellung gegen entwürdigende Produktionsmethoden, gegen die Klassengesellschaft, gegen Staatsrepression bezieht. Mithin gegen den Kapitalismus.

Eine Interpretationsmöglichkeit ist die, dass der industrielle Prozess als solcher hier infrage gestellt wird, nicht nur die Art, wie Kapitalagglomeration stattfindet. Die Maschinen als Fetisch sehen wir heute nicht nur als längst überholt, sondern auch als Sinnbild der Bedrohung der Arbeit an sich. Das war aber in der DDR und schon gar in der Phase der SU, in welcher die Schwerindustrie stark gefördert wurde, nicht Stand der Dinge. Nicht die Arbeit an sich, sondern wem sie dient, wurde diskutiert. Mit dem bekannten Effekt, dass der Staatssozialismus nie die Effizienz des Privatkapitalismus erreicht hat – zumindest war das einer von vielen Gründen. 

Zu einer modernen linken Auffassung muss auch gehören, über die Arbeit selbst und ihre Struktur neu nachzudenken, was sinnvolle Arbeit ist und was man lassen kann, was Maschinen eh besser können und wofür sie deshalb auch besteuert werden müssen, wie menschliche Arbeitskräfte. In „Moderne Zeiten“ sehen wir ein sehr ungünstiges Zusammenwirken von Mensch und Maschine. Oben sitzt ein Mensch, dem gehören alle Maschinen. Diese selbst sind viel mächtiger als die Arbeiter, die an ihnen arbeiten, geben ihnen den Pulsschlag vor, können sie auffressen und wieder ausspucken, und wer von ihnen ausgespuckt wird, der ist nicht etwa frei, sondern läuft Gefahr, nicht mehr gebraucht zu werden. Das frisst sich mittlerweile bis in die Dienstleistungsgesellschaft, aber die Maschinen als solche sind sehr wohl hilfreich und es gibt keinen Konflikt zwischen ihnen und den Menschen, die sie bedienen und sie doch immerhin auch noch beherrschen. Wir haben die industrielle Phase eben weitgehend hinter uns gelassen und Maschinen und Menschen haben auf eine individuelle Art zueinander gefunden, die im Zeitalter von „Moderne Zeiten“ gar nicht denkbar war. Ob das mehr Freiheit gewährt, ist eine andere Frage, aber das kleine indviduelle Glück, das Charlie am Ende erlebt, obwohl alles schief läuft, scheint uns heute näher, weil wir nicht mehr so vordergründig in Massen dastehen, nicht mehr in einem abstrakt wirkenden Produktionsvorgang alle immer nur denselben Handgriff ausführen, in Charlies Fall das Festziehen von zwei großen Schraubenmuttern.

Ist es da nicht sinnvoller, die Kuh im Garten zu haben und sie selbst zu melken, wenn man Milch braucht, als wenn ein Milchkombinat dazwischengeschaltet ist? Wir wissen aber, es ist ein Traum, eine Vision, die Charlie da entwirft, offenbar haben das einige Kritiker übersehen. Ein naives Lebensmodell des kleinen, schwarzen Schafes, nicht dessen Wirklichkeit in einer arbeitsteiligen Welt.

Die Staatsrepression. In „Moderne Zeiten“ wirkt so vieles zusammen, fast wie Mensch und perfekt an ihn angepasste Maschine. Ein kleiner Scherz. Chaplin, und das ist sein Recht, nimmt alles, was ihn als Tramp ausgezeichnet hat und seine Stellung gegenüber den Ordnungsmächten, ins Arbeiterleben und Arbeitslosenleben mit und lässt die Staatsgewalt als willkürlich und bedrohlich erscheinen. Das hat er vom Beginn seiner Filmkarriere an getan, das ist auch seinem persönlichen Hintergrund als Hinterhofkind im englischen Prekariat geschuldet, nebst der Tatsache, dass die Engländer generell einen subversiven, oft sehr humorigen Blick auf den Staat haben. Man vergleiche die dummen und bösartigen Polizisten in Chaplin-Filmen mit den vielen dummen und dadurch den Helden des Films in Schwierigkeiten bringenden Polizisten in Alfred Hitchcocks Filmen, dann weiß man schon einiges. Damit sollen nicht die Menschen, die einen ordnungswahrenden Beruf ausüben, durch den Kakao gezogen werden, sondern alles, was sich zwischen der Ohnmacht der einfachen Menschen und der Macht abspielt, und wer würde es als einfacher Mensch nicht gerne sehen, dass die Macht zwar mächtig, aber auch mächtig blöd ist? Das ist eine der schönsten Formen von Comic Relief, hat kathartische Wirkung, wenn wir über diejenigen lachen dürfen, die uns so viele Scherereien machen können, ohne dass wir in der Lage sind, auf Gleich und angemessen zu antworten.

Bitter, nicht mehr komisch, ist das natürlich dann, wenn ausgerechnet die Jugendfürsorge dafür sorgt, dass Charlie und seine neue Liebe ihre Jobs in dem Event-Café verlieren, in dem sie tanzen, singen und mit den Gästen fröhlich sein dürfen, dass sie wieder auf Wanderschaft gehen müssen, beim Träumen gestört durch – wen wohl, einen Polizisten, einen großen Kerl in bedrohlicher dunkler Uniform. Der Künstler Chaplin nimmt übrigens bei der Gelegenheit, während der Höhepunkt-Sequenz im Tanzlokal, auf mehrfache Weise Bezug auf sich selbst: Als Mensch in einem Alltagsjob wie dem des Kellners, das spürt er, wäre er ungeeignet, die meisten Dinge kann er nicht, zum Ausgleich ist er mit einem einzigen, überragenden Talent gesegnet: Das des pantomimischen Clowns. Deswegen auch meine zweite Lieblingssequenz in dem Film, die mit der Unmöglichkeit beginnt, eine Ente an den hungrigen Gast zu bringen und mit dem herrlichen Nonsens-Lied von Charlie endet, in dem man meint zu verstehen, worum es geht, aber im Grunde hat man keine Ahnung – oder nur deshalb, weil zuvor ein Ausschnitt des Liedtextes eingeübt werden soll, der nachher aber davonfliegt. Da übt Chaplin übrigens schon für seine weltberühmte „Schtonk!“-Rede in „Der große Diktator“. Lautmalerische Worte, die uns eine Ahnung geben, um was es geht, ohne dass sie einer echten Sprache entspringen und für irgendwen daher komplett verständlich sein können.

Finale

Für mich gehört „Modern Times“ zu den Hauptwerken des Arbeiterkinos, weil ich die Zugehörigkeit undogmatisch betrachtet. Nicht die Partei steht im Vordergrund, auch wenn ihre Existenz angedeutet wird, sondern letztlich das Schicksal eines Menschen und dann eines Paares – am Ende eben eines Paares, deshalb ist das Ende hoffnungsvoll, und nur deshalb. Ein ebenso einfacher wie wirksamer Trick, eine gekonnte Variation der Chaplin-Endings.

Denn wer dient letztlich wem? Die Politik dem Menschen oder umgekehrt? Jeder, der nicht zu den Hochprivilegierten zählt, würde im Moment wohl sagen: Was wohl? Genau. Wir sind, alles über alles betrachtet, in jenen „Modernen Zeiten“ zugange, die Chaplin in der Tat anklagt. Aber das Ziel muss eben immer bleiben, die Politik dem Menschen dienlich zu machen. Allerdings denke ich dann auch immer wieder an „Animal Farm“ und ob es dem Menschen überhaupt möglich ist, sich zu verändern, dass er am Ende Gleicher unter Gleichen ist und nichts dabei vermisst. Ist es nur unsere Prägung in wettbewerbsorientierten Systemen oder sind diese Systeme doch Ausdruck unserer grundlegenden Disposition? Chaplin beantwortet diese Frage klugerweise nicht, sondern stellt sich als Einzelmensch außerhalb der Norm und erregt damit das Misstrauen aller, die sehr in Normen und Kategorien denken; seien es kapitalistische oder vorgeblich soialistische Normen. Kein Wunder, dass er in der Schweiz ansässig wurde, nachdem er endlich mit Oona O’Neill zur Ruhe kam.

96/100

Aktuell ist „Moderne Zeiten“ auf Platz 39 der besten Filme aller Zeiten in der „IMDb Top 250“ gelistet und damit der am höchsten bewertete Filme, über den ich bisher fürs Filmfest geschrieben habe.

IMDb-Wertung 8,5/10 (Platz 39)

© 2020 (Entwurf 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke)

Regie Charlie Chaplin
Drehbuch Charlie Chaplin
Produktion Charlie Chaplin
Musik Charlie Chaplin
Kamera Roland Totheroh,
Ira Morgan
Schnitt Charlie Chaplin
Besetzung

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