Betrogen (The Beguiled, USA 1971) #Filmfest 273

Filmfest 273 A

2020-08-14 Filmfest AEin Ausflug ins Kostümkino mit Eastwood & Siegel

Betrogen (Originaltitel: The Beguiled) ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Don Siegel aus dem Jahr 1971. Das Drehbuch von Albert Maltz basiert auf dem Buch A Painted Devil von Thomas P. Cullinan. (1)

Das Buch erschien 1966, der Film fünf Jahre später. Clint Eastwood unternimmt einen Ausflug in die von Hollywood sehr geliebte Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) und trifft auf einer Plantage, die in ein Internat umgewandelt wurde, auf viele, überwiegend junge bis sehr junge Frauen und Mädchen. Zustände wie im Paradies? Dies und anderes wird in der -> Rezension aufgeklärt.

Handlung (1)

Die Handlung ist im Sezessionskrieg (1861–65) angesiedelt: John McBurney, Corporal der United States Army, wird mitten im Feindesland schwer verwundet. Die zwölfjährige Amelia findet ihn und bringt ihn in ein Mädchenpensionat. Die Internatsfrauen nehmen sich seiner Pflege an, ohne den Soldaten der Confederate States Army Bescheid zu geben, dass sie einen feindlichen Soldaten beherbergen. Die 17-jährige Carol verfällt McBurneys Charme und lädt ihn ein, in der Nacht ihr Zimmer aufzusuchen. Als Carol bemerkt, dass McBurney auch der älteren Edwina seine Liebe gesteht, wird sie eifersüchtig und bindet ein blaues Tuch an das Tor – als Zeichen dafür, dass sich ein Soldat der Unionsarmee auf dem Internatsgelände befindet. Eine Patrouille stellt daraufhin McBurney. Die dazukommende Leiterin des Internats, Martha Farnsworth, behauptet, McBurney sei ihr Cousin aus Texas, und die Soldaten ziehen unverrichteter Dinge wieder ab.

Martha unterbreitet McBurney den Vorschlag, dauerhaft zu bleiben, um die angrenzende Farm zu bewirtschaften und somit den Platz ihres verschollenen Bruders einzunehmen. McBurney küsst sie, geht dann aber in Carols Zimmer und schläft mit ihr. Edwina hört Geräusche aus dem Zimmer und findet McBurney in Carols Bett vor. In ihrer Wut stürzt sie McBurney die Treppe hinunter, der bewusstlos liegen bleibt. Martha konstatiert ein gebrochenes Bein und sieht sich gezwungen, es zu amputieren. Am nächsten Morgen wacht McBurney auf und erfährt, dass er nur noch ein Bein hat. Er gerät in Rage und wirft Martha vor, sein Bein nur amputiert zu haben, weil er nicht mit ihr geschlafen habe. Carol beteuert, dass sie ihn noch immer liebe, und schließt für ihn die Tür auf. McBurney bemächtigt sich einer Pistole und bedroht die Internatsleiterin und ihre Schülerinnen. Sollte Martha den Soldaten über ihn Bescheid geben, würde er sie bloßstellen.

Martha bittet Amelia, giftige Pilze für das Abendessen zu suchen. Beim Essen entschuldigt sich McBurney bei Martha und eröffnet seinen Entschluss, mit Edwina fortzugehen und sie zu heiraten. Nichts ahnend isst er von den Pilzen und gibt sie an Edwina weiter, die ebenfalls nicht eingeweiht ist. Als sie im Begriff ist, auch von den Pilzen zu essen, sieht sich Martha gezwungen, das Komplott aufzulösen. McBurney taumelt und bricht tot zusammen. In der letzten Einstellung bereiten Martha und ihre Schülerinnen das Begräbnis vor.

Rezension

In ihrer dritten Zusammenarbeit nach „Coogans großer Bluff“ und „Ein Fressen für die Geier“ haben Don Siegel und Clint Eastwood also einen Kostümfilm gemacht. Im Grunde sind Bürgerkriegsfilme ein eigenes Genre oder wenigstens ein Subgenre vieler anderer wie Melodram und eben Kriegsfilm mit Verbindung zum Western, weil es viele arme Sklavenhalter, die ihre Plantage mit für Geld arbeitenden Menschen nicht halten konnten, in den Westen verschlug, wo sie dann als romantische Männer mit Vergangenheit an der inneren Versöhnung der USA mitwirken durften. Zumindest nach Hollywood-Lesart und in diesem Satz bereits mit Kommentierung meinerseits. „Ein Fressen für die Geier“ war ein Western, aber eine humoristische Version und die berühmteste Kooperation von Eastwood, der vom Italo-Western kam mit Don Siegel sollte das Nachfolgeprojekt von „Betrogen“ werden: „Dirty Harry“, ein Copthriller.

Und wie macht Eastwood sich nun auf einer Südstaatenplantage unter lauter Frauen? Die zu Beginn der 1970er modischen fülligen Haare, die Eastwood in allen seinen damaligen Filmen hatte, passen schon mal zu einem Soldaten, bei dessen Truppe wohl kein Friseur war und der Bart natürlich auch. Und Gott hat die Bärte wirklich gemacht, damit sie getragen werden, nicht, damit Männergesichter aussehen wie Kinderpopos. Seit einigen Jahren berücksichtige ich dies auch etwas mehr, ähnlich wie viele Hipster in meiner Umgebung. Die Damen im Plantagen-Internat stellen fest: Clint kommt auch ohne Haare im Gesicht ganz gut. Die Diskussion darüber, wie wild Menschen, die einer technisch hochstehenden Zivilisation angehören, aussehen dürfen, war Anfang der 1970er in vollem Gange, das merkt man dem Film an.

Aber wie alles, was wir sehen, ist diese Diskussion eingewoben in einen Film, der sehr vielschichtig ist und für mich die interessanteste der Siegel-Eastwood-Produktionen, auch wenn man „Dirty Harry“ zurechnet, dass er stilprägend für den modernen Polizeifilm war. Mich hat fasziniert, wie viele Untertöne und durchaus interpretationsfähige Elemente „Betrogen“ enthält. Vermutlich liegt das an der Buchvorlage, die man gut in den Film übertragen konnte. Das Drehbuch stammt von Albert Maltz und diese Urheberschaft weist darauf hin, dass man etwas genauer sein sollte, beim Lesen des Subtexts von „Betrogen“. Maltz hatte schon für „Ein Fressen für die Geier“ das Skript verfasst und er zählt zu den „Hollywood Ten“, die wegen ihrer linken Ausrichtung die zentralen Hassfiguren für die Kommunistenjäger Ende der 1940er, Anfang der 1950er wurden. Maltz musste sogar eine Gefängnisstrafe verbüßen und ging anschließend ins mexikanische Exil. Erst in den späten 1960ern arbeitet er wieder häufiger und unter eigenem Namen. Außerdem hat mit Irene Kamp auch eine Frau am Drehbuch mitgearbeitet. Ein feministischer Film ist „Betrogen“ deshalb noch lange nicht, aber er ist m. E. auch nicht so sehr ein Macho-Movie wie andere Eastwood-Streifen, insbesondere aus seiner frühen Zeit.

Er gibt zwar durchaus einen Macho, weil er nun einmal der Typ ist und in jenen Jahren schauspielerisch nicht so flexibel war, dass er das genaue Gegenteil darstellen konnte, aber da sind Strömungen zu beachten: Dass er aus einer Quäker-Familie stammt und Sanitäts-Soldat war, dass er sich tatsächlich verliebt, in die Sanfteste unter den Internatslehrerinnen. Auf der anderen Seite: Es ist deutlich erkennbar, dass er – heute würde man sagen, stark „unterfickt“ ist, also lange Zeit keine Frau mehr hatte. Weil die romantische Liebe mit der zarten Edwina sich nicht sofort erfüllen kann, knallt er eine liebestolle 17-jährige Schülerin, obwohl sie unter allen Insassinnen der Mädchenschule den fiesesten Charakter hat und er weiß, wie gefährlich sie ist, weil sie ihn wegen einer vorherigen Zurückweisung an die Südstaatler ausliefern wollte. Weiterhin interessieren sich die Internatsleiterin und das 12-jährige Mädchen für ihn, das ihn nahe dem Anwesen in schwerverletztem Zustand gefunden hat. Er küsst sie anfangs sogar auf den Mund und macht sie dadurch zum Groupie.

Das Szenario wirkt psychologisch ebenso stimmig wie plotseitig stark konstruiert oder modellhaft. Ob sich derlei jemals ereignet hat, weiß ich nicht, aber viele Erzählungen aus dem Bürgerkrieg belegen, wie die moralischen Grundsätze in jenen Jahren verloren gingen und wie die feudale Welt dieser Zeit zusammenbrach und dadurch wohl auch ein gewaltiger Triebstau aufgelöst wurde. Es ist anstrengend, in diesem Sumpfblütenklima immer so zu tun, als sei man nur gentleman- oder ladylike, während draußen auf den Feldern die Sklaven schuften und schwitzen.

Eine Haussklavin namens Hattie gib es in dem Film auch, sie wird aber, anders als im klassischen Hollywood, als eine der klügsten Personen mit dem meisten Überblick dargestellt, jung und hübsch ist sie ebenfalls – und es kommt zwischen ihr und dem Soldaten nicht zur offenen Anmache. Ob das 1971 noch nicht möglich war, so etwas zu zeigen? Kommt darauf an. Mit „Rat mal, wer zum Essen kommt“, wurde 1967 der erste Film gemacht, der eine Lanze für „Mischehen“ brechen wollte, aber mit diesem Südstaatenszenario von „Betrogen“ hat man ohnehin ein wenig die Decke der geschönten Narrative über den großen alten Süden weggezogen, da wollte man nicht auch noch zeigen, wie ein nordamerikanischer Soldat sich an eine Sklavin heranmacht, denn vorgeblich kam der Krieg ja zustande, weil die Sklaven befreit werden sollten. Das schließt auch eine asymmetrische sexuelle Beziehung aus, oder etwa nicht? So kann man es deuten, aber auch im Zusammenhang mit Rassismus gibt es etwas, das nicht verschwiegen werden sollte: Im Buch ist die Lehrerin Edwina eine „mixed Person“, im Film ist sie die weißeste von allen. Die Literatur konnte stets progressiver sein als der Film, weil sie kaum zensiert wurde, aber man hat sich demnach nicht getraut, eine romantische Liebe zwischen dem Typ in blauer Uniform und einer PoC zu zeigen. Inwiefern das eher konservative Gepräge der Siegel-Eastwood-Teamings dabei eine Rolle spielt und wie modern man sein konnte, ohne dass es im Süden zu Proteste kommen würde, ist Sachfrage.

Denn andererseits ist „Betrogen“ ganz „New Hollywood“. Die Art, wie die Menschen gezeigt werden, ist viel näher am kritischen Kino der 1970er als an traditioneller Filmkunst aus Tinseltown. Optisch, verbal, handlungsseitig ist der Film eigentlich nur deshalb nicht mehr zeitgemäß, weil ab den 1980ern wieder der Schleier der Romantisierung und später auch eine die Zustände im 19. Jahrhundert verfälschende Political Correctness über allem ausgebreitet wurde – zum Beispiel in der Form, dass PoC in Filmen wesentlich mehr herausgehoben wurden, als dies in der damaligen Wirklichkeit der Fall war. Dass dies eher verlogen im Sinne eines vorgeblich guten Zweckes wirkt als die rüden Darstellungen, die man in den 1970ern manchmal sah und als die offene Diskriminierung Nichtweißer im „alten“ Hollywood, ist leider eine der Wahrheiten unserer Zeit. 

Am Ende wird der Soldat tatsächlich mit Pilzen vergiftet (lieber Gruß an eine meiner Schreibkolleginnen) und das, obwohl er gerade klarstellte, dass er das Haus mit der Sanftmütigen zusammen verlassen wollte, anstatt alle weiter zu terrorisieren. Da stand die Henkersmahlzeit in Form des Pilzgerichts aber schon auf dem Tisch und die Internatsleiterin brachte es nicht über sich, den Mann zu warnen. Ja, auch deshalb: Weil er mit der anderen das Haus verlassen wollte. Denn wegen seiner Annäherung an gleich zwei andere Frauen hatte sie ihm ein Bein abgesägt, woraufhin er richtig ungut wurde. Seine Behauptung, sie habe es aus Rache getan, nicht, weil seine Sturzverletzungen nichts anderes zuließen (mangels professioneller ärztlicher Hilfe vor Ort, der Soldat war ja versteckt worden wie ein Verbrecher), ist nicht abwegig, die andere Variante aber ebenso möglich. Das mag ich an Filmen aus jener Zeit, sie ließen bestimmte Dinge im Vagen, um desto eindeutiger das zeigen zu können, was sie beabsichtigten.

Das Verstecken eines Verbrehers und das Entfernen einer Kugel durch wen auch immer ist ein Grundmotiv des US-Gangsterfilms, auch des Westerns, in dem oft ebenfalls keine Fachhilfe möglich ist und mancher Held, wie etwa John Wayne, sich das Projektil selbst herausschneiden musste. Autsch! Habe ich schon erwähnt, dass ich kein Blut sehen kann und mir richtig flau wurde, als Martha die Säge führte? Obwohl man das wie im expressionistischen Film nur als Schattenwurf an der Wand gezeigt hat. Ich glaube, ich habe sogar geschrieen und wollte mich unters Sofa verkriechen. Deswegen hier etwas Beruhigendes: Slasher-Movies werden im Wahlberliner vermutlich niemals rezensiert werden.

Aber der Film ist auch abgesehen von „rausschneiden oder Amputation?“ eine Fundgrube von Motiven, die wir aus vielen anderen Darstellungen kennen. Der Mann unter Frauen, die sexuelle Aufladung, der Zusammenbruch der Zivilisation, die Rache, die nicht in Form von Blutwurst, sondern von Pilzen ausgeübt wird, der Versuch, jemanden mit materiellen Versprechen, also auf die kapitalistische Art zu binden, die im Kino selten funktioniert, was eine weitere Abweichung von der Realität darstellt. Der Süden und der Norden, der Letzteren erobert, natürlich. Wie eine Vergewaltigung sieht es in „Betrogen“ aber nicht gerade aus.

Finale

Gerade, weil hier ein Typ wie Clint Eastwood die männliche Hauptrolle innehat, ist der Film so hintergründig und stellenweise sogar schwarzhumorig. Hätte man stattdessen Robert Redford genommen, hätte niemals dieses Flirrende zustande kommen können, das auf die rohe Männlichkeit des Soldaten angewiesen ist, ohne dass er den Frauen nachstellt und dennoch war es nicht notwendig, ihn als besonders moralisch hochstehend zu zeigen, das lassen Eastwoods Mimik und seine verquetschte Art zu sprechen schon nicht zu, die noch deutlich von seinen Darstellungen des Kopfgeldjägers ohne Namen in den Sergio-Leone-Italowestern geprägt ist bzw. dort sehr gut ankam. Im Jahr 2017 hat Sophia Coppola eine Neuverfilmung aus Frauensicht gedreht, die nach Meinung von Kritikern aber nicht so recht geglückt ist und zu idealisiert wirkt.

77/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie Don Siegel
Drehbuch Albert Maltz,
Irene Kamp
Produktion Don Siegel
Musik Lalo Schifrin
Kamera Bruce Surtees
Schnitt Carl Pingitore
Besetzung

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