Die große Illusion (La grande illusion, FR 1937) | 5 Empfehlungen | #Filmfest 279 #Top250

Filmfest 279 B "Concept IMDb Top 250 of All Time" (30)

2020-10-08 Filmfest BDie große Illusion ist ein französischer Kriegsfilm von Jean Renoir aus dem Jahr 1937. Er gilt als eines der großen Meisterwerke der Filmgeschichte. (1)

So ungewöhnlich kurz die Einleitung der Wikipedia. Wir sind weiterhin unterwegs in den „Top 250“ der IMDb und den Filmen, die über nunmehr fast 25 Jahre hinweg in dieser berühmten Liste enthalten waren. Aber es gab eine Überraschung, deshalb läuft der Film auch bis zu einer wohl notwendigen Neusichtung unter „Filmfest B“ mit Empfehlungen. Mehr dazu unterhalb der -> Handlung.

Handlung

Erster Weltkrieg: Der französische Jagdflieger Maréchal und der Stabsoffizier de Boeldieu werden auf einem Aufklärungsflug von dem deutschen Jagdflieger Rittmeister von Rauffenstein abgeschossen und geraten in Kriegsgefangenschaft auf dessen Fliegerhorst. Im ersten Gefangenenlager beteiligen sie sich am heimlichen Bau eines unterirdischen Tunnels. Dabei lernen sie Rosenthal kennen, der die Gruppe mit köstlichen Konserven versorgt, die seine wohlhabenden Verwandten ihm schicken. Sie üben eine Farce im Boulevardstil ein; als während der Aufführung die Nachricht eintrifft, Fort Douaumont sei zurückerobert, stimmt Maréchal die Marseillaise an und wird dafür mit Einzelhaft bestraft. Die Isolation in der Zelle lässt ihn fast den Verstand verlieren.

Boeldieu, Maréchal und Rosenthal werden verlegt, bevor sie den Tunnel nutzen können. Nach etlichen weiteren Lagern und Fluchtversuchen werden sie und weitere Gefangene in eine als ausbruchssicher geltende süddeutsche Festung verbracht. Rauffenstein, der inzwischen selbst abgeschossen und schwer verwundet wurde, fungiert als Kommandant des Gefangenenlagers – was der alte Kämpfer als Demütigung empfindet. Zwischen Boeldieu und Rauffenstein entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. In ausgedehnten Gesprächen beklagt Rauffenstein das Ende der alten, von ihm als glanzvoll verklärten Zeiten, während Boeldieu sich auf die Zukunft einzustellen versucht.

Ein erneuter Ausbruchsversuch erfolgt arbeitsteilig: Maréchal und Rosenthal sollen sich abseilen, während Boeldieu, auf einer Piccoloflöte spielend und in den Felsen umherkletternd, die Wachmannschaften und Rauffenstein ablenkt. Rauffenstein, der Boeldieus Verhalten als Fluchtversuch fehlinterpretiert, zielt auf dessen Knie, trifft ihn aber im Bauch. Als er von der Flucht der beiden Franzosen erfährt, versteht er Boeldieus Verhalten. Dieser stirbt kurz darauf, betrauert von seinem ritterlichen Freund, der sich den Todesschuss nicht verzeihen kann. Maréchal und Rosenthal gelingt die Flucht, und sie finden Unterschlupf bei einer deutschen Bäuerin, deren Mann im Krieg gefallen ist. Die beiden erholen sich bei der Bäuerin und ihrer kleinen Tochter von den Strapazen der Flucht. Maréchal und die Bäuerin verlieben sich ineinander. Maréchal verspricht ihr, nach dem Krieg zurückzukommen und sie zu sich nach Frankreich zu holen. Eine Grenzpatrouille spürt die beiden erst auf, als sie über die Grenze in die sichere Schweiz entkommen sind. Eine einzige abgefeuerte Salve trifft sie nicht.

Anmerkungen / Empfehlungen

Dass ich den Film kenne, ist sehr klar – aber dass ich keine Rezension dazu geschrieben habe, war schon mehr ein Schock als eine Überraschung. So schwierig? Es gibt weitere Schleifspuren voraus, weil wir uns auf die 1940er zubewegen: Auch von Hitchcocks Filmen „Eine Dame verschwindet“ und sogar über „Rebecca“ habe ich nichts gefunden. Jahrelang hatte ich das Vorhaben mit mir herumgeschleppt, eine Kritik zu „Der große Diktator“ von Charles Chaplin zu schreiben, das ist mir bewusst, es dann aber doch getan.

„Die große Illusion“ ist sicher nicht einfach, durchaus interpretationsfähig, aber weder sehr kryptisch noch politisch so geraten, dass ich mich schwertun müsste, darüber etwas zu verfassen. Trotzdem habe ich ihn jetzt zur Neusichtung vormerken müssen und das ist ärgerlich, denn eines ist er nicht: Ein Werk, das ich mir aus reiner Freude immer wieder anschauen möchte. Dafür ist das Thema zu schwierig und zu sehr ist es bedauerlich, dass die Klassensolidarität, die immerhin als möglich angesehen wird, heutzutage ziemlich in Scherben liegt, dass man aus dem Ersten Weltkrieg zu wenig gelernt hat, obwohl seine Folgen so dramatisch waren. In der Wikipedia sind drei Interpretationslinien zum Titel aufgezeigt:

  • Die Teilnehmer des Ersten Weltkriegs hatten die Illusion, der Krieg sei bald zu Ende, es werde bald wieder Friede sein; diese Illusion wird von den Protagonisten des Films geteilt.
  • Viele glaubten auch, nach diesem Krieg werde es keinen anderen mehr geben: 1937, als Renoir den Film drehte, gab es aber bereits Anzeichen für eine Gefährdung des Weltfriedens.
  • Es könnte aber auch die Illusion gemeint sein, dass nicht nur die Nationen, sondern auch die gesellschaftlichen Klassen sich, wie der Film es als möglich aufzeigt, miteinander versöhnen.

Warum nicht alle drei nehmen? Ganz sicher ist „Die große Illusion“ mehrdeutig und eine zerstörte Illusion ist so traurig wie die andere. Ebenfalls ist sicher: Im Zeichen des Kapitalismus kann es keine Klassenversöhnung geben, es wird aber auch sehr schwierig, wenigstens die ausgebeutete Klasse über die Nationalgrenzen hinaus zusammenzuschweißen. Seltsam, in einer Zeit, in der jeder sein eigener Beobachter in der unendlichen Vielfalt eines jedermann zugänglichen Medienangebots sein kann. Oder doch nicht? Ich werde die Gelegenheit wahrnehmen, den Film noch einmal anzuschauen, jetzt geht es nur um die Empfehlungen, folgend dem Kritikerspiegel der Wikipedia:

„Humanitäres Pathos und Verständigungsappell über die sich abzeichnenden politischen Fronten hinweg sprachen aus ‚La grande illusion‘ … Der soziale Blick Renoirs bewies sich im Hervorheben der ‚Klassenfronten‘ innerhalb einer Armee. Der pazifistisch angelegte Film wird indessen in ein zweideutiges Licht gerückt durch die sentimental verklärende Zeichnung des deutschen Offiziers als Repräsentant einer untergehenden Aristokratie.“– Ulrich Gregor, Enno Patalas: Geschichte des Films

„La Grande Illusion ist auch ein Abgesang auf das Ancien régime. Renoirs Auseinandersetzung mit der Aristokratie erschöpft sich aber keineswegs in einer flachen Standessatire. Er verleiht den adeligen Protagonisten eine Würde, die berührt, und eine Klarsicht, die vorbildlich ist. Beide, von Rauffenstein und Boeldieu, wissen, dass ihre Zeit abgelaufen ist.“ – Karl Prümm[3]

„Über die Darstellung des Lebens in der Gefangenschaft gelingt Jean Renoir in seinem Meisterwerk eine Interpretation von Klassenverhältnissen, die den Menschen psychologisch auch für den Krieg konditionieren.“ – Lexikon des Internationalen Films

„Der meistverbotene Film, ‚Die Große Illusion‘: Historisch, aber nicht veraltet. Gerade der Kontrast von damals zu heute zeigt: wie die Verrohung mit jedem neuen Krieg wächst … Jede Kleinigkeit, jedes halbe Wort, jeder scheinbar zufällige Blickwinkel der Kamera ist bedeutsam, ohne deshalb mit Symbolträchtigkeit überladen zu sein … Es ist durchaus nicht abzusehen, wann und von wem er das nächste Mal verboten werden wird.“ – Gunter Groll: In: Magie des Films, Süddeutscher Verlag München, 1953, S. 47 ff.

„Die Stärke des für Völkerversöhnung eintretenden Films liegt in der Behutsamkeit der Darstellung und in der menschlichen Glaubwürdigkeit seiner Gestalten. Es ist interessant, daß dieser Film zunächst in Deutschland und Italien und bei Kriegsausbruch 1939 auch in Frankreich und anderen alliierten Ländern verboten war.“ – Evangelischer Filmbeobachter[4]

 IMDb-Wertung: 8,1/10 (nicht mehr platziert in der Top-250-Liste)

Die Bewertung ist grundsätzlich hoch genug, viele Filme mit 8,1/10 sind aktuell enthalten, aber der Median dürfte knapp unter der Einstiegsschwelle liegen.

TH

(1) Alle kursiven Textteile = Wikipedia

Regie Jean Renoir
Drehbuch Jean Renoir
Charles Spaak
Produktion Albert Pinkovitch
Frank Rollmer
Musik Joseph Kosma
Kamera Christian Matras
Schnitt Marthe Huguet
Marguerite Renoir
Besetzung

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