Brüder – Tatort 354 #Crimetime 856 #Tatort #Düsseldorf #Flemming #Koch #WDR #Brüder #Brueder

Crimetime 856 - Titelfoto © WDR, Bischoff

Holland mit dem Boot

So steht es auf einer Broschüre zu lesen, die Kommissar Bernd Flemming auch mitten im Stress einer Mordermittelung nicht verschmäht. Denn nach dem Ende seiner Dienstzeit will er genau das tun: Mit seinem Kahn auf den Grachten schippern. Und sein Bruder Karl, der in die Politik gegangen ist? Er müsste eigentlich das Gleiche vorhaben. Warum und vieles mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia, 1. / 2. Abschnitt)

Die junge Mitarbeiterin Birgit Laufer des Spitzenkandidaten der „Bürgerpartei“, Karl Flemming, Bruder des Kriminalhauptkommissars Bernd Flemming, lässt ihren Chef, mit dem sie ein heimliches Verhältnis hat, verärgert stehen und fährt mit der Limousine ihres Chefs davon. Kurz darauf wird sie von einem Unbekannten im Wagen erschossen. Bernd Flemming, der sich bereits auf seinen Ruhestand vorbereitet, und Miriam Koch werden zum Tatort gerufen, den Beamten fällt auf, dass der Fahrersitz nicht auf die Größe der Frau eingestellt war und sie folglich spontan das Steuer übernommen haben muss. Birgits Freund Harry Moll reagiert schockiert auf die Todesnachricht, er kann sich nicht vorstellen, was seine Freundin in einer noblen Gegend am Steuer einer Limousine zu suchen hatte. Während Birgits Mitbewohnerin Sandra Birgits Tod kühl aufnimmt, schwört Harry Rache.

Flemming erfährt von der Spurensicherung, dass es sich bei dem Wagen um eine gepanzerte Limousine handelt, Birgit wurde mit einem Stahlgeschoss ermordet, das das Panzerglas durchschlug, der Mörder muss also von der Panzerung gewusst haben. Die Limousine war von einem Dr. Fritz Sonders geleast worden, Flemming sucht diesen auf und stellt dabei fest, dass er der Wahlkampfmanager seines Bruders, eines Lokalpolitikers, ist, ihm wird klar, dass der Anschlag Karl galt. Sonders sagt aus, dass Birgit zum Wahlkampfteam gehörte, den Wagen sollte nur Karl nutzen. Flemming nimmt eine Einladung seines Bruders zum Abendessen an, Karl behauptet, mit Birgit nicht viel zu tun gehabt und ihr den Wagen aus Gefälligkeit überlassen zu haben. Karl zeigt seinem Bruder einen Drohbrief, den er zwei Wochen zuvor bekommen hatte, Karl hatte den Brief seinerzeit nicht sonderlich ernst genommen, Flemming ordnet Personenschutz für seinen Bruder an.

Rezension

Weil es sich im Grunde um dieselbe Person handelt. Martin Lüttge spielt sowohl, wie üblich, den Kommissar, als auch seinen Bruder. Eine wirklich grandiose Abschieds-Doppelrolle -und sehr gut gemacht. Man sieht die beiden Personen nicht so selten zusammen im Bild. Wenn man nur mit Schnitt-Gegenschnitt arbeitet, ist es ja einfach, aber mehrfach zeigt man noch ein Kopfsegment der jeweilse anderen Flemming-Persona im Bild und manchmal auch beide ganzkörperlich in der Totalen oder Halbtotalen. Ob man für die weiter von den Personen entfernteren Perspektiven doch ein Double verwendet oder alles technisch geregelt hat, lässt sich gar nicht so leicht feststellen und das bedeutet, es ist gut gemacht. Und die Handlung?

„Der Depp hat tatsächlich versehentlich seine Freundin erschossen“, erzählt uns Miriam Koch, weil sie wohl selber darüber staunt, dass ein Täter so dumm sein kann, nicht zu bemerken, dass in dem Auto, in das er hineinfeuert, eine optisch ganz von der Zielperson verschiedene junge Frau sitzt. Ein klassischer error in persona, leider wird er den Idioten, der hier den Täter gibt, nicht vor der Verurteilung bewahren, weil sich sein Tötungsvorsatz auf ein gleichwertiges Subjekt als Objekt, nämlich einen Menschen, bezieht.

Ich mochte es, wie auf die Politik eingedroschen wird. Vielleicht ist es „kolportageartig“ zusammengemixt, weil so viele Stereotypen verwendet werden, am Ende ist der Mord auch aus Eifersucht geschehen, nicht aus politischen Gründen, womit man heute viel freizügiger umgeht, aber die Art, wie Wissenschaft, Wirtschaft und Politik hier zusammenarbeiten und Abhängigkieten generiert werden, ist lediglich eine gewisse Verdichtung – die einzelnen Aspekte aber sind jedem geläufig, der sich ein wenig mit Lobbyismus in Deutschland auseinandersetzt und fast jeden Tag darüber staunt, wie unverschämt offen mittlerweile eine schmutzige Hand die andere hält, beide dabei jedoch nicht sauberer werden.

Aber wir sind in den 1990ern, nach der Einheit wollte man auch keine zu pessimistische Stimmung verbreiten, denn es zeichnete sich eh ab, dass der Ost-West-Konflikt nach dem Kalten Krieg erst richtig ausbrechen würde. Trotzdem hat der WDR schon fast die MDR-Grenze erreicht, nicht nur territorial, sondern auch bezüglich der Darstellung der Wirtschaft als einem Haufen von Influencern, die eher im Verborgenen wirken. Dass Politiker wie Karl Flemming kaum anders können, als mitzumachen, wenn sie nicht abgesägt werden wollen, das entspricht den Erfahrungen, dass Karrierepolitiker immer wieder machen. Karl Flemmings „Hausmacht“ in seiner Bürgerpartei ist nicht groß genug, nicht genug gewachsen, um ihn als industriekritischen Kandidaten abzusichern.

Wir sehen also eine frühe Nachwende-Protestpartei, die bereits von innen faul ist, bevor sie Wirkung in der Politik erlangen kann. Die Wirtschaft hat das ihre getan, um sich durch Infiltration lästige Gegner vom Hals zu schaffen. Dass dies in Deutschland selten durch plumpe Morde geschieht, versteht sich daraus, dass es meist solcher Maßnahmen nicht bedarf, um die hiesige politische Klasse einzunorden. Am meisten überspitzt ist sicher die Figur des Dr. Sonders, aber seine Rolle an sich, die er als Medienprofi spielt, fand ich gar nicht unplausibel. Der in der Politik noch nicht sehr erfahrene Verbraucherschutzanwalt Karl Flemming braucht einen solchen Profi, der sogar ein fingiertes Attentat auf seinen Auftraggeber inszenieren lässt, um diesem Sympathiepunkte zu bescheren. Offenbar haben dabei Attentate auf deutsche Spitzenpolitiker in den frühen 1990ern Pate gestanden. Die haben allerdings danach auch nicht immer ihre Wahlen gewonnen.

Wegen der schrecklichen Mörderfigur und deren Handlung und wegen einiger weiterer Kleinigkeiten, wie der Tatsache, dass man 1995 immer noch umständlich von der Telefonzelle aus telefonieren lässt, was aber die Anfangssituation mit der Verwechslung besser ermöglicht, als wenn der Karl Flemming nur aus dem Auto gestiegen und sich daneben gestellt hätte, ist der Plot nicht sehr überzeugend geraten. Ich finde, mit dem Schauspiel von Martin Lüttge in seiner Doppelrolle sieht es besser aus. Sicher, die Stimme der beiden Brüder ist schon recht ähnlich, aber im Ausdruck sind sie doch so verschieden, dass jeder von ihnen einer erkennbar eigenständige Persönlichkeit repräsentiert und diese auch zum Handeln passt. Um den Unterschied im Verlauf des Films mehr hervortreten zu lassen, wird Flemming hier so sympathisch wie selten bisher dargestellt – aber einer der nettesten Kommissare seiner Zeit und überhaupt war er ganz sicher. Überhaupt war das Dreierteam Flemming, Ballauf, Koch bei seinem Start ein besonderes Biotop, in dem es viel mehr menschelte als zu der Zeit üblich. Man teilte alle privaten Sorgen und Freuden miteinander und das beeinträchtigte nicht selten die Qualität der Krimihandlungen, weil dadurch Spannung und Stringenz verlorenging.

Finale

Trotzdem handelt es sich nicht um einen Fail – schon deshalb, weil wir im 15. und letzten Film von Flemming und Koch darüber instruiert werden, wie Frauen ihren Willen auf verschiedene Weise durchsetzen. Mit die Männer solange nerven, bis es klappt oder mit Sexappeal. Das klingt frauenfeindlicher, als es hier für mich rüberkommt. Miriam Koch habe ich immer als eine Bereicherung empfunden, weil sie eben auf eine weibliche Art etwas zu den Ermittlungsergebnissen beitragen konnte und außerdem die größten Kulleraugen im gesamten Tatortland hatte. Die Figur und die Anmutung der Darstellerin Rositha Schreiner waren sehr harmonisch, wie eben auch die Flemming- und die Ballauf-Rolle gut ausgedacht und ihren Darstellern so angepasst waren, dass diese sehr natürlich agieren konnten.

Der letzte Film endet mit einer Reise und einer Hochzeit und zählt zu den „Wohlfühltatorten“, wenn es so etwas gibt. Überwiegend nette Menschen in einem Plot, der nicht zu grausam wirkt, weil man keine Zeit hatte, das Opfer kennenzulernen und danach kein weiteres Kapitalverbrechen geschieht, schon gar keines, während dessen Ausführung das Blut spritzt. Ein großer Abschiedsfilm ist „Brüder“ als Krimi nicht gerade, aber einer, der bei mir dazu geführt hat, dass ich ein Team wie dieses heute vermisse. Dadurch, dass ein Jahr später Ballauf und Schenk die Nachfolge antraten, haben die meisten Fans aber den Übergang akzeptiert, denn die beiden sind auf ihre Weise auch eine Klasse für sich und immer noch aktiv.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Kurz vor dem Ruhestand und vor Max und Freddy

Ich könnte dann auch bald in den Tatort-Ruhestand gehen – wenn es nicht immer zu neuen Premieren käme. Am 06.10. ist wieder ein Mega-Tatort-Abend angesagt, mit nicht weniger als sechs Wiederholungen. Aber nur einen davon kenne ich noch nicht und es gibt zu ihm noch keine Rezension: „Brüder“, der Abschiedstatort von Kommissar Flemming aus Düsseldorf. So einfach war „haben wir schon oder noch nicht?“ gar nicht zu ermitteln, denn es gibt einen namensgleichen, wesentlich neueren Tatort aus Bremen, „Die Brüder“ mit Edgar Brinkmann aus Frankfurt (Rezension aus dem Jahr 2016 noch nicht republiziert) sowie „Unter Brüdern„, einen Duisburg-Leipzig-Krimi aus der Nachwendezeit.

Die Nutzer des Tatort-Fundus, die Bewertungen abgeben, sehen im letzten Flemming-Film kein  Highlight (drittletzter Platz bei insgesamt 15 Fällen), aber man darf doch ein wenig mehr erwarten als von „Herz As“, den wir kürzlich rezensiert haben und der wirklich ein schwacher Tatort ist. Keine Frage, dass der Ruhestand von Flemming länger vorbereitet wurde, denn sein Einsatz dauerte bis 1997 und im selben Jahr übernahmen bereits Ballauf und Schenk mit dem passenden Titel „Willkommen in Köln„. Zwischen „Brüder“ und „Willkommen in Köln“ feierten nur 16 andere Tatorte Premiere, sodass man von einem reibungslosen Übergang sprechen kann.

Der Mord an einer Politikstudentin in Düsseldorf führt Kommissar Bernd Flemming (Martin Lüttge) und seine Kollegin Miriam Koch (Roswitha Schreiner) zu einer politischen Partei, der auch Flemmings Bruder als Spitzenkandidat angehörte. Und bald stellt sich die zentrale Frage: Sollte etwa eigentlich Karl Flemming umgebracht werden? Mit dem Kopf ist Kommissar Flemming im Tatort „Brüder“ zunächst vor allem bei seinem kurz bevorstehenden Ruhestand. Neben dem Dienst bereitet der Polizist bereits sein Boot vor, mit dem er als frisch pensionierter Beamter nach Holland fahren will. Im Nachbarland will sich Flemming dann häuslich niederlassen und das lang ersehnte Leben ohne Pflichten und Bindungen führen. Ehe er jedoch in die Freiheit schippern kann, wird der Düsseldorfer Ermittler mit einem letzten kniffeligen Fall beauftragt, der am Anfang wie ein gewöhnlicher Mord aussieht. Eine junge Politikstudentin wird nachts erschossen, als sie mit einer Limousine durch Düsseldorf fährt. (Redaktion Tatort Fans)

Besetzung und Stab

Regie Hartmut Griesmayr
Drehbuch Wolfgang Brenner
Produktion Veith von Fürstenberg
Musik Roland Baumgartner
Kamera Charly Steinberger
Schnitt Walter Schellemann
Besetzung

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