Grenzgänger – Tatort 131 #Crimetime 857 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Grenzgänger

Crimetime 857 - Titelfoto © WDR

Aus dem verzwickten Leben eines V-Mannes

Der zweite Schimanski-Film ist ein eher ruhiger Vertreter, der wie kaum ein anderer Tatort beleuchtet, welche Risiken die Arbeit als verdeckter Ermittler birgt. Nicht nur in der Form, dass man auffliegen könnte, sondern auch, weil das Leben, das man führt, aufregender und luxuriöser sein kann als der stinknormale Dienst auf dem Revier. Dargestellt wird das von Günther Maria Halmer, der einen Polizisten namens Hollai spielt. Dieser wird ins Umfeld eines Ganoven eingeschleust, der großangelegte Raubzüge mit Millionenbeute in Duisburg durchführt, was man ihm jedoch bisher nicht nachweisen konnte. Ob es dieses Mal gelingt und mehr zum Film ist in der -> Rezension nachzulesen.

Handlung

Schimanskis Kollege und Freund, Inspektor Hollai, der drei Jahre als V-Mann im Untergrund gearbeitet hatte, ist „verbrannt“ – die andere Seite hat erfahren, daß er Polizist ist – und kommt nun in den Polizeidienst zurück. Er hat von einem Millionending gehört, das geplant wird – ein Geldtransport soll überfallen werden. Zusammen mit Schimanski bearbeitet er den Fall.

Schimanski merkt, wie schwer es seinem Freund fällt, die angenommene Existenz als Krimineller aufzugeben, sich an den Alltagstrott, die Büroarbeit des normalen Polizeidienstes zu gewöhnen. Immer mehr kommt ihm der Verdacht, daß Hollai noch Kontakt zur anderen Seite hält, ja, daß er auch bei dem geplanten Millionending seine Hände mit im Spiel hat. Der Termin, an dem der Überfall stattfinden soll, rückt immer näher.

Infos

Die Duisburger Tatort-Folge 131 „Grenzgänger“ ist eine Produktion des WDR. Sie wurde am 13. Dezember 1981 zum ersten Mal im Ersten Programm der ARD gesendet und erfreute sich hoher Einschaltquoten. Auch der Soundtrack dieses Tatorts ist interessant. Immerhin steuerte kein Geringerer als der Deutschrocker Marius Müller-Westernhagen gleich vier Songs bei.

Mit diesem zweiten Schimanski-Fall bewiesen die Sendeanstalten durchaus Mut. Denn nach dem Einstand des ungehobelten Ruhrpott-Kommissar Horst Schimanski hatte Götz George öffentliche Schelte bezogen. Die Macher des Tatorts steckten aber nicht zurück; im Gegenteil: Getreu dem Titelsong „Hier in der Kneipe fühl ich mich frei“ lassen sie den „Schmuddelkommissar“ Schimanski ungestört weiter saufen und prügeln.

Das Drehbuch zu diesem zweiten Duisburg-Tatort schrieb Regisseurin Ilse Hoffmann. Es war ihr Debüt als Autorin für den Tatort – und laut den Kritikern ein voller Erfolg. (Redaktion Tatort Fans)

Rezension

An Horst Schimanskis Charakter schon in „Grenzgänger“ aufgrund negativer Pressereaktionen herumzukorrigieren, wäre sowieso nicht möglich gewesen, denn der zweite Duisburg-Krimi wurde im direkten Anschluss an den ersten gedreht, noch bevor der Einsteiger „Duisburg-Ruhrort“ Premiere hatte. Man vertraute also dem neuen Konzept so sehr, dass man die Reaktionen auf den ersten Film nicht abwartete. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich, neue Teams werden oft mit zwei Tatorten kurz hintereinander eingeführt, damit das Publikum sich mit ihnen vertraut machen kann, so war es auch bei den Nach-Nachfolgern Schimanskis aus Köln.

„Grenzgänger“ ist nach Ansicht der Fans, die ihre Meinungen auf der Plattform Tatort-Fundus kundtun, einer der besseren Schimmis, steht auf Platz 10 von 29 Fällen (Duisburg-Ruhrort: 8). Das ist in gewisser Weise gerechtfertigt, denn die Handlung ist bei Weitem nicht so hanebüchen wie in manchen späteren Duisburg-Fällen, außerdem gibt es bis heute m. E. keinen Tatort, der so tief in die Seele eines V-Mannes eingedrungen ist. Wenn man von den Cenk-Batu-Filmen aus Hamburg absieht, in denen ein Undercover-Polizist die Hauptrolle spielt. Aber die Versuchung, die Seite zu wechseln, wird auch bei diesem, soweit ich mich an seine Fälle erinnere, nicht so stark thematisiert wie in „Grenzgänger“.

Bis jetzt habe ich keinen Tatort gefunden, der so gut erklärt, warum z. B. V-Männer, die in die rechte Szene eingeschleust werden, Gefahr laufen, tatsächlich für diese tätig zu werden und dafür ihre Kenntnisse als Polizisten auszunutzen. Darüber wird in „Grenzgänger“ sehr frei gesprochen: Ein V-Mann kann ein besserer Polizist, aber auch ein versierter Verbrecher sein als jene, die nicht beide Seiten der Grenze kennen und sie nicht häufig überschreiten. Außerdem wird auch die Problematik nicht vergessen, dass ein V-Mann in seiner verdeckten Funktion andere zu Straftaten animieren könnte, und sei es nur, um sie endlich dingfest zu machen.

Die Strafbarkeit des V-Mannes als Anstifter, Beihelfer oder Mittäter ist ein interessantes Kapitel von Täterschaft und Teilnahme, weil in einer solchen Person besondere Voraussetzungen vorliegen. Ich könnte nicht auf Anhieb und vor allem nicht generell entscheiden, wie in solchen Fällen strafrechtlich zu verfahren ist, zumal, wenn es Weiterungen zu beklagen gilt, welche zu Tötungsdelikten führen.

Doch die Art, wie Schimanski hier dargestellt wird, ist wirklich grenzwertig. Zwischen Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit ist oft nur ein schmaler Grat, das bemerkt man in diesem Film deutlich. Zwar mag er auch hier keine Erbsen- oder Besteckzählerei, keine Vorschriften und keine geraden Wege, aber wie er seinen Kollegen in Gefahr bringt, dafür sorgen will, dass dieser seine während der V-Zeit gefundene Freundin verliert und sich im Ganzen wie ein Idiot benimmt, das ist schon stellenweise sehr nervig und wird durch die manierierte Spielweise von Götz George nicht besser, die das Prollige zu einem Alleinstellungsmerkmal kultivieren möchte: So versiert im Milieu des einfachen Mannes ist sonst niemand – auch wenn es hin und wieder an den praktischen Fähigkeiten für die Bewältigung des Alltags hapert und natürlich am logischen Denken.

In Sachen Engagement kann man ihm allerdings nichts vorwerfen, Tätlichkeiten gegen den eigenen Kollegen inbegriffen – schützen wollen oder sauer sein auf die Möglichkeiten, die der andere hat, das liegt hier sehr eng beieinander. Zeitweise macht es eher den Eindruck, als sei das Engagement auf Investigation und Bloßstellung ausgerichtet als darauf, Schadensvermeidung oder -minderung zu betreiben oder gar den großen Räuber von Duisburg zu stellen. Selten sah man Schimanski so ambivalent wie in diesem Film – und hätte man nicht ein unglaubwürdiges Ende („jetzt bist du auch noch Zielfahnder!“) hinzuaddiert, wäre dies einer der ersten Ermittler-Fails geworden, der nicht aus den äußeren Umständen oder übermächtigen Feinden resultiert oder auch aus der struktruellen Verbrechensprivilegierung durch das System den „Großen“ ebenjenes Verbrechens gegenüber, sondern durch ein erhebliches Maß an Unfähigkeit und persönlicher Getriebenheit.

Finale

Das wollte man dem Publikum denn aber doch nicht zumuten und lässt Schimanski unter Palmen erscheinen. Nach meiner Ansicht wurde die Szene im Studio gefilmt, mit einer einigermaßen gut gemachten Rückprojektion, zumindest der Teil, in dem man Hollai und Partnerin im Gras liegen sieht. Eine Ungenauigkeit gibt es hinsichtlich des tatsächlichen Coups: Ursprünglich hieß es, dabei sei eine Beute von ca. einer Million Mark zu machen, hingegen bei der zweiten Firma, die ins Visier genommen wird, weil Hollai die Kollegen auf eine falsche Spur führt, mehrere Millionen. Nun ja, es könnte auch sein, dass selbst diese Information von ihm nicht stimmt und es umgekehrt ist, jedenfalls spricht er später von mehreren Millionen.

Wie auch immer, „Grenzgänger“, womit natürlich Hollai gemeint ist, besticht durch sein besonderes Thema und seine Atmosphäre. Die Duisburg-Tatorte wirken alle sehr milieuecht oder so, wie man sich die Zeit der 1980er im Ruhrpott eben vorstellt. Und natürlich ist ein roter 911er aus jenen Jahren ebenso nostalgisch wie ein Dienstwagen Ford Taunus, letzte Generation vor dem Sierra. Und erst diese schmuddeligen Pinten, wenn Schimanski schon in eine Normalwohnung zieht! Und überall Musik von MMW!

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Schimanski – Götz George
Hauptkommissar Thanner – Eberhard Feik
Kessenich – Charles Brauer
Inspektor Hollai – Günther Maria Halmer
Hanni – Beatrice Kessler
Blickel – Wilhelm Thomczyk
Kriminaloberrat Königsberg – Ulrich Matschoss
Friedrich – Reinhold Olszewski

Produktionsleitung – Peter Sterr
Buch – Felix Huby
Schnitt – Dorothee Maaß
Kamera – Alex Block
Kostüme – Gerlind Gies
Bauten – Dieter Reinecke
Regie – Ilse Hofmann
Produzent – Martin Gies

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