Osterspaziergang (Easter Parade, USA 1948) #Filmfest 282

Filmfest 282 A

Alle haben mitgemacht, bei diesem sonnigen Spaziergang

2020-08-14 Filmfest AEinleitung 2020. Als dieser Text 2012 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, war das – wann? An Ostern natürlich.

Den Luxus können wir uns derzeit nicht leisten, so passgenau zu veröffentlichen, weil die Rezensionen aus dem Jahr 2012, die für die FilmAnthologie des „ersten“ Wahlberliners geschrieben wurden, sukzessive auf dem Filmfest vorgestellt werden sollen. Also ist es der graue November. Aber Ostern war 2020 ja auch nicht gerade witzig, eine Easter Parade war verboten und wer weiß, wie es nächstes Jahr ausschaut. Wir lassen den Text der Rezension aber weitgehend unangetastet.

Fred Astaire, der beste Filmtänzer aller Zeiten, die unvergleichliche Judy Garland als seine Partnerin. Irving Berlin hat die oscarprämierte Musik beigesteuert, die Produktionsleitung hatte Arthur Freed inne und sie alle arbeiteten für MGM, das seinerzeit führende Studio der Hollywood-Traumfabrik. Das Dreifarben-Technicolor ist absolut reizend und der Klang ist erheblich besser und fülliger als noch wenige Jahre zuvor, wenn auch in Mono und immer noch nicht so klar wie Filme, die schon kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter Verwendung des deutsch-niederländischen Tobis-Klangfilmverfahrens entstanden sind. [1]

Was sollte aber bei so viel Talent (Louis B. Mayer hat sich gewiss mehrmals niedergekniet) anderes herauskommen, als ein herrlich buntes, Ostergeschenk, ein großes Nest voller Überraschungseier, die sich als wundervolle Tanz- und Musiknummern, was sollte schiefgehen?

Nichts ging schief. Fred Astaire war auf dem Gipfel seiner Kunst und Judy Garland hatte sich nach einer schwierigen Phase soweit gefangen, dass man ihr im Film nicht anmerkte, dass sie bereits ernsthafte gesundheitliche Probleme hatte. Arthur Freed steuerte zielstrebig auf seinen eigenen Karrierehöhepunkt zu, den man mit „Lucky Star“ (1952, mit Gene Kelly und Debbie Reynolds in den Hauptrollen) als erreicht ansehen darf.

Die Handlung ist  noch etwas dünner als in manch anderem Musical, und obwohl die so genannten „handlungstragenden“ Musiknummern längst erfunden waren, hat man hier doch den Akzent sehr auf eben dies gelegt: Musik und Gesang, einige Stücke sind deshalb auch nicht in die Handlung integriert, sondern stehen als reine Revuenummern für sich.

Diese Kombination hat hier großen Charme. „Easter Parade“ als Anfangs- und Schlussnummer ist eine der schönsten Musicalszenen überhaupt, unser Favorit unter den Fred-Astaire-Acts ist „Steppin‘ Out With My Baby„; den meisten Drive hat das von Ann Miller getanzte und gesungene „Shakin‘ The Blues Away“.

Handlung

Der Film spielt von Ostern 1912 bis Ostern 1913 in New York. Der berühmte Tänzer Don Hewes hat ein großes Problem. Seine Partnerin Nadine Hale möchte eine Solokarriere als Tänzerin starten und verlässt ihn. Mit seinem Freund Jonathan Harrow geht er in eine kleine Kneipe. Sie ertränken in dieser Kneipe Dons Problem. Zu fortgeschrittener Stunde behauptet Don, dass er aus jeder X-beliebigen Tänzerin eine zweite Nadine Hale formen könne. Er greift aus der Tanztruppe, die in dem Lokal tanzt, die erstbeste Tänzerin heraus und fordert sie auf, zu einer Probe mit ihm zu kommen. Diese Tänzerin ist Hannah Brown, die eigentlich eher eine Sängerin ist.

Mit Hannah beginnt er die schwierige Probenarbeit. Er begeht jedoch einen großen Fehler, indem er versucht, eine Kopie von Nadine herzustellen. Das vorbereitete Programm fällt durch. Gleichzeitig verliebt sich Hannah in Don, glaubt aber fälschlicherweise, dass dieser weiterhin in Nadine verliebt ist. Don versucht, das Programm zu ändern. Er weiß von seinem Fehler und benutzt jetzt das komische Talent und die Sangeskunst von Hannah für ein neues Programm. Dieses wird ein Riesenerfolg in der Revue von Ziegfeld. Zur Premierenfeier gehen Hannah und Don, mittlerweile ein Paar, in ein Lokal, wo Nadine Hale auftritt. Nadine, die von dem großen Erfolg von Hannah weiß, fordert, um ihre Konkurrentin zu ärgern, Don zum gemeinsamen Tanz auf die Bühne. Hannah verlässt daraufhin weinend das Lokal. Das Paar scheint wieder getrennt. Jonathan Harrow versucht, sie wieder zusammenzubringen. Am Ostersonntag 1913 sind sie wieder zusammen und gehen auf den Osterspaziergang auf der New Yorker Fifth Avenue.

Produktion

Osterspaziergang gehört zu den erfolgreichsten MGM-Musicals der 1940er Jahre. Der Film sollte ursprünglich nach dem Erfolg von Der Pirat ein weiteres Spektakel für Gene Kelly und Judy Garland werden. Kurz vor Drehbeginn brach sich Kelly jedoch beim Basketball-Spiel den Fuß, und so entschied das Studio, dass Fred Astaire, der kurz zuvor seinen Rückzug vom Film erklärt hatte, für Kelly einspringen solle. Es gab weitere Änderungen. Ursprünglich sollte Vincente Minnelli Regie führen. Da dem Studio Minellis schwierige Ehe mit Garland aber problematisch für die Filmarbeiten erschien, übernahm Charles Walters stattdessen die Regie. Für die Rolle der Nadine Hale war Cyd Charisse vorgesehen gewesen. Wegen eines Bänderisses musste sie jedoch durch Ann Miller ersetzt werden. Ann Miller, die von Louis B. Mayer protegiert wurde (der erfolglos um ihre Hand angehalten hatte), musste allerdings die Dreharbeiten mit einem orthopädischen Korsett durchstehen, da ihr Mann sie kurz zuvor eine Treppe heruntergestoßen hatte.

Der Film wurde trotz aller Besetzungsprobleme ein großer Erfolg, dank seines Witzes und vor allem der großen Revueszenen. Irving Berlin stellte aus seinem breiten Repertoire zehn Gesangsnummern zur Verfügung: u. a. A Couple of Swells (Garland und Astaire mit genialer Tanznummer als Landstreicher – für Judy Garland wurde dieses Kostüm später fester Bestandteil ihrer Shows), I love a PianoIt Only Happens When I Dance With YouHappy EasterShaking the Blues Away und das titelgebende Stück Easter Parade. [2]

Rezension

Der amerikanische Titel trifft es, wie meistens in jenen Nachkriegsjahren, besser als der deutsche – obwohl man hier nur ein wenig downgesizt hat. Die Parade wird zum Spaziergang, hat aber nichts mit Goethes gleichnamigem Gedicht zu tun. New York am Ostersonntag im Jahr 1912 oder 1913, das ist aber mehr ein Umzug, zu der man die besten Kleider trägt und überhaupt jedweden Aufwand betreibt, um sich bestmöglich ins Licht zu setzen. Die Zeitungsreporter sind unterwegs und schießen Bilder von den schönsten Paaren, so am Ende natürlich auch von Judy Garland und Fred Astaire, sie im für die Verhältnisse der Zeit schlichten, aber eleganten weißen Kleid und er nach à la Mode mit Frack und Zylinder, Letzterer hat ein Band mit einer witzigen Schleife in Pink.

Das Schönste am Outfit der beiden Stars ist Judy Garlands halbtransparent-weißer Hut, durch den die Sonne scheint. Es ist erstaunlich, wie graziös man diese kleine Person (sie maß nur 1,51 Meter) in Szene setzen konnte und es spricht für ihre Ausstrahlung, dass sie zum Beispiel neben Personen wie der langbeinigen Tanzbegabung Ann Miller (die mit 1,70 Meter die heute eher übliche Größe für Frauen aufwies) so große Präsenz zeigen konnte.

Kaum ein Film bietet so viel Muße zum Verweilen bei solchen Details wie „Easter Parade“, kaum einer ist so von Dekors und Kleidungsstücken dominiert, schwelgt im optimistischen Glanz des damals jungen 20. Jahrhunderts, der Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg, in welcher die schmale Handlung angesiedelt ist.

Obwohl, wie die Kritik sehr wohl bemerkte, diese Handlung nur ein Vorwand für die Musiknummern ist (so das Lexikon des internationalen Films), ist der Plot nicht langweilig oder arm an Ideen. Zudem wird sehr viel in die Ausstattung und die Choreografie der Musikeinlagen gesteckt. Man ist zwar nicht so weit gegangen wie in „Ziegfelds himmlische Träume“ („Ziegfeld Follies“, 1945), der tatsächlich eine Anneinanderreihung von Show-Acts ist, geklammert von Florenz Ziegfeld im Himmel, der sich nach seinem Tod diese Allstar-Show des MGM-Performertrosses von Mitte der 40er Jahre erträumt, aber man hat ganz bewusst auf zu viele  dramatische Elemente und Wendungen verzichtet, welche von der Musik ablenken und die heitere Grunstimmung trüben könnten.

So gibt es gefühlsmäßig und arbeitstechnisch recht bald klare Verhältnisse: Die Liebe zwischen Don Hewes (Astaire) und Nadine Hale (Ann Miller) erkaltet, die berufliche Gemeinsamkeit löst sich auf. Trotzig engagiert Hewes ein Chorusline-Mädel, um zu zeigen, dass er nicht auf Nadine angewiesen ist. Diese junge Frau entpuppt sich als Talent eigener Art. Nachdem man den Anfangsfehler abgestellt hat, dass diese junge Hannah Brown (Judy Garland) zu sehr auf Nadine Hale getrimmt wird, kann das neue Paar durchstarten (Hannah wirkt in ihrem Federkostüm zudem wie eine Parodie auf Ginger Rogers, mit der zusammen Fred Astaire das berühmteste Tanzpaar der 30er Jahre war).

Natürlich lieben sie sich auch. Nach einer Premierenfeier bittet Nadine ihren Expartner zum Tanz und daraus entsteht großer Kummer bei Hannah, die sich in einer philosophischen Bar ausweint. Die Wolken lichten sich jedoch rasch und selbstverständlich strahlt die Sonne vom blauen Himmel und auf das junge Glück von Don und Hannah, am finalen Ostersonntag 1913.

Das gesamte Musical strahlt wie kaum ein anderes eine Wohlfühl-Atmosphäre aus, die es heute noch reizvoll und tatsächlich zum Anschauen für einen Ostersonntag geeignet macht – vor allem zu empfehlen, wenn das Wetter oder die Stimmung nicht so gut sein sollten wie an jenem Tag in New York, der den Film beschließt.

Es gibt im Grunde nur nette Menschen in diesem Film, auch wenn Nadine Hale ein wenig mit Starallüren ausgestattet wurde. Auffällig ist auch, mit wie wenig Personal der Film auskommt. Neben Don Hewes, Hannah Brown, Nadine Hale und Dons Buddy aus der Society, Jonathan Harrow III (Peter Lawford) haben nur noch Jules Munshin als Einszenen-Oberkellner Francois und Clinton Sundberg als Bartender relevante Sprechrollen. Ein Ensemblefilm, wie die meisten anderen großen MGM-Musicals, ist „Easter Parade“ nicht, das macht es leichter, jedem Charakter eine eigene Nummer zu geben oder einen eigenen Song von Irving Berlin.

Finale

Die Rezension hat in etwa die Länge einer Tatort-Kritik, ist also kürzer als die meisten anderen, die wir bisher für die FilmAnthologie des Wahlberliners geschrieben haben. Wir lassen Raum für alle, die „Easter Parade“ als seichte Unterhaltung ansehen und ihn demgemäß weniger schätzen, man kann durchaus Negatives in dem Film sehen, wenn man will. Man kann zum Beispiel den satirischen Witz vermissen, den ein Regisseur wie Vincente Minelli in vergleichbare Musicals implementieren konnte – ob der Humor angesichts des Verhältnisses zu Judy Garland zu der Zeit, in der „Easter Parade“ entstand, nicht zu schwarz für das von MGM gewünschte Leichte des Films ausgefallen wäre, ist eine andere Sache.

Man kann auch darüber philosophieren, dass MGM genau in jenen Jahren kurz nach dem zweiten Weltkrieg den Anschluss an die Entwicklung des amerikanischen Films verpasste, weil es zu sehr auf leichte Unterhaltung traditioneller Art setzte. Das wäre jedoch zu einfach, denn die Firma versuchte sich durchaus an ernsten Stoffen und steuerte auch zum Film noir einige Werke bei. Der Erfolg gab Louis B. Mayer noch einmal Recht. Die größten Gewinne fuhr das Studio an der Wende zu den 50ern mit seinen unvergleichlich opulenten, technisch erstklassigen und musikalisch herausragenden Tanz- und Singfilmen ein und den Topstars des Genres, auf die man dabei zurückgreifen konnte.

„Easter Parade“ ist ein süßer Film zu Genießen und bietet in jeder Hinsicht viel mehr als die schnulzehaft auf süßlich getrimmten Serienverfilmungen zweitklassiger Romane, die sich zum Beispiel die öffentlichrechtlichen deutschen Rundfunkanstalten von unseren Gebühren leisten, ohne dass wir die Wahl hätten. Außerdem ist das Wetter wirklich nicht der Hit. Das kommt davon, wenn Ostern schon Anfang April ist. Der Moment für ein Oster-Praliné aus der MGM-Traumfabrik ist gekommen.

77/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 [1] Die beiden Firmen Western Electric und Tobis Klangfilm teilten gemäß Absprache in der frühen Tonfilmzeit den Weltmarkt für die Aufnahme- und Wiedergabeapparaturen unter sich auf.

Verschlagwortet: Ann MillerArthur FreedEasterEaster ParadeFred-AstaireGene KellyIrving BerlinJudy GarlandMGMMuscialOsterspaziergang

Regie Charles Walters
Drehbuch Sidney Sheldon,
Frances Goodrich,
Albert Hackett
Produktion Arthur Freed
Musik Irving Berlin
Kamera Harry Stradling Sr.
Schnitt Albert Akst
Besetzung

 

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