Mitternachtsfall – Polizeiruf 110 Episode 125 #Crimetime 858 #Polizeiruf110 #Polizeiruf

Crimetime 858 - Titelfoto © Fernsehen der DDR

Vollmond + Schnaps = Uhr auf dem Baum

Für die Verhältnisse Ende der 1980er Jahre ist „Mitternachtsfall“ ein recht kurzer Polizeiruf (75 Minuten Spielzeit) und er wird nicht vollständig aufgelöst. Der Teil der Auflösung, den wir sehen, ist einer der seltsamsten bisher und wenn die Lage für die DDR nicht schon ernst gewesen wäre, könnte man meinen, diejenigen, die den Film konzipierten, hätten das Format möglicherweise nicht ganz ernst genommen. Um diesen Eindruck etwas zu verwischen, hat man mit Hauptmann Fuchs den beliebtesten Ermittler aller bisherigen Polizeiruf-Zeiten eingesetzt, mit ihm zusammen arbeitet der damals ebenfalls schon gut eingeführte Leutnant Grawe. Aber was geschah um Mitternacht? Wir schreiben darüber in der -> Rezension.

Handlung (1)

Schweinebesitzer Wilhelm Sippach ist im Dorf als Trinker bekannt, hat immer ein Fläschchen Hochprozentigen bei sich und wird von den Dorfbewohnern stets im Auge behalten. An diesem Tag ist dies mehr als sonst der Fall, so wird ihm kein Alkohol verkauft und auch im Gasthaus erhält er nur Alkoholfreies ausgeschenkt. Den Dorfjungen gelingt es zudem, den letzten selbstangesetzten Früchtepunsch Wilhelms in den Schweinestall zu kippen. Wilhelms Eber Albert, der es in Zeiten künstlicher Besamung sowieso schon schwer genug hat, säuft den Alkohol und torkelt betrunken durch den Stall. Wilhelms Versuch, Albert zwecks natürlicher Fortpflanzung heimlich zu den Sauen der LPG zu sperren, scheitert an der Müdigkeit des Ebers.

Wilhelm fährt auf der Suche nach Alkohol mit dem Bus in die nächste Kleinstadt. Er trifft auf den Pferdenarr Fredy Kühn, der ihn in die nächste Kneipe begleitet. Hier trinken beide bis zur Sperrstunde und wanken anschließend in Richtung Straßenbahn. Im Stadtpark hört ein Liebespaar plötzlich einen lauten Schrei. Kurz darauf finden sie den bewusstlosen und aus einer Kopfwunde blutenden Wilhelm. Neben ihm liegt ein schwerer Knüppel. Wilhelm ist für die Ermittler Hauptmann Peter Fuchs und Oberleutnant Thomas Grawe das dritte Opfer einer Reihe von Raubüberfällen im Stadtwald. Sie befragen die Wirtsleute Gerber, bei denen Wilhelm zuletzt getrunken hatte. Frau Gerber berichtet, dass Wilhelm viel Geld bei sich gehabt habe und sie gleich ahnte, dass das mit den beiden Männern nicht gut ausgehen werde.

Ein früheres Opfer des Räubers, Frau Sohr, hatte ein Phantombild angefertigt. In dem Bild erkennen die Wirtsleute den Begleiter von Wilhelm wieder. Das Bild wird auf Steckbriefen verteilt und tatsächlich findet sich ein Taxifahrer, der die Adresse von Fredy Kühn angeben kann. Er hat ihn in der Nacht nach Hause gefahren. Nun, am Morgen, ist Fredy immer noch alkoholisiert und kann nur schwer auf die Fragen von Peter Fuchs und Thomas Grawe reagieren. Vieles, was sie ihn fragen, ist ihm ein Rätsel. Bei ihm finden sich jedoch Wilhelms Brieftasche und ein Schuh des Opfers. Zudem entdecken die Ermittler zahlreiche weitere Brieftaschen in seinem Zimmer sowie im Kamin eine Büchse mit Geld, das die Vermieter zunächst für sich beanspruchen. Fredy wird vorläufig festgenommen. Bei der Gegenüberstellung mit Frau Sohr bricht diese in Tränen aus. Sie erklärt den Ermittlern, sie belogen zu haben, da sie nicht wollte, dass der Täter ermittelt wird. Ihr Mann glaubte, sie sei im Stadtpark fast vergewaltigt worden. In Wirklichkeit wurde ihr Geld gestohlen – das sie zuvor für eine heimlich verkaufte Uhr ihres Mannes erhalten habe. Beim Ankäufer handelte es sich um die Wirtin Gerber. Von Herrn Gerber finden sich nun immer mehr Spuren. Ein am Tatort gefundener Knopf stammt von seiner Jacke; zudem sicherte man seine Fußspuren am Tatort. Am Ende gibt Gerber zu, den beiden Männern nachgegangen zu sein, Wilhelm jedoch nur ohnmächtig und blutend aufgefunden zu haben. Frau Sohrs neues Phantombild entlarvt Gerber als Dieb und so ist für die Ermittler wenigstens jener Fall der Stadtwaldraubüberfälle gelöst. Einen Überfall auf Wilhelm streitet Gerber vehement ab.

Auch Fredy erweist sich als unschuldig. Ein Straßenbahnfahrer sagt aus, er habe den betrunkenen Mann in der Nacht aus der Bahn geworfen, nachdem er Passanten mit Wilhelms Schuh bedroht hatte und forderte, dass man ihn sofort zur Polizei bringe, weil seinem Freund Wilhelm etwas zugestoßen sei. Auch der Taxifahrer ergänzt seine Aussage, habe Fredy doch eigentlich zur Polizei gewollt. Er hat den betrunkenen Mann jedoch angesichts seines Zustandes lieber nach Hause gefahren. Bei einer erneuten Begehung des Tatortes hören die Ermittler plötzlich eine Melodie. Thomas Grawe steigt auf den Baum am Tatort und findet oben eine Taschenuhr. Der Knüppel, der am Tatort gefunden wurde, ist ein ebenfalls in dieser Höhe abgebrochener Ast. Die Fingerabdrücke an der Uhr gehören zu keinem der Verdächtigen. Als Thomas Grawe Wilhelm im Krankenhaus befragen will, erfährt er, dass dieser vor einer halben Stunde ausgerissen ist. Er findet ihn auf seinem Bauernhof, wo die Bauern des Dorfes gerade versuchen, Albert einzufangen und zu schlachten. Für den Oberleutnant, der anders als die Dorfbewohner und Wirtsleute im Dienst stets nur Nichtalkoholisches trinkt, stellt sich heraus, dass der Kriminalfall keiner war: Wilhelm ist mondsüchtig und neigt dann dazu, Dinge zu beklettern. Letzte Nacht war Vollmond und so verspürte er betrunken den Wunsch, den Baum im Stadtwald zu besteigen. Von oben fiel er runter und zog sich die festgestellten Verletzungen zu. Die Taschenuhr hat er auf dem Baum verloren. Thomas Grawe lässt die Ermittlungen einstellen. Fredy Kühn, der angesichts der Vorwürfe inzwischen an seine Schuld glaubte und ein linkisches Geständnis niedergeschrieben hat, ist erleichtert, dass er unschuldig ist.

Rezension

Das hätte eine feine Abhandlung über traditionelle Viehzucht und Massentierhaltung werden können. Aber die Tendenz wäre wohl zugunsten des modernen Schweinemastbetriebs ausgeschlagen. Da dieser Konflikt aber nicht weiter ausgespielt wird, der sich anfangs abzeichnet, sehen wir nur einen trinkfesten Eber-Besitzer, dessen Tier von der LPG „Frieden“ offenbar immer gechartet werden muss, wenn es darum geht, die Säue zu befruchten.

So rustikal, wie sich die ersten Zeilen der Rezension lesen, ist im Grunde der Film. In Polizeirufen aus der DDR wird übermäßiges Trinken auf eine ziemlich drastische Weise dargeboten, so auch im direkten Vorgänger von „Mitternachtsfall“, der den Namen „Flüssige Waffe“ trägt. Darin haben wir gesehen, wie übermäßiger Alkoholgenuss ein delirium tremens auslösen kann, im Fall mit den Schweinen und ihrem Besitzer wird erstmals dargestellt, wie die Kombination aus Vollmond  und Saufen dazu führt, dass jemand auf Bäume klettert, herunterfällt und dadurch den Anschein erweckt, er sein Opfer eines Raubes mit Körperverletzung geworden.

Dadurch kommt ein falscher Verdacht auf, mit dem Michael Kind zu kämpfen hat, der wenig später selbst einen Polizeiruf-Ermittler darstellen wird, bis heute aber spezialisiert ist auf Typen, die das Spitzbübisch-Zwielichtige gut darstellen können. Der wirkliche Nachträuber jedoch ist ausgerechnet Jaecki Schwarz, der … Sie ahnen es schon, später einen Ermittler darstellen wird. Einen wichtigen Unterschied gibt es aber: Michael Kind ist so unverwechselbar, wie ihn ein Opfer beschreibt, allerdings unter seltsamen Umständen. Schwarz hingegen hätten wir hinter seinem riesigen schwarzen Schnurrbart nicht identifiziert, wenn er nicht auf der Besetzungsliste ausgewiesen wäre. Die Frage, wie die Frau, die für eine falsche Täterbeschreibung sorgt, dabei auf den Kind-Typ kam und sich ausgerechnet ihn bei einer Gegenüberstellung heraussucht, bleibt ebenso offen wie der Täter beim dritten Überfall.

Der Mann, der vom Baum fiel, wird gespielt von Fred Delmare, dessen Anwesenheit so viele Polizeirufe geschmückt hat. Es wird uns aber nie langweilig, ihn zu sehen, obwohl er durch seinen Typus und seine geringe Körpergröße im Spektrum etwas reduziert ist. Vielleicht ist es gerade die bemerkenswerte Intensität, die er innerhalb dieser Bandbreite erreicht, die jeden Film, in dem er eine nicht allzu nebensächliche Rolle spielt, ein Stück besser macht. Auch die Figur des Wilhelm Sippach, Besitzer eines schnell besamenden Ebers, spielt er sehr glaubwürdig.

Stellenweise reizt der Film durchaus zum Lachen und die sehr kritische Note, die z. B. in „Verlockung“ zu sehen war, der Vorgängerarbeit von Regisseur Gunter Friedrich für die Reihe „Polizeiruf 110“, ist in „Mitternachtsfall“ nicht zu beobachten. Wir sind nun im Erscheinungsjahr 1989 angelangt und sehr gespannt darauf, ob und wie sich die stürmische Zeit, die sich damals schon deutlich abzeichnete, in den nun folgenden Polizeirufen wiederfinden wird. Unser Verdacht: Nicht allzu sehr, denn gerade die fragiler werdende Lage dürfte dazu geführt haben, dass man sich mit den durchaus üblichen verdeckten Anspielungen auf Mängel des Systems zurückhielt.

Allerdings ist auch das Gegenteil komplett abwesend, wenn an vom Streit zwischen industrieller und hergebrachter Landwirtschaft absieht, der nicht zentral für den Film ist: Wenn wir nichts überhört haben, ist festzuhalten: Es fällt die Bezeichnung „Genosse“ nicht ein einziges Mal und „sozialistisches Eigentum“ kommt nicht vor.

Finale

Allenfalls könnte man eine Kritik darin sehen, dass sich ein Mensch mit Privatbesitztick, hier nicht zum ersten Mal in der Polizeiruf-Geschichte ein Uhrensammler, durch Raubüberfälle bereichert, um häufiger Geld für eine Ocassion beisammen zu haben – wo er doch ohnehin sehr gut verdient. Die Preise, die in seiner Gaststätte genommen werden, kommen uns für DDR-Verhältnisse ziemlich gesalzen vor. Wir können uns an keinen anderen Film aus dieser Epoche erinnern, in dem es zwei Personen auf eine Getränkerechnung von ca. 50 Mark gebracht haben – ohne Champagner. Auch eine Flasche „billigen Wein“ für 12,90 anzubieten, hatte sicher einiges an Gewinnspanne verursacht. Wir forschen an dieser Stelle aber nicht nach, ob nicht die Preise für Speisen und Getränke in DDR-Gaststätten generell reguliert waren oder ob private Wirte frei in der Gestaltung waren.

Abgesehen von der witzigen, etwas schrägen Auflösung des Falls Sippach gibt es in dem Film keine Besonderheiten. Das Spiel von Delmare und auch von Kind sticht etwas hervor, Fuchs und Grawe alias Peter Borgelt und Andreas-Schmidt-Schaller spielen ihre Parts routiniert, ansonsten wird in etwa das Nötigste gezeigt. Eine Parallele zu „Verlockung“ gibt es noch: Dort wird ein Arbeitskollektiv auf der Post in wenig erfreulicher menschlicher Verfassung dargeboten, hier geht es in der LPG „Frieden“ gar nicht friedlich zu, weil alle etwas gegen den kleinen, widerborstigen Sippach mit seiner speziellen Auffassung über Borstenvieh haben. Anders als im genannten Vergleichsfilm spielt die Stimmung im Kollektiv aber keine Rolle für den Handlungsverlauf.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gunter Friedrich
Drehbuch Günter Radtke
Produktion Anita Schwager
Musik Peter Gotthardt
Kamera Martin Schlesinger
Schnitt Karola Mittelstädt
Besetzung

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