Heut‘ gehn wir bummeln (On the Town, USA 1949) #Filmfest 286

Filmfest 286 A

Nur 24 Stunden

„On the Town“ zeigt drei Matrosen auf Landgang. Zwei davon sind Gene Kelly und Frank Sinatra. Gene Kelly vor den ganz großen Erfolgen der frühen 50er und Frank Sinatra an der Schwelle vom Teenie-Schwarm zum Charakterschauspieler, vom Schnulzensänger zu einem anspruchsvolleren Interpreten.

Der Film lebt sein Genre aus wie kaum ein anderer. Er ist pures Musical, die Story dementsprechend dünn und noch dünner als in ähnlichen Filmen. Aber er ist auch ein Dokument der Zeit und der Stimmung in den USA kurz nach dem  Zweiten Weltkrieg und huldigt der Stadt New York wie kaum ein Film zuvor.

Nur 24 Stunden haben Gabie (Gene Kelly), Chip (Frank Sinatra) und Ozzie (Jules Munshin) für ihren Landgang, um New York kennenzulernen – und seine Frauen. Um sechs Uhr morgens gehen sie  an Land, tatendurstig, erlebnishungrig und mit dem festen Vorsatz, so viel wie möglich aus der Zeit zu machen. Es ist wieder sechs Uhr, als sie wieder auf dem Schiff sind und jeder von ihnen hat seine Flamme gefunden – Gabie, der in Person von Gene Kelly selbstverständlich den romantischen Part gibt, sogar seine große Liebe.

Der Score des Films gewann einen Oscar. Für das Jahr 1949 war das okay, aber Gene Kelly selbst war es, der wenige Jahre später andere Maßstäbe für Filmmusicals, sowohl für die Musik als auch für die Choreografie der Tanznummern, setzte: Mit „An American in Paris“ (1951), den wir bereits rezensiert haben und vor allem mit dem vielleicht brillantesten Filmmusical aller Zeiten: „Lucky Star“ (1952).

Unvergessen ist „New York, New York“ – nicht zu verwechseln mit dem Song, den derselbe Frank Sinatra, der im folgenden Video  zu sehen ist, 1977 zu einem Welterfolg  machte. Beide Lieder gehören für uns zu den schönsten, die je über Städte geschrieben wurden. Mehr zu „On the Town“ steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Die drei Matrosen Gabey, Chip und Ozzie erhalten 24 Stunden Landgang in New York City. Chip will unbedingt die Sehenswürdigkeiten der Stadt erkunden und so nutzen die drei die ersten Stunden für einen Rundgang durch die Metropole. In der U-Bahn entdeckt Gabey das Plakat der Miss Turnstiles des Monats Juni, Ivy Smith, und stellt sich die schöne Ivy als berühmte Frau vor. Er will sie kennenlernen und sieht sie kurz darauf für einen Moment am Bahnsteig. Sie steigt in die nächste U-Bahn ein – die drei Männer eilen zum nächstbesten Taxi, um die U-Bahn einholen zu können und lernen so die Taxifahrerin Brunhilde Esterhazy kennen, die sofort ein Auge auf Chip geworfen hat und ihn nicht mehr von ihrer Seite weichen lassen will. Die drei Männer verfehlen Ivy am nächsten Bahnhalt.

Da das Plakat verschiedene Hobbys von Ivy, darunter Museumsbesuche, auflistet, besuchen Gabey, Chip, Ozzie und Brunhilde nun die verschiedensten Museen New Yorks, obwohl Brunhildes Schicht als Taxifahrerin schon lange vorüber ist. Im Museum of Anthropological History lernt Ozzie die Wissenschaftlerin Claire kennen, die von seiner Ähnlichkeit mit einem Urmenschen begeistert ist. Bald geht durch eine Unachtsamkeit ein Saurierskelett zu Bruch und die fünf flüchten. Sie teilen sich nun auf – Gabey sucht Ivy, während Brundhilde mit einiger Mühe den Sehenswürdigkeiten-verrückten Chip zu sich nach Hause lotst, dort jedoch von ihrer unattraktiven, verschnupften Mitbewohnerin Lucy überrascht wird. Auch Ozzie und Claire haben besseres zu tun, als Ivy zu suchen. Die wiederum befindet sich gerade beim Ballettunterricht, als Gabey sie findet. Gabey behandelt sie wie eine berühmte Person und Ivy spielt das Spiel mit. Sie verabreden sich für halb neun auf dem Empire State Building, wo sich auch die drei Matrosen wiedertreffen wollten – Ivy verschweigt Gabey, dass sie halb zwölf auf Coney Island einen Job als einfache Tänzerin hat.

Die drei Pärchen treffen sich und ziehen durch die Bars, wobei Ivy durch kleine Bestechungen durch das Personal immer als VIP behandelt wird. Halb zwölf ist sie mit einem Mal verschwunden und Gabey trauert. Auch, dass Brunhilde ihm in Lucy ein neues Date verschafft, kann ihn nicht trösten. Sie erfahren schließlich von Ivys Tanzlehrerin, dass Ivy auf Coney Island auftritt. Brunhilde eilt mit den vier Mitfahrern in ihrem Taxi nach Coney Island und wird prompt von der Polizei wegen Raserei verfolgt. In Coney Island sieht Gabey Ivy schließlich als Bauchtänzerin und beide sprechen sich aus. Es stellt sich heraus, dass beide im selben Ort aufgewachsen sind und Gabey versichert Ivy, sie zu lieben, egal welche gesellschaftliche Stellung sie besitzt. Es kommt schließlich zur Konfrontation mit der Polizei. Die drei Matrosen werden zurück auf ihr Schiff gebracht. Brundhilde, Claire und Ivy werden wegen Taxidiebstahls, Saurierzerstörens und Raserei zur Rede gestellt und können alle drei Vorwürfe mit geschickten Verweisen auf Patriotismus und Nächstenliebe aus der Welt schaffen. Sie werden zum Hafen gebracht und können sich dort von ihren Männern verabschieden. Kaum sind Gabey, Chip und Ozzie an Bord, gehen die nächsten Matrosen für Landurlaub von Bord und begrüßen New York, wie es bereits die drei Matrosen 24 Stunden vorher getan hatten.

Rezension

Was vor allem verblüfft ist die Ausführlichkeit, mit der alles dokumentiert wird – nicht etwa kommentiert. Die Handlung liest sich nach Wikipedia beinahe wie die eines richtigen Filmes, das kommt daher, weil beinahe alle Details wiedergegeben wurden. In Wirklichkeit ist die Handlung gar nicht zweitrangig, sie ist eben nur sehr einfach.

Wichtiger ist aber, wie die Figuren gezeigt werden. Wir schreiben das Jahr 1949. Die USA haben mit ihrer gewaltigen ökonomischen Power (die erste Phase der Hochverschuldung übrigens) den Krieg über Nazi-Deutschland und das kaiserlische Japan gewonnen. Das war auch schon absehbar, als das Stück 1944 am Broadway Premiere hatte, das dem Film zugrunde liegt.

„Der Krieg ist doch aus, wieso fährst du Taxi?“, fragt Frank Sinatra allen Ernstes und nicht nur spaßeshalber die sehr an ihm und an der wirtschaftlichen Selbstständigkeit interessierte Brunhilde Esterhazy (Betty Garrett). Sie antwortet ihm das,  was heute jede Frau antworten würde, wenn nicht wirtschaftliche Gründe doch oft entscheidend wären – nur käme wohl die Frage nicht mehr: Sie macht es aus Spaß an der Sache. Vielleicht auch am Abenteuer und an den Männern.

Auch Ann Miller als zauberhaft gut gekleidete Anthrophologie-Studentin Claire Huddeson ist ein starker Typ. Sie angelt sich Ozzie, weil der sie an die Frühmenschen erinnert, die ihre wissenschaftliche Passion sind. Einzig Vera-Ellen als Ivy Smith, frisch gekürte Miss U-Bahn (Original: „Miss Turnstiles“, was wohl auf die Drehkreuze an den U-Bahn-Eingängen anspielt und etwas metaphorischer klingt als die deutsche Übersetzung) ist ein in Maßen traditioneller Typ, sie bringt sich in eine etwas missliche Lage, weil sie der Schwärmerei des Landeis und Leichtmatrosen Gabie nicht entgegentritt, sondern ihn eine Zeitlang denken lässt, sie sei berühmt und reiche Männer interessierten sich für sie.

Auf den ersten Blick meint man, die Botschaft „Zurück an den Herd“, die in Sinatras / Chips obiger Frage liegt, sei programmatisch. Zu MGM hätte es gepasst, denn ungeachtet seiner Meriten bei der Entwicklung des Musicals war dies ein besonders konservatives Studio. Aber die Frauen im Film sind nicht nur deutlich selbstständiger als  die drei Leichtmatrosen, die auf Deck Gemeinschaftsarbeiten verrichten (davon singen sie in einem der Musikstücke von „On The Town“, sie sind auch geistig rege, schlagfertig, von eher robustem (Esterhazy, Huddeson) oder auch mädchenhaftem Charme (Smith) – aber im Ganzen den Jungs deutlich überlegen.

New Yorkerinnen machen ihr eigenes Ding, das ist die abweichende Botschaft. Sie sind aber in den USA eine Ausnahme, auch das wird im Film gesagt. Das profunde Amerika, das ist das Land, das Rückgrat der Nation, da, wo die Jungs herkommen und bezeichnenderweise auch das zarteste, empfindsamste der drei Mädels. So funktioniert es, unter der gemeinsamen Regie von Gene Kelly und Stanley Donen. Es gibt sehr wohl eine reaktionäre Botschaft, weil New York eine Sonderstellung zugebilligt wird, es ist das Aushängeschild eines Landes auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Reichtums.

Auf die subtile Unterminierung des Bildes, das die beiden modernen Frauen Claire und Brunhilde, deuten zwei weitere Tatsachen – als Erstes diejenige, dass die beiden so überzeichnet sind (Claire ist nichts weniger als ein Studententyp jener Tage, Brunhilde ist schon aufgrund ihres Namens eher eine Comicfigur, ihre Mimik und Gestik sind ein wenig die eines weiblichen Popeye, was andererseits gut zur maritimen Note des  Films passt). Die andere ist wesentlich fieser. Es ist ganz offensichtlich, dass sehr gut aussehende Frauen, die gut allein in einer Weltstadt klarkommen, sofort alles stehen und liegen lassen, wenn drei Nerds von Bord gehen, und sich mit diesen einlassen.

Aber es gibt noch eine vierte Frauenfigur, die arme Lucy Schmeeler, das hässliche Entlein, die WG-Freundin von Brunhilde. Gabie zeigt wenigstens am Ende Mitleid für sie, nachdem er sie würdelos behandelt hat, alles andere würde ihn auch gar zu unsympathisch machen. Aber wie sich die übrigen Matrosen verhalten, als sie die Frau kennenlernen und überhaupt, wie sie in diesem Film wegen ihres nicht so guten Aussehens lächerlich gemacht wird, das ist unterste Schublade.

Setzt man die Teilbotschaften zusammen, kommt dies heraus: Auch die mittelmäßigsten Männer haben ein Recht auf die schönsten Frauen, die, von New York abgesehen, gefälligst damit vorlieb zu  nehmen haben, was sich gerade bietet, umgekehrt hingegen sieht es mehr als düster aus. Selbst einfachste Chargen von einem Kriegsschiff dürfen ganz offen betroffene Mienen  zeigen angesichts des Auftretens einer mal nicht ganz so attraktiven Dame zeigen – wir hoffen, man hat die Schauspielerin Alice Pearce wenigstens gut bezahlt, als eine Art Schadensersatz, für die Rolle der Lucy Schmeeler, die sie in „On The Town“ spielen musste.

Es ist keine Frage, dass die USA mit auf den ersten Blick harmlosen Filmen wie diesem ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass Oberflächlichkeit das Credo der kommenden Jahrzehnte wurde. Natürlich ist es wahr und unausweichlich, dass gutaussehende Menschen in der Regel zueinander finden und der Rest sehen muss, wo er bleibt – manchmal macht Geld auch Unterschiede in der physischen Attraktivität wett. Aber die Art,  wie dieser Tatbestand hier ausgespielt wird, ist einfach nur ruppig, nicht etwa witzig.

Überhaupt, der Witz. Wenn man so will, ist „On The Town“ ein „Lucky Star“ oder ein „Amerikaner in Paris“ im Keksstadium. Es sind schon Ansätze in die Richtung des Meisterwerkes erkennbar, etwa die grafisch gestaltete Choreografie, wie sie erstmalig in „Ziegfelds himmlische Träume“ (1946) eingesetzt worden war und hier weiterverfolgt wird. Der erwähnte Film von 1946 ist ein Showcase für alle MGM-Stars der Zeit, in Sketchen angelegt, ohne geschlossene Handlung. Die beiden erwähnten Filme der 50er hingegen haben eine solche und zwar eine weitaus tragfähigere als „On The Town“. Vor allem „Lucky Star“ ist intelligent und nicht nur als Musical, sondern auch als Komödie erstklassig und als Hommage an die frühe Tonfilmzeit einzigartig.

Demgegenüber sind die Witze oder Wortspiele in „On the Town“ eher plump, auch, wenn sie von Frank Sinatra vorgetragen und in Musik gekleidet sind. Ein Beispiel ist dieses Lied, in dem er gegenüber Brunhilde immer gerade noch die Kurve bekommt:

Ausgerechnet Frank Sinatra spielt einen an Frauen eigentlich gar nicht interessierten, naiven Touristen, der nichts anderes im Sinn hat, als New Yorks Sehenswürdigkeiten kennenzulernen. Kein Wunder, dass seine Karriere angesichts solcher für ihn unglaubwürdigen Rollen ins Wanken geriet (Scherz!).

Man hat Frankie jedenfalls danach nie wieder so naiv gesehen wie in diesem Film, und Gene Kelly auch nicht, wenngleich er den Rollen, die er als Megastar der Zeit in hohem Maß selbst gestalten durfte, immer etwas Schwärmerisch-Romantisches mitgegeben hat. Das änderte sich erst, als das klassische Film-Musical gegen Mitte der 50er Jahre einen kaum für möglich gehaltenen, raschen Niedergang erlebte und er in einigen ernsteren Filmen sein durchaus beachtliches Schauspieltalent zeigen konnte, so etwa in „Wer den Wind sät“ (1959.

Abschied von der Kindheit. Auch für Rezensenten gilt, dass sie sich entwickeln. Es gab eine Zeit, da fanden wir jedes Musical einfach schön. Romantisch, ästhetisch, farbenprächtig und so wunderbar künstlich. Jetzt ist es ein faszinierender Prozess zu erkennen, wie sich die Spreu vom Weizen trennt und manche Filme den Test der Zeit bestanden haben, andere nicht.

Wir haben „On the Town“ nicht zum ersten Mal gesehen, aber die teilweise nicht sehr freundlichen Botschaften darin fielen uns früher einfach nicht auf. Es ist eine Frage der Lebensschulung, hinter die schöne Fassade blicken und vor allem Subtexte erkennen zu können. Dass wir diesen Film heute nicht mehr so hoch bewerten, wie wir es vielleicht noch vor zehn Jahren getan hätten, ist auch einem Mehr an Ehrlichkeit zu verdanken, das wir uns uns selbst und unseren Lesern gegenüber gönnen. Ein solcher Abschied von  unbefangenen Illusionen, später auch von dem Willen, die negativen Untertöne durchaus zu spüren, dem aber zugunsten eines lieb gewordenen Bildes nicht Ausdruck zu verleihen, der ist etwas Persönliches – daher sind auch einige der Passagen dieser Rezension vergleichsweise persönlich und subjektiv gehalten.

Aber sie tragen der objektiven Erkenntnis Rechnung, dass gerade die knappe Handlung und die Oberflächlichkeit des Filmes es leicht machen, ihn zu entschlüsseln. Wir überprüfen unsere Meinung aber ein wenig anhand von IMDb-Userstudien.

In der Internet Movie Database (IMDb). Derzeit haben über 6500 Nutzer „On the Town“ bewertet, überwiegend Männer und Amerikaner. Deutlich zu sehen sind zwei Linien. Frauen mögen den Film mehr als Männer. Das wird daran liegen, dass Männer von heute sich nicht unbedingt mit den schon optisch etwas jungenhaften und naiven Matrosen identifizieren mögen, Frauen aber in den taffen Mädels Brunhilde und Claire und der elfenhaften Ivy auf jeden Fall jemanden finden, dem sie sich nahe fühlen. Die reaktionäre Botschaft wird wohl eher ignoriert oder lächelnd in Kauf genommen. Frauen, die nur eine Bewertung abgeben, können sehr wohl zwischen dem Showwert und einer netten Unterhaltung und dieser Tendenz trennen – wir dürfen das als Rezensenten natürlich nicht.

Frauen, die zupacken und sich nehmen, was sie wollen, auch wenn das Objekt der Begierde von zweifelhafter Intelligenz ist, das hat aber auch einen Charme und kommt in diesem Lied ganz gut zum Ausdruck:

Weiterhin ist der Film in den USA deutlich beliebter als außerhalb. Die Abweichung beträgt derzeit 0,6 Punkte, das ist enorm viel, verglichen mit anderen Filmen. Das liegt für uns vor allem darin begründet, dass „On the Town“ ein Stück gute, alte USA zeigt, wie es sie, für alle immer deutlicher erkennbar, nicht mehr gibt. Mithin ist der Nostalgiewert für Amerikaner deutlich höher als zum Beispiel für Europäer und es sind deren Stars, die zwar international erfolgreich waren, aber doch von den Amerikanern noch einmal auf andere Weise verehrt werden. Frank Sinatra mag da eine Ausnahme sein, aber was ihn in aller Welt als so einzigartig erscheinen lässt, ist sicher  nicht auf der Darstellung des Nerds namens Chip begründet, der in „On the Town“ die Leinwand betritt und der 24 Stunden mit einem Baedecker von 1905 durch das New York von 1949 tourt.

Der Film gefällt ganz jungen IMDb-Nutzern recht gut, das ist nichts Besonderes, junges Publikum wertet allgemein höher, aber auch die Gruppe „über 45“ kann damit etwas anfangen. Hier dürfte das Heimweh nach einer Welt eine Rolle spielen, die in der eigenen Kindheit noch sehr präsent gewesen sein mag, nach dem unbedarften Optimismus, dem Anything Goes nach dem gewonnenen zweiten Weltkrieg, der einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung verursacht und damit auch die Nachwirkungen der Großen Depression endgültig beseitigt hatte.

Als Musical. Neben dem überragenden „New York, New York“ gibt es einige nett choreografierte Nummern und Lieder, die eher etwas wie Sprechgesang beinhalten, als dass sie klassische Vokaldarbietungen wären. Vielleicht wollte man damit der Stadt New York Referenz erweisen – und immerhin, sehr viel später kam ja auch der Rap als eine Art gesprochenes Wort mit Rhythmus von dort. Das klingt etwas weit hergeholt, aber es fällt schon auf, dass es zum Beispiel kein romantisches Duett gibt, obwohl Gene Kelly derlei häufiger gesungen hat. Frank Sinatra wäre noch wesentlich besser geeignet gewesen, aber seine Rolle gibt es nicht her.

Die Tanznummern sind auffällig locker einstudiert – auf absolute Synchronität der Bewegungen, zum Beispiel in Szenen, in denen die drei gleich angezogenen Matrosen miteinander steppen, wurde weniger Wert gelegt als auf sprühende Dynamik. Für damalige Verhältnisse und besonders für den MGM-Musicalstil, sehr auf vollständige Szenen und sanfte Übergänge ausgerichtet, war „On The Town“ schnell gefilmt. Angesichts der heutigen Sehgewohnheiten muss man sich das aber bewusst machen, dass zum Beispiel die Szenen, in denen die Polizei das Taxi mit Brunhild, Claire und den Matrosen verfolgt, für die Verhältnisse der Zeit sehr actionreich sind – heute wirkt gerade das leider sehr veraltet, weil die Technik seitdem erhebliche Fortschritte gemacht hat und sogar in den USA Kameras in wirklich fahrenden Autos installiert werden.

Finale

Die ganz große Show ist „On The Town“ heute nicht mehr, zudem ist er weitaus weniger ideologiefrei, als man es einem solchen Musical zunächst zurechnen würde – und wirkt dadurch veraltet und auch ein wenig rau. Selbstverständlich ist ein Musical kein Platz für Charakterschauspieler, aber einige Musicals zeigen durchaus interessante Charaktere. Hier sind vor allem die Männer sehr eindimensional und vielleicht ist das bei einfachen Matrosen gar nicht so unrealistisch, wirkt möglicherweise echter, als wenn man diese einfachen Leute vielschichtig und tiefgängig auf eine Art gezeigt hätte, wie man es in Hollywood und nicht nur dort gerne mal tut und damit Edelkitsch produziert. Kitschig ist „On The Town“ nach wie vor nicht, sondern lebendig und dynamisch. Das allein reicht aber nicht, um ihn in den Olymp der Musicals zu heben, die heute noch zu den besonders guten Hollywood-Filmen gerechnet werden können. 

Obwohl wir gute Tanzfilme und Musicals nach wie vor schätzen, weil sie das Medium Film weit vorangebracht und seine technischen Möglichkeiten über fast drei Jahrzehnte Jahrzehnte hinweg immer wieder neu definiert haben – bis andere Genres diese Aufgabe übernahmen

67/100

© 2020, 2013 (Entwurf 2011) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gene Kelly,
Stanley Donen
Drehbuch Adolph Green,
Betty Comden
Produktion Arthur Freed
für Metro-Goldwyn-Mayer
Musik Leonard Bernstein,
Roger Edens
Kamera Harold Rosson
Schnitt Ralph E. Winters
Besetzung

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