Der glückliche Tod – Tatort 706 #Crimetime 865 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #glücklich #Tod

Crimetime 865 - Titelfoto © SWR, Jacqueline Krause-Burberg

Zu frühe Tode

Mit „Ein glücklicher Tod“ hat Lena Odenthal aus Ludwigshafen einen der emotionalsten Fälle bekommen, die je für eine Tatortfolge geschrieben worden sind. Gewiss ist dieser Film auch eine der bisher besten Leistungen von Ulrike Folkerts in ihrer mittlerweile epochalen Ermittlerinnen-Rolle. Ob’s einfach war, so tief einzusteigen und dem hochtourigen Spiel der übrigen Darsteller zu folgen? Wie auch immer, es funktioniert bestechend und bedrückend gut. Selten haben wir einen Tatort rezensieren dürfen, der so aus einem Guss wirkt. Natürlich dominiert das Thema Sterbehilfe übers Kriminialistische, aber dieses ist so eindringlich dargestellt, dass wir dafür keine Abzüge geben werden. Die gibt es  in geringem Maß für einen Logikfehler im kriminalistischen Teil, auf die wir in der Rezension eingehen werden.

Gemäß dem Ernst des Sujets erlaubt sich „Der glückliche Tod“ keinerlei Mätzchen, wie sie selbst bei schwierigen Themen oft in Form des Ermittlerprivatlebens untergebracht werden, was, zickig oder humorvoll angelegt, den Ernst brechen soll, jedoch oftmals deplatziert wirkt. Hier passt der Ton und viele Details in diesem Film sind sehr gewählt und gut eingearbeitet. Für uns keine Frage, dass „Der glückliche Tod“ einer der wichtigen und großen Tatorte ist. Dass das Thema Sterbehilfe nicht an einem alten, kranken Menschen, sondern an einem neunjähigen Mädchen gezeigt wird, das sein ganzes Leben vor sich hätte, wäre es nicht an Mukoviszidose unheilbar erkrankt, sorgt für eine besonders gefühlvolle Note und dass wir am Tag drauf,während wir diesen Beitrag schreiben, noch einen Kloß im Hals haben, wenn wir an bestimmte Szenen mit der kleinen Julia denken, sagt uns etwas darüber, wie echt, wie authentisch das auf uns gewirkt hat und wie uns das Schicksal der Familie Frege berührt hat.

Einen Nachtrag haben wir am 23.11.2012 nach weitrer Recherche zum Tod von Susanne Lothar verfasst. Ihr und ihrem ebenfalls verstorbenen Kollegen Frank Giehring widmen wir nun die geänderte Version des Beitrages (3), einen weiteren anlässlich der Wiederveröffentlichung der Rezension im „neuen“ Wahlberliner im November 2020 erstellt.

Handlung

Seit vier Tagen ist die junge Frau bereits tot, als ihre Leiche am Rheinufer geborgen wird. Lena Odenthal und Mario Kopper finden heraus, dass sie Sabine Brodag hieß, für einen Sterbehilfeverein arbeitete und wegen eines Vortrags in Ludwigshafen war. In Kopper löst das spontane Abwehr aus. Sterbehilfe ist für ihn völlig unannehmbar. Einen Verein wie die Charontas, der in der Schweiz Freitodbegleitung leistet und sich in Deutschland für die Legalisierung der Sterbehilfe einsetzt, hält er für unmoralisch.

Entsprechend unduldsam ist Kopper Prof. Scheuren gegenüber, dem Vorsitzenden der Charontas, der anreist, um die Leiche zu identifizieren. Und der nicht weiß, von welchem Einkommen Sabine Brodag ihren teuren Lebensstandard bezahlte. Auf diese Frage erhält Lena auch von Michael Heymann, dem in Ludwigshafen lebenden Anwalt des Vereins, keine befriedigende Antwort. Heymann muss allerdings zugeben, dass er der Mann war, mit dem Sabine Brodag am Nachmittag vor ihrem Tod in heftigem Streit gesehen wurde. Lena bringt ihn dazu, sein heimliches Verhältnis mit Sabine Brodag zuzugeben, von dem seine hochschwangere Frau nichts wissen sollte. An jenem Nachmittag, gesteht er Lena, hatte er die Beziehung beendet, sich im Streit von Brodag getrennt und sich den Rest des Tages um seine Frau Christine gekümmert.

Heymann scheint nicht der einzige gewesen zu sein, den Sabine Brodag in Ludwigshafen traf. Eine Telefonnummer bei der Leiche bringt die Kommissarin auf die Spur von Katja Frege. Dort öffnet ihr die neunjährige Julia die Tür. Julia geht es nicht gut, sie hat Mukoviszidose, weder ihre Bauchspeicheldrüse noch ihre Lunge funktionieren richtig, und essen mag sie auch nicht mehr. Sie findet sofort einen entspannten Kontakt zu Lena. Anders ihre angestrengte Mutter. Katja Frege gibt zu, dass sie von Sabine Brodag ein Sterbehilfemedikament kaufen wollte, weil sie das Leiden ihrer Tochter nicht mehr erträgt und keinen anderen Weg sieht, ihr zu helfen. Allerdings tat sie das schon vor Monaten und ohne Erfolg, denn Sabine Brodag empfahl ihr lediglich die Reise in die Schweiz.

Eine Mutter, die darüber nachdenkt, ihrem Kind zum Tod zu verhelfen – Katja Freges Zwiespalt lässt Lena nicht mehr los, genauso wenig wie das Leiden des liebenswerten kleinen Mädchens.

Der Verdacht, dass Brodag illegal Sterbehilfemedikamente verkaufte und ihr Tod damit zusammenhängt, steht weiterhin im Raum. Prof. Scheuren und Michael Heymann berichten beide, dass ein gewisser Lehrke die Charontas und besonders Sabine Brodag anklagte, seiner 17-jährigen Tochter ein Medikament verkauft zu haben, mit dem sie sich selbst getötet hat. Seine Anklage wurde damals zurückgewiesen, aber als Lena und Kopper dem Fall nachgehen, weisen Indizien darauf hin, dass das Mädchen tatsächlich an einem entsprechenden Medikament starb. Das Geld, das sie ihrem Vater gestohlen hatte, ging also an Sabine Brodag für die tödliche Substanz.

Lehrke bedrohte Brodag, er verfolgt auch Michael Heymann und jagt dessen Frau Angst ein. Trotzdem will er mit dem Tod von Sabine Brodag nichts zu tun gehabt haben. Dass das eine Lüge ist, beweisen Haare seines Hundes, die am Tatort gefunden wurden. Gelogen hat aber auch Katja Frege, die Sabine Brodag am Tag ihres Todes doch getroffen hatte. Während Kopper versucht, mehr über dieses Treffen herauszubekommen, hat Lena eine anrührende Begegnung mit der kleinen Julia, deren Gedanken um den Tod kreisen.

Julia will Abschied nehmen, das wünscht sie sich von ihrer Mutter. Katja erträgt kaum, ihr Kind so zu sehen. Verzweifelt sucht sie Michael Heymann auf, von dem sie sich Hilfe erhofft.

Rezension

Die nachträgliche Recherche brachte zutage, dass Regisseurin Aelrun Goette für ihren Familien-Problemfilm „Unter dem Eis“ (2007) den Adolf-Grimme-Preis erhielt, der bekanntlich eine der höchsten Auszeichungen im deutschen Fernsehbusiness darstellt und dass Albert Camus, von dem wir in der Schule „L’étranger“ („Der Fremde“) gelesen haben, einen Erstling namens „Der glückliche Tod“ veröffentlicht hat. Man sucht eins, bekommt zwei, so ist das mit den Infos in den Zeiten des Internets.

Für „Der glückliche Tod“ erhielt die 1966 in Ostberlin geborene Regisseurin den Fernsehpreis des Hartmannbunds, der durch seine Stellungnahmen zu ethischen, aber auch arztrechtlichen und finanziellen Fragen einem über die Ärzteschaft hinausgehenden Publikum bekannt ist. Dieser Preis für die differenzierte und ohne zu deutliche Stellungnahme ausgewogene Darstellung des Themas Sterbehilfe ist nach unserer Ansicht verdient. Die Begründung des Hartmannbunds für die Preisvergabe liest sich so:

„Sterbehilfe ist ein aktuelles und schwieriges Thema – für die Medizin wie für die Gesellschaft. Sterbehilfe bei Kindern ist bislang ein Tabu. Ohne die Objektivität zu verlieren und in Klischees abzudriften, ist es in dem „Tatort“ gelungen, das komplexe Thema überzeugend und differenziert in einer packenden Krimihandlung umzusetzen. Der Zuschauer bleibt nachdenklich zurück. Es wird deutlich, dass in der Zulassung gewerblicher Sterbehilfe – schon wegen des kriminellen Missbrauchspotenzials – kaum die Lösung liegen kann. Dennoch ist es dem Autor gelungen, für keine der Positionen Partei zu ergreifen. Die gegensätzlichen Einstellungen zur Sterbehilfe werden durch die handelnden Personen vertreten: das Ermittler-Duo, Vertreter einer Sterbhilfe-Organisation, die Eltern eines todkranken Mädchens, das todkranke Mädchen selbst. Diese Rollen geben den exzellenten Schauspielern – allen voran Susanne Lothar als Mutter – die Möglichkeit, ihr Können voll zu entfalten. Zurück aber bleibt vor allem die Erinnerung an die wahrhaftige Auseinandersetzung der Kinder mit dem Tod. Dies zeigt, dass die Diskussion um Sterben und Tod in allen Bereichen des Lebens geführt werden muss.“ (1)

Bis heute gibt es in Deutschland kein umfassendes Sterbehilfegesetz für den Fall unheilbarer Krankheit, wie der scharfen Form von Muskoviszidose, die das Mädchen Julia im Film hat. Allerdings hat der BGH in einem Grundsatzurteil das Recht des Patienten, durch Verfügung selbst über sein Leben bestimmen zu können, gestärkt. In der Tat hat die Schweiz, wie im Film thematisiert, eine andere Regelung, die Sterbehilfe grundsätzlich erlaubt – ebenso wie die Niederlande, Luxemburg, Belgien – also die insgesamt mit liberalen Rechtssystemen ausgestatteten Beneluxstaaten (2). Der Hartmannbund hat in seiner Begründung auch betont, dass gewerbliche Sterbehilfe kein Weg sein kann. Nach unserer Ansicht wäre sie auch nicht notwendig, wenn Ärzte nach ihrem Ermessen und unter Berücksichtigung des Patientenwillens entscheiden dürften, wie in Fällen von unsäglichen Schmerzen und Unheilbarkeit einer Krankheit zu verfahren ist. Natürlich kann nicht einer den Suizid fördernden Tendenz das Wort geredet werden, aber grundsätzlich müssen Ärzte von der Pflicht entbunden werden, jemanden krampfhaft und um jeden Preis am Leben zu erhalten, wenn dieser es nicht will und dieses Leben keine Form von Lebenssinn oder -genuss mehr aufweist noch jemals wieder aufweisen kann- soweit unsere eigene Ansicht.

Wie man vorgehen sollte, wenn es sich um ein Kind handelt, wie bei Julia? Das macht die Lage durchaus noch einmal komplizierter, denn Kinder sind zwar voll rechtsfähig und haben somit jedes Recht auf jede Hilfe und jeden Aufwand dafür, aber sie können rechtliche Verfügungen nicht selbst vornehmen, sondern nur ihre Eltern als deren gesetzliche Vertreter sind dazu in der Lage. Das heißt, auf die Eltern kommt noch einmal eine andere Verantwortung zu als auf jemanden, der nur über sich selbst bestimmen möchte und vielleicht schon lange vor dem wirklich eintretenden Fall eine Verfügung erlässt, die ab einem bestimmten Punkt dazu führen soll, dass lebenserhaltende bzw. -verlängernde Maßnahmen an ihm selbst nicht durchgeführt werden sollen.

Die Situation, welcher die Familie Frege ausgesetzt ist, ist das Maximum an Gewissenskonflikt der Eltern, während das Kind möchte, dass es bald vorbei ist. Wenn gerade ein Kind, das normalerweise einen unbändigen Lebenswillen besitzt, so etwas sagt, dann hat das eine ganz eigene Note und natürlich auch Gewicht. Aber es obliegt den Eltern, wie sie sich entscheiden und die Genauigkeit der Prüfung muss noch einmal eine andere sein als bei einem Schwangerschaftsabbruch, ungeachtet des berechtigten Schutzes für das ungeborene Leben. Hier hat ein Kind schon neun Jahre auf dieser Welt zugebracht, hat auch schöne Momente erlebt, seine Familie, seinen Bruder, hat eine Persönlichkeit gewonnen und ein Gefühl für Zeit und Raum.

Der Film löst die – man kann auch sagen, entledigt sich der – schwierigen Abschichtung mit einer gleichermaßen emotionalen wie eleganten Schlussszene. Julia stirbt in einer Nacht von allein, nachdem ihr Bruder das Fenster geöffnet hat. Ihre Seele kann also dorthin aufsteigen, wo, das hat Lena ihr erklärt, die Menschen sind oder einst sein werden, mit denen sie sich sofort gut verstehen wird. Diejenigen, die sie kennt, die ihr vertraut sind. Wie Lena der Kleinen das Leben nach dem Tod erklärt, ist ebenfalls hoch sensibel und auch religionsneutral – ohne zu verneinen, dass es grundsätzlich ein Leben nach dem Tod geben wird. Und es bleibt offen, ob Lena Odenthal selbst davon überzeugt ist, oder ob sie nur dem Kind einen Trost geben und einen etwas glücklicheren Tod ermöglichen will. Wir tendieren eher zu letzterer Variante. Wir wir auch meinen, dass der Film, ungeachtet der Auswüchse, die sich in dem Verkauf von Sterbemedikamenten durch die ermordete Charontas-Repräsentantin Sabine Brodag zeigen, bei aller Differenziertheit pro Sterbehilfe ausgerichtet ist.

Ob „Der glückliche tod“, wie in der Stellunganhme des Hartmannbunds nachzulesen, ein so packender Krimi ist? Immerhin ist er ein Krimi, und erfordert insofern die ungefähren Mindestvoraussetzungen für einen Tatort, als es mit Sabine Brodag eine Tote gibt. Ein Problem sehen wir in dem Geschäft, dass Frau Brodag und der Anwalt der Sterbehilfe-Organisation Charontas, Michael Hegemann, miteinander betreiben nämlich den illegalen Verkauf von Sterbehilfemedikamenten. Man sieht den Menschen, die solche Medikamente eingenommen haben, offensichtlich sehr deutlich an, dass sie nicht auf natürliche Weise zu Tode gekommen sind und auch nicht, wie in einem Fall, an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben sein können. Auch der zweifelhafte Kunstgriff, ein Allgemeinmediziner habe die Obduktion im vorliegenden Fall vorgenommen, wird in der Regel nicht ziehen und ein illegales Medikament, das so deutliche Spuren bei denjenigen hinterlässt, die es eingenommen haben und dadurch zu Tode gekommen sind, kann nicht auf Dauer ein gutes Geschäft für dessen Vertreiber sein. Die Angehörigen, die solche Medikamente bestellt haben, sind genauso strafrechtlich zu verfolgen wie diejenigen, die sie zur Verfügung gestellt haben – und die Spur zu ihnen dürfte schnell zu finden sein. Weniger hat uns gestört, dass die Ermittlungen von Lena Odenthal und Mario Kopper sehr auf die Charontas konzentriert waren – weitere Stränge wie das private Umfeld von Frau Brodag, das man normalerweise auch hätte durchleuchten müssen, hat man sich gespart, um das Sterbehilfedrama ausführen zu können.

Ein 90-Minuten-Tatort ist eben keine eierlegende Wollmilchsau und irgendwo muss die Realität denn doch gekappt werden, wenn man ein so schwieriges Thema wie die Sterbehilfe für ein todkrankes Kind so darstellen will, dass nicht der Vorwurf der Oberflächlichkeit erhoben werden kann. Diesen Vorwurf dann wegen der sehr linearen Ermittlungen zu erheben, wäre ungerecht, auch wenn wir es grunsätzlich gerne sehen, wenn Polizeiarbeit in einem immerhin Polizeikrimi nicht zu rudimentär dargestellt wird. Die Tendenz geht aber dahin, einem breiten Publikum mit dem Primetime-Format Tatort etwas zum Nachdenken mitzugeben, und dann sollte dies schon so gemacht sein, dass man auch wirklich ins Nachdenken kommt, vielleicht sogar berührt ist, wie bei „Der glückliche Tod“, und das kann schon zulasten der präzisen Ermittlungsdarstellung gehen. Die ist in Wirklichkeit um einiges formeller und langweiliger als in den heutigen Tatorten und das Format wäre längst tot, würde man sich hier immer zwangsweise wiederholen, weil man die Realität 1:1 nachbilden will. Die kennt der heutige Tatortseher schon recht gut, vor allem, wenn er länger dabei ist – was hingegen nicht sein sollte, sind augenfällig unlogische Aspekte, die nicht unter dem Motto skurril verkauft werden sollen. Die Auslassungen so zu gestalten, dass genau das nicht der Fall ist, verlangt von den Drehbuchschreibern eine nicht zu unterschätzende Kunstfertigkeit und gelingt häufig nicht.

Wir müssen auch zu den Schauspielern ein paar Worte verlieren und die beiden Kinderdarsteller der Julia und des Nils Frege (Stella Kunkat, Jannis Michel) hervorheben. Das geht nicht, ohne auch die Regisseurin Aelrun Goette zu würdigen. Die beiden Kinder haben lange Alleinszenen miteinander, die intensiv und sehr gut gespielt sind, so etwas muss sehr gut vorbereitet sein, ein Händchen für den Einsatz von Kindern auf eine Weise, dass sie natürlich und in einem so schwierigen Thema glaubhaft wirken, ist dafür unabdinbare Voraussetzung. Zudem muss ein Mädchen im Film todkrank spielen, was für eine Aufgabe. Man muss geradezu hoffen, dass die Kinder nicht wirklich erfasst haben, welche Dramatik sie auf den Bildschirm zu bringen hatten. Wie die jungen Darsteller darauf vorbereitet wurden, wäre sicher interessant zu erfahren. Sehr gut hat uns auch Susanne Lothar („Das weiße Band“) als deren Mutter Katja Frege gefallen. Sehr intensiv ausgespielt. Sicher ist diese Katja ein Typ, der auch bei anderen Katastrophen des Lebens nicht mit stoischer Ruhe zu Werke geht, aber dass die Inhaltsangabe sich darauf bezieht, dass Lena Odenthal zu Julia sofort einen Zugang findet oder umgekehrt, das Mädchen zur Mutter hingegen weniger – das kann man nicht unkommentiert lassen. Es ist wohl klar, dass jemand, der unbefangen von außen kommt, die Aufmerksamkeit aller positiv auf sich zieht und einen im wörtlichen Sinn frischen Wind in eine jahrelange Schmerzsituation trägt, in der sich alle aneinander aufgerieben haben, ohne dass irgendjemand etwas dafür konnte oder im Wesentlichen hätte anders machen können.

Etwas weniger prägnant, aber immer noch eindringlich ist das Ehepaar Heymanns mit Frank Giehring in der Rolle des Charontas-Syndikusanwalt gezeigt, was vor allem an der nicht sehr dankbaren Rolle für Eva Löbau als Christine Heiymanns liegt, die als Junganwaltsgattin und Bald-Mutter eine etwas einfältige Figur darstellt, die alles um sich herum wie durch einen Schleier wahrnimmt. Eine gewisse Intuition entwickelt sie dabei erst sehr spät und da wir im deutschen Film eher analytische und bewusste Typen gewöhnt sind, kann es passieren, dass man sich etwas strapziert fühlt, hinsichtlich der Geduld mit ihrer langsamen Auffassungsgabe.

Finale

Mario Kopper hingegen überzieht etwas, als christlich-katholischer Fundi, der auch vor einem Mitglied der Ethik-Kommission kein Blatt vor den Mund nimmt und Prof. Scheuren, diesen stillen, nachdenklichen Mann, der jahrelang auf einer Kinderklinik-Intensivstation als Arzt tätig war und sich der Charontas als Lebensaufgabe widmet, in aller Öffentlichkeit anmacht. Aber irgendwie passt es zu diesem Gefühlsmensch aus Überzeugung, der mit Lena in einer WG zusammlebt und in der einzigen Szene, die in dieser WG spielt, auch übers Thema mit ihr streiten will, nachdem sie gerade die Familie Frege kennengelernt hat und sichtlich mitgenommen wirkt.

Schauspielerisch ist „Der glückliche Tod“ hervorragend gestaltet und auch formal ein Wurf. Klare, oft symbolische, manchmal geometrisch schön komponierte Bilder und deren Symbolik (etwa die kleine Heymanns-Bauhausvilla und der Kinderspielplatz in der Nähe) wechseln mit ganz intimen Szenen, die Schnitte sind flüssig und manchmal beeindruckend als dramaturgisches Mittel eingesetzt, nirgends gibt es aber einen Hang zum allzu Modischen oder Extravaganten, wie es gerade in den letzten Jahren aufgekommen ist und wie es dem Thema nicht gut zu Gesicht gestanden hätte. Ein Extralob für die Musik. Am Ende wird pathetisch, mit „Hallelujah“ von Leonard Cohen, nachdem die kleine Julia verstorben ist, aber von Beginn an folgt die Auswahl der Stücke einem Konzept von noch nicht genau definierter Einsamkeit („So nervous and blue“ von Element of Crime) über deren Verdichtung („Another Lonely Day“, Ben Harper) hin zu der Beinahe-Unmöglichkeit, im Konflikt um Leben und Erlösung die richtige Entscheidung zu treffen („I might be wrong“, Radiohead) bis zum finalen Hallelujah. Uns hat dieser hochemotionale, durchaus amerikanische Schluss gefallen. Der Tod ist eine große Sache, der Verlust und die Erlösung sind es auch – da kann man mal auf den Putz hauen, nachdem so konsequent auf ein solches Finale hingearbeitet wurde und es daher der Ton bis zur letzten Szene stimmt. Auch die Originalmusik von Ali N. Askin unterstützt die Stimmungen in den einzelnen Szenen sehr gut (Askin hat auch die Musik zum ebenfalls hervorragenden „Borowski und die Frau am Fenster“ geschrieben).

Nachtrag

Am 21. Juli 2012, beinahe auf den Tag fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes, des Schauspielers Ulrich Mühe, ist Susanne Lothar, die Darstellerin von Katja Frege, im Alter von nur 51 Jahren verstorben. Bereits zwei Jahre zuvor, im Juni 2010, war Frank Giehring, den wir hier in der Rolle des Anwaltes Michael Heymanns sehen, verstorben. Nicht nur im Rahmen der Themenwoche „Leben mit dem Tod“, nicht nur wegen der Tragik, die darin liegt, dass Schauspieler, die in einem Film mitwirken, der den frühen Tod so dramatisch nahebringt wie „Der glückliche Tod“, selbst viel zu früh verstorben sind, fühlen wir uns zu diesem Nachtrag verpflichtet.

Wie sich Leben und Wirken im Film miteinander im Angesicht des Todes spiegeln, hat die Berliner B. Z. in einem Nachruf auf Susanne Lothar in Zusammenhängen auch mit dem Leben ihres Mannes dargestellt (3). Als wir in dem Beitrag über die Figur Katja Frege schrieben und beeindruckt davon waren, wie echt diese auf uns wirkt, wussten wir noch nichts vom Lebensweg der Darstellerin, die sie verkörpert. Manch intensive Schauspielleistung ist nicht nur Spielkunst.

„Der glückliche Tod“ ist der fünfte Tatort von 188 rezensierten, dem wir die 9,0 geben (Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung des Films im Jahr 2012. Er gehört damit für uns zu den Ikonen der Reihe wie dem Klassiker „Reifeprüfung“ (Bewertung später auf 10 angehoben) oder dem Bodensee-Tatort „Herz aus Eis“, der etwa zur selben Zeit entstand wie „Der glückliche Tod“. Für diesen besonderen Tatort haben wir die übliche Rezensionslänge erheblich überschritten und den bisher umfangreichsten Beitrag für die Reihe „TatortAnthologie“ geschrieben. Durch den Nachtrag zum Tod zweier Schauspieler in diesem Film, zu dem wir uns verpflichtet fühlten, hat er als erster Tatortbeitrag auch die Grenze von 3000 Wörtern überschritten.

Nachtrag 2020

Die aktive Sterbehilfe ist seit diesem Jahr in Deutschland prinzipiell erlaubt, aber die ethischen Fragen um sie herum werden weiterhin diskutiert – siehe auch unsere Vorschau zu „GOTT – wer entscheidt über unser Leben?„, der übermorgen Abend uraufgeführt wird.

(1) Hartmannbund, Seite „Film- und Fernsehpreis des Hartmannbundes“ 2009.
(2) Zur Sterbehilfe in Deutschland und anderen Staaten siehe WIKIPEDIA mit Verweisen auf Originalliteratur.
(3) B. Z. vom 29.07.2012: „Das Drama der Familie Mühe“.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Becker – Peter Espeloer
Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Oliver Frege – Stephan Schad
Julia Frege – Stella Kunkat
Katja Frege – Susanne Lothar (+)
Nils Frege – Jannis Michel
Pensionsbesitzerin – Helmy Schneider
Michael Heymann – Frank Giering (+)
Mario Kopper – Andreas Hoppe
Lehrke – Tom Jahn
Gerichtsmedizinerin Clara Schuster – Rebecca Lina
Christine Heymann – Eva Löbau
Prof. Dr. Scheuren – Nikolaus Paryla
Frau Keller – Annalena Schmidt

Buch: André Georgi
Regie: Aelrun Goette
Musik: Ali N. Askin

 

 

 

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