Am Abgrund – Polizeiruf 110 Episode 60 #Crimetime 864 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Arndt #Fuchs #Abgrund

Crimetime 864 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Manchmal findet man am Abgrund Halt

Der 60. Polizeiruf bietet mindestens ein Merkmal, das ihn heraushebt und man hat tatsächlich einen roten Wartburg verschrottet. So viel Materialverschleiß erlaubte man sich im Polizeiruf selten, in jenen Jahren. Das ist aber nicht das prägende Merkmal des Films. Um was es geht und viel mehr zu „Am Abgrund“ steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Peter Januschowitz’ Frau Monika stirbt, als sie während erster Fahrversuche auf der Straße beim Überholen eines Traktors einem entgegenkommenden Pkw ausweicht und mit dem Wagen einen Abhang hinunterstürzt. Der Wagen geht in Flammen auf. Peter muss von nun an mit seinen zwei kleinen Kindern allein den Alltag meistern. Obwohl ihm seine Schwägerin, Monikas Schwester Krümel, dabei hilft, ist Peter überfordert und beginnt zu trinken. Bei der Arbeit versagt der gelernte Stukkateur zunehmend, wird von seiner Brigade jedoch gedeckt. Sie erlaubt es ihm auch, während der Arbeitszeit in einer Bar zu verschwinden, und lässt ihn betrunken früher nach Hause gehen. Woher Peter das Geld für seinen Alkoholkonsum hat, weiß keiner so recht, zumal er bei Kollegen und Verwandten immer mehr Schulden macht.

Eines Tages wird in der Bank für Landwirtschaft eingebrochen. Die Bankangestellte Marion Seiffert wird während der Mittagspause in eine Abstellkammer eingeschlossen und der Schlüssel auf eine Kommode abgelegt. Aus der Kasse fehlen 12.000 Mark. Marion kann den Täter nicht beschreiben. Der Täter muss sich in der Bank jedoch ausgekannt haben, da die Kammer vom Eingang aus nicht sichtbar ist und es zudem der einzige Raum im Gebäude ohne Fenster ist. Die Angestellten entwerfen auf Bitte der Ermittler Leutnant Vera Arndt und Hauptmann Peter Fuchs eine Liste all der Personen, die von der Kammer wussten. Die Ermittler befragen die 40 Personen der Liste, doch ergibt sich keine Spur. Auch Peter steht auf der Liste, der zur fraglichen Zeit angeblich trinken war. Da er Geldprobleme hat, hätte er ein Motiv, doch zögert Vera Arndt, eine Hausdurchsuchung zu beantragen. Bereits ohne konkreten Verdacht wird Peter im Dorf von vielen als Täter angesehen und geschnitten. Auch seine Brigade ist misstrauisch, zumal er teilweise seine Schulden begleichen kann. Marion sagt aus, dass der Täter vom Äußeren her Peter glich, kann ihn jedoch nicht als Täter identifizieren.

Vera Arndt erscheint wenig später noch einmal bei Marion, weil sie glaubt, dass die Liste nicht vollständig ist. Ihr Mann bestätigt, dass Personen fehlen, so kannte er selbst zum Beispiel die Kammer. Er berichtet Vera Arndt, dass er und seine Frau sich vor wenigen Tagen ein Grundstück für ein Gartenhäuschen gekauft haben. Er will der Ermittlerin sofort das Sparbuch zeigen, um jeglichen Verdacht von sich zu weisen, doch hat Marion das Buch angeblich auf der Bank. Vera Arndt wirft einen Blick in das Sparbuch und bemerkt, dass zwar eine Zeit lang kontinuierlich Geld auf das Sparbuch eingezahlt wurde, die Summe aber seit einiger Zeit ebenso kontinuierlich kleiner wurde, bis das Sparbuch leer war. Es stellt sich heraus, dass Marion einen Geliebten hat, dem sie wertvolle Geschenke macht. Das Geld für das Grundstück kann also nicht vom Sparbuch stammen.

Peter hat ein großes Bündel Geldscheine an seiner Arbeitsstelle versteckt. Er nimmt die Scheine eines Tages mit nach Hause und versteckt sie zwischen zwei ineinandergestellten Eimern. Bei einem Kaffeetrinken mit Krümel und ihrem Freund wird Kaffee verschüttet und Krümel holt einen Eimer zum Aufwischen. Dabei findet sie das Geld. Sie glaubt, Peter habe die Bank überfallen, doch der berichtet, er habe Monikas Schmuck verkauft. Eine Quittung kann er dafür nicht vorweisen, und er wirft Krümel und ihren Freund wütend aus dem Haus. Es kommt später zur Versöhnung, als Peters Sohn über Bauchschmerzen klagt. Seine Tochter erkennt, dass ihr Vater hilflos ist, und holt Krümel und ihren Freund zu Hilfe, die das Kind mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus bringen.

Vera Arndt grübelt zu Hause über den möglichen Täter nach. Über ein Spiel ihrer Kinder und eine Bemerkung ihres Mannes erkennt sie, wie der Schlüssel ganz ohne fremde Hilfe aus dem Schloss auf den Schrank gelangt sein könnte. Über eine Art Flaschenzugverbindung mit einem Seil könnte der Schlüssel unter der Tür zum Schrank gezogen worden sein. Faserspuren am Schlüssel und an der Tür weisen auf diese Methode hin. Ein Straßenbahnfahrer hatte zudem während seiner Mittagspause die Toilette in der Bank benutzt und war dabei fast über einen Strick gestolpert, der durch den Raum ging. Marion gesteht, dass sie das Geld selbst entwendet hat. Sie wollte damit vor ihrem Mann die Ausgaben für ihren Geliebten verbergen. Sie wird verhaftet und Peter ist wieder vollständig in seine Brigade integriert.

Rezension

Hans Werner, der Regisseur von „Am Abgrund“, war 1979 eine Nachwuchskraft, die meisten seiner Arbeiten stammen aus der Nachwendezeit. Viele davon kennen wir noch nicht, zuletzt hatten wir „Tod im Ballhaus“ rezensiert, einen Schmücke-Schneider-Krimi, dessen Drehbuch wir zwar nicht überzeugend fanden, aber die Atmosphäre hatten wir positiv hervorgehoben. Und Hans Werner war der Regisseur des neu synchronisierten Polizeirufs „Im Alter von …„, dem die bisher wohl wichtigste Restaurierung innerhalb der Reihe zuteil wurde. Wolfgang Winkler, der später in nicht weniger als 50 Fällen den Kommissar Schneider gespielt hat, ist in „Am Abgrund“ ebenfalls zu sehen. Er ist jener Mann am Abgrund, um den sich der Film dreht, ein Stukkateur, dessen Frau durch sein Verschulden einen tödlichen Autounfall erleidet, der dem Alkohol verfällt und überall Schulden macht.

Wenn man von dem für damalige Polizeiruf-Verhältnisse spektakulären Überschlag des erwähnten roten Wartburg absieht, wirkt die Thematik sehr vertraut. Die Hervorhebung des Themas Alkoholismus in den Polizeirufen nimmt langsam beängstigende Dimensionen an. In fast allen Fällen, die wir zuletzt rezensiert haben, spielt Trunksucht eine wichtige Rolle. Manchmal hat sie schwerwiegende finanzielle Konsequenzen, obwohl der Schnaps billig oder zu billig ist, wie in Episode 60 erwähnt wird – was wir als eindeutige Kritik an der zu laschen oder zu fehlerhaften Preisregulierung im Bereich alkoholischer Getränke aufgefasst haben. Aber im Westen war ja auch Bier günstiger als Mineralwasser, zumindest in Kneipen und Restaurants.

Obwohl die Darstellung von Säufer*innen bei uns immer ein ziemliches Unwohlsein verursacht, mögen wir „Am Abgrund“ richtig gerne. Der Film hat einen ungewöhnlich warmherzigen Ton und zum ersten Mal steht Sigrid Göhler (Vera Arndt) auf Platz eins der Besetzungsliste – vor ihrem Chef Peter Fuchs (Peter Borgelt), der hier hinter sie zurücktritt und sie den ganzen Fall allein ermitteln lässt. Sie hat von Beginn an den richtigen Riecher und es hat uns berührt, wie sie sich vor einen Verdächtigen stellt, weil sie von seiner Unschuld überzeugt ist. Sie ist sogar knapp vor der Befehlsverweigerung, als sie bei Peter Januschowitz eine Haussuchung machen soll, um das aus der Bankfiliale geklaute Geld eventuell zu finden.

Schließlich aber vertraut Hauptmann Fuchs seiner langjährigen Mitarbeiterin und gibt den Befehl zur Durchsuchung nicht, obwohl er selbst unter Druck durch den Dienststellenleiter steht, der Ergebnisse sehen will. Der Moment, in dem Arndt den alten Fuchs durch ihre Festigkeit überzeugt,  ohne dass es zu einem richtigen Schlagabtausch kommt, ist einer der besten, die wir in letzter Zeit in einem Polizeiruf gesehen haben.

Arndt argumentiert mit dem sozialen Schaden, den ein solcher Vorgang für den ohnehin stark gefährdeten Mann in einem Ort bedeuten würde, in dem alle einander kennen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hätte die Polizei auch wirklich Geld gefunden. Denn Januschowitz hat den Schmuck seiner Frau verkauft, um die Schulden zurückzahlen zu können, die er beim Saufen gemacht hat. Ganz sicher ist dieser Part der schwächste im Film. Sich für diese legale Transaktion keine Quittung geben zu lassen, insbesondere, obwohl zum Zeitpunkt des Verkaufs der Banküberfall schon stattgefunden hatte und sofort alle Schulden auf einmal bezahlen – also, damit das einigermaßen glaubwürdig rüberkommt, muss man schon einen Gesichtsausdruck präsentieren können wie Wolfgang Winkler. Naivität in Geldangelegenheiten ist zwar in Polizeirufen ebenfalls häufig zu sehen, aber die hier gezeigte Ausprägung schon etwas arg.

Optisch und bezüglich seiner Handlungsanlage ist der Film eher konventionell, es gibt dieses Mal eine chronologisch gefilmte, weitgehend einsträngige Handlung mit einem Zeitsprung nach dem Unfall der Frau Januschowitz, der Kriminalfall wird auf eine allzu pfiffige Weise herbeigeführt, man traut der Bankangestellten, so, wie sie allgemein auftritt, den Schnurtrick nicht zu, auch die Aufklärung wirkt deshalb sehr elaboriert – man kann auch sagen, bewundernswert zielsicher. Ganz stimmig fanden wir diesen Part also nicht. Visuell erlaubt sich „Am Abgrund“ keine Mätzchen, wenn man es positiv ausdrücken möchte, ist aber in der gezeigten Version in klaren, guten Farben gehalten und konzentriert sich ganz auf die Figuren.

Es zeichnete sich im Verlauf der 1970er ab, dass die Figurenentwicklung eine der großen Stärken der DDR-Polizeirufe werden würde und „Am Abgrund“ ist ein sehr gutes Beispiel für diese Entwicklung. Es gibt keine wirklich bösen Menschen, alle sind grau schattiert – nur Arndt leuchtet in einem Plot, der wie für sie geschrieben scheint und wir ahnten immer, dass ihre Darstellerin die Varianz hat, die in manchen anderen Polieirufen auch gerne mal hart auftretende Polizeioffizierin so wirken zu lassen, dass sie auf eine ganz natürliche Weise erspüren kann, dass der arme Januschowitz niemals einen Bankraub verüben könnte und sie ihren eigenen, recht aufwendigen Observierungsweg gehen möchte, anstatt in sein Haus einzufallen und alles filzen zu lassen –  was Fuchs ihr trotz Hinweis auf Personalmangel denn auch genehmigt. So kommt sie auch relativ schnell auf die Wahrheit (1).

Der Zuschauer ahnt, dass Januschowitz nicht der Täter ist, er weiß mehr als Fuchs und Arndt. Er bekommt mit, wie sich die Schwester der toten Ehefrau rührend um die Kinder und auch um den Mann kümmert, ohne dass sie etwas von ihm will, sogar deren Verlobter zieht widerwillig mit, wir erfahren, dass Januschowitz‘ Brigade einen demokratischen Beschluss gefasst hat, nämlich ihm zu helfen und ihn nicht fallenzulassen – alle diese Menschen hätten am Ende Unrecht gehabt, wenn er doch in die Bank eingebrochen und dabei eine Frau in seine Gewalt gebracht hätte.

Das wäre bei diesem mit einer sehr humanistischen Botschaft ausgestatteten Film das falsche finale Zeichen gewesen. Auffälligerweise fehlen auch die sonst aus Überzeugung oder auch nur pflichtschuldig eingetreuten ideologischen Elemente. Die Bankangestellte, die letztlich den Laden ausgeräumt hat, in dem sie arbeitet, wird nicht mit einer Gardinenpredigt versehen, in welcher der Schaden am Volkseigentum oder sozialistischen Eigentum hervorgehoben wird. Der Ton des Films ist bis zum Schluss einheitlich moderat und den Menschen und damit der Zukunft zugewandt.

Finale

Sicher hat „Am Abgrund“ einige Schwächen bezüglich der Plausibilität. Wenn man es eng sieht, könnte man man auch den Verlauf der Einstiegssequenz eingehender untersuchen, aber die auffallende Güte und der Appell an die Solidarität und das Vertrauen ist nicht nur für DDR-Polizeirufe bemerkenswert, sondern über dieses 18-jährige Zeitfenster hinaus und auch dann, wenn man die westliche Parallelreihe Tatort einbezieht. Was heute oft etwas mechanisch wirkt, nämlich, wie das „Bauchgefühl“ erfahrener Ermittler*innen eine Rolle bei der Behandlung von Verdächtigen spielt und den Gang der Polizeiarbeit beeinflusst, kommt hier noch sehr überraschend zum Vorschein und schafft ohne Klamauk, ohne Albernheiten eine Art Wohlgefühl.

Die Spannung bleibt erhalten, weil man merkt, man ist nicht mit einem festgefahrenen Muster konfrontiert, sondern jemand versucht einen anderen Weg zu gehen. Symbolisiert nicht zuletzt dadurch, dass Vera Arndt die Hauptermittlerin sein darf. Sie hatte zu dem Zeitpunkt übrigens die Rolle der erfahrensten Polizistin der Polizeiruf-Reihe inne. Sie kam in diesem Film auf ihren 37. Einsatz, Hauptmann Fuchs auf 36, die anderen wichtigen Ermittler Hübner und Subras, die hier nicht dabei sind, kamen zu dem Zeitpunkt auf 26 bzw. 28 Fälle.

8/10

(1) An dieser Stelle muss eine Endnote anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im November 2020 sein: Unter anderem aufgrund der Tatsache, dass der Mitteldeutsche Rundfunk die Chronologie der frühen Polizeirufe nicht vollständig auf den Bildschirm gebracht hat, in die wir im März 2019 eingestiegen sind, ist in Bezug auf Leutnant Arndt bei uns ein etwas schiefes Bild entstanden – denn ausgerechnet in jenen wichtigen frühen Filmen der Reihe, die der MDR ausgelassen hat, ist Arndt sehr präsent, agiert variabel und intelligent, beispielhaft in „Minuten zu spät“ (die Rezension dazu wird im Rahmen von „Crimetime“ in den nächsten Monaten veröffentlicht werden). Ein Dank an unseren „Haussender“ RBB, der jetzt mit der Ausstrahlung der frühen Polizeirufe dran ist und kontroverse Filme wie den erwähnten „Minuten zu spät“ nicht auslässt.

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Werner
Drehbuch Fred Unger
Produktion Fritz Delp
Musik Jens-Uwe Günther
Kamera Winfried Kleist
Schnitt Renate Földesi
Besetzung

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