Tootsie (USA 1982) #Filmfest 292

Filmfest 292 A

2020-08-14 Filmfest ADrei Rollen braucht der Mann …

… um wenigstens ein Mal erfolgreich zu sein. Bei Dustin Hoffman war das nicht so, mit seinem ersten Auftritt in einem Kinofilm legte er sofort „Die Reifeprüfung“ ab (1967) und wurde für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert. Zuvor war er nur in einigen TV-Serien zu sehen – ähnlich wie seine Figur Dorothy Michaels in „Tootsie“. Weitere Stationen auf dem Erfolg von Hoffman waren „Die Unbestechlichen“, „Rain Man“ und mein Lieblingsfilm unter den Superhits mit Hoffman, „Papillon“, obwohl er darin die Nr. 2 hinter Steve McQueen war. Viele Menschen, besonders solche, die Scheidungskriege hinter sich haben, werden ihn am meisten mit „Kramer gegen Kramer“ assoziieren. Für die männliche Hauptrolle in diesem Film gewann er dann den Hauptrollen-Oscar und noch einmal für seine Leistung als Autist in „Rain Man“.

Diese Einleitung ist der Tatsache geschuldet, dass „Tootsie“ der erste Film mit Hoffman ist, dessen Rezension wir auf dem Filmfest des Wahlberliners zeigen werden. Es hat 38 Jahre gedauert, bis ich mir diese Komödie angeschaut habe, die wiederum auf einem Stoff aufbaut, der in Deutschland recht bekannt ist – weil er mehrfach verfilmt, zuweilen unter anderem Titel, wurde: „Charleys Tante“. Mehr über die amerikanische Version aus dem Jahr 1982 in der -> Rezension.

Handlung

Der Schauspieler Michael Dorsey bekommt wegen seiner Eigensinnigkeit kein Engagement. Da kommt er auf die Idee, sich als Frau zu verkleiden. Er bewirbt sich unter dem Namen Dorothy Michaels für die Hauptrolle einer FernsehSeifenoper, erhält den Job und feiert große Erfolge. Gleichzeitig verliebt er sich in seine Kollegin Julie, die in der Serie mitspielt. Aber Julie und ihr Vater glauben, er sei eine Frau. So kommt es zu einigen heiteren Komplikationen. Dorsey hat zunehmend Probleme damit, den Konflikt zwischen seiner Rolle und seinen Gefühlen für Julie zu bewältigen. Julies Vater wiederum entwickelt Gefühle für „Dorothy“. Bei einer außerplanmäßigen Live-Ausstrahlung der Krankenhaus-Serie outet er sich vor einem Millionenpublikum als Mann, womit er zwar seine Rolle verliert, aber die Chance auf eine Beziehung mit Julie gewinnt.

Notizen und Kritiken (1)

Tootsie ist eine US-amerikanische TravestieKomödie mit Dustin Hoffman aus dem Jahr 1982. Der Titel ist amerikanischer, leicht sexistischer Slang und bedeutet so viel wie „Schätzchen“,[1] „Schnuckel“ oder „Darling“.

Der Titel soll von Dustin Hoffman selbst angeregt worden sein, weil der Hund seiner Mutter Tootsie hieß. (2)

  • Prisma Online: „Dustin Hoffman in einer Paraderolle. Aus der eher anspruchslosen „Charleys Tante“-Variante wird dank guter Darstellungen und einiger böser Seitenhiebe aufs amerikanische Show-Biz gelungene Unterhaltung.“[2]
  • Hamburger Abendblatt, Hamburg: „Eine Tour de force von höchster komödiantischer Delikatesse.“
  • Lexikon des internationalen Films: „Hauptdarsteller Dustin Hoffman und Regisseur Sydney Pollack machen aus der äußerst konventionellen und reichlich anspruchslosen Story, die sich vor allem auf den „Charleys Tante“-Effekt verlässt, eine unterhaltsame, augenzwinkernd präsentierte Komödie über die Absurditäten des Showgeschäfts und über den Umgang mit Geschlechterrollen.“[3]

Rezension

Lange nicht mehr so viel gelacht. Aber. In einer Kritik muss ein „Aber“ sein. Manchmal mehr als eines. Das erste ist persönlicher Natur. Ich habe in letzter Zeit wenige Komödien angeschaut, sondern mich vor allem mit Kriminalfilmen beschäftigt. Und in diesem Jahr wurde die absurdeste Epoche eingeläutet, die ich bisher erlebt habe: Das Corona-Zeitalter. Lachen ist nicht nur gesund, sondern ein Muss, in diesen Zeiten. Außerdem muss ein Film nicht herausragend sein, damit ich mich wegschütten kann, denn Lachen ist bei mir keine Reaktion, die sich als Prozess darstellt, der erst den Intellektualitäts-Check durchläuft: War dieser Witz nun so hochwertig, dass man darüber das Gesicht wohlwollend schräg verziehen darf?

Manchmal schon, wenn es um sehr hintergründige Komik geht, aber nicht bei den vielen Albernheiten, die man in jeder noch so bescheuerten Klamotte entdecken kann. Deswegen mag ich auch die Bilder aus der Zeit, als das Kino laufen lernte, recht gerne … okay, mit Abstrichen, weil ich sie mehr unter historischen Gesichtspunkten betrachte. Bei den One- oder Two-Reelern von Stummfilmkomikern kann ich meine Lacher meist an einer Hand abzählen.

Und bei einem Film aus dem Jahr 1982, der knapp zwei Stunden lang ist? Eines vorweg: Dustin Hoffman spielt grandios, dass Jessica Lange den Nebenrollen-Oscar gewann und er nicht denjenigen für die Hauptrolle, mutet im direkten Vergleich seltsam an, aber die Academy of Motion Picture Arts and Sciences entschied sich dafür, Ben Kingsley in seiner Rolle als Ghandi zu prämieren. Monumentalfilme bieten einen Vorteil, weil die Hauptdarsteller so lang durchhalten müssen, bis ein solcher Film abgedreht ist. Das will berücksichtigt werden. Eine weitere Darstellerin neben Jessica Lange kam mir irgendwie bekannt vor, ich konnte sich aber nicht zuordnen. Die Besetzungsliste zeigt, es ist Geena Davis, die mit „Thelma und Louise“ elf Jahre später berühmt wurde. Weiterhin zeigt der Film Bill Murray als WG-Kumpel von Michael Dorsey vor seinem Riesenerfolg mit „Ghost Busters“ (1985). Das Meiste von Murrays Dialog in Tootsie soll improvisiert gewesen sein – und dafür ist es gut und witzig, sogar in der deutschen Übersetzung. Er versucht aber nicht, den Star Dustin Hoffman zu überstrahlen, sondern nimmt sich zurück.

In an interview for the American Film Institute, Dustin Hoffman said that he was shocked that although he could be made up to appear as a credible woman, he would never be a beautiful one. He said that he had an epiphany when he realized that although he found this woman interesting, he would not have spoken to her at a party because she was not beautiful, and that as a result, he had missed out on many conversations with interesting women. He concluded that he had never regarded the film as a comedy. (2)

Hollywood-Stars, so gut sie als Schauspieler auch sein mögen, haben oft eine einmalige Art, Banalitäten als bahnbrechende Erkenntnisse in Interviews zu verkaufen. Selbst dann, wenn sie diskriminierend sind und Männer vom Aussehen Dustin Hoffmans ohne ihren Starruhm auch nicht alle paar Sekunden von schönen Frauen angesprochen werden würden. So ist das – und gleichermaßen ist es realistischer, als dass eine Frau wie „Dorothy“ zu einer Hauptrolle in einer Serie kommt. Zumindest wäre das heute so, im Fernsehen gab es zu anderen Zeiten, und zwar interessanterweise kurz nach „Tootsie“, ein paar Ausnahmen. Wir erinnern uns, dass in den 1980ern z. B. zwei von den vier Golden Girls auch eher herbe Schönheiten waren, dies auch thematisiert wurde und sie durch ihre größere Intelligenz herausgehoben wurden – und in den 1960ern Schauspieler wie Dustin Hoffman auch deswegen Karrieren starten konnten, weil sie „Typen“ waren, man denke auch an Walter Matthau, Karl Malden und andere. Damals war die Zeit für solche Charakterdarsteller gekommen, noch zehn Jahre zuvor verkümmerten sie in Nebenrollen, oft als Schurken oder Sonderlinge.

Für Frauen ist es bis heute nicht in der Form möglich, nämlich ohne entsprechendes Aussehen zum Superstar zu werden. Die Grenze dürfte ziemlich exakt bei Meryl Streep verlaufen, die noch gerade „passt“ und in der Zeit der „Typen“ erfolgreich wurde. Die jungen weiblichen Hollywood-Stars, die man jetzt sieht, sind optisch unfassbar stromlinienförmig, Ergebnis eines Perfektionierungswahns, der auch dazu führt, dass kaum noch jemand ein Foto von sich in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, das nicht durch den Photoshop-Editor gelaufen ist und die plastische Chirurgie immer neue Umsatzrekorde erreicht. Was heißen soll, um am Ball zu bleiben, lässt kaum eine Frau, die es im Showbiz geschafft hat, ihr Gesicht noch unverändert, wenn sie die 35 oder 40 überschritten hat.

Der Film regt deswegen zur obigen Überlegung an, weil es um Masken und Rollen geht und Dustin Hoffman auch damit spielt, dass er als Frau niemals schön wirken würde. Das ist das Reizende und leider Unrealistische zugleich: Die Suggestion, eine starke Frau wie Dorothy bzw. deren Rollenfigur Emily könne glaubhaft die Gleichberechtigung fördern, wenn doch in Wahrheit jemand wie Dustin Hoffmann sicher nicht übergriffig würde, wenn er sich einer Person wie ihr annähern würde.

Insofern ist der Film also zweischneidig und tut für die Emanzipation nicht so viel, wie man auf den ersten Blick denken könnte. Dass sehr viele weibliche Fans die Figur „Emily“ anhimmeln, ist hingegen keine Frage, weil sie eben nicht so aussieht, dass andere Frauen dadurch Komplexe bekommen könnten und weil sie den Männern Zunder gibt. Am Schluss hat sie das gesamte Set in der Hand, weil sie eigenwillig ist, während ihr Darsteller, Michael Dorsey, aufgrund seiner widerständigen Art keine Rollen bekommt. Selbstverständlich reizen Figur und Plot dazu, schwule und lesbische Elemente unterzubringen, aber ob Schwule und Lesben das besonders charmant finden? Ich glaube, „Tootsie“ ist doch eher fürs Mainstream-Publikum gedacht, denn die realen Identitätsprobleme oder Anerkennungsprobleme der LGBTI*-Community behandelt „Tootsie“ nicht. Ein Hauptkritikpunkt von Menschen, die sich mit „Tootsie“ auseinandergesetzt haben und nicht zu einer überragenden Zustimmung kamen, geht auch dahin, dass der Film als sozialer Kommentar zur Emanzipation nicht funktioniert.

Finale

Unser Titel spielt darauf an, dass Dustin Hoffman in der Tat nicht in zwei, sondern in drei Rollen zu sehen ist. Als Michael Dorsey, als Emily, die Klinik-Verwaltungschefin mit dem Biss und als die sorgende und soziale Dorothy, welche die übrigen Darsteller*innen in der Serie und sogar den männlichen Hauptdarsteller inspiriert und von der sich alle angezogen fühlen. Ihre Freiheiten als Star der Produktion „Dr. Brewster“ erkämpft Dorsey sich mit beiden Fauenrollen.

Klinikserien reizten offenbar damals schon zu Parodien, aber ist „Tootsie“ eine solche Parodie? Nach meiner Ansicht (noch) weniger als ein Statement zur Emanzipation, dazu sind die Situationen aus der Serie, die gezeigt werden, zu rudimentär. Das gilt auch für den Fernseh-Produktionsbetrieb. Es handelt sich vor allem um ein Vehikel für Dustin Hoffman und Jessica Lange bekam einen Nebenrollen-Oscar als Ersatz für den Hauptrollen-Award, den sie ein Jahr zuvor für ihre Darstellung im Remake von „Wenn der Postman zweimal klingelt“ nicht einmal nominiert war – 1995 gewann sie ihn aber 1995 für „Blue Sky“.

75/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) IMDb

Regie Sydney Pollack
Drehbuch Larry Gelbart,
Don McGuire,
Murray Schisgal
Produktion Sydney Pollack,
Dick Richards,
Ronald L. Schwary
Musik Dave Grusin
Kamera Owen Roizman
Schnitt Fredric und William Steinkamp
Besetzung

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