Das Schicksal der Irene Forsyte (That Forsyte Woman, USA 1949) #Filmfest 294

Filmfest 294 A

2020-08-14 Filmfest AVerzwickte Psychologie und Fehlbesetzungen?

Zu Beginn des Films hatten wir ein Problem damit, die darin auftretenden Briten-Figuren als solche zu akzeptieren, obwohl der Film von MGM in England gedreht wurde und obwohl die Buchvorlage von Nobelpreisträger John Galsworthy stammt, der als besonders britisch unter den britischen Schriftstellern gilt. Auch Greer Garson, die Titelheldin von „That Forsythe Woman“, ist Engländerin und sieht so aus, wie man sich eine Engländerin im günstigsten Fall vorstellt. Selbst Regisseur Compton Benett war Brite. Was war das Problem? Darüber und über weitere Aspekte des Films steht mehr in der -> Rezension.

Handlung 

In einer nebligen Nacht im Jahre 1887 eilt Irene Forsyte in ein Londoner Krankenhaus, um an der Seite von Philip Bosinney zu sein, der von einer Kutsche überfahren wurde. Dieser erliegt kurz darauf seinen Verletzungen, worauf Irene versucht, dessen Verlobte June Forsyte zu trösten. Doch June gibt Irene die Schuld an Bosinneys plötzlichem Tod und will Irenes Erklärungsversuche nicht hören. Junes Vater, Jolyon Forsyte der Jüngere, der gleichzeitig der Cousin von Irenes reichem Ehemann Soames Forsyte ist, sieht die Situation in einem anderen Licht und erinnert sich, wie Irene sieben Jahre zuvor seiner versnobten Familie vorgestellt wurde:

Am Abend des 80. Geburtstags von Familienoberhaupt Jolyon Forsyte dem Älteren verkündet dessen Neffe Soames, dass er beabsichtigt, Irene zu heiraten. Die Forsytes sind jedoch gegen die Verbindung, da Irene als einfache Klavierlehrerin ihren Ansprüchen nicht genügt. Der Einzige, der mit Irene sympathisiert, ist der jüngere Jolyon, ein Künstler und das schwarze Schaf der Familie, dem es nicht gestattet ist, seine Tochter June zu besuchen. Irene erkennt schon bald, dass ihre Beziehung mit Soames zum Scheitern verurteilt ist. Als sie jedoch versucht, die Verlobung zu lösen, weigert sich Soames, Irenes Wunsch nachzukommen, und kauft stattdessen ein großes Haus als neues Heim für sie beide. (Abschnitte 1 und 2 der Inhaltsangabe in der WIKIPEDIA).

Hintergrund

Das Schicksal der Irene Forsyte ist die erste Verfilmung von John Galsworthys erfolgreicher Forsyte-Saga, die hauptsächlich auf Ein reicher Mann, dem ersten Teil der Romantrilogie, beruht. Greer Garson, die für die Titelrolle von Beginn an feststand, trat in dem Film zum sechsten Mal mit ihrem letztlich achtmaligen Leinwandpartner Walter Pidgeon vor die Kamera. (WIKIPEDAI, a. a. O.)

Rezension

Wir empfanden z. B. „Random Harvest“, in dem sie die tragende Rolle hat, als ein sehr schönes Melodram – allerdings stammt er aus der Zeit, in der Garsons Karriere den Höhepunkt erreicht hatte.

Die Typen in dieser ersten Verfilmung des Galsworthy-Romans wirkten dennoch amerikanisch auf uns. Wir kennen diese Darstellung des bürgerlichen Geldadels aus großen Filmen der 1940er wie „The Magnificent Ambersons“ oder „Mrs. Skeffington“ (1941, 1944) und hatten sofort das Gefühl, wieder in diesem Szenario zu sein, als der Forsythe-Clan auf den Plan trat.

Nicht vorwiegend deshalb hatten wir zunächst 1941 als Produktionsjahr im Kopf – eine Idee, die sich während des Films verfestigte, wir ließen uns auch nicht vom Mitwirken von Janet Leigh irritieren, die 1941 noch gar keine Filme machte, noch davon, dass Walter Pidgeon und vor allem Errol Flynn merklich gealtert wirkten. Es war die Inszenierung in eher zurückhaltendem Technicolor, wie es insbesondere für die frühen 1940er in unrestauriertem Zustand üblich ist, war die konservative Art des gesamten Werks, das zwar zur Steifheit der Forsythes passt, aber uns immer wieder an einen Film am Vorabend des Zweiten Weltkrieges denken ließ, nicht an einen, der acht Jahre später entstand.

Greer Garson spielt ihrem Typ und den Rollen gemäß, die man von ihr kannte: Eine anmutige Frau von hervorragendem Charakter, und mehr ging wohl auch nicht, nachdem MGM sowieso Ende der 1940er lieber aufs Bewährte setzte und nachdem Garson in den letzten Jahren zuvor keine erfolgreichen Filme mehr gemacht hatte. Sie gibt die Irene Forsythe sehr sympathisch, und dass es stellenweise doch an Glaubwürdigkeit mangelt, liegt nicht an ihr, sondern daran, dass man offenbar das Buch an den falschen Stellen gekürzt hatte.

Die Nicht-Liebesheirat mit jenem gewissen Soames, auch das Entflammen für den Architekten Bosinney, alles gut nachvollziehbar. Das späte Glück mit Jolyon Forsythe, dem schwarzen Schaf der Familie, kommt nicht hundertprozentig überraschend, jedoch überhastet. Um diesen Wandel gut zu vermitteln, hätte es mindestens einer intensiveren Psychologisierung bedurft, die sich mit der Wirkung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf eine Frau befasst, die in diesen Verhältnissen aufgewachsen ist – und wie sie im Buch und in den späteren Fernseh-Mehrteilern, welche die Handlung nicht so verkürzen mussten, vermutlich weitaus mehr Raum einnimmt.

Wenn wir von Überraschungen schreiben, so waren die letzten Minuten des Films mit Irene und Jolyon sicher nicht die größte, sondern die Rolle, die Errol Flynn spielt. Er wollte den recht gefühlskalten und materialistischen Soames spielen, eigentlich war er von seinem Vertragsstudio Warner Bros. ausgeliehen worden, um den Architekten zu geben, der wesentlich mehr seinen bisherigen Rollen als Frauenschwarm entsprochen hätte. Ob Schauspieler sich immer einen Gefallen tun, wenn sie sich durchsetzen und gegen ihren Typ spielen, darüber könnte man ein eigenes Buch voller Für und Wider schreiben – zumindest aber müssen sie die Fähigkeiten haben, die ein Charakterdarsteller braucht. Die hatte Flynn in seinen späten Jahren durchaus. In „Das Schicksal der Irene“ Forsythe wirkt er aber auf eine Art steif, die man, wenn man es positiv sehen will, seiner Rolle als männlicher Nachwuchs eines im Ganzen steifen Publikums geschuldet ist.

Man kann seine Ungeduld in manchen Situationen zwar verstehen, aber im Ganzen wirkt er doch sehr unsympathisch – bis auf den Moment auf dem Land, als er lachend durchs Fernglas schaut. Man weiß, dass Flynn Ende der 1940er schon gesundheitliche Probleme hatte, und leider bringt man das mit dieser Art zu spielen in Verbindung, als sei die Zeit des Swashbucklers nun endgültig vorbei. Allerdings empfanden wir Flynn nicht vor allem deshalb falsch für die Rolle des Soames Forsythe, weil er zu ernst spielen muss, sondern, weil er physisch immer noch so attraktiv ist, dass es seltsam wirkt, wie ein solcher Mann sich so klein macht in seiner andienenden und gleichzeitig alles kaufen wollenden Art und Weise. Die physischen Vorzüge haben sich sozusagen im Materialismus aufgelöst.

Janet Leigh als June, die den Architekten an Irine verliert, ist tatsächlich so süß, wie Irene sie nennt und bis zu dem Moment, in dem sie die Eifersucht entdeckt, jugendlich-liebenswert. Wie der Film sich angeschaut hätte, hätte Flynn den Architekten gespielt, kann man schwer einschätzen, aber wenn Robert Young ihn gibt, von dem sein eigener Boss Louis B. Mayer gesagt haben soll, er habe keinerlei Sex-Appeal, ist das daraus folgende Image des Jungen, der die Frau nicht bekommt, eine Hypothek.

Dass sich Irene hier doch in ihn verliebt, mag seiner außerordentlichen Liebenswürdigkeit geschuldet sein, die ihn von den Männern des Forsythe-Clans, insbesondere von Soames, abhebt. Seine künstlerische Ader ist ebenfalls eher von sanfter Natur und aufgrund seiner Einwirkung beginnt Irene sogar, sich für Architektur zu interessieren. Ausgerechnet Soames beauftragt ihn damit, ein Landhaus für Irene und ihn zu bauen, damit er endlich in die materiellen Verhältnisse kommt, die es ihm ermöglichen, June zu heiraten.

Finale

Auffällig ist, dass dieser Film nie grob wird, sehr gediegen wirkt. Konflikte werden nicht durch überraschende Situationen, sondern durch Entwicklungen in den Personen aufgestellt oder gelöst, es gibt bis auf die Szene, in der June entdeckt, dass Bosinney nicht sie liebt, sondern Irene, in dem sie also unvermutet erscheint, keine in irgendeiner Form peinlichen Enthüllungsmomente. Wenn man den zurückhaltenden Inszenierungsstil des Films positiv interpretieren will, könnte man sagen, der Film verzichtet auf Knalleffekte und beinahe auf jede Geschmacklosigkeit.

Die Botschaft ist Gesellschaftskritik daran, wie Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts Männern mehr oder weniger ausgeliefert waren. Die Funktion als Vehikel des Hollywood-Paares Greer Garson und Walter Pidgeon ist deutlich wahrnehmbar, obwohl Pidgeon nicht die männliche Hauptrolle spielt. Wie Irene und er schlussendlich in der Kutsche sitzen, Hände haltend, nachdem gerade Architekt Bosinney verblichen ist, das hat auf die amerikanischen Zuschauer sicher familiär gewirkt und weil die beiden im Bewusstsein der Kinogänger schon lange ein Filmpaar sind, wird dieser abrupte Übergang vom gerade Verstorbenen zum schon lange auf eine Chance wartenden Lebenden nicht so befremdlich gewirkt haben wie auf jemanden, der den Film als Nichtamerikaner und im Abstand von 65 Jahren sieht.

66/100

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Compton Bennett
Drehbuch Jan Lustig,
Ivan Tors,
James B. Williams,
Arthur Wimperis
Produktion Leon Gordon
Musik Bronislau Kaper
Kamera Joseph Ruttenberg
Schnitt Fredrick Y. Smith
Besetzung

 

 

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