Gestohlenes Glück – Polizeiruf 110 Episode 128 #Crimetime 866 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #Greifswald #Hübner #Grawe #Glück #gestohlen

Crimetime 866 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Glück kann man nicht klauen

„Gestohlenes Glück“ hatte im Mai 1989 Premiere und war der sechstletzte Polizeiruf vor dem Mauerfall, auf den das zutrifft. Es ist ein für damalige Verhältnisse sehr kurzer Film, mit 68 Spielminuten kaum länger als die ersten Arbeiten der Reihe, die häufig eine Spielzeit von 64 bis 65 Minuten aufwiesen. Aber die Kürze lag wohl auch darin begründet, dass ein Kind die Hauptrolle übernahm und man die Handlung vor allem als Anklage verstand und nicht als komplizierten Krimi, denn im strafrechtlichen Sinn passiert in „Gestohlenes Glück“ gar nichts. Warum das so ist und alles andere zum Film steht in der -> Rezension geschrieben.

Handlung (Wikipedia)

Der zehnjährige Norbert wächst als Einzelkind auf. Beide Elternteile sind berufstätig und der Vater sitzt selbst zu Hause stets vor dem Computer und arbeitet. Norbert ist oft allein, langweilt sich mit seinen modernen Spielsachen und verbringt fast jeden Tag bei seiner Tante Reni, die drei Kinder hat. Besonders seine Cousine Claudia, die noch ein Baby ist, hat Norbert in sein Herz geschlossen. Als er sich von seinen Eltern ein Geschwisterkind wünscht, wehren beide ab. Sie sind froh, dass Norbert „aus dem Gröbsten raus“ ist. Gleichzeitig verbieten sie ihm, ohne ihre Erlaubnis zu Tante Reni zu gehen, habe sie doch mit ihren drei eigenen Kindern genug zu tun.

Am nächsten Tag soll Norbert einkaufen gehen. Die Eltern haben ihm mit einem Zettel mitgeteilt, dass sie später kommen werden. Norbert langweilt sich und sieht an der Kaufhalle einige Kinderwagen stehen. Die Mütter sind einkaufen. Ein Baby schreit besonders laut und Norbert fährt es ein wenig in der Gegend herum. Er bringt den Wagen zurück, doch lässt sich die Mutter nicht sehen: Frau Gröning muss im Weihnachtsstress eine halbe Stunde anstehen, um ihre Lebensmittel zu bezahlen. Als sie aus dem Laden kommt, ist der Kinderwagen verschwunden. Frau Gröning erleidet einen Zusammenbruch. Die Polizei beginnt sofort mit Fahndungsmaßnahmen. Norbert hört die Lautsprecherdurchsagen in einem Park und gerät in Panik. Er versteckt den Kinderwagen in einer Gartensiedlung. Die Eltern seines Freundes haben dort ein Häuschen, zu dem sich Norbert Zugang verschafft. Er versucht, das Baby zu windeln und stellt ein Wärmegerät neben den Kinderwagen. Als er erkennt, dass das Kind Hunger hat, kauft er eine Flasche mit Sauger, Babynahrung und Milch. Kurz nach der Fütterung hat das Baby die Milch jedoch erbrochen und Norbert ist ratlos. Windeln hat er auch keine mehr und legt das Baby ohne in den Wagen zurück.

Er begibt sich zu Tante Reni. Die Lautsprecherdurchsagen, die auch am Spätabend noch laufen, teilen der Bevölkerung mit, dass das Baby an einer Kuhmilchallergie leidet. Norbert erkundigt sich bei Reni, was man dagegen tun könne, ob fehlende Windeln für ein Kind schlecht seien und ob Erbrechen für das Kind gefährlich sei. Heimlich stiehlt er Reni drei Gläschen Babynahrung aus dem Kühlschrank und begibt sich zurück in die Gartenanlage. Das Kind schreit und Norbert wird wütend. Es gelingt ihm, eines der Gläschen zu erwärmen und dem Baby einige Löffel voll zu füttern. Er legt das Kind schlafen, stellt die Herdplatte und den Heizlüfter an und verlässt nun die Gartenanlage. Am nächsten Morgen will er zurückkommen.

Norberts Eltern haben sich unterdessen Sorgen gemacht, weil ihr Sohn auch nach 20 Uhr noch nicht zu Hause ist. Vater Jürgen geht zur Polizei, nachdem Norbert weder bei seinem Schulfreund, noch bei Reni ist. Norbert begibt sich zwar zu seiner Wohnung, kehrt jedoch um, als er die Polizei vor der Eingangstür sieht. Die Ermittler, Oberleutnant Hübner und Oberleutnant Grawe, haben inzwischen alle in ähnlichen Delikten Vorbestraften befragt, sind jedoch zu keinem Verdacht gekommen. Die Beschreibung von Norbert macht Thomas Grawe stutzig, da solch ein Junge von Zeugen auch am Lebensmittelmarkt gesehen wurde. Von Reni erfahren die Ermittler, dass Norbert kurz da war und sich auffallend für das Baby interessiert habe. Zudem fehlen ihr die drei Babygläschen. Bei Norberts Eltern wird schnell klar, dass Norbert nicht kindgerecht aufgewachsen ist, viel allein war und sich ein Geschwisterkind gewünscht hat. Motive für eine Entführung des Babys gibt es also. Die Eltern von Norberts Schulfreund berichten schließlich von ihrer Gartenlaube und die Ermittler suchen diese auf. Norbert war unterdessen zur Laube zurückgekehrt und musste erkennen, dass durch den hohen Stromverbrauch von Kochplatte und Heizstrahler beide Sicherungen durchgebrannt sind. Er packt das Baby in eine Tasche und setzt es an der Bushaltestelle aus. Er hofft, dass die Tasche gefunden wird, doch nutzt niemands nachts den Bus. Die Ermittler finden die Gartenlaube verlassen vor. Wenig später erscheint Norbert mit dem Baby bei seinen Eltern. Er bricht in Tränen aus und wird von der Mutter erleichtert in die Arme geschlossen.

Frau Gröning hatte nach ihrem Zusammenbruch vor Verzweiflung einen Selbstmordversuch unternommen und war in eine Klinik eingeliefert worden. Hier fragt sie ständig verzweifelt nach ihrem Kind – auch noch, als ihr Mann es ihr bringt und in ihre Arme legt.

Rezension

Routinier Thomas Jacob inszenierte im Jahr 1988 einen Film, den bei Erstausstrahlung nur knapp 31 Prozent Marktanteil erreichte, das ist die niedrigste Quote, die wir bisher für einen Polizeiruf, der noch in der DDR Premiere feierte, vermelden mussten. Vielleicht waren die Menschen damals schon mit anderen Dingen befasst, als sich einen doch recht melancholischen, wenn nicht deprimierenden Krimi anzuschauen. Es brodelte in der DDR, wie wir wissen. Die Beschäftigung mit Problemen wie Vereinsamung im Elternhaus lagen wohl nicht gerade im Zentrum des Interesses, als viele Menschen sich zusammenfanden und zunächst eine Reformpolitik wollten. Dabei ist der Film auf eine Weise zeitlos, die ihn auch heute noch sehenswert macht. Zwar daddelt hier noch der Vater am Computer rum und kümmert sich nicht um sein Kind, während heute die Kids sich selbst mit ihren diversen elektronischen Geräten vereinsamen und virtualisieren, aber ein Home Office ist im Jahr 1988 doch bemerkenswert (anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im November 2020: und was man lernen kann, so aktuelll). Leider konnten wir nicht erkennen, woran der Vater da arbeitet, aber es sieht ziemlich IT-wissenschaftlich aus, im Vergleich zu heutigen Bedienoberflächen.

Norbert aber ist anders als sein Dad. Die vielen Spielzeuge, über die er verfügt, langweilen ihn, er kann sich nicht konzentrieren und will Kontakt mit anderen haben. Sehr schwierig ist das für ihn nicht, denn die Tante hat einen recht lebendigen Haushalt mit drei Kindern, von denen das älteste etwa im gleichen Alter wie Norbert ist. Mit ihnen kann er spielen und toben. Dass er sich besonders für das Baby interessiert, ist für einen zehnjährigen Jungen vielleicht nicht so typisch, aber auch nicht abwegig.

Wir erinnern uns, dass wir in dem Alter auch noch versuchten, unsere Eltern zu einem Geschwisterchen zu überreden, es wurde dann eine Katze. Letztlich kommt es auch bei einer Dreipersonenfamilie darauf an, welche Persönlichkeiten die Mitglieder haben. Ein Mangel ist vor allem dann ein Mangel, wenn ein Zustand als solcher empfunden wird.

Gehen wir aber von der Ausgangslage weiter und schauen uns an, was danach geschieht. Die Mutter des gestohlenen Kindes will Selbstmord begehen, Norbert kommt mit dem kleinen Kind erst einmal überhaupt nicht klar. Er beherbergt es in einer Datsche, wobei wir zum x-ten Mal sehen, wie diese Häuser im Winter leerstehen – das wird wohl der Realität entsprechen. Mindestens zum zweiten Mal nach „Ein Fall ohne Zeugen“ entführt jemand ein Kind mitsamt Kinderwagen, der vor einem Einkaufstempel abgestellt ist. Offenbar war das in der DDR üblich, wir wundern uns trotzdem jedes Mal darüber.

Einsichten aus „Ein Fall ohne Zeugen“ spielen hier eine weitere Rolle. Die damalige Motivation, dass eine kinderlose Mutter sich ein Kind aneignen wollte, das Kind einer Frau, die ohnehin schon eine große Familie hatte, war in diesem frühen Polizeiruf das Entführungsmotiv, das in „Gestohlenes Glück“ aufgegriffen wird und man ermittelt zunächst in diese Richtung. Mit fragwürdigen Erfolgschancen, obwoh auch dieses Mal wieder, wie im Fall aus dem Jahr 1975, gezeigt wird, wie ein großes Aufgebot von Einsatzkräften nach dem Kind sucht. Bzw. es wird mehr angedeutet als 1975, wo man den Großeinsatz ausführlicher darstellt. Der neuere Film ist anders akzentuiert und konzentriert sich weniger auf die Polizeiarbeit als darauf, wie Norbert es dann doch schafft, das Kind irgendwie zu versorgen, auch wenn einiges schiefgeht. Ein bisschen degoutant fanden wir die Darstellung voller Windeln –  auch die Polizisten haben Mühe, den Begriff nicht offen beim Namen zu nennen. Natürlich hatten wir dann auch Sorge um das Baby, ob es die unsachgemäße Behandlung durch den Jungen überleben wurde, aber so düster ist „Gestohlenes Glück“ doch nicht.

Man ist Norbert schon auf der Spur, aber im selben Moment ist er bereits unterwegs, um das Kind zurückzugeben. Zunächst stellt er die Tasche in einer Bushaltestelle ab, aber dann trägt er sie mit dem Kind nach Hause und es wird an seine Mutter zurückgegeben.

Finale

Danny Awege, der als Kinderdarsteller in Polizeirufen häufig eingesetzt wurde, spielt Norbert sehr gut, ist allerdings beim Dreh bereits zwölf Jahre alt. Leider verliert sich seine Spur nach 1995, als er zum letzten Mal in einem Film der Reihe vor der Kamera stand. Seine Figur Norbert ist zwei Jahre jünger und selbstverständlich war er damit nicht strafmündig. An Eindringlichkeit lässt „Gestohlenes Glück“ nicht zu wünschen übrig, ist teilweise ein wenig hyperrealistisch gefilmt; die Ermittler haben wenig Spielzeit und können sich nur mäßig profilieren. Es sind eher Zufälle und an einer Stelle Kombinationsgabe von Grawe, durch die sie auf die richtige Spur gelangen. Dass ein Kinderdarsteller als Täter einen Krimi trägt, kommt nicht so häufig vor, aber „Gestohlenes Glück“ belegt, es geht, wenn man die Handlung einfach hält und die Botschaft klar ist.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Ulrich Waldner
Produktion Erich Biedermann
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Wolfram Huth
Schnitt Marion Fiedler
Besetzung

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