Neuland – Tatort 722 #Crimetime 868 #Frankfurt #Dellwo #Sänger #HR #Neuland

Crimetime 868 - Titelfoto © HR, Jacqueline Krause-Burberg

Vorwort anlässlich der Wiederveröffentlichung 2020

Nachdem wir zuletzt die Rezension zu Charlotte Sängers Solo-Tatort „Waffenschwestern“ repuliziert haben, ist nun der Kollege Fritz Dellwo dran, er bekam den Folgetatort „Neuland“ im Jahr 2009 für sich alleine. Damals war alles wunderbar paritätisch, in Frankfurt am Main, ist es im Grunde noch immer. Nur in dieser Tatortstadt gab es mit Dellwo / Sänger, Steier / Mey und Brix / Janneke dreimal hintereinander ein männlich-weibliches Ermittler*innen-Duo.

Doch wir haben noch mehr: Da der HR gerade einige ältere Filme auspackt = wiederholt, werden wir in den nächsten Tagen die Rezensionen für „Zwei Flugkarten nach Rio“ (1976, Konrad), „Acht – neun – Aus!“ (1985, Dietze, eine sog. „Eintagsfliege“) und für „Oskar“ (2002, erster gemeinsamer Fall von Sänger / Dellwo) in Crimetime veröffentlichen.

Spiel mir das Lied vom Neuland, Dellwo!

Hatte Charlotte Sänger ihr Westerndebüt mitten in Frankfurt (wir rezensierten ihre Solo-Folge „Waffenschwestern“ als Anthologie-Nr. 142), fährt Dellwo zum Urlauben aufs Land. Das kann nicht gutgehen, sonst entstünde ja kein Fall mit Tatort. Wie es dieses Mal dazu kam, wird in der -> Rezension besprochen.

Handlung

Dellwo fährt aufs Land, wo Katrin Reuter inzwischen mit ihrem Mann Jens und den Kindern Jakob, 14 , und Frieda, 6, auf einem Hof nördlich des Rhein-Main-Gebiets lebt. Vor Jahren waren Katrin und Dellwo ein Paar, und Dellwo ist Jakobs Patenonkel.

Während zwischen Katrin und Dellwo noch die alte Vertrautheit herrscht, kommt der Überraschungsbesuch bei ihrer Familie nicht gut an. Die Ehe zwischen Katrin und Jens steckt in der Krise, und so reagiert Jens voller Misstrauen auf das Auftauchen der alten Liebschaft. Und er ist nicht der einzige, mit dem sich Dellwo anlegt: Im Gasthof hat er abends ein folgenschweres Tête-à-Tête mit Gerti, dem Sohn des Dorf-Patriarchen Plauer. In der Nacht wird Dellwo zusammengeschlagen, und aus seinem Zimmer im Gasthaus wird die Mundharmonika entwendet, die Katrins Tochter Frieda bei einem Auto mitten im Wald gefunden hatte.

Als Dellwo und Katrin jene Stelle im Wald aufsuchen, ist das Auto verschwunden, wird jedoch wenig später aus einem nahe gelegenen See geborgen. Der Wagen gehört dem Grundstücksspekulanten Gruber, der mehrfach versucht hatte, Höfe von Bauern aus dem Ort aufzukaufen. Ist er Opfer eines Verbrechens geworden? Die Spur führt zu Jens, der in Grubers Wohnung einbricht und anschließend wie vom Erdboden verschwunden ist. Doch als Dellwo und Katrin Jens‘ Spur aufnehmen und ihn zur Rede stellen wollen, liegt dieser tot neben seinem Wagen.

Rezension

Auf dem Land entwickelt sich dann ein Film, der stark mit Zitaten aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ und anderen Italowestern agiert. Sogar die Mundharmonika gibt es, ob Charles Bronson sich im Grab umgedreht hat, als Dellwo sein Lied in der Kneipe spielt , darüber wissen wir leider nichts (die Szene ist einer aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ nachgestellt). Wir dürfen Nina Kunzendorf, die ironischerweise den amtsmüden Fritz Dellwo als Kommissarin in Frankfurt beerbt hat, als etwas herbere Claudia Cardinale bewundern und am Ende gibt’s die Bösen mit den großen, schwarzen Hüten, die aber – Überraschung – nicht zum Showdown, sondern zur Versöhnung antreten. Da tritt Dellwo doch lieber ab und wird sich künftig wieder mit Classic Rock befassen und sich die Verantwortung kneifen, eine Familie zu übernehmen.

Der Film ist, wie  immer beim HR in der Dellwo-Sänger-Ära, stark stilisiert, wenn auch anders als bei den Großstadtkrimis. Hier hat man die farbkräftige Sprache der 60er-Jahre-Western adaptiert, damit das Setting und die Handlung atmosphärisch unterstüzt werden. Mais und Reis, watschelnde Gänse und gackernde Hühner werden ausgiebig abgelichtet und auch das menschliche Szenario ist westernhaft. Es gibt einen zunächst komplett unfähig wirkenden Sheriff, der sich der Tatsache ergeben hat, dass in Wirklichkeit ein Großrancher namens Plauer die Gesetze und den Gang der Dinge im Outback bestimmt.

Teile der Handlung (Farmer wird umgebracht, Rächer spielt Mundharmonika) ist „Spiel mir das Lied vom Tod“ entlehnt, aber natürlich nicht 1:1, das wäre ja ein Plagiat gewesen. Den Rächer gibt nicht der Sohn, so episch ist ein Tatort nicht, selbst, wenn er mit Rückblenden ausgestattet wird (was hier nicht der Fall ist), sondern der Frankfurt-Cop Dellwo, der ja immerhin der Ex-Lover der Jetzt-Witwe ist. Wenn sich das jetzt etwas wirr liest, dann könnte das daran liegen, dass auch die Handlung etwas wirr ist und keineswegs so stringent, wie am Ende, nachdem das Puzzle zusammengefügt ist, der Plot von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Da hätte man sich was abschauen können, auch ohne die drei Stunden Spielzeit des Sergio-Leone-Vorbildes zur Verfügung zu haben.

So viel Rock und Blues und so viel Western. Verträgt sich das in nur 90 Minuten? Kann da noch eine sinnvolle Handlung inszeniert werden? Besser wär’s gewesen, wenn man ein paar Unnötigkeiten gekappt hätt, etwas weniger Filmzitate eingebaut, diese aber nicht so collagenhaft, sondern noch plastischer inszeniert und ausgespielt. Dann wäre das Drama noch größer geworden, die Nähe zum Western, vor allem zum Italowestern, wohl auch.

Beinahe jede Szene und jedes Verhalten jeder Figur ist ein Zitat, selbstverständlich nicht nur aus dem oben erwähnten „Spiel mir das Lied vom Tod“, sondern auch aus anderen Genrefilmen; manche Momente wirken auch wie Genrezitate, ohne dass man sie einem bestimmten Vorbild zuordnen muss – jeder kann sich aus dem Repertoire an Filmen, die er bereits gesehen hat, den oder die passenden aussuchen. Auch der eine oder andere raue Polizeifilm klingt an. So schlecht ist das nicht gemacht, weil auf unser kollektives Bewusstsein in Bezug auf das Medium Film angespielt wird.

Zwar begibt sich Dellwo auf Neuland, weil er allein ermittelt, und das auch noch außerhalb von Frankfurt, aber dennoch wirkt alles seltsam vertraut, weil es diese Rückgriffe auf tausendundeinen bereits zuvor entstandenen Film gibt.

Nicht nur die Handlung folgt Grundmustern, auch die Rollenentwürfe sind Archetypen.David gegen Goliath, Vater-Überfigur gegen Sohn-Rebell, korrupte Cops, die sich dann doch ihrer Rolle als Vertreter des Guten bewusst werden, ein einsamer Rächer, der auf der  Bildfläche erscheint und die Dinge in die Hand nimmt. Dass dieser Rächer nicht mit feinfühliger Ermittlungsarbeit vorgeht, möglicherweise sogar die KT involviert, versteht sich von selbst, das widerspräche dem Rollenklischee.

Hier konnte man, im Gegensatz zu Sängers Großstadwestern-Alleingang „Waffenschwestern“ auch mit langen Flinten operieren, auf dem Land steht so ein Teil bekanntlich in jeder Kate und es wird auch ohne  Federlesens davon Gebrauch gemacht, um geschäftlich störende Mit-Dorfbewohner unter die Erde zu bringen. Das Land, das hier inszeniert wird, hat wenig mit der deutschen Wirklichkeit im Jahr 2009 zu tun, aber viel mit der Legende vom Wilden Westen in ihrer pathetischsten Form. Dass dabei szenenweise hessisch gebabbelt wirkt, ist für uns ein Grenzfall zwischen ironischer Durchbrechung und unfreiwilliger Komik.

Trotzdem ist der Versuch nicht gescheitert, die Verhältnisse einer brutalen, beinahe gesetzlosen und sehr archaischen Welt in unsere Zeit zu transportieren. Die Schemata von Macht und Ohnmacht, von wirtschaftlichem Wildwuchs, von Abzockern und Ausgenutzten und Leuten, die irgendwie dazwischen stehen und die Orientierung verlieren, die ist gut erkennbar und man darf nicht vergessen, dass „Neuland“ auf dem Höhepunkt der ersten Bankenkrise 2008 gedreht wurde. Man hat zwar dieses Mal die Banken ungerupft gelassen, vielleicht auch, weil der Drehplan schon vor der Krise entstanden war, aber Investoren und Großgrundbesitzer sind auch gute  Feindbilder (in „Spiel mir das Lied vom Tod“ war es ein rücksichtsloser Bahnmanager, der Land für das Dampfross bzw. dessen Trasse und dessen Infrastruktur requirieren wollte, in „Neuland“ stampft und dampft nicht das Feuerpferd, sondern ein Einkaufscenter soll aus dem Boden gestampft werden). Die Prinzipien sind allesamt gewahrt.

Wenn wir schreiben, die Figuren sind Archetypen, dann müssen wir eine ausnehmen. Leider ist dies nicht Fritz Dellwo, der in seiner etwas over the top streitbaren Darstellung zwar nicht unglaubwürdig, aber auch nicht sehr gut hergeleitet wirkt. Warum sucht sich jemand zum Urlauben eine Vergangenheit aus, die auch dann heftigsten Stress bedeutet hätte, wenn es nicht gleichzeitig Verbrechen aufzuklären gäbe, was im Verlauf zu einigen Blessuren an Dellwos Körper führt? Für uns war Dellwo zwar immer Existentialist, aber nicht so deutlich Masochist wie hier. Es ist doch klar, dass das mit Nina nichts werden kann.

Nina Kunzendorf, die Katrin Reuter spielt, lässt schon einiges von dem erahnen, was sie derzeit in ihre Rolle als Conny Mey einbringt, aber es gibt auch Unterschiede, und es gibt verschiedene Stimmungen und Ausdrücke. Sie hat das Glück und die Fähigkeit, die einzige mehrdimensionale Figur in „Neuland“ entwickeln zu dürfen, auch das erinnert uns ein wenig an „Spiel mir das Lied vom Tod“, wo die Frau mit ihren Waffen kämpft, nachdem ihre Familie zerstört wurde. Hier geht es weniger um den Kampf als um ihre Entscheidungen und Handlungen, das authentisch wirkende Hin-und-Hergerissen-Sein zwischen aktuellem Mann in irdischen Nöten und Ex-Lover ohne Erdung, das am Ende aber doch in dieser höchst westernhaften Leichenschmaus-Szene im Freien endet, zu der die beiden Dorfbesitzer-Plauers (Martin Habich, Devid Striesow) in Zeitlupe und in nur sanft modernisierter Westernkleidung erscheinen.

Ärgerlich ist wieder einmal, dass die Handlung nicht mit der Bildsprache und den Schauspielleistungen mithalten kann. Vor allem, dass der Täter Kruppka (Hans Uwe Bauer) sich am Ende selbst bezichtigt, obwohl Dellwo sich nur die Hände gewaschen und keine einzige böse Frage an Kruppka gestellt hat, der zunächst wie der gute Kumpel wirkt. Man ahnt aber rasch, dass der Mann irgendetwas mit den beiden Morden zu tun haben muss, die anderen Verdächtigen sind einfach viel zu verdächtig, vor allem die Plauers. Trotzdem wirkt er  sympathisch. Mag sein Rambo-Abgang von Hysterie getrieben sein, schließlich hatte er mal eine Druckerei in Frankfurt, und sind seine Motive auch nicht schlüssig, nicht einmal das zum Umzug aufs Land, gibt er dem Dorf in der Hessenprovinz eine etwas menschlichere Note – beinahe bis zum Ende des Films. Gerade dieses Ende aber lässt jeden Feinschliff vermissen, der Riss in der Handlung war beinahe körperlich spürbar, und so etwas sollte auf Tatort-Niveau nicht vorkommen. Tut es aber leider immer wieder.

Fazit

Stärken und Schwächen halten sich in „Neuland“ die Waage. Offen geschrieben, wir vermissen Andrea Sawatzki als Charlotte Sänger in diesem Film als Partnerin von Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) mehr, als dies umgekehrt in „Waffenschwestern“ der Fall war. Es gibt diese Theorie, dass das Duo auch deshalb auseinanderging und für Kunzendorf / Król die Sessel im Frankfurter Filmpolizei-Revier geräumt hat, weil Jörg Schüttauf sich zu wenig repräsentiert sah; sprich, von Sawatzki zu sehr dominiert wurde. Ohne diese konnte er in „Neuland“ zeigen, was  er kann.

Wir sind uns nicht sicher, ob es seine Rolle vorgegeben hat, oder ob er so reduziert spielt, weil eine versatile Mimik nicht zu seinen Stärken gehört. Er spielt die Aggressionen, die in ihm lodern, sehr verhalten und explodiert immer wieder zur Unzeit, mischt sich ein und man weiß gar nicht recht, was ihn so wahnsinnig antreibt. Das wirkt anders als bei den Frankfurt-Einsätzen, in denen eher Sänger / Sawatzki die Involvierte gibt. Er hat die Solo-Chance insgesamt gut genutzt – aber nicht so gut, dass man die Entscheidung des HR, den Akzent in den gemeinsamen Folgen mehr auf die flirrende Persona von Sänger zu legen, nicht verstehen könnte.

7/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Fritz Dellwo – Jörg Schüttauf
Rudi Fromm – Peter Lerchbaumer Katrin
Jens Reuter – Martin Feifel
Jochen Kaleck – Peter Kurth
Roland Plauer – Matthias Habich
Stefan Kruppka – Hans Uwe Bauer
Jakob Reuter – Jonas Häußermann
Reuter – Nina Kunzendorf
Gerti Plauer – Devid Striesow
Frieda Reuter – Sophia Abtahi
u.a.

Drehbuch – Bernd Lange
Regie – Manuel Flurin Hendry
Kamera – Andreas Doub
Szenenbild – Károly Pákozdy
Musik – Fabian Römer

 

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