Zwei Flugkarten nach Rio – Tatort 62 #Crimetime 869 #Tatort #Frankfurt #Konrad #HR #RiodeJaneiro #Flugkarten #Flug

Crimetime 869 - Titelfoto HR

Kein Abenteuer in Rio

So las sich die Einleitung im Jahr 2015, als ich den Entwurf für die nachfolgende Rezenson schrieb: „Heute haben wir wieder einen Tatortkommissar der Vergangenheit, den Herrn Konrad aus Frankfurt, kennengelernt, und der ermittelt in einer Räuberpistole, die außerdem belegt, dass der Regisseur Fan französischer Filme ist.“ Aus der fernen Vergangenheit, muss man beifügen, denn Konrad zählte zu den „Startern“, den ersten Kommissaren der jeweiligen Tatortstadt, in dem Fall Frankfurt am Main. In dem Film spielt mit Ingmar Zeisberg nicht nur ein Kinostar der 1950er bzw. 1960er mit, was damals naturgemäß noch etwas häufiger vorkam, sondern auch Karl-Heinz von Hassel, der ab 1984 in Frankfurt als Kommissar übernehmen sollte. Von Hassel war zuvor einer der am meisten eingesetzten Episodendarsteller, wie ich nach vielen weiteren Tatort-Rezensionen weiß.

***

Wir schließen für einen Moment die Augen, lauschen der Musik der Verfolgungssequenz, die sich kurz vor dem Ende des Films ereignete. Da war doch was. Genau. Wir versuchen, uns in die Lage des profilierten Fernsehregisseurs Fritz Umgelter, der beim hier zuständigen HR auch Programmchef Unterhaltung war zu versetzen. In seiner frühen Zeit hat er auch ein paar Kinofilme gemacht. Sicher wäre er gerne ein großer Regisseur geworden. Und die Anspielungen, die er sich im Fernsehen, in Tatorten wie „Zwei Flugkarten nach Rio“ leistet, belegen dies. Nein, der Tatort und der Film, auf den er sich bezieht, haben wenig gemein bis auf die Tatsache, dass es eben diese Verfolgungsjagd gibt und die Stadt Rio de Janeiro eine Rolle spielt.

Handlung

Zwei Gangster entführen bei einem Überfall auf eine Frankfurter Bankfiliale einen Bankkunden als Geisel. Als sie sich später seiner entledigen, nehmen sie seinen Aktenkoffer mit. Mit diesem Koffer haben sie einen unerwarteten Fang gemacht, wie sie verblüfft feststellen. Er enthält einen großen Geldbetrag und Schmuck im Wert von fast einer Million Mark.

Da sich der entführte Bankkunde nicht meldet, taucht bei den ersten polizeilichen Ermittlungen der Verdacht auf, er könnte ein Komplize der Gangster und die Geiselnahme nur vorgetäuscht sein. In Wirklichkeit ist der Mann ein raffinierter Juwelendieb, der unabhängig von den beiden Bankräubern zufällig zur selben Zeit in der Bank einen großen Coup gelandet hat.

Er denkt nicht daran, seine Beute verloren zu geben, sondern versucht, die beiden Ganoven über Frankfurter Hehler aufzuspüren und ihnen Schmuck und Geld wieder abzujagen. In der Bank hat man inzwischen entdeckt, daß aus den Bankfächern vermögender Kunden auf rätselhafte Weise Juwelen und Bargeld verschwunden sind. Kommissar Konrad führt die Untersuchungen. Währenddessen entwickelt sich zwischen den drei Verbrechern ein dramatischer Kampf um die Beute.

Rezension

Wir schließen für einen Moment die Augen, lauschen der Musik der Verfolgungssequenz, die sich kurz vor dem Ende des Films ereignete. Da war doch was. Genau. Wir versuchen, uns in die Lage des profilierten Fernsehregisseurs Fritz Umgelter, der beim hier zuständigen HR auch Programmchef Unterhaltung war zu versetzen. In seiner frühen Zeit hat er auch ein paar Kinofilme gemacht. Sicher wäre er gerne ein großer Regisseur geworden. Und die Anspielungen, die er sich im Fernsehen, in Tatorten wie „Zwei Flugkarten nach Rio“ leistet, belegen dies. Nein, der Tatort und der Film, auf den er sich bezieht, haben wenig gemein bis auf die Tatsache, dass es eben diese Verfolgungsjagd gibt und die Stadt Rio de Janeiro eine Rolle spielt.

Doch, da gibt es noch eine Kleinigkeit. Die Figur hinter einer Vitrine im Wohnzimmerschrank des Gentleman-Gauners Harry Meier. Das ist eine Art Inka-Kultfigur, und wo waren solche Figuren einmal von zentraler Bedeutung, damals gab es drei davon? Richtig, in „Abenteuer in Rio“. Den endgültigen Beleg, dass die Macher von Tatort Nr. 62 diesen wundervollen Abenteuerfilm im Blick hatten, liefert die Musik während der genannten Verfolgungszene. Der berühmte Komponist Georges Delerue hat für „Abenteuer in Rio“ eine fantastisch passende und sehr abwechslungsreiche Musik geschrieben. Und der Score, der im Vorspann zu diesen psychedelischen Balken läuft, die sich immer wieder verändern und auf denen die Mitwirkenden abgebildet sind, das ist in etwa das, was geboten wird, als die drei an zwei Bankrauben beteiligten Gangster einander jagen. Mitgespielt haben im Film aus dem Jahr 1964 Jean-Paul Belmondo und Francoise Dorléac (die Schwester von Catherine Deneuve) und dieser Film hat uns auch wieder mitgerissen, als wir ihn zweimal angeschaut haben, um über ihn im Wahlberliner zu schreiben (die Rezension wurde auf dem Filmfest des „neuen“ WB noch nicht gezeigt).

Damit ist auch der Tenor des Films festgelegt. Wir gehen etwas mehr als zehn Jahre zurück und befinden uns im Jahr 1963, als „Abenteuer in Rio“ entstand. Eine tolle Zeit war das, aber das Jahr endete tragisch. Das war nach diesem Film. Doch Rio, die Ferne, die mondänen Düsenjets, die damals noch etwas Neues waren und ausgiebig gefilmt wurden, der Rausch der Geschwindigkeit und die Möglichkeit, nach ein paar Flugstunden jede Form von Exotik genießen zu können, das war ein Traum. Für die meisten Menschen jedenfalls. Und das war auch in den 1970ern noch so. Da war noch nicht jeder Deutsche in Rio gewesen. Es ist auffällig, wie viele Tatorte der 1970er und 1980er Fuchtpunkte in der Ferne hatten, die selbstverständlich nie erreicht wurden.

Wenn also die Macher sich auf ein KinoVorbild beziehen, um einen thematisch ähnlichen, aber handlungsseitig ganz anderen Plot zu verfilmen, der viel engere Grenzen setzt, der ganz in Frankfurt verbleibt, bei dem alles, was die Helden in „Abenteuer in Rio“ in riesigem Format erleben, in Hessen bleibt, nicht einmal auf das „Traumschiff“ kommt, für das Umgelter am Ende seiner Karriere gearbeitet hatt, was bleibt dann? Die Ironie. Der hintergründige Witz.

So sind auch die Figuren des Films zu versehen und seine Handlungsführung. Damals war die Klamotte offenbar nicht immer als solche erkennbar. Doch wie zum Beispiel der schwächere Teil des Gangsterduos, das den ersten wahrnehmbaren Überfall beging, als Figur gezeichnet wird, das ist eben klamottenhaft. Man fragt sich, was will der andere, ein Herr Dehn, mit diesem Herrn Knaab? Und auch, wie die beiden zusammen agieren, ist eben nicht immer so professionell, wie es sein müsste, wenn sie eine ganze Einbruchserie begehen können, ohne gestellt zu werden.

Der Gentleman-Gangster Meier wirkt erheblich besser aufgestellt, aber letztlich wird ihm zum Verhängnis, dass auf dem damals schon großen Frankfurter Flughafen ein Kommissar namens Konrad zugange ist, der ihn tatsächlich unter all den Passagieren mühelos entdeckt, obwohl er ihn nie zuvor gesehen hat und nur aufgrund von Beschreibungen weiß, wie der Mann etwa aussehen könnte. Dass dieser sich dann am Flughafen wieder so kleidet wie beim eigenen, verdeckten Überfall auf die Bank, erinnert uns an „Der eiskalte Engel“ von Jean-Pierre Melville und mit Alain Delon, wo der Profikiller sich auch so verdächtig auffällig benimmt, nur, um dem Stilisierungsverlangen des Regisseurs zu genügen.

Natürlich ist dieser Tatort aber auch ein echter Tatort und zeigt die 1970er, wie sie waren. Man sieht schon die ersten VW Golf und Scirocco herumfahren, aber die Szene war noch dominiert von Modellen mit älterem Design, wie etwa den Opel Rekord D, welche die Polizei fährt und die damals eine aktuelle Baureihe waren. Hessen, das ist eben auch Rüsselsheim, die Opel-Stadt, nicht nur die Bankenmetropole Frankfurt, die damals noch nicht diese postmodernen Hochhäuser hatte, mit denen aus dem Ruder gelaufene Banken sich selbst Denkmäler setzen und im Ernstfall vom Steuerzahler gerettet werden müssen.

Im Film gibt es nur eine Bankfiliale, in der es recht normal zugeht, bis auf die Tatsache, dass eine geschätzte Mitarbeiterin mit Juwelen-Meier zusammenarbeitet und ihm zu Nachschlüsseln für Schließfächer verhilft. Auch solche Szenarien kennt man aus Frankfurt, die gab es z. B. auch unter dem späteren Kommissar Brinkmann, der in „Zwei Flugkarten nach Rio“ passenderweise noch einen Bankangestellten spielt, und ganz anders wirkt als in der Kommissar-Rolle, die er nur wenige Jahre später übernahm. Und in der Bank ist alles orange und braun ausgestattet, und so war das wohl damals tatsächlich, auch heute wird das Innenraumdesign in Tatorten ja nicht abweichend von der Wirklichkeit eigens inszeniert, das wäre auch viel zu teuer. Es findet zwar eine Lenkung der Wahrnehmung statt, indem man oft bauhausmäßige Architektenträume wählt, um Verdächtige darin wohnen zu lassen, aber es ist nichts da, was es nicht gibt.

Finale

Die Story des Films ist witzig, variantenreich, wenn auch nicht überragend spannend inszeniert, der Einfall mit den zufällig gleichzeitigen Aktionen, dem Diebstahl im Schließfachbereich und dem Raub, bei dem der Dieb als Geisel genommen wird, ist herrlich, und der Film zeigt viel Humor. Alles, was seitens der Verbrecher darin dilettantisch wirkt, ist hundertprozentig so gedacht und diese Wirkung ist erwünscht: Dass man oft lachen muss, besonders über den tollpatschigen Knaab. Gesellschaftskritik gibt es in einer besonderen Form: Man bekommt mit, dass die Reichen deshalb so entspannt sind, weil ihr Schmuck gut versichert ist. Aus den ärmeren Schichten stammen hingegen die Räuber, die letztlich alle verlieren. Sie hatten eben keine reiche Frau geheiratet, sondern mussten auf die Art, die ihnen gemäß war, anschaffen.

In dem Szenario ermittelt sich Kommissar Konrad durch, wobei die Bank so bürgerlich wirkt, neben der  High Society, und wo er sich die Leute anschaut, im Smoking, und das alles nur, um seine Zauberkunststückchen vorführen zu können. Das ist launig und man soll nicht denken, das wäre in den 1970ern nicht gesehen worden. Die Menschen waren damals nicht dümmer als heute, wie viele gute, alte Kriminalfilme beweisen und hatten auch schon Sinn fürs Skurrile. Was es nicht gab, war ein Tatort-Team, das komplett auf die Komik-Schiene gestellt wurde.

Wozu es ebenfalls nicht kam, das sind die zwei Flugkarten nach Rio. Alles ist nur ein geplatzter Traum.

7/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Konrad – Klaus Höhne
Kriminalobermeister Robert Luck – Manfred Seipold
Harry Meier – Christian Quadflieg
Hannes Knaab – Heinz W. Kraehkamp
Alex Dehn – Siegurd Fitzek
Lassky – Hans-Helmut Dickow
Schütz – Hans-H. Hassenstein
Frau Conndorf – Ingmar Zeisberg
Frau Hochwald – Liesel Christ
Helga Böker – Angelika Bender
Bankdirektor Schöne – Günter Strack
mit – Barbara Kramer, Ingrid Pearce, Claus Berlinghof, Walter Dennechaud, Franz Grothe, Karl-Heinz von Hassel, Walter Morbitzer, Karl-Heinz Staudenmayer

Regie : Fritz Umgelter
Drehbuch: Herbert Lichtenfeld
Kamera: Horst Thürling

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