Acht, neun – aus – Tatort 166 #Crimetime 870 #Tatort #Frankfurt #Dietze #HR #acht #neun #aus

Crimetime 870 - Titelfoto © HR

Einmalige Einzelgänger

Alte Tatorte muss man sich anschauen, ohne sich vorab über sie zu informieren. Denn zum Rätselspaß gehört dann auch, sich festzulegen, aus welchem Jahr sie sind und dadurch zu erfassen, wie gut das Gefühl für eine Zeit ist, die man nicht miterlebt hat oder in einem Alter, in dem man der Mantel des Zeitgeists noch nicht von vorne geweht hat. Wie sich das bei „Acht, neun – aus“ bei uns ausgenommen hat, steht in der -> Rezension.

Handlung

30 Jahre lang war Reinhold Dietze bei der Polizei. Die meiste Zeit davon war er in einem Revier im Zentrum Frankfurts unterwegs, wo fast immer etwas los ist. Jetzt reicht es dem gestandenen Polizeihauptmeister. Er hat gekündigt und will in Kürze einen neuen Job beim Werkschutz einer Hamburger Firma antreten. Da verdient er das Doppelte bei halber Arbeit, außerdem wartet dort eine Frau auf ihn.

In den letzten Tagen vor dem geplanten Umzug fährt Dietze mit Wachtmeister Michael Lück Streife. Für den unerfahrenen Beamten Lück ist es ein furchtbarer Schock, als die beiden am Schauplatz eines Raubüberfalls Lücks junge Frau Uschi lebensgefährlich verletzt auffinden. Der flüchtige Täter hat sie niedergeschossen. Da ihm die Ermittlungen der Kriminalpolizei nicht schnell genug vorankommen, versucht Lück auf eigene Faust, den unbekannten Täter aufzuspüren.

Rezension

Alte Tatorte muss man sich unbedingt anschauen, ohne sich vorab über sie zu informieren. Denn zum Rätselspaß gehört dann auch, sich festzulegen, aus welchem Jahr sie sind und dadurch zu erfassen, wie gut das Gefühl für eine Zeit ist, die man selbst nicht oder nur im Kekszustand miterlebt hat.

Viel geht über die Autos, aber da Dietze einen Opel Rekord in der Version fährt, wie es sie ab 1977 gab, der Tatort jedoch erkennbar jünger ist, und da insgesamt nicht allzu viele Autos vorkommen, bleibt alles ein wenig vage. In einer Szene, in welcher Dietze den Rekord ziemlich ruppig startet, fährt ein Auto beinahe auf ihn auf, das wir trotz Vor- und Zurückspulens nicht einwandfrei identifizieren konnten, wir hielten es zunächst für einen Audi 100, aber in der Version, die erst ab 1988 gebaut wurde. Es könnte aber auch ein BMW 3er der Variante ab 1983 gewesen sein, in einer der neuen, dunkelgrauen Metallicfarben. Wenn es über die Autos nicht geht, dann aber doch über die Mode: Netz T-Shirts ohne was drunter! Das war die letzte Phase der Freiheit, in der man noch versuchte, ganz neue Modesachen zu erfinden. Wir müssen grinsen, wenn wir an das T-Shirt der jungen Dame auf dem Revier denken, die später einen unschönen Tod im Treppenhaus findet. Wir behalten aber den Grund für das Grinsen mal für uns, denn da geht es um eine persönliche Story.

Zwischendurch lösen wir noch das mit dem Jahr auf: Wir dachten an 1983 oder 1984, verortet anhand der Mode. Die Erstausstrahlung des Films fand im Februar 1985 statt, aber der Dreh im Mai 1984, und das war genau diese Zeit, die wir bei den Netz-T-Shirts im Kopf hatten.

Zum Glück war es im wirklichen Leben nicht so, dass Netz-T-Shirt-TrägerInnen, also Menschen, die sich was trauten, damit gleich zu Ludern und Lotterern gestempelt waren, die folgerichtig im Kugelhagel des stets eifersüchtigen Liebhabers enden mussten. Regisseur Jürgen Roland war vermutlich nicht für die Ausstattung und die Dekors in dem Film verantwortlich, aber die Zeichnung dieses Flittchens passt in das Weltbild eines Mannes, der eben noch aus den 1950ern stammt bzw. damals sein Filmhandwerk gelernt hat, das er dann u. a. bei einigen Edgar Wallace-Filmen zeigen durfte.

Diese Kino-Herkunft des Regisseurs hat aber nicht nur konservative Seiten, obwohl die Sprüche von Dietze hinlänglich den Gesamtgeist bei der Polizei der 1980er erläutern, als offenbar auch die ersten Frauen eingestellt wurden. Denn Dietze wird gespielt von Klaus Löwitsch, einem der letzten echten Machos im deutschen Fernsehen. Und wie schön diese Rolle für ihn geschrieben ist, denn im Grunde ist er ja der Typ mit Herz und mit Maß und Ziel in einem Krimi, der deutlich auf knallige Charaktere und mehr auf Knalleffekte im wörtlichen und übertragenen Sinn setzt als in damaligen Tatorten üblich –ein typischer Roland-Film, möchte man sagen, aber es gab auch andere Kinoregisseure, die damals interessante Tatorte machten. Im Grunde ist dieser Input aus dem großen Kino bis heute geblieben, den es immer mal wieder gibt.

Zwischentöne gibt es allerdings wenige, im Grunde ist Dietze, der Löwitsch-Charakter, die einzige differenzierte Figur, die als hart, aber herzlich apostrophiert wird. Die Polizisten auf der Wache und die Gangster sind eindimensional gezeichnet. Denkt man bei letzteren aber nur. Denn da gibt es am Ende einen nicht wörtlichen Knalleffekt, als man sieht, wer da mit wem mauschelt, und wer dabei manipuliert wird. Die Welt ist schlechter als man es sich ausdenken kann, das merkt man selbst in Milieukrimis wie diesem, der in den Kneipen, bei den Boxern, den Huren und halt irgendwie im Frankfurter Bahnhofsviertel spielt – einmal sieht man den Eingang zum U-Bahnhof Bornheim.

Ungewöhnlich ist die letzte Wendung durchaus, wenn auch nicht sehr glaubwürdig. Immerhin zeigt sie Klaus Höhne als Schlitzohr auf der anderen Seite des Verbrechens, nachdem er seinen Dienst als Tatort-Kommissar quittiert hatte (Höhne war als Kommissar Konrad von 1971 bis 1979 der erste Tatort-Ermittler des Hessischen Rundfunks). Aber wer sich ins Milieu begibt, der muss eben damit rechnen, von solchen gewissenlosen Menschen ausgenutzt zu werden. Das Problem an dieser Darstellung ist allenfalls, dass das Ausnutzen von Menschen nicht milieuabhängig ist.

Mit der Figur des jungen Polizisten Lück, gespielt von Pierre Frankh, haben wir uns dann allerdings doch schwergetan. Dass er, wie Dietze, der am anderen Ende der Dienstjahre-Skala steht, ihm sagt, nie ein guter Polizist werden wird, bleibt niemandem verborgen, aber es ist auch ein wenig zu extrem, wie unkoordiniert der Typ sich verhält. Dass er nicht auf dem Rachefeldzug wegen des Angriffes auf seine Frau, mit welcher er gerade erst acht Wochen verheiratet  war, sondern wegen einer unüberlegten Einzelaktion im Supermarkt draufgeht, während seine Frau letztlich überlebt, ist eine der Volten, die gewiss absichtlich so krass sind – aber wenn Typen wie dieser Lück wirklich bei der Polizei sein sollten, kann einem angst und bange werden. Wie bei den meisten heutigen Tatort-Ermittlern, aber wir leben ja in einer Zeit, in der wir wissen, dass Realismus nur Spiegelfechterei ist – so weit war man 1985 noch nicht, wie man an den meisten Tatorten der Zeit ablesen kann.

Finale

Obwohl man ahnt, dass Dietze den Lück nicht wird schützen können vor dessen eigener Dummheit, ist das Geschehen spannend und hat zudem eine Art halboffenes Ende. Dietze weiß nun, wer die Drahtzieher hinter den jüngsten Morden sind und da ist nun auch persönliche Wut im Spiel, weil er sich auch hat von ihnen täuschen lassen, von seinen jahrelangen Kiezbekannten. Er tritt die Tür zu seiner eigenen Lieblingskneipe ein, die tagsüber geschlossen ist, und man darf davon ausgehen, dass er mal richtig aufräumen wird. Ebenfalls im Alleingang. Aber wir glauben nicht, dass er alle erschießt, dafür ist er trotz aller Abscheu, den er in 30 Jahren Polizeidienst entwickelt hat, zu cool.

Einer der ganz großen Klassiker ist „Acht, neun … Aus“ sicher nicht, aber ein recht harter und schonungsloser Polizeifilm mit echten Typen, wie sie damals noch auf beiden Seiten des Gesetzes und auch zwischen den Seiten zu finden waren.  Uns hat das Ansehen Spaß gemacht, auch wenn wir immer denken – waren wie 1980er wirklich so anders als heute, wie sie im Film wirken? Sie waren anders, aber auch die Art der Tatortmacher, die jeweils aktuelle Wirklichkeit darzustellen, hat sich stark verändert und schafft dadurch eine Art künstliche Distanz zu jener Zeit, die im Fall von „Acht, neun … Aus“ ziemlich genau 35 Jahre zurückliegt.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Polizeihauptmeister Reinhold Dietze – Klaus Löwitsch
Polizeiwachtmeister Michael Luck – Pierre Franckh
Helmut Zander – Micha Lampert
Bruno Komschak – Klaus Höhne
Petra – Ingmar Zeisberg
u.a.

Drehbuch – Jürgen Roland
Regie – Jürgen Roland
Kamera – Armin Alker, Werner Hoffmann
Schnitt – Birgitt Bosboom-Schröder, Christina Ganninger

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