Was bleibt (DE 2012) #Filmfest 296

Filmfest 296 A

2020-08-14 Filmfest AWas bleibt nun?

Was bleibt ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 2012. Die Uraufführung des Dramas fand im Hauptwettbewerb der 62. Berlinale am 14. Februar 2012 statt. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Drehbuch von Bernd Lange.[1] (1)

Hans-Christian Schmid hat ein Kammerspiel inszeniert, in dem aber hin und wieder das Dekor wechselt, einmal wird sogar im Wald gedreht. Er hat mit Corinna Harfouch und Lars Eidinger Darsteller, die einen Film auch einzeln tragen könnten – und einen attraktiven 70er-Bungalow als Kulisse. In dieser Kulisse spielt sich ein Familiendrama ab, an dessen Ende sich die langjährig depressive Gitte (Harfouch) in den Wald verabschiedet. Sohn Marko (Eidinger) begegnet ihr dort noch einmal – als einziger aus der Familie, die sich auf die Suche nach Gitte begeben hat. Die letzte Begegnung von Mutter und Sohn Marko steht dafür, dass dieser auch der einzige ist, der versucht, den Auf- und Ausbruch seiner Mutter zu akzeptieren.

Beinahe wie eine Erscheinung wirkt sie, als sie dann vor ihm steht, ihn umsorgt, nachdem er sich während seiner Suche verletzt hat. Sie verbringen eine Zeit am nächtlichen Lagerfeuer miteinander. Im letzten Bild, das ihn am nächsten Morgen zeigt, immer noch verletzt, er wird von der Polizei aufgegriffen. In diesem Moment fragt man sich, ob er die Mutter wirklich sah oder ob es sich um eine Vision handelte. Das Feuer zumindest gab es wohl, man sieht Rußspuren in Markos Gesicht. Was man sonst noch sieht, besprechen wir in der -> Rezension.

Was vom Film bleibt, ist der Eindruck zweier ganz unteschiedlicher Rollen, von denen eine gut gespielt ist, die andere hingegen fragwürdig. Lars Eidinger, den wir für den Wahlberliner bisher in „Alle anderen“ und, wie’s der Zufall wollte, erst vor einer Woche in „Borowski und der stille Gast“ gesehen haben, gibt den Marko so, wie wir  uns einen Sohn der 70er vorstellen, der aus der westdeutschen Provinz nach Berlinabgegangen ist, der etwas von der großen Stadt in sich aufgenommen hat, ohne zum Sozialrevolutionär zu werden. Da finden wir uns wieder. Er hat sich wenigstens teilweise abnabeln können, verdient sein eigenes Geld, doch ganz sicher nicht so viel wie sein Vater. Da ist es nachvollziehbar, dass er die Distanz hat, die gewünschte Veränderung seiner Mutter mit Interesse und Wohlwollen aufzunehmen. Sein Beziehungsleben ist fragil, typisch Großstadt, wird aber ohne Begründung am Ende geheilt, da kommt nämlich seine Partnerin in sein Elternhaus, die ihn bereits verlassen hat. Eidinger hat die Präsenz, einen nicht unbedingt hervorstechenden Typen sehr intensiv zu spielen, das rechnen wir ihm hoch an – gerade in diesem Film.

Zum Beispiel, weil wir eine Adäquanz sehen. Bei Corinna Harfouch ist das leider ein wenig anders. Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie schon so viele grandiose Rollen gespielt hat und starke Frauen. Doch sie wirkt zu kantig und stark für die Figur der Gitte, also für jemanden, der sich 30 Jahre lang hat von einer Depression hat beherrschen lassen und damit die Familie belastet hat, jemand, der nie Mutter sein konnte, sondern stets Sorgenkind der Kinder und des eigenen Mannes war. Es mag auch daran liegen, dass dieser Hintergrund nicht gut herausgearbeitet ist, dass nicht wirklich das Drama spürbar wird, das eine solche Konstellation in sich trägt, aber Corinna Harfouch als Gitte kann sich kaum so zurückhaltend aus dieser Depression tasten, sich selbst so neu und als Wunder an Selbstbestimmung erleben, wie man es von jemandem erwarten darf, der lange  Zeit nur gelitten und seine Umwelt hat leiden lassen. Sie wirkt eher wie eine Person, die stets selbstbestimmte und feste Persönlichkeit war.

Nicht, dass sie mit den Antidepressiva aufhört, ist überraschend, sondern, dass sie irgendwann einmal damit angefangen hatte. Wären die übrigen Figuren mit kräftigerem Strich gezeichnet, würde das nicht so auffallen, aber da diese in etwa so blass sind wie die Farben, in denen der Film gehalten ist, wirkt die Harfouch selbst in dem anfänglichen Moment dominant, in dem sie nur auf dem Sofa liegt, mit einem Tuch über dem Gesicht.

Mit dieser Besetzung der Mutterrolle steht und fällt aber größtenteils die Glaubwürdigkeit des Tableaus, das in „Was bleibt“ ausgebreitet wird. Ihr Zustand ist konstitutiv für die Verfassung des Mannes und der beiden Söhne. Unser Eindruck ist eher, dass alles, was die Söhne sind oder nicht, was ihr Mann tut oder nicht, auch genausogut hätte stattfinden können, wenn die Mutter eine ganz normale Hausfrau oder Berufstätige gewesen wäre, die in den 1970ern Kinder zur Welt gebracht hat und ihnen Wohlstand, äußere Sicherheit und wenig Persönlichkeit mitgeben konnte. Das alles, was die Männer um 40 an Eigenschaften zeigen, ist nicht einmal typisch für ihre Generation, sondern eine Möglichkeit von vielen, wie man werden kann. Ganz unspektakulär und ohne Herleitung durch eine Mutter, die von einer seelischen Krankheit beherrscht wird.

Handlung (1)

Bei einem Wochenendbesuch in seinem Heimatort erlebt der in Berlin lebende Marko eine aus den Fugengeratende Familie. Seine depressive Mutter Gitte verkündet, ihre Medikamenteneinnahme nach 30 Jahren abgesetzt zu haben. Sein Bruder Jakob und sein Vater Günter reagieren sehr skeptisch und treiben die Mutter damit in die Verzweiflung.

Handlung (2)

Marko ist Anfang dreißig und lebt seit seinem Studium in Berlin – weit genug entfernt von seinen Eltern Gitte und Günter, mit deren bürgerlichen Lebensentwurf er sich nie recht anfreunden wollte. Ein, zwei Mal im Jahr besucht er die beiden, in erster Linie um ihnen ein paar gemeinsame Tage mit ihrem Enkel, Markos fünfjährigem Sohn Zowie, zu ermöglichen.

Marko hofft auf ein halbwegs ruhiges Wochenende in der Kleinstadt, doch es gibt Neuigkeiten: Gitte, die seit Markos Kindheit manisch-depressiv ist, fühlt sich nach einer homöopathischen Behandlung zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gesund. Sie verzichtet auf ihre Medikamente und baut auf einen gemeinsamen Lebensabend an der Seite ihres Mannes, nicht ahnend, dass sie mit ihrer unerwarteten Genesung seine Pläne durchkreuzt. Auch Markos jüngerer Bruder Jakob und dessen Lebensgefährtin Ella stehen an einem Wendepunkt, denn Jakob richtet sich mehr und mehr auf ein Leben in Blicknähe zu seinen Eltern – vor allem zu Gitte – ein, Ella hingegen würde gern ihre beruflichen Pläne erst mal im Ausland weiterverfolgen.

Markos Anwesenheit wirkt wie ein Katalysator, er provoziert die Konfrontation mit den unausgesprochenen Wahrheiten, die Fassade des harmonischen Familienlebens bröckelt.

Quelle: 62. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

Rezension 

Was vom Film bleibt, ist der Eindruck zweier ganz unteschiedlicher Rollen, von denen eine gut gespielt ist, die andere hingegen fragwürdig. Lars Eidinger, den wir für den Wahlberliner bisher in „Alle anderen“ und, wie’s der Zufall wollte, erst vor einer Woche in „Borowski und der stille Gast“ gesehen haben, gibt den Marko so, wie wir  uns einen Sohn der 70er vorstellen, der aus der westdeutschen Provinz nach Berlinabgegangen ist, der etwas von der großen Stadt in sich aufgenommen hat, ohne zum Sozialrevolutionär zu werden. Da finden wir uns wieder. Er hat sich wenigstens teilweise abnabeln können, verdient sein eigenes Geld, doch ganz sicher nicht so viel wie sein Vater. Da ist es nachvollziehbar, dass er die Distanz hat, die gewünschte Veränderung seiner Mutter mit Interesse und Wohlwollen aufzunehmen. Sein Beziehungsleben ist fragil, typisch Großstadt, wird aber ohne Begründung am Ende geheilt, da kommt nämlich seine Partnerin in sein Elternhaus, die ihn bereits verlassen hat. Eidinger hat die Präsenz, einen nicht unbedingt hervorstechenden Typen sehr intensiv zu spielen, das rechnen wir ihm hoch an – gerade in diesem Film.

Zum Beispiel, weil wir eine Adäquanz sehen. Bei Corinna Harfouch ist das leider ein wenig anders. Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie schon so viele grandiose Rollen gespielt hat und starke Frauen. Doch sie wirkt zu kantig und stark für die Figur der Gitte, also für jemanden, der sich 30 Jahre lang hat von einer Depression hat beherrschen lassen und damit die Familie belastet hat, jemand, der nie Mutter sein konnte, sondern stets Sorgenkind der Kinder und des eigenen Mannes war. Es mag auch daran liegen, dass dieser Hintergrund nicht gut herausgearbeitet ist, dass nicht wirklich das Drama spürbar wird, das eine solche Konstellation in sich trägt, aber Corinna Harfouch als Gitte kann sich kaum so zurückhaltend aus dieser Depression tasten, sich selbst so neu und als Wunder an Selbstbestimmung erleben, wie man es von jemandem erwarten darf, der lange  Zeit nur gelitten und seine Umwelt hat leiden lassen. Sie wirkt eher wie eine Person, die stets selbstbestimmte und feste Persönlichkeit war.

Nicht, dass sie mit den Antidepressiva aufhört, ist überraschend, sondern, dass sie irgendwann einmal damit angefangen hatte. Wären die übrigen Figuren mit kräftigerem Strich gezeichnet, würde das nicht so auffallen, aber da diese in etwa so blass sind wie die Farben, in denen der Film gehalten ist, wirkt die Harfouch selbst in dem anfänglichen Moment dominant, in dem sie nur auf dem Sofa liegt, mit einem Tuch über dem Gesicht.

Mit dieser Besetzung der Mutterrolle steht und fällt aber größtenteils die Glaubwürdigkeit des Tableaus, das in „Was bleibt“ ausgebreitet wird. Ihr Zustand ist konstitutiv für die Verfassung des Mannes und der beiden Söhne. Unser Eindruck ist eher, dass alles, was die Söhne sind oder nicht, was ihr Mann tut oder nicht, auch genausogut hätte stattfinden können, wenn die Mutter eine ganz normale Hausfrau oder Berufstätige gewesen wäre, die in den 1970ern Kinder zur Welt gebracht hat und ihnen Wohlstand, äußere Sicherheit und wenig Persönlichkeit mitgeben konnte. Das alles, was die Männer um 40 an Eigenschaften zeigen, ist nicht einmal typisch für ihre Generation, sondern eine Möglichkeit von vielen, wie man werden kann. Ganz unspektakulär und ohne Herleitung durch eine Mutter, die von einer seelischen Krankheit beherrscht wird.

Von der Berlinale 2012 haben wir bisher nur „Barbara“ von Christian Petzold gesehen, erst jetzt kommt mit „Was bleibt“ ein zweiter Film hinzu, der Aufschluss über den Stand der Dinge gibt, das deutsche Autorenkino betreffend. „Barbara“ empfanden wir als den stärkeren, den packenderen (und auf seine Weise besser gestylten) Film, wir ziehen jetzt auch keine Vergleich zwischen aus dem damaligen Jetzt inszenierter Ostgeschichte aus den 80ern und dem Gegenwartskino, das retrospektiv auf die 70er im Westen zurückgreift.

Von Regisseur Hans-Christian Schmidt haben wir bisher nur „Nach Fünf im Urwald“ gesehen und können daher „Was bleibt“ nicht in einen Werkkontext stellen, wie uns das mittlerweile bei immer mehr Regisseuren möglich geworden ist.

Da fällt uns auch sofort ein Unterschied ein, der unser Sentiment zu „Was bleibt“ beschreibt, wenn wir ganz auf der subjektiven Seite anfangen. Schmid ist ein studierter Filmregisseur, vermutlich keine obsessive, emigrierte, aggressive, zu großen Bildern fähige Persönlichkeit wie die halben oder ganzen Autodidakten früherer Zeiten (wer ist das also heute noch?). Oder wie in den legendären späten 60er Jahren Rainer Werner Fassbinder, der bis heute als der Inbegriff des deutschen Autorenkinos gilt, der untrennbar mit der Zeit der Jugendrevolte und dem sozialen Aufbruch verbunden war. Der Aufbruch kam bei ihm zunächst trist daher: Seine frühen Filme sind sehr reduziert, konzentriert, quälend intensiv und langsam und waren in ihren Entstehungsjahren genausowenig mehrheitstauglich wie sie es heute wären, würden sie heute gedreht.

„Was bleibt“ steht durchaus in der inzwischen langen und an Varianten reichen Tradition der Autorenfilmer, aber ohne Aufbruch, ohne radikale Bildästhetik und wir verspüren durch ihn keinen Zwang zur Auseinandersetzung. Es ist nicht wie damals bei Fassbinder, dass wir uns fragen, was ist es, was uns so bekannt vorkommt, was uns angeht, was so falsch ist in der Art, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, wie wir miteinander leben und kommunizieren, wie unsere Gesellschaft tickt.

Masken, die fallen, Gefühle, die hochkochen, aus dem stillen, gewohnheitsmäßigen Nichts, das alles sieht man auch in „Was bleibt“, und doch steht man daneben und denkt sich: Naja, meine Familie hat auch ihre Macken, aber da ist kein systematischer Zusammenhang erkennbar. Dies aber ist anders, jenes auch – da wird kein großer Bogen geschlagen, entsteht kein Gefühl von „So waren unsere Eltern, so stand das Individuum in einem System und deshalb und wir sind geworden, wie wir sind, weil unsere Eltern waren, wie sie waren. Sie waren Kriegskinder, und das spürten die Kriegsenkel auf ganz unterschiedliche Weise.

Wir sehen keine mustergültige oder wenigstens resümmierende Beschreibung der 70er-Generation, sondern eine Ansammlung von Individuen, die Familie sind und als Familie zusammenkommen. Eine Mutter, die sich jahrelang in der inneren Isolation aufhält: Der Regisseur beschwert sich anhand der Inszenierung ein wenig darüber, dass ihre Familie nicht sofort auf ihre neue Rolle als unabhängige Frau einschwenkt. Ein Vater, der den Laden managt, ohne wirklich dominant oder deshalb unsympathisch zu wirken, weil er nach vielen Jahren der vermutlichen emotionalen und sexuellen Einsamkeit mit einer bodenständigen Buchhändlerin fremdgeht. Da nützen auch die Vorwürfe der Söhne nichts, man kann es dem Mann nachempfinden und man denkt eben nicht „Mein Gott, wie selbstsüchtig“. Dass die Familie zusammenblieb, mag dem einen oder anderen heuchlerisch vorkommen, doch es ist, was im Film auch gesagt wird: Ein Arrangement. Eines von vielen möglichen. Hätte Vater Günter (Ernst Stötzner) die Familie verlassen, welche Vorwürfe hätten ihm seine Jungs dann gemacht?

Dieses Dilemma wird nicht wirklich herausgearbeitet, vielmehr stehen Vorwürfe seiner Nachfolgergeneration wie der, er wolle seine Frau gar nicht auf die anstehende Nahostreise mitnehmen, obwohl sie doch plötzlich für sowas geeignet ist, einfach im Raum und das sozialpädagogisch versierte Publikum im Intellektuellenkino grummelt beifällig ob dieser im Grunde komischen Situation. Man muss sich in die Lage eines Mannes versetzen, der 30 Jahre nichts von seiner Frau hatte, um den falschen Zungenschlag zu vestehen, der just darin besteht, dass solche Aussagen eben nicht kommentiert werden, sondern beliebig aufgefasst werden dürfen. Besonders Jakob (Sebastian Zimmler), der jüngere der beiden Söhne, hat das Potenzial zum Ärgernis, anklagendes Weichei, das er ist. Dabei wird er fortwährend von seinem Vater unterstützt, weil er nicht das  Zeug hat, nach einem sicher unauffällig und ohne größere Pannen absolvierten Studium eine gutgehende Zahnarztpraxis auf den Weg zu bringen.

Ist das typisch für 1970er-Wohlstandskinder, die, so suggeriert es der Film, nicht den rechten Biss haben? Viele von ihnen konnten nicht mehr das erreichen, materiell  und auch als Familienvorstände geleistet, was die Väter- und Mütter vorgelegt haben, die Kriegskinder, die Wiederaufbaumenschen, die also eine spezielle, von exzeptionellen Katastrophen und von einer nationaltypisch  an Pflichten, nicht an Emotionen geschulte Prägung haben. Doch typisch für eine „normale“ Generation ist dieses Verfehlen der hohen Messlatten bezüglich des materiellen Erfolgs wohl nicht, und muss man wirklich immer mehr wollen, wo die Grenzen des Wachstums so klar wie nie zuvor sichtbar sind? Da gefällt uns wieder Marko, der sich unprätentiös zum Bücher schreiben nach Berlin vertschüsst,   dort eine kleine Welt errichtet und sie nun begreiflicherweise in Gefahr sieht.

Natürlich hat er dadurch Abstand von der Westprovinz gewonnen, doch das haben auch viele getan, die keine depressive Mutter vorweisen können und keinen Vater, der möglicherweise und zum Ausgleich etwas zu sehr präsent war. Tatsächlich übermächtig ist Günter nur finanziell, zudem im Verlagswesen tätig, hat also sein zweifellos der Familie zugute kommendes Geld mit ethisch einwandfreiem Business gemacht. Emotional trifft sogar beinahe das Gegenteil zu. Er reagiert sehr stark auf die Kritik, die ihm von Seiten der Söhne entgegengebracht wird. Er ist ein Typ, der intellektuell durchaus in der Lage ist, sich zu hinterfragen und einen Zwang sieht, sich zu rechtfertigen – weil er eine Nebenbeziehung pflegt, weil er allein verreisen will, weil alles ist, wie es ist und er es hat werden lassen, wie es geworden ist und vielleicht gerade nicht egoistisch gehandelt hat.

Wir haben uns gefragt, warum ist der Film so sparsam inszeniert, macht es uns so leicht, Distanz zu wahren? Distanz zu den Figuren kann vom Autorenfilmer gewollt sein, das hat kathartische Wirkung – wenn es mit innerem Aufruhr einhergeht, die Verhältnisse betreffend, in denen die Figuren sich befinden und durch die sie sich zum Grässlichen entwickelt haben. So war das, als der Autorenfilm in den 1960ern entstand. Da haben sich die Altvorderen zurecht aufgeregt und missverstanden gefühlt, denn genau das war die Intention der Künstler. Den Finger in offene Wunden der Gesellschaft zu legen. Doch was ist davon geblieben? Nichts, was uns herausfordern könnte. Nichts, was uns Fragen an unsere Eltern aufgeben könnte. Denn was soll man bitte zwei Individuen vorwerfen, von denen eines depressiv ist und das andere einen Verlag geführt hat, ohne erkennbar negativ auf die Söhne einzwirken?

„Was bleibt“ hat keine Prämisse und keine These, das ist, wenn man ihn als gesellchaftskritisch einstufen will, sein Hauptmangel. Die Inszenierung wirkt genauso moderat wie die Figuren und hat etwas Beliebiges. Niemand steht für eine Gruppe oder gar ein Prinzip, selbst der allfällige Generationenkonflikt hat nichts Zünftiges oder Hochdramatisches, sondern erschöpft sich in ein paar halbgaren Anklagen, die man angesichts der wenig prägnanten Persönlichkeiten der Ankläger nicht als zwingend oder bedrängend wahrnimmt. Das hat wohl auch Lars Eidinger gespürt, der den Marko deshalb mit sparsamen Gesten und Blicken ausgestattet und ihm so etwas Eindringliches gegeben hat. Der Mann hat nicht umsonst Fans, die seinetwegen die Berliner Schaubühne besuchen. Das hebt ihn und seine Figur heraus, lässt aber, wie auch Harfouchs zwanghaft reduziertes Spiel, die Abwesenheit echter, plot- oder situationsgetriebener Dramatik noch deutlicher hervortreten. Einen wirklich schönen Augenblick gibt es allerdings, in diesem singt die Familie ein Chanson von Charles Aznavour:

Da ist mit einem Mal eine Kraft drin, die der Inszenierung ansonsten abgeht, ein Moment der Atemlosigkeit für den Zuschauer, ein Erlebnis, man hat plötzlich echte Menschen vor sich, bekommt eine Ahnung von einer langen, gemeinsamen Vergangenheit, von einer Familiengeschichte mit Ritualen, von Streit, Versöhnung, Anforderung und Gewöhnung und so etwas wie einer kulturellen, geistigen Identität – aber auch von Vergänglichkeit, besonders die großen Gefühle betreffend. Es hätte mindestens vier oder fünf solchermaßen starker Momente bedurft, um einen starken Film entstehen zu lassen – abgesehen vom irgendwie irgendwo doch erkennbaren Überbau, der uns bei dieser Art Kinostück nun einmal wichtig ist. Dass die Zeiten sich ändern und Liebe ein Verfallsdatum haben kann, dass Familien emotional auch potemkinsche Dörfer sein können, reicht uns an der Stelle nicht aus und dass Figuren nachvollziehbar handeln und motiviert sind – was hier durchaus der Fall ist – setzen wir voraus, sofern es sich nicht um bewusst skurril angelegte Charaktere handelt. Zudem gibt es einige Bilder mit Symbolwert, die wiederum deutbar sind. So zum Beispiel das offene Haus, als Jakob vom Joggen nach Hause kommt. Ist es die vorgebliche Sicherheit durch familiäre (Ab-) Geschlossenheit, die weg ist, oder weht der Wind der Veränderung durchs Haus und stellt jedes der Familienmitglieder vor seine eigene Herausforderung?

Finale

Ein Abgesang auf die 1970er und die Generation, die in diesen Jahren des höchsten relativen Wohlstands im Westen gezeugt wurde, ist „Was bleibt“ sicher nicht, vielmehr fragt man sich tatsächlich, was bleibt von diesem Film. Vielleicht das Lied von Charles Aznavour, gesungen von Corinna Harfouch, die sich in diesen wenigen magischen Minuten endlich freispielen bzw. -singen darf und damit dokumentiert, wie wenig sie die Rolle einer auf ihre Krankheit reduzierten Frau ausfüllt, von Lars Eidinger am Klavier. Solche Momente gibt es aber auch in guten Tatorten. Im Gegensatz zu vielen dieser Fernsehfilme ist der Plot von „Was bleibt“ sehr überschaubar, wirken viele Dialoge redundant und manchmal nervötend banal, die Figuren hingegen haben durchaus etwas Künstliches in ihrer offenbar gewollten Beliebigkeit. Wir schrieben, der Film hat keine These, aber er bildet damit die  Antithese von vielem, was wir an Film und Literatur schätzen: Universelle Gültigkeit durch kraftvoll inszenierte Individualität. Wir wollen keine Typen sehen, die noch weniger Persönlichkeit haben als wir selbst und unsere Freunde – und wenn doch, dann solche, die durch die Verhältnisse deformiert wurden, so sehr, dass es  weh tut, sich diese Typen anzuschauen und den Verhältnissen noch länger tatenlos zuzusehen, wie sie sich immer tiefer in uns hineinfressen und uns morsch und spröde, kalt und verquer werden lassen.

Das alles bietet „Was bleibt“ leider nicht, und so blieb auch unsere emotionale Betriebstemperatur während der Vorführung unterhalb der Höhe, die vonnöten ist, um beispielsweise mit einer der Figuren zu identifizieren oder richtig wütend über und sauer auf irgendwas zu werden. Vermutlich war das alles auch nicht gewollt, aber was wir nicht bekommen, können wir auch nicht positiv bewerten. Immerhin gibt es Lars Eidinger als Marko, wenn er spricht oder einfach nur Blicke sendet, kommen wir dem Herz der Familiensachen etwas näher.

Dass Familienzusammenkünfte zu Offenbarungen führen, zum Beispiel über gescheiterte Beziehungen, dass Konflikte hochkochen und ausgetragen werden, das alles wird in „Was bleibt“ gezeigt. Wenn man den Film nicht mit Ansprüchen überfrachtet, wie wir sie vorgetragen haben, wie wir sie von einem Wettbewerbsfilm, einem, der für Preise gut sein soll, allerdings auch erwarten, dann kann man damt leben, eine Familie begutachtet zu haben, wie sie gewiss vorkommen kann und von deren Nöten und Verstrickungen zu erfahren.

70/100

© 2020, 2014, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) 62. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

Regie Hans-Christian Schmid
Drehbuch Bernd Lange
Produktion Britta Knöller,
Hans-Christian Schmid
Musik The Notwist
Kamera Bogumił Godfrejów
Schnitt Hansjörg Weißbrich
Besetzung

 

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