Oskar – Tatort 498 #Crimetime 871 #Tatort #Frankfurt #Dellwo #Sänger #HR #Oskar

Crimetime 871 - Titelfoto © HR, Claus Setzer

Die Kraft der zwei Herzen

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Quasi gleichzeitig wird ein alter Mann brutal niedergestochen und stirbt, wird ein Baby auf der Sortieranlage einer Müllkippe gefunden und tritt Charlotte Sänger ihren Dienst bei der Ermittlungsgruppe Nr. 3 Dellwo innerhalb der Frankfurter Mordkommission an, wo ihr Fritz nach kurzer Zeit das „du“ anbietet, womit sie sich nicht so leicht tut.

Der Mut zur Lücke muss bei einem einzigen Satz sein, weil es wohl bis zum Startfilm von Dellwo & Sänger in Frankfurt kaum einen komplexeren, mit mehr Motiven und Personen auf einer Dienststelle versehenen – und kaum einen traurigeren Einstand eines neuen Teams gegeben hat. Auf die Stimmung gehen wir in der -> Rezension daher ausführlicher ein, auf den Tenor, der in Frankfurt von 2002 bis 2010 herrschte und auf ein Kommissarsduo, das einige der besten Fälle bis heute gelöst hat. Präziser: Das in einigen der besten Tatorte ermittelt hat, wobei nicht immer die Qualität der Fälle ausschlaggebend war, sondern das Szenario, das menschliche Panorama.

Handlung

Friedrich Dellwo leitet eine Ermittlungsgruppe der Frankfurter Mordkommission. Als er mitten in den Ermittlungen zu einem Mord steckt, der aus Habgier gemeinschaftlich von mehreren Jugendlichen begangen wurde, bekommt er eine neue Kollegin zugeteilt: Kommissarin Charlotte Sänger. Die Neue – intelligent, schnell und schön – wird Dellwos Partnerin bei einem neuen Fall, der bald in die Schlagzeilen gerät. Ein totes Baby wird auf einem der Förderbänder der größten Müllsortieranlage der Stadt gefunden. Die Suche nach dem Mörder beginnt – ein fast aussichtsloses Unterfangen, da es kaum Täterspuren gibt.

In dieser ersten Zusammenarbeit lernen sich Dellwo und Sänger zunehmend schätzen und entdecken auch den Menschen hinter dem Kollegen. Beide haben kein leichtes Privatleben, versuchen es aber trotz ihrem harten Alltag zu regeln. Das geht nicht ohne Schwierigkeiten ab, denn beide lieben ihren Beruf und haben Probleme, zu Hause die Arbeit zu vergessen.

Rezension

Zeitweise hatten die Tatorte von Sänger und Dellwo nach heutiger Bewertung auf der Plattform Tatort-Fundus einen Punktedurchschnitt von 7,7/10 und es schien nicht das Ende der Fahnenstange zu sein – heute aktive Topteams kommen auf etwa 7,2/10 bis 6,9/10. Das war auch der Stand für Sänger und Dellwo „Am Ende des Tages“, wie treffend der letzte ihrer 18 Tatorte hieß.

Jetzt konnten wir eine wichtige Lücke im Sänger-Dellwo-Portfolio schließen, den ersten Tatort mit dem Namen „Oskar“. Schon dieser Film zeigt, wie besonders und auch anders die Frankfurter waren, als sie mit großen Ambitionen ins Rennen um die Gunst der Zuschauer gingen. Anders wären sie auch heute noch, nachdem wir uns an Säufer, schwer Traumageschädigte und Pausenclowns im Ermittlergewand gewöhnen durften. Sie waren einzigartig, deswegen werden wir anlässlich der Rezension von „Oskar“ auf dieses Team einen intensiven Blick werfen und auch kurz auf die Geschichte der Frankfurt-Tatorte eingehen.

Als Wirtschaftsstandort kommt Frankfurt in „Oskar“ nicht vor, aber wir erleben gleich die starke Atmosphäre, welche die Sänger-Dellwo-Tatorte beinahe durchgängig auszeichnet. Die große Stadt mit ihren glitzernden Bankentürmen und den kleinen, verlorenen Menschen darin. Einsamkeit in der Masse, Dramen hinter unscheinbaren oder unpersönlichen Fassaden, Polizisten mit privaten Problemen vielfältiger Art, die sich als erkennbare Individuen in dieser Welt zu behaupten suchen.

Bevor sie neue Tams einführen, die an Banalität kaum zu überbieten sind, sollten sich die Sender das Konzept der Frankfurt-Tatorte von 2002 bis 2010 anschauen und noch einmal nachdenken. Nicht, um es genauso zu machen, denn jede Stadt und jede Besetzung sind anders, aber um ein Gespür dafür zu erhalten, was ein beherztes Konzept bewirken kann. Es gibt viele Tatort-Fans, die zum Beispiel bis zum heutigen Tag nicht mit der sensiblen Charlotte Sänger können, die im Verlauf ihrer Tätigkeit bei der Frankfurter Mordkommission beinahe das Zweite Gesicht entwickelt, aber die Rolle war ein Statement in einer Übergangszeit des Tatorts. Die alte, kompakte Herrenriege hatte das Set weitgehend verlassen und überwiegend männlichen Teams Platz gemacht, die moderner angelegt waren – und starken Frauen wie Lena Odenthal oder Inga Lürsen, von denen sich Sänger deutlich unterscheidet. Sie wertet selten, hält keine sozialpolitischen Vorträge und alles, was es zu einem Fall aus ethischer Sicht zu sagen gibt, spielt sich auf ihrem großen, ausdrucksstarken Gesicht ab und in wenigen Gesten und Dialogsätzen.

Keine Frage für uns, dass Andrea Sawatzki, die Darstellerin dieser zweiten Kraft bei der Ermittlungsgruppe 3, die bis dahin schauspielerisch beste weibliche Ermittlerfigur war und es, vielleicht mit Eva Mattes vom Bodensee zusammen, bis heute ist. Logisch daher, dass sie die Frankfurt-Tatorte dominiert hat. Mit ihrer auffälligen Erscheinung und ihrem zurückhaltenden und doch intensiven Spiel war sie ihrem Chef Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) überlegen und so ist es nicht verwunderlich, wenn schon in „Oskar“ Dellwos junge Kollegin Ina Springstub lästert, dass er wohl bald in der Gruppe nichts mehr zu sagen haben wird.

So kam es zwar nicht, aber Schüttaufs Unzufriedenheit mit seiner Position gegenüber Sawatzki soll der Hauptgrund für das Ende des Teams im Jahr 2010 gewesen sein. Wenn man so will, ist der Grund für dieses Ende schon im Anfang und damit im Konzept angelegt. Ein Webfehler ist das für uns nicht, aber wir stecken auch nicht in der Haut des ranghöheren, aber immer etwas hinter Sänger zurückstehenden Hauptkommissars.

Dabei ist dieser Fan des Hardrocks durchaus tragfähig und ein guter Typ, bodenständiger, sachlicher als Sänger, dafür ebenfalls sehr gefühlvoll, wie man schon in „Oskar“ sehen kann. Da hat er noch eine Frau, die ihn aber gerade verlässt, und einen Hund, den er auf die Dienststelle mitnehmen muss, weil Frau Sänger ihn bei Abreise nach unbekannt in einer Tierpension abgegeben hat. Charlotte Sänger hingegen hat nur zwei Elternteile, von denen eines bereits pflegebedürftig ist, die junge Polizistin muss sich um diese beiden ihr lieben, alten Menschen kümmern.

In den folgenden Tatorten erfahren wir vom Tod des Vaters von Charlotte, werden informiert, dass Dellwo endgültig von seiner Frau getrennt bleiben wird, dass er sein Reihenhaus verkauft und zu Charlotte zieht, in deren Elternhaus es so leer geworden ist – und dass die beiden nach allen Regeln der emotionalen Anziehung und des Laufs der Dinge hätten ein Paar werden müssen, es bis zum Ende aber nicht wurden, obwohl sie sich neben ihren manchmal unsinnigen Streits immer näher kommen.

Damit waren Dellwo und Sänger auch eines der Teams mit der größten Entwicklungsdynamik. Die Lebensumstände beider veränderten sich und es gab immer neue Situationen im Zwischenmenschlichen zu bewältigen. Dieser Wandel steht für den Wandel der Verhältnisse in unser aller Leben, wie er in diesen unsicheren und vagen Zeiten immer vorkommen kann und für Einbrüche in unser Dasein, vor denen wir nicht gefeit sind. Da klammern wir uns schon einmal an die gute alte Rockmusik oder ans Formationstanzen, wie Fritz und Charlotte, weil dies Elemente in unserer Welt sind, die wir beeinflussen können und die uns ein wenig Sicherheit und Zugang zu unseren eigenen Gefühlen geben. Gerade Menschen, die in der Mordkommission tätig sind, brauchen solchen Ausgleich besonders nötig. Kein anderes Team hat das so deutlich an uns Zuschauer vermittelt wie Sänger und Dellwo, die intensive musikalische Jugenderlebnisse perpetuieren oder ästhetische Momente für sich selbst erfinden, um die manchmal übergroße Tristesse der Stadt und ihres Berufs hinter sich zu lassen.

Dies alles wirkt stimmig, auch wenn die Dienststelle der beiden geradezu ein Experimentierfeld des Menschlichen zu sein scheint. In späteren Krimis hat man die in „Oskar“ beinahe überbordende Einbindung anderer Polizisten etwas zurückgefahren, aber der knuffige Vorgesetzte, der patente Staatsanwalt, die verliebten Jungpolizisten, welche die Ermittlungsgruppe ergänzen, das gesamte Team, das während der Besprechungen zu sehen ist – das ist ein großes Szenario, im Vergleich zu der Art, wie Polizeipräsidien bis dahin inszeniert wurden, nämlich viel knapper und ausschnittsweiser. Am meisten tendierte die Kölner Schiene schon seit 1997 in diese Richtung, ohne aber diesen Reichtum an Figuren aufzuweisen und diese sehr vielen Momente der Interaktion innerhalb dieses großen Tableaus.

„Oskar“ ist ein Einführungskrimi und die Erstlinge zeigen traditionell viel von den Menschen, mit denen wir es künftig zu tun haben werden, aber es ist auffällig, wie diese menschelnde Dienststelle in Kontrast zu Gewalt und Einsamkeit in der Bankenstadt gesetzt wird. Allerdings – ein Rückzugsort ist sie nicht. Dazu sind zum Beispiel die assistierenden Polizisten zu taff angelegt und zu wenig als emotionale Puffer für die beiden Hauptfiguren geeignet, die sich durch schwerste Verbrechen hindurchermitteln müssen und dabei erkennbar ihre Integrität und ihre emotionale Zugänglichkeit wahren wollen. Im Umgang miteinander, der filmübergreifend als Tanz ums goldene Kalb der emotionalen und sexuellen Erfüllung inszeniert ist und niemals diese Erfüllung erreicht und damit sein Ende finden könnte, zeigt sich aber auch das gefangen sein in der eigenen Seele und deren Verletzlichkeit und die Verletzungen, die es schon gegeben haben mag und die Wunden, die man nicht wieder aufreißen will, indem man sich einlassen will, zurückgewiesen wird, sich einlässt und dann enttäuscht wird. Dellwo und Sänger sind Großstädter, die auch heute noch absolut auf der Höhe der Zeit und, wenn man von der Wahrscheinlichkeit von Charlotte Sänger als Polizistin bei der Mordkommission absieht, sehr authentisch wirken.

Mit Sänger und Dellwo wurde der Tatort endgültig zum sozialen Acker, auf dem manchmal gesät, aber selten eine große Ernte eingefahren wird, denn immer kommt etwas dazwischen. Der Wind, der Regen, der Hagel, die Dürre und alles, was an Wettersymbolen für das herhalten kann, was sich  zwischen Menschen zuträgt und sie entscheidend dabei stört, mit sicheren Schritten aufeinander zuzugehen.

In „Oskar“  treffen zu all dem, was uns durch Sänger, Dellwo und ihre Mitstreiter gezeigt wird, zwei unterschiedliche Farben des Verbrechens zusammen und bilden einen disharmonischen Kontrast. Da ist zum einen der brutale Mord am Kassierer eines Porno-Lädchens, zum anderen das tote Kind in der Mülltonne. Da ist die Banalität, mit der verrohte Jugendliche wegen Kleinigkeiten außer Kontrolle geraten und gewalttätig werden. Und die Hoffnungslosigkeit einer jungen Frau, die zu einer Handlungsweise führt, die von Abstumpfung und Einsamkeit spricht und davon, wie Mutterinstinkte verstümmelt werden können, die aber nie komplett erklärbar ist.

Über allem die tolle Idee mit dem Herz, das die junge Frau an die Mülltonne bindet und hofft, dass jemand auf diese Weise aufmerksam wird und ihr Kind noch lebend findet – es dann aber von einem Mann unabsichtlich getötet wird, der große Zeitungspacken in die Tonne wirft und der das Kind wegen des Fluglärms nicht schreien hört und weil er zu sehr mit sich selbst ist, mit seiner Hektik, der Musik im Auto, um die Antenne für das Drumherum zu haben und für ein Wesen, das um sein Leben schreit. Ähnlich ergeht es dem Müllmann, der selbst ein kleines Kind hat und erschüttert ist, als er erfährt, dass er das – schon tote – Baby in seinen Wagen gekippt hat.

Als er die Tonne leert, bindet er das rote Luftballon-Herz los und freut sich für einen kleinen, intimen Augenblick daran, wie es gen Himmel steigt. Zu steigen scheint, wie wir bald erfahren, denn es bleibt immer wieder irgendwo hängen, zum Beispiel vor dem Fenster einer Radioredaktion, was einen poetischen Moment beim Moderator erzeugt, aber – es steigt erst endgültig an den im Dunst liegenden Bankentürmen vorbei empor in die Wolken, nachdem das Kind seinen Namen „Oskar“ bekommen hat und begraben wird. Die kleine Seele ist dann endlich frei und wie gut passt es, dass die Musik des Films nach Motiven aus Gustav Mahlers zweiter Sinfonie mit dem Namen „Auferstehung“ komponiert wurde.

Der Vorgang mit dem Herz wiederholt sich noch einmal, als die junge Mutter des toten Babys auf dem Dach eines Hochhauses steht und wieder ein Herz aufsteigen lässt – und springt.

Erst im Himmel können sich die Herzen vereinigen, die ein unbekanntes, von kaum jemandem bemerktes Schicksal auf der Erde nicht hat groß und stark werden lassen. Der Babytod ist eine große Schlagzeile, vor der sich Charlotte Sänger nicht einmal entziehen kann, wenn sie vor dem Dienstzimmer auf den Balkon tritt, weil sie auch als Leuchtschrift auf einem Haus gegenüber zu sehen ist, aber das Einzelschicksal hinter der Tat und dem Fall bleibt fremd und ein trauriges Geheimnis.

Der andere Fall wird aufgeklärt, weil es eine Zeugin gibt, die aufgrund ihrer Aussage möglicherweise abgeschoben wird, weil sie illegal in Deutschland lebt. Auch das haben die Frankfurter Tatortmacher der Dellwo-Sänger-Ära von Anfang an drauf gehabt – ohne explizite Kommentierung eine Fülle von sozialen Themen anzureißen und sie uns ohne erschöpfende oder didaktische Behandlung ins Gedächtnis zu rufen. Dass es jenseits der Glitzerwelt der Wolkenkratzer so viele Existenzen gibt, die jenseits aller Sicherheit und jeder Möglichkeit zur Entfaltung ihr kleines Leben aushauchen oder in eine ungewisse Zukunft gehen. Heute wissen wir, dass in der vermeintlich großen Welt der Banken viele ganz kleine Wichte sitzen und das gibt der Symbolik der Sänger-Dellwo-Krimis noch einmal einen besonderen Kick. Wenn man so will, sind diese Filme heute aktueller als zur Zeit ihres Entstehens, weil sich unsere Sicht auf die Geschäfts- und Finanzwelt in den Jahren seit dem Ausbruch der Banken-, Euro- und Schuldenkrise so geschärft hat, dass wir mehr als vor zwölf Jahren, als „Oskar“ entstand, erkennen, was es bedeutet, wenn Herzen vor beinahe konturlosen, im Morgennebel liegenden Bankfassaden scheinbar ziellos durch die Luft treiben.

Die Rezension ist jetzt schon so umfangreich, dass wir nicht auf die technische, ermittlerische Seite der Fälle eingehen können – sie steht allerdings auch sehr im Hintergrund. Der eine Fall wird durch eine Zeugenaussage gelöst, der andere gar nicht, was sehr zu dem Gefühl von unabwendbarem Schicksal und Trauer beiträgt, das der Film auslöst.

Die Frankfurt-Chronologie

Bis Sänger und Dellwo kamen, war Frankfurt weniger von großen Ermittlerpersönlichkeiten geprägt als andere Städte und hatte bereits viele Kriminaler kommen und gehen sehen, die manchmal nur einen Fall zu lösen hatten.

Nur der erste Frankfurter Tatortkommissar Konrad (Klaus Höhne), der von 1971 bis 1979 in der Bankenmetropole ermittelte und sich mit „Frankfurter Gold“ einführte: „Der erste Tatort des  Hessischen Rundfunks basiert auf einen authentischen Fall. Einen kleinen Pferdefuß hatte das Ganze damals allerdings; der Täter war noch nicht rechtskräftig verurteilt und hatte daher zum Zeitpunkt der Sendung als ‚unschuldig‘ zu gelten. Ein kleiner TV-Skandal war damit geboren, der nicht der letzte in der Tatort-Reihe sein sollte.“ (Quelle des Zitats). 

Eine richtige Ära in heutigen Sinn prägte aber erst Kommissar Brinkmann (Karl-Heinz von Hassel) mit seinen 28 Fällen, die er in der Zeit von 1985 bis 2001 löste. Seine distanzierte, ironisch-kühle und aristokratische Aura halt ihm, den Herrenkommissar par Excellence zu verkörpern. Seine Fälle und seine Vorgehensweise waren allerdings meist gleichermaßen unspektakulär. Nach damals rekordverdächtigen 16 Jahren Ermittlungsdienst (Stoever und Brockmöller aus Hamburg, die auf 17 Jahre und über 40 Fälle kamen, knackten diese Bestmarke kurze Zeit später) war man in Frankfurt erkennbar bemüht, etwas ganz Neues zu machen. So ist der Einsatz von Sänger und Dellwo als Nachfolger von Brinkmann zu verstehen. Es ist beinahe logisch – wer Brinkmann mochte, konnte den Neuen vielleicht nicht viel abgewinnen und umgekehrt. Mit einem Mal war die Atmosphäre ganz anders, schauten Typen mit ausgeprägten menschlichen Eigenschaften, ausuferndem Privatleben in die Kamera, die überhaupt nicht mehr von diesem traditionellen Überlegenheitsgestus ausstrahlten, über den Brinkmann verfügte.

Sänger und Dellwo, das war für uns die große Zeit des Frankfurter Tatorts.

Die Nachfolger Steier und Mey, die 2011 den Dienst antraten, hätten die beiden vom Potenzial her gesehen würdig beerben können, aber es sollte nicht sein. Der verschwiegene Trinker Steier und die forsche, sexy gekleidete Conny Mey sind schon nach fünf Filmen auseinander gegangen, offenbar, weil Nina Kunzendorf, die Darstellerin von Mey, mit der Gestaltung ihrer Rolle und ihrer Outfits nicht zufrieden war. Das zweite Team nacheinander, das in Frankfurt den Dienst quittierte, weil irgendetwas nicht stimmte – und nicht aus Altersgründen oder weil man gehen soll, wenn es am Schönsten ist. Das gilt aber wohl für die Mehrzahl aller Ermittler. Nur wenigen war es vergönnt, eine Ära zu prägen und sie in einem Moment freiwillig zu beenden, in dem alle Beteiligten hochzufrieden waren. Allerdings kommt hier etwas anderes hinzu, das uns nach wie vor von Sänger und Dellwo schwärmen lässt: Steier und Mey hatten keinen einzigen ganz großen Fall, in dem Potenzial und Wirklichkeit vollkommen eins hätten werden können. Nach dem jüngsten Allein-Steier „Der Eskimo“ haben wir sogar den Eindruck, man pfeift auf Zuspruch und tritt die Rolle dieses Kommissars, der sowieso bald aufhören wird, imagemäßig in die Tonne. Das wirkt ein wenig unwürdig, wenn auch irgendwie konsequent, wo er doch so verbittert über Meys Abgang ist.

Dellwo und Sänger haben aber noch heute einen Tatort unter den Top Ten der Fundus-Liste, zwei weitere unter den Top 25 aus über 900. Auch wenn sie ab der Mitte ihrer Tätigkeit eine gewisse Abwärtstendenz in der Qualität ihrer Fälle hinzunehmen hatten, mit dem späten „Es ist böse“, einem geradezu bissig-ironischen Showcase, haben sie gezeigt, dass es immer auch wieder aufwärts gehen kann.

Ergänzung anlässlich der Republikation des Textes im November 2020 anlässlich einer Wiederholung von „Oskar“: Prophetische Worte, im Jahr 2014 die große Ära der Frankfurter Tatorte als mehr oder weniger abgeschlossen zu betrachten. Auch wenn verschiedene Publikationen das aktuelle Team unbedingt hochschreiben wollen: Der HR ist mit Brix und Janneke bezüglich ihrer Fälle auf dem Holzweg – immer schräger und abwegiger ist keine Lösung, wenn es an Profil mangelt. Das Team selbst – niemand hat das Charisma einer Charlotte Sänger oder des Duos Steier / Mey, aber die jetzigen, vergleischweise „normalen“ Typen könnte man ja auch nutzen, um fallseitig auf den Boden der (guten) Realität zurückzukehren.

Die Wiederveröffentlichung der Rezension zu „Oskar“ mit ihrer eingefügten Frankfurt-Chronologie ist per Zufall gerade jetzt auch sehr sinnvoll, weil das 50jährige Tatortjubiläum morgen Abend stattfinden wird. Mit „Taxi nach Leipzig“ vom NDR, aber derzeit ist der Hessische Rundfunk der Sender, der besonders viele „Altfälle“ auf den Bildschirm bringt.

Finale

Wir haben „Oskar“ die bisher längste Tatortrezension gegönnt, was natürlich auch daran liegt, dass wir die Gelegenheit genutzt haben, uns allgemein zum Ermittlerteam in Mainhattan zu äußern und zu deren Vorgängern und Nachfolgern. Das Leben ist eine Reise. Für Kinder wie „Oscar“ kann sie erschütternd kurz sein und auch für einsame Menschen wie seine Mutter.

Für uns umfasst sie über 40 Jahre Tatortgeschichte und damit auch Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Wir haben uns eines der spannendsten Fernsehprojekte überhaupt ausgesucht, um viel Zeit in dessen Begleitung zu investieren und wenn wir über Figuren wie Fritz und Charlotte nachdenken und über deren Fälle und deren Zeit, dann wissen wir, dass unsere investierte Zeit nicht verloren war und das bleibt uns auch dann, wenn wir aktuelle Tatortpremieren kommentieren, die uns manchmal ratlos zurücklassen, weil es ersichtlich an klaren Konzepten und einigermaßen tragfähigen Ideen mangelt, wie sie beim Hessischen Rundfunk zu Beginn der Ära Sänger und Dellwo beinahe überreich vorhanden waren. Für uns sind sie mit ihren 18 Fällen das Team mit der kürzesten Dienstzeit, bei dem wir von einer „Ära“ sprechen.

8/10

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Charlotte Sänger – Andrea Sawatzki
Fritz Dellwo – Jörg Schüttauf
Herr Fromm – Peter Lerchbaumer
Ina Springstub – Christiane Schulz
Herr Kruschke – Oliver Bootz
Junge Frau – Katrin Bühring
Gerichtsmedizinerin – Iris Böhm
Dr. Scheer – Thomas B. Martin
Anwalt – Armin Dillenberger
Steffi Dellwo – Edda Leesch
Filialleiter Schuhgeschäft – Dirk Fehrecke
Verkäuferin Schuhgeschäft – Dagmar Sachse
Besitzerin Hundepension – Cornelia Niemann
Haftrichterin Seelig – Regine Vergeen
Müllmann Ali – Erdal Yildiz
und andere

Musik – Jacki Engelken
Musik – Ulrik Spieß
Szenenbild – Klaus Wischmann
Kamera – Arthur W. Ahrweiler
Buch – Niki Stein
Regie – Niki Stein

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