In der Familie – Tatort 1146 #50JahreTatort 1 #Crimetime Vorschau 29.11.2020 Das Erste 20:15 Uhr #Tatort #Dortmund #München #Faber #Bönisch #Dalay #Pawlak #Batic #Leitmayr #WDR #BR #Familie #Ndrangheta

Crimetime Vorschau und Special "50 Jahre Tatort" (1) - Titelfoto © WDR/X Filme Creative Pool, Frank Dicks  

50 Jahre und kein bisschen leise – die Familie

Dass man sich zum Tatort-Jubiläum, das passenderweise am morgigen 29.11.2020 stattfindet und somit punktgenau so, dass der Sendeplatz nicht angepasst werden muss, etwas Besonderes hat einfallen lassen, versteht sich von selbst. Zwei Teams, eine Doppelfolge. Nicht zum ersten Mal und der WDR ist Spezialist für so etwas: 1991 ermittelten Schimanski und Thanner in „Unter Brüdern“ im Osten, später Ballauf und Schenk mit den Leipzigern Ehrlicher und Kain, damals bereits in einer Doppelfolge („Quartett in Leipzig“ und „Rückspiel„) und dann noch einmal mit deren Nachfolgern Saalfeld und Keppler („Kinderland“ und „Ihr Kinderlein kommet„). Hoffentlich werden die Klischees von Bayern und Ruhrpottmenschen in der neuen Doppelfolge nicht ebenso ausgewalzt wie einst die Ost-West-Unterschiede, aber daran glaube ich nicht. Denn es geht um die Mafia.

Nein, nicht um Tschetschenen, Araber etc., das hätte schon vorher einen mächtigen politischen Aufschrei bei denen gegeben, die Wähler nehmen, wo sie welche kriegen können, sofern sie einen deutschen Pass haben (an die Zukunft, die nächsten Generationen, muss man natürlich auch denken), aber die Italiener in Deutschland sind schon so lange hier, so integriert und haben auch nicht so eine mächtige Lobby, dass man hier mal ein paar Darstellungen wagen kann, die möglicherweise sogar realitätsnah sind („44 Milliarden Umsatz macht die ‚Ndrangheta“, heißt es u. A. in einer Kritik, die ich weiter unten empfehlen werde).

Nochmals nein! So extrem einseitig ist es nicht, z. B. hat sich Bremen vor ein paar Jahren mit Clan-Tatorten hervorgetan – was auch deshalb etwas leichter war, weil Inga Lürsen eine glaubwürdige gesellschaftslinke Kommissarin abgegeben hat, ansonsten wird eher herumgedruckst und das, was ist, um die Ecke angedeutet, aber nicht mit allen Verästelungen und Folgen gezeigt. Und wenn ausführlich, dann so stilisiert, dass es falsche Vorbilder für junge Menschen schafft, wie in der Berliner Clankiez-Serie „4 Blocks“.

Die Wahrheit ist diese: Es geht nicht gegen Ethnien oder Migrant*innengruppen, sondern darum, welche enormen Schäden die OK zulasten der Gemeinschaft anrichtet. Für mich ist die OK eine der drei großen Gefahren für die Demokratie. Die beiden anderen: Die autoritären, verfassungsfeindlichen Rechten inklusive ihrer bürgerlichen Arme und Helfer, mittlerweile im Verein mit Corona-Leugnern, und der ausufernde Finanzkapitalismus, der mit seinen Lobbys dafür sorgt, dass der von einer linken Politikerin geprägte Begriff „Fassadendemokratie“ zwar hart, aber nicht ganz falsch ist. Die OK vereint übrigens besonders in den weit oben in der jeweiligen Hierarchie positionierten Mitgliedern alle drei Gefahren, gleich, ob sie als „Paten“, „Mob-Bosse“, „Masterminds“ oder sonst wie aufgestellt sind.

Selbstverständlich ist der Titel insofern doppeldeutig, als es auch um die Tatortfamilie geht und um herausragende Repräsentant*innen dieser Familie, die in der Episode 1146 ermitteln. Daher haben wir auch ein schönes Familienfoto für unsere Bebilderung ausgewählt.

Man backt also keine kleinen Brötchen, zum 50jährigen Jubiläum der nach wie vor mit Abstand beliebtesten deutschen Krimireihe. Derzeit 21 Teams, 1146 Episoden inklusive derjenigen, die morgen Premiere feiern wird, das sind Zahlen, die für sich sprechen. Auch das hat Tradition: Der allererste Film, „Taxi nach Leipzig“ behandelte sogleich das innerdeutsche Thema und die Fluchthilfe. Für das Event des morgigen Abends und den zweiten Teil, der am Nikolausabend, am 5. Dezember 2020, ausgestrahlt werden wird, hat man auch zwei der stärksten Teams zusammengeführt, die besten, die bisher in Kombination ermitteln durften. Bei den Münchenern liegt das nah, weil sie mit nunmehr 85 Filmen die Könige der gelösten Fälle sind und nächstes Jahr ihr 30-jähriges Dienstjubiläum feiern werden, weil sie die meisten preisgekrönten Filme aufweisen und insgesamt deren Fälle als überdurchschnittlich gelten  – und das vierköpfige Dortmunder Team wird nach fast zehn Jahren ebenfalls als eines der profiliertesten angesehen.

Auffällig oft äußert sich übrigens derzeit Udo Wachtveitel („Franz Leitmayr“) zu verschiedenen Themen, auch außerhalb von „50 Jahre Tatort“, ich werde im Rahmen unseres Specials „50 Jahre Tatort“ noch darauf zurückkommen.

Aber auch wir vom Wahlberliner haben uns mit derzeit 871 ausgestellten Crimetime-Rezensionen, von denen über 700 der Reihe Tatort gewidmet sind, eine ausführliche Berichterstattung verdient und dürfen uns über die Reihe, ebenso wie ihre gesellschaftlichen Implikationen, ein Urteil erlauben. Mehr als 200 weitere Rezensionen zu Tatorten und Polizeirufen lagern noch im Archiv und werden sukzessive weiterhin veröffentlicht, sodass wir insgesamt auf ca. 1000 Texte für unsere Rubrik „Crimetime“ kommen, die innerhalb von knapp zehn Jahren verfasst wurden. Start war Anfang April 2011 mit der „TatortAnthologie“ des „ersten“ Wahlberliners.

So viel erst einmal zur Historie – und worum geht es und stellen sich diejenigen, die vorab rezensiert haben, zur neuen Doppel-Episode, die ja ausnahmsweise auch eine Folge ist?

„Luca Modica liebt seine Familie über alles. Der Italiener, der fließend Deutsch spricht, ließ sich mit Anfang 20 gemeinsam mit seiner hübschen Ehefrau Juliane und der damals zweijährigen Tochter Sofia in Dortmund nieder. Dort erwarb er eine Pizzeria mit darüberliegender Wohnung (…). Die Kosten betrugen eine halbe Million Euro, die er dem Makler bar auf die Hand gab. Dass die Pizzeria nicht genügend Geld einbringt und es der Familie trotzdem finanziell nie schlecht ging, darüber haben sich die Ehefrau und die mittlerweile 17-jährige Tochter schon früh gewundert. Auch der Lastwagen, der regelmäßig auf dem Hinterhof der Trattoria umgeladen wird, wirft Fragen auf (…)“ So leitet die Redaktion von Tatort Fans ihre Beschreibung zum Fall ein und äußert sich am Ende sehr begeistert: 4 von 5 bzw. alle 5 Sterne für die Tatorte 1146 und 1147.

Ins Lob stimmt Christian Buß vom Spiegel ein, titelt nicht ganz so fantasievoll wie sonst „Liebesgrüße aus Kalabrien“ und kommt am Ende auf 9/10. Da ich eine 10 für den Traumtatort von ihm nicht gesehen habe (und auch eine 9 selten), seit ich seine Kritiken für unsere Tatort-Vorschauen auswerte, ist dies eine Spitzenbewertung. Am Ende resümiert Buß: „Die Pizzeria der Modicas im »Tatort« ist als Knotenpunkt ein kleiner, aber wichtiger Teil dieses Systems. Wie schwierig es zu sprengen ist, zeigt sich in diesem etwas anderen Clan-Thriller vor allem an der unüberwindbaren Verschränkung von Familie und Geschäft. Um sie darzustellen, findet Graf so aufwühlende und grausame Bilder, wie man sie im Fernsehkrimi selten gesehen hat. Todesursache: Familie.“

Regisseur Dominik Graf schafft es in der Tat immer wieder, gute Krimis für Tatort und Polizeiruf zu machen, zwischen seinen anderen Arbeiten, daran besteht wohl kein Zweifel. Einer meiner Lieblingsfilme vom vierfachen Grimme-Preisträger im Sonntags-Primetime-Kontext ist „Der scharlachrote Engel„, ein Tauber-Polizeiruf aus München, gedreht 2004 und für seine Zeit sehr modern bebildert, zuletzt hat man ihm „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ und damit die neue München-Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff anvertraut, die keine geringere Aufgabe hat, als die qualitativ beste aller 25 Tatort- und Polizeirufschienen weiterzuführen. Man hat nach meiner Ansicht also auch einen der erfahrensten besten Filmemacher, die in diesem Bereich gibt, ausgesucht, damit das 50-Jährige überzeugend ausfällt.

Für Tittelbach-TV schreibt der Chef, Rainer Tittelbach, persönlich: „Um auch einem jüngeren Publikum weiterhin Lust auf „Tatort“ zu machen, hat sich das ARD-Krimiflaggschiff in den letzten Jahren immer wieder aus der Komfortzone des sonntäglichen Krimirituals herausbegeben. Für den Jubiläumsfilm zum Fünfzigsten, „In der Familie“ (WDR, BR / X Filme Creative Pool), hat sich Autor Bernd Lange eine Geschichte ausgedacht, die diese Anforderungen eindrucksvoll erfüllt. Der Zweiteiler wirft die Genres in die Waagschale, die zuletzt neben den „Experimenten“ für die besondere „Tatort“-Qualität standen: Krimi-Drama, spannend veredelt durch Thriller-Elemente – und Milieu-Zeichnung.“ Am Ende stehen 5,5/6 Punkten, das ist auch für diese Publikation viel, die, ähnlich wie wir, den unteren Rand des Bewertungsspielraums in der Regel nicht auslotet.

Michael Haas vom SWR3-Tatortcheck befindet: „(…) Also, mich hat die Handlung gepackt. Besonders, weil die Bösen in diesem Film nicht immer abgrundtief böse sind, sondern es viele Abstufungen gibt. So hängt die Pizzeria-Familie zwar knietief im Drogensumpf, ist zugleich aber auch ein warmherziges Zuhause für ihre Tochter – das ist fein erzählt. Von daher mag ich diesen ersten Teil sehr und spannend ist er für mich auch. Weil das aber ein Doppel-Tatort ist, also ein Tatort mit zwei Teams und das in zwei Folgen, heißt auch für uns: zwei Kritiker – zwei Meinungen.“ (…) „Ich schließe mich an! Teil eins war schon spannend und wie immer bei den beiden Teams gibt es jede Menge knochentrockene Sprüche. Allerdings war ich am Ende wirklich stinksauer auf Faber. Aber das zeigt ja, dass ich emotional voll dabei war.“ (…) „Simone Sarnow, SWR3-Kritiker-Kollegin.“

Oha, was tut denn der verrückte Faber am Ende wieder Verrücktes? Ich  habe eine bestimmte Ahnung, aber die behalte ich für mich, bis frühestens am Abend des 5. Dezember. Haben Sie Ihre Nikolaussackerl schon gefüllt? Tun Sie die den zweiten Teil rein, die Meinungen der Kritik sind ziemlich einhellig positiv.

Handlung

Für Luca Modica ist die Familie sein Ein und Alles. Mit seiner Ehefrau Juliane führt er eine kleine Pizzeria in Dortmund. Das Restaurant läuft nicht gut, aber regelmäßig kommen Lieferungen, die vor Ort umgeladen werden: Kokain, im Auftrag der ’Ndrangheta.

Ihre 17-jährige Tochter Sofia weiß nicht, woher das Geld stammt, von dem die Familie lebt. Mit einer Lieferung taucht plötzlich Pippo Mauro auf. Er hat in München einen Mord begangen. Luca muss ihm Unterschlupf bieten, die ‚Ndrangheta verlangt es. Nach anfänglichem Zögern nähern sich die beiden Männer an. Pippo bringt Luca auf neue Geschäftsideen und dieser wittert das große Geld. Gleichzeitig drängt Juliane Luca, endlich aus den illegalen Geschäften auszusteigen. Während die Dortmunder Ermittler Peter Faber, Martina Bönisch, Nora Dalay und Jan Pawlak das Restaurant der Modicas observieren, reisen ihre Münchner Kollegen Ivo Batic und Franz Leitmayr an, um Mauro für den Mord in München zur Rechenschaft zu ziehen.

Doch die Dortmunder wollen erst mehr über die Hintergrundorganisation der Familie erfahren, bevor sie zugreifen. Nora Dalay glaubt, in Juliane jemanden gefunden zu haben, der ihnen dabei helfen könnte. Niemand ahnt, welche Folgen dieser Fall für die Kommissare haben wird.

Playlist, Besetzung, Stab

Titel Komponist Interpret
  • Into the Limitless
  • Hoefges, Eric; Rossenbach Sven
  • Jacqueline Fijnaut
  • Heavy for Love
  • Charles Matthew, Rouse; Rossenbach, Sven; Van Volxem, Florian
  • Sam Leigh-Brown
  • Opera DUS
  • De Vincentiis Marco
  • De Vincentiis Marco

 

Rolle Darsteller
Peter Faber Jörg Hartmann
Martina Bönisch Anna Schudt
Nora Dalay Aylin Tezel
Jan Pawlak Rick Okon
Ivo Batic Miroslav Nemec
Franz Leitmayr Udo Wachtveitl
Giuseppe Mauro „Pippo“ Emiliano De Martino
Luca Modica Beniamino Brogi
Sofia Modica Emma Preisendanz
Juliane Modica Antje Traue
Musik: Florian van Volxem
  Sven Rossenbach
Kamera: Hendrik A. Kley
Buch: Bernd Lange
Regie: Dominik Graf

 

 

 

 

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